Kapitel 1
Jane stand an der Bar und wartete auf ihr Getränk, als sie plötzlich angesprochen wurde.
„Hey, wow, ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich dich noch mal wieder treffen sollte", sprach eine männliche Stimme hinter ihr.
Sie verdrehte die Augen. Musste das sein?! Eine Anmache à la „Kennen wir uns nicht?", das war doch so was von abgegriffen.
Sie drehte sich um, um dem Mann eine unmissverständliche Abfuhr zu geben (darin hatte sie Übung, aufgrund ihres Aussehens war sie schon viel zu häufig von irgendwelchen Typen angegraben worden), als sie ihn ansah und ihr plötzlich die Worte fehlten.
Zum Glück merkte ihr Gegenüber das nicht, er redete weiter: „Das ist keine blöde Abschlepp-Tour, erinnerst du dich? Vor ca. einer Stunde in dem Kino nicht weit von hier. Der spanische Film?"
Bei Jane dämmerte es langsamer als sonst… Kino… spanischer Film… da waren diese beiden Männer gewesen…
„Hast du mit deinem Freund hinter uns gesessen? Bist du derjenige, der meinte, er würde den Film nicht verstehen?"
„Jep, der bin ich", Charles Bingley wurde etwas rot. „Ich habe jetzt auch nicht wirklich viel verstanden, aber einiges konnte man sich ja zusammenreimen. Und wie war's bei dir?"
„Oh, ich hatte kein Problem. Ich spreche fließend Spanisch. Meine Freundin hat mich mitgeschleppt und ich war heilfroh, dass der Film auf Spanisch war. Bei Italienisch wäre bei mir Not am Mann gewesen."
Charles schaute sie fasziniert an, sie war bezaubernd. Er fing sich gerade noch rechtzeitig: „Oh, wo sind meine Manieren. Mein Name ist Charles."
„Ich heißt Jane…", sie stockte, sie sollte wohl besser nicht ihren kompletten Namen – Jane Felicitas Meredith Ines Victoria Gardiner, Herzogin von Nargotha – nennen, auch damit hatte sie schon schlechte Erfahrungen gemacht.
„Nett, dich kennen zu lernen, Jane. Und, was bringt dich in die ewige Stadt?"
„Ich mache Urlaub mit meiner Freundin, Lizzy." Sie deutete vage auf die Tanzfläche, wo sich die Kronprinzessin irgendwo tummelte. Keine Lüge!, redete sie sich ein. Jane hatte schon früh gelernt, gewisse Dinge zu verschweigen, weil Menschen sonst anders reagierten. „Du?"
„Ich arbeite im Augenblick hier. Ich wohne hier eine Zeitlang. Mein Freund übrigens auch. Will heißt er, aktuell weiß ich gar nicht, wo er ist. Wenn du das Gespräch eben mitgekriegt hast, dann hast du vielleicht auch gehört, dass er sich nicht gerne in Clubs aufhält. Er wird sich schon wieder finden." Er grinste.
Die nächsten Stunden gingen so angenehm weiter. Sie tanzten miteinander und unterhielten sich. Als sich schließlich Lizzy zu ihnen gesellte, hatten sie sich gerade für den folgenden Tag um 12 Uhr am Trevi-Brunnen verabredet. Die Einladung wurde auch auf Lizzy erweitert. Diese nickte aber nur abwesend und zog Jane bald mit sich aus dem Club.
Im Taxi schaute Jane nur verträumt aus dem Fenster und dachte an Charles, als sie plötzlich von der Realität eingeholt wurde.
„Oh Gott, ich kann mich ja gar nicht mehr mit ihm treffen! Wir sind dann doch gar nicht mehr hier! Oh nein, wie blöd, er wird ganz umsonst auf mich warten."
„Wolltest du das Angebot wirklich annehmen?", fragte Elizabeth erstaunt. „Ich dachte, du seiest bloß höflich gewesen."
„Hach, ich hätte mich so gern mit ihm getroffen… Er war so ein netter Mensch."
Nur nett?, fragte sich Lizzy. So hatte sie Jane noch nie gesehen… Das war außergewöhnlich. Ihr kam eine Idee: „Wir bleiben einfach hier", sagte sie.
„Wie bitte?", fragte Jane erstaunt.
„Wir bleiben in Rom, wir hauen ab, wenn du es so sagen willst. Das wollte ich schon immer mal machen. Wir verlängern unseren Aufenthalt." Ihre Idee gefiel ihr immer besser. „Du kannst dich morgen mit deinem Charles treffen und ich lerne die Stadt endlich mal vernünftig kennen. So auf die Touri-Art, ganz ohne diese ganzen offiziellen Anlässe. In Lothlorieth erwartet uns doch gar nichts. Wir gehen zurück in die Botschaft, ich sage meinem Vater Bescheid und dann nehmen wir uns ein Hotelzimmer. Das hört sich doch gut an."
