Disclaimer: Alles was pottert gehört der ehrenwerten J. K. Rowling. Nur Robin und Emma gehen auf meine Kappe.
A/N: Ein gewisses Hemd geht an Bine Black als Dankeschön fürs Beta-Lesen.
Soundtrack: Ein bestimmtes Lied kann ich euch heute nicht wirklich empfehlen. Während des Schreibens liefen bei mir The Jet, das aktuelle Album „Shine on".
Kapitel 2 – Freund oder Feind?
„Runter von mir. Sofort!"
Robins Stimme war nicht mehr als ein eisiges Flüstern zwischen zusammengebissenen Zähnen. Viel mehr hätte sie auch gar nicht herausgebracht. Sie war zu sehr damit beschäftigt, zu entscheiden, ob sie dem Kerl jetzt einfach eine scheuern oder ihn wider alle Vernunft küssen sollte. Ihr Herz war eindeutig für Küssen, ihr Verstand für Ohrfeige und Fluchtreflex. Woher hätte sie auch ahnen sollen, dass sich in Sirius ganz ähnliche Gedanken abspielten? Diese Augen mit den langen Wimpern und die geschwungenen Lippen waren einfach viel zu nahe, um ihn nicht zu berühren. Und der schlanke, warme Körper unter ihm erleichterte diese Situation auch nicht gerade. Er war sich jedoch sicher, dass sie ihm schnurstracks die Augen auskratzte, würde er es versuchen. Wo blieb denn nur der Black'sche Charme, wenn er ihn mal dringend nötig hatte? Irgendwie musste er sich aus dieser Situation retten.
„Uuuh, ich hätte nicht gedacht, dass du so ran –"
Sirius anzügliche Antwort wurde durch ein lautes Räuspern unterbrochen. Beide Kontrahenten drehten die Köpfe – Robin verrenkte sich beinahe den Hals, um an Sirius vorbeisehen zu können – und sahen sich mit einem sehr blassen Remus Lupin konfrontiert, der mit gezücktem Zauberstab im Wohnzimmer stand und mit hochgezogenen Augenbrauen auf die beiden herunterblickte.
„Moony! Schön, dass du dich auch mal wieder blicken lässt!"
Sirius sprang auf und zog den Freund freudestrahlend in eine typische Männer-Umarmung.
„Bei Merlin, ich dachte hier wäre ein Überfall - bei dem Geschrei."
Robin rappelte sich nun ebenfalls hoch und nuschelte etwas von „...irgendwie übereinander gefallen..." in den nicht vorhandenen Bart, während sie intensiv auf ihre Schuhspitzen starrte.
Sirius' fröhliches Grinsen verwandelte sich schlagartig in eine abwägende Musterung, und er packte seinen Freund recht herzhaft bei den Schultern.
„Wo kommst du eigentlich her? Wo warst du die ganze Zeit? Wir haben dich seit Wochen nicht mehr gesehen, außer bei den Ordenstreffen. Danach verschwindest du sofort wieder sang- und klanglos. Und jetzt stehst du plötzlich mitten in der Nacht in meiner Bude? Moony, was geht da?"
Remus trat verlegen von einem Fuß auf den anderen und seine Augen suchten verzweifelt nach einem Punkt, den sie fixieren konnten, ohne in das anklagende Gesicht des Freundes oder auf die Fremde zu sehen. Wie konnte er Sirius etwas erklären, was in den Augen des Freundes garantiert völlig lächerlich war, Remus aber so sehr am Herzen lag? Wie sollte er ihm verdeutlichen, dass er einfach mal etwas alleine gebacken kriegen wollte, ohne James, ohne Sirius, ohne Peter? Wie erst sollte er ihm verständlich machen, dass er vielleicht auch einmal die Chance haben wollte, ein nettes Mädchen kennenzulernen, ohne es dann umgehend an seinen schönen Freund zu verlieren. Er hatte es ja so satt, der ewige Zweite zu sein, auch wenn es nicht Sirius' Schuld war. Und er musste einfach herausfinden, wer eigentlich Remus John Lupin war. Nur Remus. Nicht der Werwolf, nicht der Marauder, nur Remus für sich allein. Er fand einfach keine Worte, die bei seinem Freund auf Gehör stoßen und nicht nur ein „Moony, du weißt schon, dass du irgendwie immer alles furchtbar verkomplizierst?" hervorrufen würden. So flüchtete sich Remus in Halbwahrheiten.
