Kapitel 2 Der letzte Abschied
Harry
Potter lag in seinem Zimmer im oberen Stock des Hauses am Ligusterweg
Nummer 4.
Er
lag mit dem Rücken auf seinem Bett und starrte an die staubige
Zimmerdecke. Gerade eben hatten ihn die ersten Sonnenstrahlen dieses
denkwürdigen Tages wach gekitzelt. Dieser Tag war deshalb für
Harry so denkwürdig, weil er heute zum letzten Mal die Dursleys
sehen würde, und weil er sich heute glücklicherweise auch
zum letzten Mal von ihnen verabschieden müsste. Immer wenn er
während der Ferien daran gedacht hatte, löste sich in ihm
ein freudiger Sturm aus.
Diesen
Tag hatte sich Harry herbeigesehnt, seit er wusste, dass er magischer
Abstammung war, magisches Blut in sich trug und ein Zauberer war.
Er
wartete darauf schon seit sechs Jahren.
Nun
war es endlich so weit und Harry konnte es noch gar nicht richtig
fassen; außerdem vermutete Harry, dass auch die Dursleys es
wohl kaum schon richtig begreifen konnten, dass sie heute zum letzten
Mal ihren lästigen Neffen im Haus hatten.
Heute ist der Tag so wunderbar und einfach perfekt, sodass sogar das Wetter mitspielt, dachte Harry.
Er
warf einen Blick auf seine Armbanduhr (es war nun halb neun) und
schwang sich aus dem Bett. Dann schlüpfte er schnell in seine
Kleider, während die Begeisterungsflut in seinem Inneren stetig
anschwoll. Das letzte Mal Frühstücken mit den verhassten
Dursleys. Er, Harry, würde heute zum letzten Mal
den
bulligen Kopf und den buschigen Schnurrbart seines Onkels sehen, sein
viel zu kurzer Hals und seine dicke Ader an der Stirn. Zum letzten
Mal seine pferdegesichtige, langhalsige Tante. Und zum letzten Mal
seinen fetten, schwabbeligen Cousin Dudley. Wie sehr er froh war,
dass es bald alles vorbei sein wird.
Harry
warf nochmals einen flüchtigen Blick in den Spiegel, der an
seiner Zimmerwand hing, und ließ dann nochmals seinen Blick
durch sein Zimmer schweifen.
Auf
dem Boden lagen wie üblich zerstreut seine Schulbücher vom
letzten Jahr, in die er zu Beginn der Ferien ein paar Blicke
geworfen, aber dann wieder weggelegt hatte. Außerdem fehlte ein
Buch. Es war das Unterrichtswerk für Zaubertränke. Snapes
Buch. Das Buch des Halbblut- Prinzen. Doch wenn Harry daran dachte,
stieg in ihm eine heiß kochende Wut auf, die den
Begeisterungssturm in ihm hinwegfegte. Er versuchte es so schnell wie
möglich zu verdrängen, und blickte sich deshalb weiter um.
Zwischen den
Büchern fanden sich einige Briefe von seinen besten Freunden Ron
und Hermine, die ihm versprachen, dass er bald abgeholt werden würde.
Bald, das wies auf einen Tag hin, der relativ zum Ende der
Sommerferien kommen würde. Da diese Briefe schon einige Wochen
alt waren, war dieser Tag heute.
Außerdem
durfte Harry abgeholt werden, da mit seinem siebzehnten Geburtstag
der Schutzzauber, der ihn schützte, sobald er im Ligusterweg
war, nicht mehr wirken würde.
Harry
hoffte schon den ganzen Sommer über eine ganz bestimmte
Nachricht zu erhalten und zu lesen. Keine Nachricht von Ron oder von
Hermine, nein, Harry wartete auf eine Mitteilung im Tagespropheten.
Allerdings wusste Harry, dass trotz seines langen Wartens diese
Nachricht nicht unbedingt wirklich erscheinen musste.
Und
dann stand da noch sein Eulenkäfig mit seiner hübschen
Schneeeule Hedwig, die darin saß und ihn vorwurfsvoll mit ihren
klaren Bernsteinaugen ansah. Harry hatte sie gestern Abend gebeten,
nicht auf Jagd zu gehen, sodass sie da war, falls er früher
abreisen musste.
„Tut
mir Leid Hedwig, aber es ging eben nicht anders", erklärte
Harry ihr.
Mit
dem Gedanken hier später aufzuräumen und zusammenzupacken
wandte sich Harry zur Tür um und wollte sein Zimmer verlassen.