„Aber Lizzy, das können wir doch nicht machen", lautete Janes Protest. „Heute Abend, das war ja noch okay, aber für mehrere Tage… ich weiß nicht."
Diese Mal brauchte Lizzy weniger Zeit, um Jane zu überzeugen. Diese dachte an Charles, ja, die Idee hatte schon was, sie würde ihn so gern wieder sehen...
„Aber Lizzy, wir sind doch sozusagen inkognito unterwegs. Ich will Charles nicht anlügen."
„Das ist natürlich wahr. Aber manchmal muss man eben gewisse Sachen verschweigen, du kennst die Menschen doch. Ich würde es nicht lügen nennen. Nur wenn es etwas Ernstes ist, dann musst du es ihm natürlich sagen. Außerdem machen dich deine Titel ja nicht zu jemand anderem – wenn er Jane mag, dann kann er nichts gegen die Herzogin von Nargotha haben. Man muss halt bloß vorsichtig sein, es gibt so viele Speichellecker, sobald sie erfahren, wer wir sind."
„Aber was soll ich denn sagen?"
„Nun ja, wir kommen ja gerade aus den USA – schließlich haben wir dort die letzten vier Jahre studiert. Und was wir jetzt genau machen werden, das ist ja noch nicht klar." Sie stellte eine Art Lebenslauf auf. „Aber Jane, ich will dich zu nichts anstiften – ich würde es so machen. Schlussendlich musst du es selbst entscheiden."
„Nein, nein, es ist schon ganz gut so. Wir kennen das ja… Wenn wir hier schon als Touristen unterwegs sind, dann will ich auch ganz normal behandelt werden."
Und wenn es dann doch die große Liebe ist, dann hält sie das auch aus, dachte Lizzy. Jane verhielt sich ungewöhnlich.
Um sich selbst machte sich Lizzy wenig Gedanken. Sie erwartete ein paar nette Tage in Rom – mehr nicht. Auch so jemanden wir Charles zu finden, war doch sehr unwahrscheinlich – hier, in Rom, vielleicht sogar unter den Touristen? Nein, das erschien ihr gänzlich unmöglich. Sie wusste zudem, welche Erwartungen an sie als zukünftige Königin ihre Landes und ihren Ehemann gestellt wurden. Nein, sie würde so etwas nicht zulassen dürfen. Den Mann fürs Leben würde sie hier ohnehin nicht finden. Sie war doch erst 25, diese Gedanken verdrängte sie schnell wieder.
Auf dem Weg nach Hause merkte Will, dass mit seinem Freund irgendetwas anders war. Er wirkte merkwürdig abwesend.
„Sag mal, Will, glaubst du an die große Liebe?", fragte Charles dann auch unvermittelt.
„Was?", lautete die vollkommen überraschte Antwort.
„Die Liebe, mein Freund, die Liebe. Man findet sie einfach so ganz unverhofft. Morgen treffe ich mich mit ihr, Jane. Ich zähle die Stunden."
Was war denn jetzt passiert? War Charles verrückt geworden? Er sprach von einer Jane… Wer zum Teufel war Jane?
„Jane?", fragte Will langsam.
„Das Mädchen aus dem Kino – habe ich dir schon gesagt, wie glücklich ich bin, dass du mich mitgenommen hast? Ich habe sie eben wieder getroffen. Ich sage es dir, sie hat das bestimmte Etwas, sie ist ein Engel. Ich habe mich so gut mit ihr verstanden. Ich treffe sie und ihre Freundin morgen um 12 am Trevi-Brunnen."
Bei Will schrillten die Alarmglocken. Charles war ziemlich schnell mit Liebesbekundungen und es wäre nicht das erste Mal, dass er irgendwelchen geldgeilen Frauen aufgesessen war. Es war doch ein komischer Zufall, dass er dieser Jane so kurz hintereinander begegnet war. Die beiden waren inkognito in Rom unterwegs, aber sie könnten ja doch erkannt worden sein. In ihrer Heimat Großbritannien gehörten sie zu den begehrtesten Junggesellen. Und dann hier in Rom, während eines Geschäftsaufenthalts, die große Liebe finden? Er blieb skeptisch.
„Du hast ihr nicht zufällig gesagt, dass du Lord Bingley bist?", fragte er vorsichtig. „Wollte sie sich mit dir treffen?"
„Oh nein, sie kennt mich nur als Charles und die Idee mit dem Treffen kam von mir. Weißt du, sie und ihre Freundin sind erst seit heute in Rom. Sie hatten noch nicht die Gelegenheit zum Sightseeing."
Will war etwas beruhigt, aber er blieb misstrauisch. Es war nun einfach so, dass ihnen in ihrer Heimat die Frauen zu Füßen lagen, da sie einfach die perfekte Partie darzustellen schienen: jung, gut aussehend, reich, