Bella

Fr 15.11.11/13.37

Esmes Pov.

Gemütlich schlenderte ich zur Garage, als mein Handy klingelte. Auf dem Display erschien eine wohlbekannte Nummer. Es war mein Ehemann, Carlisle. Ich nahm ab, und sogleich erklang Carlisles wunderschöne Stimme. „Hallo Schatz, tut mir leid, aber ich kann dich leider nicht begleiten." „Ein Notfall?", riet ich. „Ja", seufzte er, „es hat es wieder mal jemand nicht für nötig gehalten, sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten. Dann war der Baum wohl doch schneller da, als gedacht."

„Macht nichts", versicherte ich ihm, „wir sehen uns später. Ich liebe dich." „Ich dich auch", erwiderte er. So war das eben, wenn man mit dem Chefarzt verheiratet war. Es gab immer jede Menge zu tun, auch wenn das Krankenhaus in Forks recht klein war. Aber ich wusste, wie sehr Carlisle den Job liebte und konnte es ihm deswegen auch nicht übel nehmen, dass er so viel weg war.

Also stieg ich eben alleine in meinen dunkelgrauen Mercedes. Auf dem Weg zum Flughafen in Port Angeles dachte ich nach. Ich liebte meine Familie. Jeder hatte seine Eigenheiten und sie waren alle sehr liebenswert auf ihre Art. Carlisle war mein Gefährte und vermutlich die grossherzigste Person, die ich jemals getroffen hatte. Mein Sohn Emmett überraschte uns immer wieder mit seinem Optimismus. Er konnte immer das Beste aus einer Situation machen, auch wenn er manchmal ein unglaublicher Kindskopf war. Alice war das quirligste und vermutlich wildeste Mitglied der Familie - einfach nichts konnte sie stoppen. Jasper war das genaue Gegenteil, er war ihr Ruhepol. Wir alle konnten uns manchmal nicht erklären, wie er immer so ruhig sein konnte und ich verbrachte gerne Zeit mit ihm. Es war einfach sehr beruhigend. Ich liebte auch Rosalie unglaublich. Sie war sehr schön und konnte manchmal arrogant wirken, aber sie hatte einen ausgeprägten Sinn für Familie und unter der harten Schale verbarg sich durchaus ein weicher Kern.

Nur um meinen ältesten Sohn Edward machte ich mir ein wenig Sorgen. In den letzten Jahren wurde er immer stiller und einsamer, er war der einzige von uns Cullens, der noch keine Gefährtin gefunden hatte. Am Anfang hatte ihn das nicht gross gestört und er glaubte fest daran, dass er eines Tages die perfekte Frau finden würde, aber er hatte immer noch keinen Erfolg gehabt und die Hoffnung aufgegeben. Er wurde bitter und ich konnte sein Verhalten anderen Leuten gegenüber nicht immer gutheissen. Es machte mich traurig, ihn so alleine zu sehen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass er in diesem Monat auch nur einmal gelacht hatte.

Die Geschichte unserer Familie war wirklich erstaunlich und viele Male hatten wir Überraschungen erlebt. Ich erinnerte mich, wie Alice damals plötzlich mit ihrem Jasper vor unserer Tür gestanden hatte. Von einem Tag zum anderen waren sie feste Familienmitglieder und ich wusste nicht mehr, was wir ohne sie tun würden. Inzwischen waren sie schon so lange bei uns - seit 1948. 64 Jahre. Wie die Zeit nur verging.

Über mein eigenes Leben dachte ich auch ein wenig nach, wobei der Begriff Dasein wohl irgendwie passender war. Geboren wurde ich 1895 in Columbus, Ohio als einzige Tochter von Peter und Theresa Platt. Nun schrieben wir das Jahr 2011 und ich sah immer noch aus, als wäre ich 26. Mein Leben war verrückt, aber ich war glücklich. Schliesslich hatte ich den besten Ehemann der Welt und eine wundervolle Familie, die ich über alles liebte. Und ich konnte noch eine Ewigkeit mit ihnen geniessen. Manchmal war es eben doch nicht so schlecht, unsterblich zu sein.

Inzwischen war ich am Flughafen angekommen. Port Angeles war eine Kleinstadt und dementsprechend sah der Flughafen aus. Zweimal am Tag kamen Linienflüge aus Seattle und Olympia an. Kleine Flugzeuge, kaum 50 Leute passten an Board. Es war natürlich nicht viel los und ich suchte mir eine ruhige Bank und setzte mich hin, um auf Isabella zu warten. Isabella war eine neue Schülerin auf dem Internat, unserem Internat. Zu verdanken hatten wir sie Alice. Sie hatte uns wegen einer ihrer Visionen dazu gebracht, einen Gedichtewettbewerb zu veranstalten. Auch Isabella hatte wie vorhergesagt teilgenommen und ihr Gedicht war mit Abstand das Beste. Es handelte von Krieg und Frieden, von Trauer und Glück. Es zeigte, wie nahe gewisse Gegensätze sich eigentlich waren.