Doch er wurde unterbrochen, als er ein leises Pochen an seiner
Zimmerfensterscheibe vernahm. Harry blickte sich erneut um und sah,
dass eine kleine, winzige, aufgeregt flatternde Eule um Einlass in
sein Zimmer bat.
Diese
Winz- Eule hatte einen Brief an den Fuß gebunden.
Harry
kannte diese Eule. Es war Pigwidgeon.
Das
plötzliche Auftauchen von Pig steigerte Harrys Vorfreude noch
mehr.
Jetzt,
kurz bevor er abgeholt werden würde, schrieb ihm noch einmal
Ron. Vermutlich wollte er ihm mitteilen, wann sie ihn heute genau zu
sich in den Fuchsbau holen wollten.
Allerdings
drang auch ein flaues Gefühl in seinen Magen. Was, wenn Ron ihm
schrieb, dass sie ihn heute doch nicht abholen könnten? Dass er
sich hier noch ein paar elende Tage länger quälen musste?
Mit einem Gefühl, dass in Rons Brief hoffentlich nichts
dergleichen drinstehen würde, öffnete Harry das Fenster.
Pigwidgeon
schwirrte herein und setzte sich, damit Harry ihm den Brief vom Bein
abbinden konnte.
Harry
öffnete den Brief und las begierig:
Hi
Harry!
Wir
holen dich heute um 12.15 Uhr von deinem Onkel und deiner Tante ab.
Ich
vermute, dass die Muggel keine Probleme machen, oder? Wenn doch,
dann…
ignorieren wir sie einfach
Ich
soll dir von Mum sagen, dass du bis dahin bitte schon alles gepackt
haben
und
fertig sein solltest.
Es
wird vermutlich der halbe Orden kommen, um dich zu uns zu bringen.
Hermine
ist übrigens auch schon hier bei mir
Bis
später, Ron
P.S.:
Pig kann einfach bei dir bleiben, damit du ihn mitnimmst, wenn wir
dich
abholen.
Nachdem
Harry den Brief fertig gelesen und zurück auf seinen
Schreibtisch gelegt hatte, wo dieser von selbst wieder
zusammenrollte, war das flaue Gefühl in seiner Magengegend
verschwunden. Es war also definitiv beschlossen, dass er heute von
den Weasleys und dem übrigen Begleitschutz abgeholt werden
würde.
Von
im Nachhinein aus betrachtet, empfand Harry seine eigenen Sorgen, die
er spürte, bevor er Rons Brief gelesen hatte, als unnötig.
Jetzt, da er wusste, dass es zum Glück kein Zurück mehr
gab; dass er auf jeden Fall die Dursleys heute verlassen würde,
hätte Harry fast über seine eigenen Sorgen geschmunzelt.
Erleichtert
sah er, dass sich Pigwidgeon mittlerweile neben Hedwigs Käfig
gesetzt hatte und sie vorsichtig beäugte. Hedwig schaute warnend
auf Pigwidgeon herab und klackerte leise mit ihrem Schnabel.
Da
flog eine weitere Eule durch Harrys geöffnetes Zimmerfenster,
und als dieser erstaunt auf sie zuging, setzte sie sich artig hin,
und ließ sich von ihm ihre Botschaft abnehmen.
Allerdings
gehörte die große, grau- braun gefiederte Eule zu einer
Sorte, die häufig als Posteulen eingesetzt wurden, erkannte
Harry, und er wusste auch sofort als er ihr die Post vom Bein löste,
dass sie ihm die neueste Ausgabe des Tagespropheten brachte. Harry
zahlte ihr den üblichen Preis für das Zeitungsaustragen von
fünf Knuts und entrollte, nachdem die große Posteule
wieder durch sein Fenster entschwebt war, die Zeitung.
Vielleicht war es ja jetzt soweit, dachte Harry, als er einen ersten Blick auf die Titelseite warf, und er brauchte nicht lange zu suchen, bis er auf die Meldung stieß, die er schon den ganzen Sommer über erwartet hatte:
HOGWARTS
WIRD WIEDER GEÖFFNET -
Das Ministerium setzt sich für stärkere Kontrollen ein -
Nach
dem bemitleidenswerten Tod des großartigen Schulleiters Albus
Dumbledore (wir
berichteten
in den letzten Ausgaben) veranlasste Zaubereiminister Rufus
Scrimgeour
in
Rücksprache mit der neuen zuständigen Schulleiterin Minerva
McGonagall
einen
Monat später die Wiedereröffnung. Unter dem Gesichtspunkt
verstärkter
Sicherheit,
da am Ende des letzten Schuljahres schwerwiegende Übergriffe
durch die
Anhänger
von Sie-wissen-schon-wem Hogwarts in Mitleidenschaft gezogen haben,
erarbeiteten
Experten des Ministeriums für Magische Sicherheit in
Zusammenarbeit
mit
dem Lehrerkollegium von Hogwarts einen ausgeklügelten Plan, der
in Zukunft im
nächsten
Schuljahr an der wiedereröffneten Hogwarts- Schule für
Hexerei und Zauberei
den
Schülern dort erfolgreich Schutz und Sicherheit bieten wird.
