Giftige Gespräche


Tagesprophet, 28. August 1991 (Rubrik: „Kommentare")

Eine Geschichte Hogwarts – Und was für eine

Albus Dumbledore und sein Lehrerroulette – 25. Iteration

Von Barnabas Cuffe

Die Vorgänge an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei sind, was die Position des Professors für Verteidigung gegen die Dunklen Künste angeht, schon seit Jahren mit „abenteuerlich" noch sehr wohlwollend umschrieben. Es sei nur an Barney Vell erinnert, der neun Tage vor der Prüfung der ihm anvertrauten Schüler zu seiner Schande gestehen musste, nicht einmal einen ZAG in diesem Fach zu besitzen – ein Umstand, der ohne die engagierte Recherche dieser Zeitung, das sei bei aller Bescheidenheit vermerkt, gar nicht bekannt geworden wäre. Man möge alternativ auch an Zarla Quishly zurückdenken; eine Dame, die mit dem Plan die Position übernahm, um jeden Preis zu verhindern, dass auch nur einer der Schüler das Fach erlernte – um dadurch langfristig für Frieden zu sorgen. Unvergessen auch Laurentius Bragboister, dessen einzigartige Interpretation des Wortes „Fairness" dazu führte, dass einzig der weibliche Teil der Schülerschaft in der Lage war, die ZAG- und UTZ-Prüfungen zu bestehen – eine der Damen hat ihn inzwischen übrigens geehelicht.

Derlei Skandale gehören in Hogwarts zum jährlich Brot; immerhin schaffte man es nun schon wieder, einen frisch eingestellten Lehrer nicht länger als nur ein einziges Jahr halten zu können. Daran sind wir gewöhnt, das kennen wir, und ich muss ehrlich gestehen, dass der alljährlichen Meldung über den neuen Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste bereits ein fester Platz im Tagespropheten serviert ist.

Dieses Jahr hat sich der für diese katastrophalen Ergebnisse zuständige Schulleiter, Albus Dumbledore, anlässlich seiner 25. Fehlentscheidung in Folge etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Statt Leute einzustellen, deren Verrücktheiten erst im Nachhinein bekannt werden, ist er nun dazu übergegangen, jemanden einzustellen, dessen Verrücktheiten bereits vor zwei Monaten einen Bericht im Tagespropheten zur Folge hatten: Quirinius Quirrel. (mehr siehe Seite 7)


Albus Dumbledore besuchte seine Schüler nicht alle Tage persönlich zu Hause. Um genau zu sein, hatte er das seit über 50 Jahren nicht mehr machen müssen. Aber nachdem er herausgefunden hatte, wer genau in dem Haus wohnhaft war, dessen Adresse sich auf dem Hogwartsbrief gefunden hatte, war ihm keine Wahl mehr geblieben. Barnabas Cuffe hatte etwas gegen ihn – der infame Artikel, den er heute Morgen wieder verfasst hatte, bewies das ganz ausgezeichnet – aber was auch immer ihn dazu bewogen hatte, Harrys Aufenthaltsort herauszufinden und ihn zu sich zu nehmen, es ging eindeutig zu weit. Zumal er, wie er zu seiner Schande gestehen musste, nicht die geringste Ahnung hatte, wie lange Harry schon nicht mehr bei den Dursleys gewesen war. Warum genau hatte Arabella das eigentlich nicht berichtet? Nun, es war ohnehin zu spät für Vorwürfe.

Er befand sich gerade auf dem kleinen Schotterweg, der zu dem unspektakulären Haus führte, um das ringsum ein hoher Gartenzaun aufgestellt war, als er plötzlich ein seltsames Detail bemerkte. Am Rande seines Bewusstseins, ganz schwach, schien ihm jemand irgendetwas mitteilen zu wollen. Langsam streckte er seine Hand aus. Kühle umspielte seine Finger, und sie begannen leicht zu prickeln. Der Schulleiter von Hogwarts zog sie vorsichtig zurück und nickte. Barnabas Cuffe hatte sein Haus mit einem Zauberbann beschützt – oder beschützen lassen; es gab nicht viele, die einen so unauffälligen hinbekamen. Unwahrscheinlich, dass Cuffe dazugehörte.