„Ich hab mit dem Studium so viel um die Ohren und will da unbedingt gut abschneiden. Immerhin hab ich es allein Dumbledore zu verdanken, dass ich überhaupt zugelassen wurde. Ich hetze von Vorlesung zu Ordensauftrag zu Hausarbeit, und das war es. Deshalb kam ich doch heute abend her. Damit wir endlich mal wieder Zeit miteinander verbringen. Ich war mir sicher, du tauchst irgendwann auf, daher hab ich mich dann im Gästezimmer eingenistet ... Übermorgen ist es doch auch wieder soweit... Wenn ich gewusst hätte, dass du ... "
Robin hatte Mitleid mit dem stammelnden Remus, dem das Ganze scheinbar genau so peinlich war wie ihr selbst, und sie tat das Einzige, was ihr einfiel, um die Situation ein wenig aufzulockern. Sie drängte sich mit einem strahlenden Lächeln an Sirius vorbei und hielt Remus ihre Hand entgegen.
„Ich bin Robin Ashwood. Hallo, Remus Lupin."
Remus' Augen weiteten sich ungläubig. Zu diesem Namen hatte seine Erinnerung ihm bisher zuverlässig das Bild einer pausbäckigen 15jährigen präsentiert, deren Temperament ihm in Gryffindor so manchen Einsatz als Vertrauensschüler beschert hatte. Die junge Frau hier hatte mit dem Mädchen von damals optisch nicht mehr sehr viel gemeinsam. Was war Sirius doch für ein Glückspilz!
„Robin? Ich fasse es nicht! Schön, dich wieder zu sehen."
Lachend nahm er Robins ausgestreckte Hand und schüttelte sie.
„Was ist mit deinem Gesicht passiert?"
Ein etwas schiefes Grinsen erschien auf dem Gesicht des Mädchens und ihr Blick verdunkelte sich.
„Sagen wir, ich hatte einen etwas unerfreulichen Zusammenstoß und sähe schlimmer aus, wenn dein Kumpel hier nicht da gewesen wäre."
Sirius stand mit verschränkten Armen zwischen den beiden und ließ nun ein verächtliches Schnauben hören.
„Und zum Dank hat Miss Geistesblitz hier nichts Besseres zu tun, als sich dann klammheimlich aus der Wohnung zu schleichen, um den Todessern erneut vor die Zauberstäbe zu rennen ..."
„Ich wollte nur frische Luft schnappen. Aber der Superheld musste ja überreagieren."
„Ach ja?"
„Ach ja!"
Remus hatte den Eindruck, dass bald Blitze zwischen den Kontrahenten fliegen würden. Durch den nahenden Vollmond hatte er bereits rasende Kopfschmerzen, in seinem Inneren nagte der Zweifel an seinem eigenen Rückzug, den er doch so dringend für sich selbst benötigte, und das hier überstieg wohl gerade seine Kompetenz. Er kapierte nämlich überhaupt nichts mehr. Noch immer verletzt durch das offensichtliche Misstrauen seines Freundes schüttelte er den Kopf.
„Das ist mir zu hoch. Ich geh schlafen. Versucht einfach, euch nicht gegenseitig umzubringen."
Sprach er und verschwand im Gästezimmer. Die beiden Kampfhähne blieben in einer verdutzten Stille zurück. Nach einigen Sekunden atmete Robin schwer aus, als hätte sie die ganze Zeit über die Luft angehalten.
„Weißt du was, er hat Recht. Ich geh auch schlafen, wenn ich jetzt schon hier festsitze. Lass uns morgen reden."
Damit schnappte sie sich eines von Sirius Hemden, das achtlos hingeworfen über der Sofalehne hing und dampfte ab in Richtung seines Schlafzimmers. Sirius blieb allein im Wohnzimmer zurück und trug einen recht dämlichen Gesichtsausdruck zur Schau. Ihm würde wohl nichts anderes übrig bleiben, als auf der Couch zu schlafen, wenn er nicht gleich wieder ein Gezeter provozieren oder mit Moony im Zimmer nächtigen wollte, der sich so merkwürdig verhielt. Auch gut, er hatte viel nachzudenken.
Ooo
„Morgen Padfoot."
„Morgen Moony."
Die Stimmung war eindeutig noch etwas unterkühlt, auch für einen Morgenmuffel wie Sirius. Remus seufzte innerlich und begann stillschweigend, sich Tee aufzubrühen. Weshalb nur fand er nicht die richtigen Worte, um dem Freund sein Handeln plausibel zu machen? Oder war es vielleicht doch die falsche Entscheidung? Hatte er einfach den verkehrten Zeitpunkt gewählt? Wäre der Zeitpunkt denn jemals richtig? Es war wohl am Besten so zu tun, als sei nichts gewesen. Das hatte Padfoot schon immer wieder beruhigt. Wenn da nur nicht diese ungewohnte Stille gewesen wäre. Er fühlte geradezu den misstrauischen Blick in seinem Rücken, mit dem Sirius jede seiner Bewegungen beobachtete. Was war nur los mit ihm? Schließlich beschloss Remus, dass es wohl Zeit für eine Offensive war. Mit einem fast gelungenen Marauder-Grinsen drehte er der Küchenzeile den Rücken zu.
„Dann war Mr. Black gestern also wieder erfolgreich auf der Jagd? Ich hätte ja gewettet, dass du nur auf die Sorte blond und dürr anspringst. Oder hat sich etwa dein Beutespektrum erweitert?"
Sirius stutzte. Seit wann interessierte sich ausgerechnet Moony für seine Frauengeschichten? Moony, der ihm oft genug vorgehalten hatte, dass seine ständig wechselnden Liebschaften peinlich seien und Mann so mit Frau nicht umspringe.
„Ich dachte du hattest vor, meine Tändeleien zukünftig zu ignorieren, weil du dir die Namen nicht alle merken könntest? Und ich habe im Wohnzimmer gepennt, nur damit du es weißt."
Kaum hatte er geendet, bemerkte er seine eigene Unfreundlichkeit und erklärte in wesentlich wärmerem Ton, wie Robin in der vorigen Nacht in seiner Wohnung gelandet war.
„... du hättest das echt mal sehen sollen, Moony. Drei gegen ein Mädchen. Solche Mistkerle! Und zu blöd, wenigstens ihre Deckung zu halten. Es war ganz leicht, die auszuschalten. Hoffentlich haben die Auroren sie eingesammelt --- Hey, was soll das denn jetzt werden?"
Remus hatte seine lässige Haltung an der Küchenzeile aufgegeben und kam auf Sirius zugestützt.
„Du wusstest nicht, wer sie ist? Und du schleppst eine wildfremde Frau einfach hierher? Ohne dich abzusichern? Ohne jemandem Bescheid zu geben? Du hast nicht die Auroren gerufen? Woher willst du denn wissen, dass sie keine Todesserin ist? Der ganze Überfall könnte gestellt gewesen sein. Was hast du ihr alles erzählt?"
„Nun mal langsam, Moony. Ich hab ihr gar nichts erzählt. Und sie ist keine Todesserin."
„Woher willst du das wissen, he? Gryffindors sind nicht immer automatisch die Guten, Padfoot! Jetzt weiß sie schon, wo du wohnst. Weiß sie von James und Lily?"
Sirius riss der Geduldsfaden. Er packte Remus am Arm und zog ihn in Richtung seines Schlafzimmers.
„Wie Professor Lupin ja bereits so treffsicher bemerkt hat, kennt sie uns aus der Schule. Daher wird sie wohl auch von James und Lily wissen. Und nein, ich hab die Auroren nicht gerufen, weil ich erst mal Robin da weg haben wollte. Und danach ergab sich einfach keine Gelegenheit mehr."
Sirius stieß die Tür zu seinem Schlafzimmer auf. Er zerrte Remus an das Bett, in dem Robin noch friedlich schlief. Mit einem Ruck schob Sirius ihr den linken Hemdsärmel hoch, griff das Handgelenk und zog ihren Arm so weit wie möglich in Richtung Remus' Gesicht.