Allerdings
bedeutet dies nicht, dass das Ministerium in irgendeiner Weise auf
den Unterricht
oder
auf sonstiges zugreifen wird. Die für die Überwachung und
Sicherheit der
Hogwarts-
Schüler eingesetzten Sicherheitsbeauftragten des Ministeriums
werden dezent im
Hintergrund
agieren, hundertprozentigen Schutz gewähren und in keiner Weise
den Unterricht stören. Ein
Interview mit dem Chef der zuständigen Sicherheitsbeauftragten
Roger Bones, der
in
Hogwarts selbst die Oberaufsicht innehat, finden sie auf den nächsten
Seiten.
Harry
legte den Tagespropheten zur Seite. Endlich hatte er mit eigenen
Augen gelesen, was er sich erhofft hatte. Hogwarts würde wieder
geöffnet werden. Zwar hatte Harry nicht unbedingt vor, gleich
nach Hogwarts zurückzukehren, aber er dachte an seine Freunde,
die ohne die Wiedereröffnung von Hogwarts wohl kaum ihre
Ausbildung fertig abschließen hätten können. Die
Sache mit den Sicherheitsleuten hörte sich Harrys Meinung nach
recht gut an, zumindest versuchte Scrimgeour wenigsten in Hogwarts
nur die Sicherheit zu erhöhen, anstatt gleich eine verhasste
Lehrerin einzusetzen, wie es in Harrys fünftem Schuljahr
geschehen war. Nur der Name Roger Bones lies etwas in seinem
Gedächtnis aufflackern, aber er wusste nicht genau was.
Er
selbst, so überlegte sich Harry, wollte nach der Hochzeit von
Bill und Fleur, zu der er ja eingeladen war, zuerst einmal die Suche
nach den restlichen Horcruxen beginnen. Zuerst hatte er vor, Godric's
Hollow zu besuchen, und dort das Grab seiner Eltern zu sehen. Er
hoffte, dort irgendeinen Hinweis zu erhalten, wo ein Horcrux von Lord
Voldemort versteckt sein könnte. Wenn dort ein Hinweis wäre,
würde Harry sich aufmachen, den Horcrux suchen und zerstören.
Für ihn gab es keinen anderen Weg. Falls dort aber kein Hinweis
wäre, wüsste Harry im Augenblick überhaupt nicht, wo
er sonst eventuell suchen könnte. Möglicherweise an
Plätzen, an denen Voldemort früher gelebt hatte, dachte
sich Harry. Oder letzten Endes doch in Hogwarts? Das würde
bedeuten, dass er doch irgendwann früher oder später
dorthin zurückkehren musste.
Harrys
Gedanken wanderten weiter, während er aus seinem Fenster in den
bewölkten Himmel sah.
Am
Ende würde es dann so weit sein, schauderte Harry. Er würde
Voldemort gegenüber treten, in der Hoffnung, alles richtig
gemacht und alle Horcruxe zerstört zu haben. Und dann würde
es auf die eine Weise enden, oder auf die andere. Falls ihm vorher
noch gewisse andere Personen über den Weg laufen würden,
wie so zum Beispiel der verhasste Snape (Harrys Wut kochte wieder
auf), würde er versuchen ihnen das heimzuzahlen, was sie
verdienten. Dies war sein Schicksal, sein Fluch.
Harry drehte sich um, und ging langsam zur Tür hinaus, hinunter zu den Dursleys.