Kurz schloss er die Augen, dann schwang er den Zauberstab. Ein technisch gut ausgeführter magischer Schutz, zweifelsohne, aber nicht schwer zu umgehen. Kurz schien die unbestimmbare Kühle vor ihm leicht zu erzittern, dann war das Gefühl weg. Von jetzt an würde der Zauber denken, Cuffe hätte ihn eingeladen.

„Einen wunderschönen guten Mittag, Dumbledore. Hat Ihnen eigentlich schon einmal jemand gesagt, dass es unhöflich ist, anderer Leute Schutzzauber kaputtzumachen?", fragte eine tiefe Stimme, die irgendwo hinter dem Gartenzaun zu entspringen schien.

„Für gewöhnlich ist es das", erwiderte Dumbledore gleichmütig. „Allerdings habe ich dabei dem Alarmzauber erlaubt, ausgelöst zu werden, von dem der Schutzzauber ablenken sollte – insofern habe ich doch exakt das getan, was der Konstrukteur dieses Bannes erreichen wollte?"

Hinter dem Gartenzaun war es still – offenbar hatte auch Cuffe soeben bemerkt, wen genau er mit magischen Mitteln veräppeln wollte. Stattdessen bewegte sich eine kleine, goldene Klinke nach unten und eine ausnehmend korpulente, glatzköpfige Person quetschte sich durch die Öffnung im Zaun.

„Worüber genau wollten Sie denn mit mir sprechen, Dumbledore?", fragte er ohne Umschweife und ohne dem Schulleiter auch nur ins Gesicht zu sehen. „Wollen Sie sich schonmal Tipps dafür abholen, welchen Idioten Sie als nächstes anstellen können? Ich empfehle, es einmal mit einem Werwolf zu versuchen – und wer gefressen wird, fällt durch."

Dumbledore ließ seinen Blick für einen Moment in Richtung des wolkenverhangenen Himmels schweifen. Das würde unangenehm werden. „Ich bin nicht aus diesem Grund hier, wenngleich ich zu Ihrem Artikel vielleicht auch das ein oder andere Wort sagen könnte. Wenn ich das richtig sehe, wissen Sie auch ganz genau, was mein Auftauchen hier verursacht hat."

Cuffe nickte, griff in seine Tasche, holte eine Handvoll Lakritzschnapper heraus, schmiss sie sich alle auf einmal in den Mund und begann zu kauen. Langsam.

„Es scheint, als hätten sich bei Ihrer Adoption vor neun Jahren ein paar kleinere Fehler eingeschlichen", sagte Dumbledore, ohne weiter darauf einzugehen. „Sie scheinen das Haus einer Muggelfamilie mit einem Waisenhaus verwechselt zu haben, ein zweijähriges Kind mit einer Ware, die man nach eigenem Gutdünken mitnehmen kann, und, vielleicht die unglücklichste Verwechslung, das arme Waisenkind Arminius Loush mit Harry Potter."

Cuffe schob sich noch eine Handvoll Lakritzschnapper in seinen Mund, und deutete dann schulterzuckend auf seine mahlenden Kiefer.

„Könnten Sie mir das erklären?"

Bis Cuffe endlich alles heruntergeschluckt hatte, war eine ganze Minute vergangen, aber es war nicht so, als könnte Dumbledore diese Spielchen nicht auch spielen. Er wartete schlichtweg ab.

„Das könnte ich schon, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich da gerade keine Lust zu habe. Sie können sich aber sicher sein, dass ich den Jungen weder entführt, noch sonst irgendwelche bösen Machenschaften betrieben habe."