„Sie ist sauber. Ich weiß es einfach. Siehst du, kein Dunkles Mal. Bist du nun zufrieden? Und sie hat uns auch nicht im Schlaf überfallen. Merlin, was ist nur in dich gefahren, Moony?"
ooo
Robin war noch bis in die frühen Morgenstunden wach gelegen, hatte grimmig an die Decke gestarrt und sich den Kopf zerbrochen. Wie hatten die Todesser sie aufgespürt? War es Zufall gewesen? Wohl kaum. Die Titulierung „aufmüpfiges Schlammblut" sprach eindeutig dagegen. Aber wer hatte sie verpfiffen? Niemand hatte gewusst, dass sie nach London appariert war. Andererseits musste man überall mit Todessern rechnen. Steckte womöglich ihr Tutor dahinter? Das konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Und selbst wenn, sie sah keine andere Möglichkeit, als das Risiko einzugehen. Nur er konnte ihre Fragen beantworten. Allerdings es half ihren Überlegungen auch nicht wirklich weiter, dass sich immer wieder das grinsende Gesicht eines gewissen Zauberers vor ihr geistiges Auge schob.
,Reiß dich zusammen, Ashwood. Du bist kein kleines Mädchen mehr, das seufzend seinem Schwarm hinterher sabbert. Du hast ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, nur deshalb flackert jetzt diese Verliebtheit wieder auf. Das gibt sich in ein paar Tagen. Außerdem hast du momentan die Nase voll von den Männern.', meldete sich ihre Stimme der Vernunft.
Robin hatte das Gefühl, als ob auf jeder ihrer Schultern eine andere Person saß und ihr Ratschläge erteilte, die in ihrem Schädel gegeneinander antraten. Mit einem verzweifelten Laut, der halb Knurren, halb Stöhnen war, drehte sie sich um, drückte ihr schmerzendes Gesicht ins Kissen – ,Sein Kissen.' ,Klappe!' – und kniff fest die Augen zu. Mit dem trotzigen Entschluss, Sirius zukünftig wie jeden anderen ihrer Bekannten zu behandeln, schlief sie schließlich erschöpft ein, als die Morgensonne bereits langsam am Horizont aufging.
Und wurde jäh aus dem Schlaf gerissen, weil jemand sie am Handgelenk packte und ihren Arm nach oben zog! Merlin, was war denn jetzt los? Mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen sah sie sekundenlang panisch zwischen den beiden Männern hin und her, die, lautstark diskutierend, an ihrem Bettrand standen. Als ihr endlich dämmerte, was hier vor sich ging, hatte sie das Gefühl, gleich platzen zu müssen. Sie wurde scheinbar verdächtigt, eine Todesserin zu sein!
„Also, ich wurde schon zärtlicher geweckt!" Wild entriss sie Sirius ihren Arm und setzte sich auf, um ihm sogleich mit dem rechten Zeigerfinger heftig vor die Brust zu pieken.
„Seid ihr noch ganz dicht? Ihr -" Im letzten Moment fiel ihr ein, dass Sirius sie ja eigentlich verteidigt hatte und gestern bereits genug von ihr angezickt worden war. Sie täte wohl gut daran, ihre Zunge in Zaum zu halten. Dadurch ihres persönlichen Schutzwalles beraubt, sah sie sich der ganzen Situation hilflos gegenüber und tat das Einzige, was ihr übrig blieb. Sie ergriff die Flucht nach vorne. Mit einer Bewegung, die so typisch für Padfoot war, dass Remus kurz den Kopf schütteln musste, fuhr sie sich durchs Haar, kletterte aus dem Bett, schnappte ihren Zauberstab vom Nachttisch und stolzierte – nur mit Unterwäsche und Sirius' Hemd bekleidet, das ihr zum Glück bis über den Hintern reichte – hocherhobenen Hauptes an den beiden vorbei aus dem Raum, leise vor sich hinschimpfend. Sie brauchte jetzt dringend einen Kaffee! Die jungen Männern hörten noch ein Gemurmel, das irgendetwas mit „Frechheit" und „Kaffee" zu tun hatte. Engeistert starrten sie ihr hinterher.
