2. Kinderblicke
Das kleine Mädchen ist keine vier Jahre alt und hat Ohrenschmerzen. Sie sitzt auf dem Schoß ihres Vaters und lehnt erschöpft den Kopf an dessen Brust, lässt House jedoch keine Sekunde aus den Augen.
„Seit wann hat sie Ohrenschmerzen?", fragt House und versucht, die kleine Lampe am Otoskop einzuschalten.
„Seit zwei Tagen. Glaube ich."
House sucht nach einer Bestätigung im Blick des Kindes, doch alles, was er sieht, ist Angst.
„Das Dings hier funktioniert nicht. Bin gleich wieder da.", murmelt House missmutig und verlässt das Sprechzimmer. Als er kurz darauf mit einem funktionstüchtigen Instrument zurückkehrt, verfolgt die Kleine wieder jede seiner Bewegungen mit angstgeweiteten Augen, und es entgeht ihm nicht, dass sie dabei nicht das Instrument fixiert, mit dem er ihre Ohren untersuchen wird, sondern seinen Stock. Er lehnt ihn gegen einen Schrank und zieht sich den Hocker heran. Die Augen des Mädchens füllen sich mit Tränen.
„Ein kurzer Blick in deine Ohren für mich, und danach ein Lolli für dich. Klingt das fair?" Der Versuch, freundlich und locker zu klingen, ist einigermaßen geglückt, doch die Kleine lässt sich nicht so leicht ködern. Als er ihre Ohren untersucht, kneift sie die Augen zusammen und klammert sich an das Hemd ihres Vaters.
„Schschsch… Der Doktor ist gleich fertig, Julie." Der Vater hat Recht, es dauert nicht lange. Seine Tochter hat eine schmerzhafte Mittelohrentzündung. House verschreibt Medikamente und ermahnt den Vater, nächste Woche mit ihr wiederzukommen, selbst wenn sich die Symptome verbessern sollten. Julie muss länger als zwei Tage Ohrenschmerzen gehabt haben. Die Tatsache, dass der Vater zwei Tage vermutet, deutet darauf hin, dass die Kleine auch zu Hause nicht besonders gesprächig ist. Hier im Sprechzimmer hat sie jedenfalls noch keinen Ton gesagt. House überreicht dem Vater das Rezept und der Tochter den Lolli. Mit verschrecktem Gesichtsausdruck klammert sie sich wieder an den Vater, der für sie den Lutscher entgegennehmen muss. House greift nach seinem Stock und steht auf. Der Blick der kleinen Patientin wird wieder magnetisch von seiner Gehhilfe angezogen. Noch beim Verlassen des Raumes fühlt er ihre verängstigten Blicke auf sich.