Dumbledore begann unwillkürlich, auf dem Schotterweg auf und ab zu gehen, wie er es auch in seinem Büro immer tat, wenn er nachdenken musste. „Sie adoptieren also Harry Potter, halten das für neun Jahre geheim und sind nicht gewillt, mir Ihre Motive zu erläutern. Irgendetwas sagt mir, dass ein paar Dinge hieran vielleicht doch nicht so recht und billig abgelaufen sind, wie Sie mir glauben machen wollen."

Cuffe grinste, aber es war ein hässliches Grinsen, gehässig und zynisch, und zum ersten Mal sah er Dumbledore in die Augen. „Das ist ein lustiges Statement, wenn man bedenkt, dass Ihre Vorstellung von einer recht und billig ablaufenden Aktion ist, einen Einjährigen bei Nacht und Nebel mit einem fliegenden Motorrad quer durch England zu transportieren und ihn dann zusammen mit einem Zettel auf eine Türschwelle zu schmeißen."

Woher…? Im Tagespropheten hatte diese Geschichte nicht gestanden, und er war sich ziemlich sicher, dass sie dort zu finden gewesen wäre, wenn Cuffe auch nur den Funken einer Ahnung gehabt hätte … es sei denn, er hatte dies alles schon damals geplant. Dumbledore taxierte den Redakteur des Tagespropheten mit einem röntgenartigen Blick. Wie viel wusste dieser Mann wirklich?

„Erstaunlich, wie ruhig Sie plötzlich sind. Aber halten wir uns nicht länger mit mir auf, mit mir wollen Sie wahrscheinlich ohnehin nicht sprechen. Und natürlich – bitte, kommen Sie zu mir nach Hause, reden Sie mit Harry, erzählen Sie ihm, was auch immer Sie ihm erzählen wollen. Ich habe nur eine Bedingung, Dumbledore."

„Welche?"

„Ich würde nach dem Gespräch liebend gern ein Foto von Ihrem Gesicht machen."

Barnabas Cuffe war es, der Dumbledore die Tür zu dem Haus öffnete, das innenseitig nicht weniger steril aussah als außen. Keine Bilder, kein Schmuck, keine Dekorationen, dafür alles klinisch sauber und nur Spurenelemente von Magie. Neben einer der Zimmertüren, die vom Flur aus sichtbar waren, schwebte ein Kaktus. Und obwohl der braun war, machte er den Eingangsbereich schon erheblich bunter.

Man sah es ihm nicht an, aber Dumbledore war zumindest beunruhigt. Was würde ihn erwarten, wenn er die Tür zu diesem Zimmer öffnete? Nun, es half nichts, die Dinge aufzuschieben, so viel hatte er in seinem langen Leben gelernt.

„Herein!", erwiderte eine kindlich helle Stimme auf sein Klopfen. Als er eintrat, war er für einen Moment wieder vollkommen beruhigt – zu vertraut der Anblick der chaotischen schwarzen Haare, die Brille, alles eigentlich. Das war eindeutig der Sohn von James Potter. Und als der Junge die Augen aufschlug – Lilys Augen – fühlte er sich fast wieder sicher, dass hier nichts zu befürchten war. Natürlich waren Oberflächlichkeiten eben nur das: Oberflächlichkeiten.

„Sie sind Albus Dumbledore, oder?", fragte das Kind und sah ihn an. Der Ton war weder misstrauisch noch wütend, aber er war dennoch nicht neutral. Dumbledore konnte nur schwer den Finger darauf legen.

„In der Tat – wobei, wie ich hoffe, für dich bald Professor Dumbledore."

Harry nickte, machte aber nicht einmal Anstalten, von seinem Bett aufzustehen und ihm die Hand zu schütteln. Dumbledore konnte nicht sagen, ob aus Unhöflichkeit oder aus Furcht. Vielleicht auch noch aus einem anderen Grund?

„Ich muss gestehen, ich hätte mir unser erstes Treffen anders vorgestellt."

„Ich kann zaubern", sagte Harry statt einer Antwort. „Richtig zaubern."