Nachdem er zum letzten Mal mit ihnen zu Mittag gegessen hatte (es gab Dudleys Diätkost), stürmte Harry nach oben in sein Zimmer, um seinen Koffer zu packen, denn es war mittlerweile fünf nach zwölf Uhr Mittags. Harry warf seine Sachen achtlos kreuz und quer in seinen Koffer und musste sich am Ende darauf setzen, um den überfüllten Koffer überhaupt noch zusammenpressen zu können, und mit Mühe schaffte er es das Schloss des Koffers zu schließen. Er sah sich ein letztes Mal in seinem Zimmer um, um sicher zu gehen, nichts vergessen zu haben, nahm Hedwigs Käfig (in dem mittlerweile auch Pigwidgeon saß, da Hedwig ihm anscheinend erlaubt hatte, sich neben sie zu setzen), und ging schwer bepackt zur Tür hinaus. Doch im Türrahmen hielt er inne. Harry verspürte trotz allem ein seltsames Gefühl ihm Magen, es war, trotz dass er die Dursleys verließ, ein wenig trauriges Gefühl, als er sein Zimmer vollkommen leer geräumt und mit kahlen Wänden vor sich liegen sah. Doch dann gab er sich einen Ruck und wandte sich von dem Anblick ab.
Unten
angekommen, trat Harry hinaus in den Vorgarten der Dursleys, um dort
auf die Weasleys und die anderen zu warten.
Harry
hatte sich schon gefragt, mit was die Weasleys wohl kommen würden,
hoffentlich würden sie nicht mehr durch einen vernagelten Kamin
versuchen einzubrechen, erinnerte sich Harry schmunzelnd.
Die
Dursleys drückten sich noch im Haus umher, verängstigt und
aufgeregt von der nahenden Ankunft so vieler Zauberer. Doch auch sie
wussten, dass bald der Moment des letzten Abschiedes kommen würde.
Kurze Zeit später hörte Harry Motorengeräusche,
und sah wie zwei ältere, schwere Wagen vor dem Ligusterweg
Nummer Vier parkten.
Einen Moment tat sich gar nichts, doch dann
öffneten sich die großen, schwarzen Türen der Wägen
und mehrere Zauberer stiegen heraus.
Harry erkannte sie sofort.
Aus dem vorderen Wagen waren Mr. und Mrs. Weasley, Lupin und Tonks
ausgestiegen, die jetzt freudig auf Harry zueilten, während Mrs.
Weasley ihm schon von weitem „Harry, mein Lieber!" zurief. Harry
bemerkte, dass die aus dem zweiten Wagen Ausgestiegenen,
ausschließlich Ordensmitglieder waren, sozusagen seine
„Leibgarde". Harry fand es immer noch etwas seltsam, wie sehr man
sich um sein Sicherheit sorgte, in Anbetracht dessen, was er in naher
Zukunft vorhatte, nämlich die Suche nach Voldemorts Horcruxen,
bei der wohl kaum jemand vom Orden dabei sein würde, da Harry
nicht vorhatte, ihnen seinen Plan unter die Nase zu halten. Dieses
Mal bestand die „Leibgarde" des Ordens aus Moody, Kingsley,
Dawlish und einem anderen Ministeriumszauberer, den Harry nur vom
sehen, von dem er aber nicht seinen Namen kannte.
Mrs.
Weasley war auf ihn zugeeilt und hatte ihn herzlich umarmt, wobei sie
ihn nochmals mit „Mein Lieber Harry" begrüßte. Ihr
Mann, Mr. Weasley, schüttelte ihm gut gelaunt die Hand, und
Harry erkannte, dass Mr. Weasley sich einen neuen Umhang hatte
leisten können, der nun prächtig in der Sonne wirkte.
„Wie
geht's, Harry?", begrüßte ihn Tonks, ihr kurzes,
stachliges Haar dunkelrot gefärbt, ganz im Zeichen der Liebe;
sie sah viel vitaler aus als beim letzten Mal, und auch sie
schüttelte ihm die Hand, wobei sie ihre Hand erst von Remus'
Hand hatte lösen müssen, der sie wohl nur ungern hergab.
Harry wusste, hier hatte er zwei sehr verliebte vor sich.
Auch
Remus Lupin begrüßte Harry wie einen alten Freund, doch
dann traten die anderen Ordensmitglieder vor ihn, mit Moody als
ersten und die ganze Aktion wurde viel ernster.
„Potter",
nickte Moody Harry zu, „wir müssen machen, dass wir hier
verschwinden, falls ein dunkler Magier uns hier aufgelauert hät-
", doch dann unterbrach ihn Tonks: „Ach, Mad-Eye, hier doch
nicht. Aber na gut, Harry, hast du alles, damit wir von hier
verschwinden können?"
Harry nickte, aber Mr. Weasley warf
ein: „Harry, dein Onkel und deine Tante wollen sich sicherlich noch
von dir verabschieden…"
„Ähm… ja, bestimmt", sagte
Harry leise.
Er wandte sich um, und sah die drei Dursleys dort
oben auf der Treppe stehen. Er machte ein paar Schritte auf sie zu.
„Nun- ich- äh", begann Harry, der nicht recht wusste,
was er sagen sollte.
„Ist schon gut. Tschüss.", murmelte
Onkel Vernon, und nickte knapp.
„Ja… tschüss!", sagte
Tante Petunia spitz.
„Tschau, Harry.", sagte Dudley.
„Okay.
Tschüss- und- danke für alles. Nein, nicht für alles,
aber dafür, dass ihr mich aufgenommen habt.", verabschiedete
sich Harry und drehte sich um und ging, ohne sich noch einmal
umzublicken auf die wartenden Zauberer zu. Der Abschied ist so
geworden, wie er ihn sich vorgestellt hatte, er wusste, dass die
Dursleys ohnehin nicht viel Worte gemacht hätten. Jetzt kehrte
er heim in die Welt, in die er gehörte, und er würde nie
wieder in die andere Welt zurückkommen, so dachte Harry.
Als Harry mit seinem Geleitschutz am Fuchsbau ankam, war natürlich keine einzige von Moodys Vermutungen Wirklichkeit geworden. Schon als sie in die Einfahrt dort einbogen (die Fahrt hatte etwas länger gedauert, da Mr. Weasley fuhr und seine wahre Freude mit den vielen Knöpfen am Armaturenbrett hatte), erkannte Harry, dass vor dem Fuchsbau mehrere Menschen warteten. Als dann der erste Wagen, in dem er saß, direkt vor dem Fuchsbau anhielt, und er ausstieg, wurde er bereits jubelnd empfangen.
„HARRY! Harry!"
Hermine Granger,
Harrys beste Freundin aus Hogwarts, rannte strahlend auf ihn zu und
fiel ihm um den Hals.
„Hallo Hermine!", sagte Harry, endlich
froh, wieder bei seinen alten Freunden zu sein.
„Oh Harry! Wie
geht's dir? Hast du schöne Ferien gehabt?", bedrängte
Hermine Harry stürmisch.
„Jetzt lass ihn doch mal erst
überhaupt ankommen, Hermine", sagte Ron und gab Harry einen
kumpelhaften Klaps auf die Schulter, „Hi Mann."
„Hi Ron.",
antwortete Harry und gab ihm auch einen freundschaftlichen Klaps auf
den Rücken.
„Ich wollte doch nur- oh Harry, es gibt so
viele Neuigkeiten.", erzählte Hermine atemlos, und ihre Augen
glänzten hoffnungsvoll.
„Später, Hermine, ich würde
sagen, wir gehen zuerst mal ins Haus, Moody mag das gar nicht, wenn
wir hier draußen so alleine herumstehen.", sagte Ron.
„Kommt
rein, Jungs und Mädels!", rief Mrs. Weasley von der Haustür
aus, sie und die anderen hatten bereits Harrys Gepäck aus dem
Auto gehoben und ins Haus getragen. Harry, Ron und Hermine folgten
ihr ins Haus, und gingen hinüber ins Wohnzimmer. Dort wurde
Harry freundschaftlich von Fred und George begrüßt, die
anscheinend gerade einmal nicht in ihrem neuen Laden waren.
„Es
läuft gut, fast so gut wie noch nie, anscheinend vertragen die
Leute 'ne Aufmunterung.", sagte Fred, als Harry ihn gefragt
hatte, wie es denn so neuerdings in ihrem Laden liefe.
„Wir
mussten ein paar andere Leute einstellen, die sich gut mit
Experimenten und so auskennen, damit sie ständig den
Warennachschub auf Trab halten", fügte George hinzu, „aber
wenn es um was Neues geht und wenn was Neues erscheint, dann stammte
die Idee immer noch von uns."
„Tjahaa", sagte Fred, „wir
verdienen gut."
„Und jetzt haben wir unser Geschäftsangebot
sogar noch ein wenig verbreitert, Harry", sagte George schmunzelnd
mit einem Blick zu ihm, „du willst einen Trank?
Dann bestell
ihn dir bei Weasleys Zauberhaften Zauberscherzen! Dank des neuen
Zauberers, den wir eingestellt haben, und der sich sehr gut im
Tränkemischen auskennt, bieten wir diesen Service jetzt auch an.
Das Geschäft läuft."
Dann kam Mrs. Weasley mit
einem großen Tablett zu ihnen herüber, auf dem reichlich
belegte Sandwichs lagen.
Essend und kauend sagte keiner von ihnen
einige Minuten lang mehr ein Wort, bis Harry die letzten Bissen
seines Sandwichs runterschluckte und dann die andern, aber vor allem
Hermine, neugierig fragte: „Was sind denn die beeindrucken
Neuigkeiten, von denen du, Hermine, vorhin geredet hast?"