Robin hatte Glück. In der Küche war sogar schon Kaffee in der Kanne, und es gab noch heißes Wasser auf dem Herd. Daneben stand etwas, das sie anhand der Dose dahinter naserümpfend als inzwischen kalten Earl Grey mit Milch identifizierte. Bäh! Spontan beschloss sie, den beiden Jungs ein Friedensangebot zu machen, schenkte zwei Tassen Kaffee ein und goss frischen Tee auf. So ganz unbegründet waren Remus' Zweifel nun wirklich nicht. Immerhin steckte sie ja in der selben Situation. Sie wusste auch nicht mehr, wer Freund oder Feind war.
Als Padfoot und Moony wieder ins Wohnzimmer kamen stand Robin, beide Arme fest um sich geschlungen, am Fenster und blickte hinaus. Sirius stellte erstaunt fest, wie zerbrechlich diese Frau plötzlich wirkte, obwohl er wusste, dass sie es garantiert nicht war. Der Schein verflog, als sie sich mit vorgerecktem Kinn zu ihnen umwandte und mit dem Kopf auf den Wohnzimmertisch wies, wo eine weitere Tasse Kaffee und frischer Tee standen sowie ihr Zauberstab lag. Ihre Miene war ernst, aber freundlich.
„Ich bin keine Todesserin, Remus. Ich habe mit diesem Pack nicht im Entferntesten zu tun. Meine Eltern sind Muggel. Aber ich kann gut verstehen, weshalb du misstrauisch bist. Hier ist mein Zauberstab. Inspiziere ihn, wenn du willst. In meinem Umhang findest du einen Brief in der rechten Tasche. Der wird so Einiges erklären."
Remus wirkte betroffen. Fast schämte er sich. An sich hatte er Robin nicht wirklich verdächtigt. Er wollte Padfoot nur seinen Leichtsinn vor Augen führen. Eine solche Aktion hätte eben doch ganz fürchterlich schief gehen können. Doch die junge Frau nickte ihm auffordernd mit entschlossenem Gesicht zu, und so ging Remus zurück ins Schlafzimmer, holte ihren Umhang und streckte ihn Robin entgegen. Diese griff wortlos in die Tasche des Kleidungsstückes, um den Jungs dann aufmunternd das Pergamentstück zu übergeben.
Remus nahm zögerlich auf dem Sofa Platz, las dann aber aufmerksam den Brief des Trinity Colleges, während Sirius lässig über der Lehne hing und über seine Schulter das Schreiben überflog. Als Sirius am Ende des Briefes angelangt war, liess er ein triumphierendes „HA!" hören.
„Moony, sieh mal. C. Dearborn. Die Unterschrift. Es ist C. Dearborn. Ist das etwa Caradoc Dearborn? Ich wußte gar nicht, dass die alte Knalltüte nen Lehrstuhl hat."
Robin musste unweigerlich kichern und gab an Remus' Stelle Antwort.
„Die alte Knalltüte ist Caradoc Dearborn. Er ist mein persönlicher Tutor. Kennt ihr den etwa?"
„Das könnte man so sagen. Nicht sonderlich gut, aber wir kennen ihn."
Sirius ließ sich lässig über die Lehne auf's Sofa plumpsen, streckte die Beine aus und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
„Und wo liegt jetzt das Problem und die Verbindung zu den Todessern gestern Nacht?"
Robin starrte ihn eine Schrecksekunde lang mit offenem Mund ungläubig an. Dieser Kerl machte hier einen auf cool und erkannte ernsthaft nicht das Problem? Dann ging der Schalk mit ihr durch. Na warte! Sie ging langsam zum Sofa, pflanzte sich mit elegant überschlagenen, nackten Beinen genau hinter Sirius' Kopf und begann, ihm spielerisch durch's Haar zu streicheln.
„Das Problem, Herzchen, liegt darin, dass ich nicht weiß, wie weit die Todesser ihre Finger in der ganzen Sache haben.", schnurrte sie. „Es könnte durchaus sein, dass der Angriff letzte Nacht mit diesem Brief zusammenhängt. Ich kann einfach nicht zuordnen, wer dahinter steckt und Verbindungen zu diesen Mistkerlen hat. Der einzige, der womöglich Antworten hat, ist eben Dearborn. Ich muss unbedingt zu ihm. Es könnte aber sein, dass ich damit wirklich vor die gezückten Zauberstäbe laufe. Und das wäre ziemlich mies!"