Wie meinte er das? Dumbledore musste gestehen, er fand das Verhalten dieses Kindes schon nach diesen wenigen Sätzen schwerer zu lesen als das fast aller anderen, die er bisher kennen gelernt hatte. Er war sich im Klaren darüber, dass er ein wenig unschlüssig aussah, wie er da direkt vor dem Ausgang aus dem Zimmer stand, aber er wusste auch nicht, wohin er gehen sollte. In Harrys Zimmer gab es keinen Stuhl.

„Der Kaktus vor der Tür, den hab ich gemacht."

Der Schulleiter von Hogwarts zog die Augenbrauen hoch. Ein dauerhafter Schwebezauber war nicht einfach zu begreifen – man versuchte ein Objekt dazu zu bringen, dass es die Luft in einem Meter Höhe für den Fußboden hielt – und das Begreifen allein reichte meist nicht aus, um zaubern zu können. Wenn das stimmte, was der Junge sagte, war das eine ziemlich beeindruckende Leistung, aber…

„Ohne Zauberstab?"

Der Junge leckte sich die Lippen – sein erstes Zeichen von Nervosität, wie Dumbledore bemerkte; hier war also irgendetwas im Argen – dann sprach er, aber wieder entschied er sich dazu, einfach nicht auf die Frage zu antworten. „Glauben Sie, dass ich das können würde, wenn alles so gelaufen wäre, wie Sie das geplant haben?"

Das war also der Grund für dieses befremdliche Gespräch. Der Junge hatte, seitdem er hineingekommen war, wahrscheinlich nur darauf gewartet, genau diesen Satz zu sagen. Dumbledore machte vorsichtig einen Schritt in das Zimmer hinein, auf Harry zu. Für den Bruchteil einer Sekunde verengten sich Harrys Augen, dann war sein Gesicht wieder unlesbar. Dennoch hielt Dumbledore es für den Moment für besser, ein wenig Distanz zu wahren. Es half niemandem, wenn der Junge sich von ihm - warum auch immer – bedroht fühlte.

„Ich denke, dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir bei Szenarien verharren, die vielleicht hätten sein können – vielmehr sind die Dinge, die geschehen sind und noch geschehen, für uns von Bedeutung."

„Und was haben Sie jetzt vor?"

Er hatte nicht das Gefühl, hier mit einem Kind zu sprechen, so viel stand fest. An Harry war noch etwas undefinierbar Anderes, etwas, das sicher noch bedeutungsvoll werden würde – wenn er es nur herausbekommen könnte.

Aber die Frage war natürlich berechtigt: Ja, was hatte er jetzt vor? Vor diesem Problem hatte er selbstverständlich auch schon gestanden, denn natürlich war es klar gewesen, dass sie ihm früher oder später gestellt werden würde. Letztlich hatte er sich für eine möglichst neutrale Antwort entschieden. „Ich halte das derzeitige Arrangement nicht länger für sicher, nicht jetzt, da es nur eine Frage der Zeit ist, bis an die Öffentlichkeit gelangt, dass Sie wieder aufgetaucht sind, Mr. Potter. Wir werden eine Lösung finden müssen, was das angeht, allein schon, um Barnabas in den kommenden Monaten sicher zu wissen."

Harry strich unwillkürlich über den länglichen, dünnen Gegenstand, der sich in seiner linken Umhangtasche befand und schien nicht so recht zu wissen, was er antworten sollte. Was auch immer der Junge erwartet hatte, es war nicht das gewesen, und Dumbledore war sich ziemlich sicher, dass man das als positiven Punkt verbuchen durfte.

„Darf ich fragen, wie lange du deinen Zauberstab schon hast, Harry?", fragte er und deutete auf Harrys linke Umhangtasche.

„Schon, aber es ist unwahrscheinlich, dass ich es Ihnen verrate."

Oh ja, definitiv ein Kind, das von Barnabas Cuffe aufgezogen wurde. Für einen kurzen Moment setzte verlegenes Schweigen ein – Dumbledore ahnte, dass er hier nicht mehr viel herausbekommen würde. Wahrscheinlich war Cuffe schon seit Monaten klar gewesen, dass er kommen würde, und er hatte Harry bestens vorbereitet. Vielleicht hätte er doch Minerva schicken sollen – sie hätte vielleicht einen anderen Zugang gewählt.

„Sie sind doch Experte für alles, was es in der Zauberei gibt, oder?", fragte Harry – wieder dieser abrupte Themenwechsel, als wüsste er nicht, wie ein Gespräch für gewöhnlich ablief – und sah ihn zum ersten Mal richtig an. Zumindest das, endlich: Dumbledore meinte Dumbledore so etwas wie echte Neugierde in seinen Augen zu erkennen, wenigstens etwas Anderes als die kalte Indifferenz von zuvor.

„Es gibt ein paar Menschen, die darauf bestehen, mich als einen solchen zu bezeichnen, in der Tat." Der Anflug eines Lächelns umspielte Dumbledores Lippen.

„Können Sie mir dann vielleicht sagen, warum der Kaktus vor der Tür immer seine Stacheln auf mich schießt, wenn ich ihn in dieses Zimmer hole?"

Perfekt. Er hatte für's Erste nur eine einzige vage Vermutung, was Harrys Verhalten anging, und ausgerechnet dazu konnte er jetzt einen kleinen Test durchführen. „Ich nehme an, er schwebt einfach nicht so gerne."

Harry starrte ihn nicht an, als hätte er den Verstand verloren – wie es ein sehr großer Teil der Zaubererschaft vermutlich getan hätte – sondern legte die Stirn in Falten. „Welche Pflanze würde denn gerne fliegen?", fragte er stattdessen.

Dumbledore erlaubte sich einen kaum hörbaren Seufzer. „Farne, denke ich." Harry hatte den Test bestanden – und in gewisser Weise war er dennoch durchgefallen. Wenigstens wusste er jetzt schon eine ganze Menge mehr über den Jungen – nicht, dass es ihm auch nur im Geringsten gefiel. „Aber nun entschuldige mich, ich muss noch einmal ein oder zwei Worte mit deinem Ziehvater wechseln. Es war mir eine Freude, endlich einmal mit dir sprechen zu können, Harry."

Und noch bevor der Junge bemerken konnte, dass er ihn geduzt hatte, hatte Dumbledore das Zimmer verlassen.

Beim ersten Schritt, den er aus dem Zimmer tat, empfing ihn ein plötzliches, blitzendes Licht. Er hatte die Hand schon an seinem eigenen Zauberstab, als ihm der Fotoapparat auffiel, den der dicke Mann vor ihm in der Hand hielt.

Dumbledore blinzelte, aber er brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um sich wieder zu sammeln. Als er die Augen wieder öffnete, war jegliches Funkeln daraus verschwunden. „Wie lange?", fragte er leise. „Wie lange hat dieser Junge schon seinen Zauberstab?"

Barnabas Cuffe – und das war ein befriedigenderer Anblick, als er gedacht hätte – sah aus wie vom Donner gerührt.

„Haben Sie eine Ahnung, was Sie damit anrichten können?" Die Stimme des Schulleiters hatte jegliche Sanftheit verloren. „Obsessives Verhalten, emotionale Taubheit selbst in Ausnahmesituationen, Mitleidlosigkeit, eine gewisse Distanz zu Menschen im Allgemeinen – kommt Ihnen irgendetwas davon entfernt bekannt vor?"

Für einen ganz kurzen Moment sah er so etwas wie Schuld in Cuffes Augen, dann war das wieder daraus verschwunden. „Keine Ahnung. Versuchen Sie, einen Steckbrief über sich selbst zu schreiben?"

„Ist das Ihr Ernst, Barnabas? Ein Kind? Ich glaube kaum, dass das der richtige Moment oder das richtige Thema ist, um zu scherzen."

Barnabas Cuffe schnipste sich etwas Staub von seinem Umhang, der gar nicht da war. „Und ich würde Ihre lichtvollen Ausführungen ja auch sehr gerne ernst nehmen, aber ich habe die Leute gesehen, zu denen Sie den Jungen ursprünglich stecken wollen. Hätten Sie nicht wenigstens stattdessen ein paar kompetente Blauwale für die Aufgabe finden können? Von der Optik nicht unähnlich, aber dafür wenigstens halbwegs qualifiziert."

Es gab nur wenige Dinge, die es schafften, ihn zu reizen, aber die abstoßende Nonchalance dieser Person gehörte definitiv dazu. Ein Zauberstab und ein kleines Kind – das konnte nur schiefgehen. Es gab einen Grund, weshalb Magie nicht vor dem elften Lebensjahr unterrichtet wurde. Natürlich waren die Dursleys nicht optimal gewesen, aber eine optimale Lösung hatte es damals schlicht und ergreifend nicht gegeben – und das hier war noch weit weniger wünschenswert.

„Ich weiß nicht, wie Sie das vor sich persönlich rechtfertigen", sagte Dumbledore schließlich. „Aber ich kann Ihnen versichern, was auch immer es ist, das ist es nicht wert gewesen."

Cuffe inspizierte seine Fingernägel. „Ist notiert."

Zwei Stunden später saßen sie beisammen in Cuffes Zimmer; der Redakteur des Tagespropheten gab seinem heutigen Artikel – irgendetwas über explodierende Toiletten im Ministerium – den letzten Schliff und Harry schaute zu, wie die Buchstaben teilweise vom Blatt wanderten oder sich neu anordneten. Schade, dass diese Art Papier in Hogwarts nicht erlaubt sein würde.

„Ich fand ihn gar nicht so schlimm", sagte Harry plötzlich. „Dumbledore, meine ich."

Cuffe blickte von seiner Arbeit auf. „Ja, manchmal könnte man den Eindruck bekommen, dass sich hinter ihm eine ganz anständige Person verbirgt. Leider hat der Eindruck nichts mit der Realität zu tun. Albus Dumbledore – und das musst du dir merken, ganz egal, wie lang er seinen Bart noch werden lässt, um wie ein freundlicher Opa auszusehen – wird früher oder später dasitzen und nichts tun, wenn du ihn brauchen könntest." Cuffe legte Harry eine Hand auf die Schulter. „Aber das wirst du ohnehin nicht. Du wirst besser als er."

Eine unbestimmbare Härte trat in Harrys Gesichtsausdruck. „Ich werd's zumindest versuchen." Denn dann wäre er auch besser als der Andere. Und das musste, musste, musste er sein.


Ein rothaariger Junge streckte den Kopf in Harrys Abteil. Er hatte eine kleine Ratte auf dem Arm und trug einen offenbar selbstgestrickten Pullover. „Ist hier noch frei? Überall anders im Zug ist voll."

Harry, die Nase tief in einem Buch versunken, reagierte nicht. Der rothaarige Junge zuckte die Schultern und ging weiter.


In dem Moment, in dem das mächtige Schloss in Sicht kam, wusste Harry, dass er diesen Ort liebte. Das Boot auf dem See unter ihm schaukelte sanft, aber er achtete nicht darauf. Es herrschte vollkommene Stille; keiner der anderen Erstklässler sprach. Sie alle waren wie erstarrt, verzaubert von dem Anblick, der sich ihnen bot.

Die Türme von Hogwarts ragten in den Nachthimmel; der graue Stein erschien schwarz in der Dunkelheit. Fackeln erleuchteten den Weg, und viele weitere waren an den Fenstern des altehrwürdigen Bauwerks angebracht. In seinem ganzen Leben hatte Harry noch keinen Ort gesehen, der so aus sich heraus magisch wirkte, nicht einmal die Winkelgasse. Das Schloss schien förmlich von innen heraus zu strahlen – mit Magie, mit Potenzial, mit Möglichkeiten. Was für ein Gebäude!

Und auch von innen enttäuschte es nicht. Eine ältliche Frau, die sich Ihnen als Professor McGonagall vorstellte (und die aussah, als sei mit ihr nicht gut Kirschen essen), führte sie durch das Schloss und Harry kam kaum der Gruppe hinterher, weil er sich immer wieder umschauen musste. Selbst dort, wo man sie gar nicht vermutete, verbargen sich magische Details – eine kleine Flöte, die in der Wand steckte und beständig eine simple Melodie spielte, ein leicht erzitterndes Porträt, als wäre die Mauer dahinter ununterbrochen in Bewegung – und das war nur, was er jetzt, auf den ersten Blick, sah! Harry konnte nicht umhin sich zu fragen, weshalb man so lebte wie Barnabas Cuffe, wenn es auch so aussehen konnte.

Dem Gemunkel seiner neuen Mitschüler zu Folge würde gleich die Sortierung in die Häuser beginnen – und er konnte nicht umhin, nervös zu sein. Seltsam, so intensiv wie hier - Freude, Zugehörigkeit, Nervosität – hatte er zuvor im Haus seines Ziehvaters nicht ein einziges Mal gefühlt. Es war fast, als würde die seltsame Atmosphäre hier ihn selbst mitnehmen und verändern. Dieser Ort war definitiv etwas ganz Besonderes.

Ganz in Gedanken versunken, erschrak er sich völlig, als plötzlich zwei Geister an ihm vorbeiglitten. Einer davon sah aus, als hätte er ein Vorfahre von Barnabas Cuffe sein können, zumindest vom Bauchumfang her.

Und dann öffneten sich die Tore zur Großen Halle, und Professor McGonagall führte sie langsam nach innen. Irgendwo hinter ihm erklärte ein Mädchen, dass die Decke so verzaubert war, dass sie so aussah wie der echte Himmel, sie hätte das in „Eine Geschichte Hogwarts" gelesen. Und wenn das da nicht gestanden hätte, hättest du gedacht, es regnet rein, wenn schlechtes Wetter ist?

Aber eigentlich wollte er gar nicht zynisch sein, nicht jetzt. Die vier Tische, an denen die verschiedenen Häuser saßen und gespannt ihren neuen Mitschülern entgegenblickten … der Lehrertisch mit den Professoren, von denen einer mit schwarzen Haaren und einer mit einem lila Turban ihn direkt anzustarren schienen … der wahrhaft fantastisch aussehende Nachthimmel über seinem Kopf … er wollte alles von dieser Atmosphäre, dieser Magie in sich aufnehmen.

Das einzige, was den überwältigenden Gesamteindruck ein wenig trübte, war-

„Das ist der Sprechende Hut", sagte die Dame, die sich als Professor McGonagall vorgestellt hatte, und hielt den verschlissenen, alten Stofffetzen in die Luft. „Der teilt euch in eure Häuser ein – Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und Slytherin. Ich werde euch alle jetzt der Reihe nach vorlesen, dann kommt ihr nach vorn und setzt ihn auf."

Und das tat sie dann auch. Harry hörte nur mit halbem Ohr hin, zu viel gab es sonst zu sehen, als dass ihn die Einteilung seiner Mitschüler wirklich interessiert hätte. Außerdem ließ sich dadurch das leicht flattrige Gefühl in seinem Bauch unterdrücken, das er gar nicht richtig zuordnen konnte.

„Potter, Harry!"

Inmitten des Geflüsters – immer wieder wurde sein Name wiederholt – ging er mit seltsam weichen Knien zu dem Stuhl, auf dem der Hut ruhte, und er war froh, dass dieser seine Augen völlig bedeckte, sodass er die anderen nicht mehr sehen musste.

„Ach du liebe Güte", hörte er plötzlich eine leise Stimme in seinem Kopf, und zuckte zusammen. „Was hat man dir denn angetan?"