Hermine
tauschte mit Ron einen kurzen Blick und antwortete dann Harry: „Okay.
Harry ich weiß ja nicht ob du den Tagespropheten die Ferien
über bekommen hast, denn wenn du ihn gekriegt hast, dann sind
die Neuigkeiten vielleicht gar nicht mehr so spannend für dich."
„Ich hab ihn bekommen", sagte Harry, „aber erzähl
ruhig weiter."
„Gut, dann weißt du es wahrscheinlich
schon- also für uns war es trotzdem, als wir es erfahren haben,
eine große Überraschung! Harry, Hogwarts wird wieder
geöffnet!", rief Hermine mit Freude in ihrer Stimme. „Es
geht weiter, wir dürfen zurückkehren…"
„Es ist
einfach nur großartig", fügte Ron hinzu, der es immer
noch nicht richtig fassen konnte.
„Hab mir ja schon gedacht,
dass ihr das meint! Aber dennoch find ich's super!", rief Harry,
fügte aber dann leise zu Ron und Hermine gewandt hinzu:
„Ich
weiß immer noch nicht ob ich wirklich hingehen soll. Denn bevor
das Schuljahr beginnt, werde ich nach Godric's Hollow gehen und
dort anfangen zu suchen.
Und wenn ich dort etwas finde, dann weiß
ich nicht wirklich, ob ich weiter suchen, oder nach Hogwarts
zurückkehren soll."
Harry wusste nicht, ob er ihnen
erklären sollte, dass es für sie besser wäre, in
Hogwarts ihre Ausbildung abzuschließen, anstatt sich mit ihm in
Gefahr zu begeben, denn eigentlich wollte er das, was er tun musste,
alleine erfüllen, und keinen seiner Freunde in Gefahr bringen.
Er wollte gerade etwas dazu sagen, als Ron ihm zuvor kam.
„Harry,
ich weiß, was du jetzt sagen wolltest. Du willst es alleine
durchziehen. Dich alleine in Gefahr begeben- aber, nein, da machen
wir nicht mit", sagte Ron mit einem Lächeln auf den Lippen,
und fuhr fort: „Wir sind deine besten Freunde, und wir stehen
vollkommen hinter dir, egal wohin du gehst".
„Und in welche
Gefahr du dich auch immer begeben möchtest, wir sind bei dir.",
fügte Hermine Rons Worten hinzu.
Harry war klar, hier konnte
er nichts machen. Und vielleicht wollte er auch nichts dagegen tun,
denn seine besten Freunde hinter sich stehen zu sehen, beruhigte ihn
schon.
„Danke", antwortete Harry.
„War doch klar,
Mann.", nickte Ron und Hermine befestigte noch mal:
„Auch
wenn wir dabei das ganze Hogwarts- Jahr verpassen.", und dies sagte
sie, ohne sich dazu überwinden zu müssen. Harry war
beeindruckt, denn er wusste, dass Hermine normalerweise alles dafür
gab, um so viel wie möglich zu erlernen.
„Ist ja schon
gut, ihr beiden, ich hab ja gewusst, dass ich euch nicht abschütteln
kann", sagte Harry mit einem Lachen, aber im Grunde war er froh,
dass seine beiden besten Freunde vollkommen hinter ihm standen.
Dann erzählten die drei noch über dieses und jenes, Harry erfuhr, dass Ginny aus irgendeinem Grund oben in ihrem Zimmer war, und sich seit dem Ende des letzten Schuljahres von den anderen zurückzog. Harry beunruhigte dies, lag es etwa an ihm? Er beschloss gleich einmal zu ihr nach oben zu gehen. Doch dann kamen sie auf Bill, Rons ältester Bruder, der von einem nicht verwandelten Werwolf gebissen wurde, zu sprechen.
„Wie
geht's eigentlich Bill?", fragte Harry Ron.
„Oh, dem geht's
super. Er war kurz im St. Mungo, und sie haben festgestellt, dass er
sich doch nicht bei Vollmond zu einem Werwolf verwandeln wird.
Er
konnte deshalb das Mungo schon wieder verlassen, und geht wieder
arbeiten. Er nimmt aber noch nur zur Sicherheit den Wolfsbann-Trank,
irgend so ein Spezialist aus dem Orden stellt den immer für ihn
her. Und bald heiratet er ja, das macht ihn im Moment total
glücklich."
„Bin ich ja beruhigt", sagte Harry lachend
und Ron schmunzelte.