Es war so gut gewesen, dass ich ihr ein volles Stipendium angeboten hatte, da ich sowieso auf der Suche nach fähigen Schülern im Bereich Literatur gewesen war. Sie hatte erst abgelehnt, aber ich hatte ihr gesagt, sie könne natürlich jederzeit darauf zurückkommen. Jetzt hatte sie sich, aber nur unter der Bedingung die Hälfte zu zahlen, dazu entschieden, in die USA zu ziehen um hier zur Schule zu gehen, was uns alle sehr gefreut hatte.

Alice beschrieb Isabella als aussergewöhnlich hübsches, dunkelhaariges, schlankes und sehr blasses Mädchen. Wir waren alle schon sehr gespannt auf sie. Wir hatten nicht oft internationale Schüler und Isabella schien ein sehr besonderer Mensch zu sein. Wir wussten nicht viel über sie, aber alles was wir wussten, war gut. Schon seit Tagen dachte die gesamte Familie praktisch nur noch an das neue Mädchen, und das brachte Edward ganz schön auf die Palme. Langsam konnte er es nicht mehr hören und er tat mir ein wenig leid.

Das Flugzeug war inzwischen gelandet und die Passagiere stiegen aus. Isabella erkannte ich sofort. Sie war der einzige Teenager in der kleinen Menschenmenge, die auf mich zukam. Aber es war nicht nur das, sie hatte einfach etwas an sich, dass sie aus der Menge herausstechen liess. Sie hatte eine kleine Tasche, einen Rollkoffer und einen Geigenkoffer dabei. Letzterer überraschte mich ein wenig. Alice' Beschreibung passte perfekt, aber sie war allerding noch viel hübscher, schlanker und blasser als ich gedacht hätte. Ich fürchtete Krieg, denn Rose konnte es nicht ausstehen, wenn jemand hübscher war als sie. Das kam nur sehr selten vor, aber Rosalie sah es immer als Konkurrenzkampf an, auch wenn ihr niemand was böses wollte. Aber das würde schon irgendwie funktionieren.

Weiter zu ihrem Aussehen. Sie war relativ schlicht angezogen. Das Outfit war sehr alltagstauglich und sah trotzdem irgendwie elegant aus – Alice würde wahrscheinlich sagen, dass es zu schlicht war, aber ich mochte es. Es hatte Stil. Es fiel mir schwer, die Augen von ihr abzuwenden, denn sie war wirklich wunderschön. Ihr Gesicht faszinierte mich am meisten. Es war sehr schmal, herzförmig und nahezu perfekt symmetrisch. Die blassgrünen, von dichten Wimpern umrahmten Augen lagen unter hübschen dichten Augenbrauen und blickten mich freundlich und irgendwie neugierig an. Ihre langen, dunkelbraunen, wunderschönen und glänzenden Haare hatte sie zu einem perfekten Ballettknoten hochgesteckt und ihre Bewegungen – obwohl ich das bis vor ein paar Minuten nie auch nur zu denken gewagt hätte – waren, wenn möglich, noch anmutiger als die von Alice, und das musste schon was heissen.

Sie war beinahe schon unglaubwürdig perfekt. Irgendwo musste da ein Haken sein… Kein Mensch konnte so vollkommen sein.

Ich ging ihr ein paar Schritte entgegen und streckte meine Hand aus, um sie zu begrüssen. Erst jetzt merkte ich, dass sie leicht zu zittern schien, und ich fragte mich, warum das so war. Wahrscheinlich war sie einfach ein wenig nervös und übermüdet. Sie hatte eine lange Reise hinter sich und war nun in einem fremden Land. Da war ein wenig Nervosität durchaus verständlich. Sie nahm meine Hand und sagte, obwohl sie noch immer leicht zitterte, mit überraschend ruhiger Stimme: „Guten Tag Mrs Cullen, schön sie kennenlernen zu dürfen."

Das klang doch schon ganz freundlich. Was mich allerdings überraschte, war, dass sie astreines Englisch mit einem deutlich hörbaren britischen Akzent sprach, denn sie war Schweizerin. „Hallo Isabella, ich freue mich auch. Aber sag doch bitte Esme zu mir", bat ich sie. „Natürlich, sie können mich Bella nennen. Fast niemand nennt mich Isabella", erwiderte sie lächelnd. „Mein Mann, Carlisle, konnte leider nicht mitkommen, es gab einen Notfall im Krankenhaus", entschuldigte ich Carlisles Abwesenheit.

„Oh, das ist überhaupt kein Problem. Mein Vater ist der Chefarzt im örtlichen Krankenhaus. Es gibt dort auch viele Notfälle, es ist also absolut verständlich für mich", sagte sie gedankenverloren. Doch auch wenn sie irgendwie abwesend wirkte, waren ihre blassgrünen Augen aufmerksam auf mich gerichtet. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zurück zum Mercedes.