Es war, als hätte jemand all die Magie plötzlich ausgeschaltet, die diesen Ort eben noch durchströmt hatte. „Wie … was?" Stimmte tatsächlich etwas mit ihm nicht? Er hatte die besorgten Blicke von Barnabas schon ab und an gesehen, aber aus irgendeinem Grund hatten sie ihn zu Hause kaum berührt.

„Ah, Verzeihung, das war unprofessionell von mir. Es ist nur so … ich habe selten ein Kind gesehen, das schon so weit fortgeschritten ist", erwiderte, was wohl die Stimme des Sprechenden Hutes sein musste. „Du wirst dich hier sehr oft langweilen … aber wie dem auch sei, wir sind ja hier, um dich zu sortieren."

Harry war sich nicht ganz sicher, ob der Hut ihn nicht anlog, aber er würde ihm wohl vertrauen müssen. Im Gegensatz zu Menschen hatte er schließlich keine Augen, in die man hineinsehen konnte, wenn man die Wahrheit erfahren wollte, wie es ihm Barnabas beigebracht hatte.

Das ist eine verdammt unhöfliche Praktik, mein Lieber, die solltest du dir vielleicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen."

Unwillkürlich zuckte er die Schultern. Das konnte er ohnehin noch nicht besonders gut, sie hatten erst vor einem halben Jahr damit angefangen – und es auch nur sporadisch geübt.

Harry konnte nicht sehen, was draußen geschah, aber er hörte, wie die Ersten zu flüstern begannen. Die anderen vor ihm hatten nicht so lang gebraucht. „Ja, in der Tat, wir sollten zur Sache kommen", sagte der Hut. „Ich sage es dir ohne Umschweife – Gryffindor und Hufflepuff können wir ausschließen, obwohl du ein … ein gewisses Faible für Loyalität hast. Da ist eine gehörige Portion Mut und Entschlossenheit, aber wenig Offenheit – und der Drang, sich gegen jemand ganz Bestimmten zu behaupten." Der Hut schien für einen Moment zu überlegen. „Irgendwelche Vorschläge?"

Harry überlegte einen Moment. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Das ist dein Job", flüsterte er zurück.

„Wohl wahr", gluckste der Hut.

„RAVENCLAW!"

Stille. Dann Applaus, und Harry konnte nicht umhin, als einen ganz kurzen Blick zum Lehrertisch zu werfen, als er sich auf den Weg zu seinem neuen Haus machte. Die Mundwinkel Dumbledores waren leicht nach oben gebogen und er klatschte. Harry sah schnell wieder weg; mit dem Mann wollte er eigentlich nicht allzu viel zu tun haben. Natürlich, bei seinem Besuch hatte er nett gewirkt, aber er hatte ja gehört, was Barnabas über ihn erzählt hatte.

„Wir haben Potter!", brüllte ein Viertklässler über den Jubel hinweg, und Harry wusste nicht ganz, wie er reagieren sollte. Schließlich versuchte er einfach, einen möglichst freundlichen Gesichtsausdruck zur Schau zu tragen und setzte sich zu den anderen Erstklässlern.

„Potter!", sagte ein schwarzer Ravenclaw, der ganz am Anfang eingeteilt worden war. Terry Bad oder so ähnlich. „Klasse, dass du bei uns bist!"

Harry lächelte gequält. Er hatte keine Ahnung, wer das da vor ihm war; wie sollte man da schon reagieren?

„Das hat ja ganz schön gedauert", setzte der andere noch hinzu.

„Ja, ich hatte mich noch ein bisschen mit dem Hut unterhalten", erwiderte Harry, ohne ganz zu realisieren, dass er überhaupt etwas sagte.

Der andere Junge lachte. Wie automatisch grinste Harry grinste zurück, auch, wenn er nicht ganz sicher war, weshalb.

„Zabini, Blaise."

„SLYTHERIN!"

Erst jetzt bemerkte er, dass sein einziger Freund von früher wohl auch im Zug gesessen hatte. Gut, die Aufklärung darüber, wer er wirklich war, würde wohl ein wenig dauern – aber das Schuljahr würde definitiv aufregend werden.