Hermine hatte sich derweil den
Tagespropheten geschnappt und blätterte schon eine ganze Weile
darin herum.
„Irgendetwas neues?", fragte Harry.
„Jep",
sagte sie düster. Sie reichte ihm und Ron den Propheten, der auf
der gerade aufgeschlagenen Seite eine Todesmitteilung verkündete.
Harrys Augen flogen über den Artikel, auf der Suche nach
jemanden bekannten. Doch in diesem Artikel hieß es, dass ein
Ministeriumszauberer namens Charlie McCaugh umgekommen war, der
Tagesprophet vermutete seinen Tod hervorgerufen durch den Todesfluch
von Todessern. Die Frau dieses Mannes schien während der Tat
abwesend gewesen zu sein, und sie hätte direkt nachdem sie
heimgekommen war, festgestellt was passiert sei, und hätte
sofort das Ministerium informiert.
Harry kannte diesen Mann
nicht, aber dennoch fand er die Vorstellung schrecklich, heimzukommen
und seine Familie ermordet vorzufinden.
Ron hingegen schien
diesen Mann zu erkennen, zumindest sprang er auf.
„Ich glaube,
Dad kennt den Mann da im Propheten."
Ron lief in die Küche
nebenan und Harry hört ihn Mrs. Weasley nach seinem Dad fragen.
„Arthur ist schon gegangen, nochmals zur Arbeit. Heute Abend
zum Essen müsste er zurück sein.", hörte er Mrs.
Weasley sprechen.
Kurz darauf kam Ron wieder zurück ins
Wohnzimmer.
„Ich hab irgendetwas in Erinnerung, mit Dad und
diesem McCaugh. Heute Abend frag ich ihn."
Da kamen auf
einmal die Mitglieder des Ordens des Phönix, die Harry hierher
begleitet hatten, herein und wollten sich von ihnen verabschieden.
Vor allem Moody schien Harry noch etwas erklären zu wollen.
„Pass auf dich auf, Harry, und ich denke wir sehen dich
bald wieder.", sagte Tonks, und schenkte ihm ein Lächeln.
„Sei weiterhin vorsichtig", sagte Lupin und drückte ihm
die Hand.
„Wenn es Probleme gibt, dann ganz du mir ruhig eine
Eule schicken."
„Okay, werd ich tun", antwortete Harry.
Dann humpelte Moody zu Harry, während sich Tonks und Lupin
von den anderen verabschiedeten.
„Potter", begann er, „es
gibt noch etwas, was ich dir sagen muss."
„Ja?", fragte
Harry neugierig, aber er erkannte an Moodys Tonfall, dass es sich um
etwas Ernstes handelte. Bei Moody konnte es nur etwas Ernstes sein,
vermutete er.
„Ich muss dir etwas mitteilen. Besser gesagt, ich
habe den Auftrag, dir etwas mitzuteilen.", sagte Moody ernst, und
ließ beide Augen, das normale sowie auch das magische, auf
Harry ruhen.
„Wie du wohl aus dem Tagespropheten weißt,
wird Hogwarts wieder eröffnet." Als Harry keine große
jubelnde Reaktion zeigte, da er diese Nachricht schon zweimal gehört
hatte, fuhr er fort: „Und da bat mich Professor McGonagall, die als
neue Schulleiterin jetzt auch für die Neueinstellungen zuständig
ist, dir mitzuteilen, dass sie einen neuen Verteidigung- gegen- die-
Dunklen- Künste- Lehrer gefunden hat." Er hielt inne.
„Du
fragst dich jetzt sicherlich warum ich dir dies erzähle.",
fuhr Moody fort. „Aber es hat einen ganz einfachen und simplen
Grund, warum ich dir dies erzähle:
Der neue Lehrer in
Verteidigung gegen die dunklen Künste hat den Auftrag bekommen,
dir Einzelunterricht zu geben, in dem du eine Menge neuer Zauber und
Flüche und Hexereien lernen sollst.", schloss Moody, und ließ
seinen Blick auf Harry ruhen. Auch Hermine warf Harry einen
flüchtigen Blick zu, als ob sie sehen wollte, wie er auf die
verblüffenden Neuigkeiten reagierte.
„Hast du das gewusst,
Hermine?", fragte er sie.
„Ich? – oh nein, davon wusste ich
nichts", sagte sie schnell und erwiderte seinen Blick.
Harry
nickte und fragte, an Moody gewandt: „Wer diesem Lehrer den Auftrag
gegeben, mich zu unterrichten?"