Während der einstündigen Fahrt fragte ich Bella ein paar Dinge über ihre alte Schule. Durch ihre Antworten erfuhr ich, dass sie bisher auf der Summers School of Arts, kurz SSA, gewesen war. Die SSA war eine kleine, aber weltbekannte Privatschule in der Schweiz, ihrem Herkunftsland. Die Schule zählte nur etwa 800 Schüler in allen Klassenstufen und aus aller Welt, wer dort hingehen durfte konnte echt stolz sein. Wenn man die Schule besucht hatte, zählte man fast schon automatisch zur Elite.

Die Aufnahmebedingungen waren extrem hart, man musste sehr begabt sein, um einen der begehrten Plätze zu bekommen. Nicht nur der akademische Teil der Ausbildung war sehr wichtig, auch wenn es viele Hochbegabte gab. Die Schule legte auch sehr viel Wert auf sportliche und musikalische Talente, die sehr stark gefördert wurden. Um eine Chance auf eine Aufnahme zu haben, musste man auf jeden Fall sehr gute Leistungen in der Schule erbringen, und aussergewöhnlich talentiert in einem der drei Bereiche sein.

„Wäre es unhöflich, zu fragen, wie du es geschafft hast, da aufgenommen zu werden?", wollte ich wissen. Ihr war das Thema sichtlich unangenehm, denn sie wurde rot. „Naja, es war schon früh klar, dass ich meinen Freunden etwas voraus war. Ich habe mit knapp vier Jahren selbstständig lesen gelernt, ausserdem haben meine Eltern beide die Schule besucht, was mir wohl auch einen Vorteil verschafft hat. Als wir von London in die Schweiz gezogen sind, habe ich angefangen, die SSA zu besuchen, so ich entweder Klavier oder Geigenunterricht nehmen musste. Es hat sich herausgestellt, dass ich auch musikalisch recht talentiert bin, allerdings bin ich ein Amateur im Gegensatz zu all den Musikgenies." Sie lachte. "Ballett mache ich auch ganz gerne, und ich denke, dass ich es auch recht gut kann. Alle drei der Hauptbereiche, die an der SSA so wichtig sind einigermassen im Griff zu haben, hat mir wohl ermöglicht, so lange dort zu bleiben."

„Dass du Geige spielst, würde auch den Geigenkoffer erklären. Ich hatte mich schon ein wenig gewundert", meinte ich. „Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, sie zurückzulassen. Ich liebe meine Geige", antwortete sie.

Ich war neugierig, also fragte ich: „Wieso bist du dann von der SSA weggegangen?" Sie seufzte. „Der Druck war zu gross. Wie schon gesagt, meine Eltern haben die Schule ebenfalls besucht und waren zu ihrer Zeit immer sehr gute Schüler. Das sind grosse Fussstapfen, in die ich zu treten versuchte. Jeder erwartete von mir, dass ich irgendwas tat oder rausfand. Und dann gab es einen kleinen Zwischenfall vor ein paar Monaten, der die Situation nur verschlimmert hat. Und ich bin mir nicht ganz sicher, wie viel sie schon wissen. Ich denke sie haben meine Schulakte zugeschickt bekommen und da stand es drin, aber ich habe mehrere Krankheiten, die ich aber alle gut im Griff habe. Das hatte sich an der Schule herumgesprochen und ich wurde nicht mehr als gleichwertiger Mensch behandelt. Es war einfach Zeit für einen Neuanfang, denke ich." Sie seufzte noch einmal. Ich nickte, die Erklärung schien plausibel zu sein. Ich hatte gesehen, dass in der Akte einige Dinge vermerkt waren, aber mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht.

„Ähm, Mrs…. Esme? Ich befürchte, dass ich stofflich ein wenig voraus bin. Meinen Sie, das wird ein Problem darstellen?", fragte Bella vorsichtig. „Natürlich nicht, ich habe mir dein Zeugnis angeschaut und es schon ein wenig vermutet. Du bist einen Jahrgang höher eingestuft, denn ich hatte mir ja schon gedacht, dass du weiter bist", beschwichtigte ich sie. Sie bedankte sich höflich.

„Warum sprichst du eigentlich so gut Englisch? Du bist doch Schweizerin, oder?", wollte ich wissen.

„Mein Vater ist Brite. Wir sprechen zu Hause sehr oft Englisch, ausserdem hatte ich den halben Unterricht auf der SSA in Englisch", erwiderte sie mit einem Schulterzucken. „Weisst du, Carlisle ist auch Brite. Er wird sich freuen wieder mal jemanden mit britischem Akzent zu hören. Das scheint er irgendwie zu vermissen", entwischte es mir.

Und so ging das Gespräch weiter, bis wie die Ortsgrenze zu Forks passierten. Bella redete zwar offen und freundlich mit mir und sie beantwortete all meine Fragen geduldig, doch mir fiel auf, dass sie nie lächelte. Seltsam...