Sirius, der unter ihren Fingern genüsslich die Augen geschlossen hatte, fuhr wie von der Furie gebissen hoch, denn mit dem letzten Wort hatte sie ihm eine saftige Kopfnuss verpasst.
„AU!"
Sein entrüstetes Gesicht sprach Bände. Remus sah mit einer Mischung aus Amüsement und Verzweiflung zwischen den beiden hin und her. Begann der Zoff nun etwa von vorne? Er seufzte innerlich. Als ob ein Hitzkopf nicht schon ausgereicht hätte! Aber wenn Remus sich auf eines verlassen konnte, dann darauf, dass manche Dinge sich nie ändern würden. Und anstelle der geplanten Aussprache - ,Moony, sei ehrlich zu dir selbst.' hörte er in Gedanken seine eigene Stimme. ,Wie willst du dich denn aussprechen, wenn du die Fakten nicht einmal formulieren kannst?' - steckte er bereits wieder mitten in einem Problem, das Sirius sich "angeschafft" hatte. Er stand auf, um die Aufmerksamkeit der beiden Streithammel auf sich zu ziehen.
"Okay," sagte er und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. "Fassen wir also zusammen. Robin muss mit Dearborn sprechen. Wir haben keine Ahnung, was da los ist und wem wir trauen können. Wenn ihr zwei euch ständig an die Gurgel fahrt, dann hilft uns das keinen Schritt weiter. Könntet ihr euch also bitte zusammenreißen, damit wir uns überlegen, wie wir vorgehen?"
Zwei einheitlich schuldbewusste Mienen blickten überrascht zu ihm auf, bevor Sirius ihn lässig angrinste.
"Ich seh da wirklich kein Problem. Dearborn ist im Or-"
"Das macht ihn aktuell nicht vertrauenswürdiger, Pads", unterbrach Remus und sah ihn eindringlich an.
Sirius schwieg und musterte den Freund mit gerunzelter Stirn. Erneut fragte er sich, was nur mit Moony los war. Glaubte er etwa immer noch, das Mädchen sei eine Spionin der Todesser, oder weshalb sollte der Orden des Phönix geheimgehalten werden? Sie konnten doch jeden weiteren Zauberstab nur zu gut gebrauchen. Und Caradoc Dearborn verdächtig? Eventuell hatten ihn die Todesser mit einem Imperius-Fluch erwischt, aber es war so gar nicht Remus' Art, leichtfertig Verdächtigungen zu äußern. War es womöglich sein Freund, mit dem etwas nicht stimmte? Sirius schämte sich für diesen Gedanken und verfiel in dumpfes Brüten.
Robin hingegen sah Remus mit hochgezogenen Augenbrauen an. Wir überlegen, was wir tun können? Seit wann waren sie denn ein Team? Sie traute den beiden, keine Frage, aber sie benötigte garantiert keine Kindermädchen. Außerdem verspürte sie extrem wenig Lust, weitere Stunden damit zu vergeuden, im Kreis zu denken. Sie musste zu Dearborn – je eher um so besser. Mehr als umfallen konnte sie schließlich nicht. Und es ging garantiert noch mehr Studenten so wie ihr ... Moment mal!
"Emma!", rief Robin in die unangenehme Stille, ihre Stimme klang, als sei ihr gerade ein immens großes Licht aufgegangen.
"Emma Shorey", sagte sie zu den beiden Männern, die sie fragend ansahen, als ob bei diesem Namen sämtliche Glocken anfangen müssten zu läuten.
"Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Wenn ich jemandem trauen kann, dann ihr! Sie ist meine Anlaufstelle!"
Sie sprang auf und rannte in Sirius' Schlafzimmer. Wenige Minuten später stand sie fertig angezogen vor der Wohnungstür, die von zwei Zauberern blockiert wurde.
"Ohne uns gehst du nirgendwo hin.", grinste Sirius und hielt ihr Umhang und Zauberstab entgegen, nur um beides flink wieder aus der Reichweite ihrer zugreifenden Hände zu bringen.