„Ebenfalls Professor
McGonagall.", antwortete Moody.
„Ich weiß zwar nicht
warum ich auf einmal Einzelstunden erhalten soll, aber könnte
ich wenigstens den Namen des neuen Lehrers erfahren?", sagte Harry
zu Moody, aber natürlich stimmte es nicht ganz, dass er nicht
wusste, warum er Einzelstunden erhalten sollte. Anscheinend war
McGonagall irgendwie zu dem Schluss gekommen, dass er, Harry,
anscheinend viel Gefährliches vorhatte, und deshalb wollte sie
ihm wohl helfen, sich zu wappnen. Allerdings gefiel Harry der Gedanke
von Einzelunterricht mit einem fremden, unbekannten Zauberer nicht,
gerade in diesen gefährlichen Tagen. Doch dann wurden seine
Gedanken von Moody unterbrochen.
„Nun, Potter, der Name
deines neuen Lehrers lautet Alan Crawstone. Ich vermute, dass du ihn
nicht kennst, aber du wirst ihn bald kennen lernen"
Doch bevor
Harry irgendetwas dazu antworten konnte, sah er schon Lupin von der
anderen Seite auf sie zugehen, der anscheinend ganz zufällig ihr
Gespräch mit angehört hatte, und der jetzt etwas dazu sagen
wollte.
„Alastor, ich halte das immer noch für keine gute
Idee, Harry von Crawstone unterrichten zu lassen. Du weißt,
seine Familie."
„Wir gehen das nicht noch mal durch, Remus.
Minerva hat sich für ihn entschieden, weil er ein fähiger
Mann ist, der Flüche beherrscht, wie fast kein anderer.",
knurrte Moody.
„Was war denn mit der Familie von diesem
Crawstone?", fragte Harry.
„Nun, du musst wissen Harry, mit
seiner Familie war eigentlich nichts. Nur mit seinem Vater." Lupin
hielt inne, als ob es ihm schwer fallen würde, die nächsten
Worte auszusprechen.
„Harry", sagte Lupin voller Ernst,
„Crawstones Vater war ein Todesser."
Harry war
überrascht. Aber keineswegs freudig überrascht, nein, er
hatte ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend.
„Aber-
Warum seid ihr euch dann sicher, dass er auf eurer Seite steht? Wisst
ihr überhaupt, ob er auf eurer Seite steht?", fragte Harry
Lupin und Moody.
„Ja Potter, wir wissen es sehr genau. Alan
Crawstone ist Mitglied im Orden des Phönix, und er hat zahlreich
und oft bewiesen, dass er nicht auf der Seite von du-weißt-schon-wem
steht.", erklärte Moody.
„Daran zweifle ich ja gar
nicht", sagte Lupin. „Aber ich denke einfach, dass Crawstone kein
guter Lehrer ist. Es ist nun mal so, dass er Kinder und Jugendliche
nicht sehr leiden kann. Ich würde vorschlagen, dass Harry einen
anderen Lehrer bekommen sollte- wie wäre es den mit Mark?"
„Ach, Mark Crafty ist viel zu beschäftigt. Nein, es bleibt
so wie festgelegt." Moody richtete sich auf. „Crawstone wird
morgen hierher kommen, um ein kleines Vorab- Gespräch mit dir zu
führen. Das wär's dann soweit. Wiedersehen, Potter, und
denk dran: Immer wachsam sein!", verabschiedete sich Moody und
schüttelte Harrys Hand.
„Na gut. Pass auf Harry und vor
allem, wenn du Crawstone triffst. Wir sehen uns wieder", sagte
Lupin und folgte Moody aus dem Zimmer hinaus auf den Flur, wo Tonks
bereits wartete.
Harrys Gedanken waren vernebelt. Er sollte
Unterricht erhalten, Einzelunterricht, und das von einem Mann, aus
dessen Familie ein Todesser stammte. Er wusste nicht, was er tun
sollte, wenn er diesem morgen begegnete. Als er sich zu Ron und
Hermine umblickte, sahen die beiden auch fast so beunruhigt aus wie
er selbst, wobei Hermine am verängstigten aussah.
Draußen
vom Flur hörte er Moodys Stimme:
„Ach ja, Molly, ich muss
dir das hier noch geben. Neue Informationen des Ordens. Für
Mark. Ich denke, er wird es mitnehmen, wenn er morgen oder übermorgen
hier vorbeikommt. Und sag Arthur einen Gruß von mir. Bis dann
zur Hochzeit."
Und Harry hörte die Haustür zu
schlagen und es herrschte wieder Stille hier im Fuchsbau.
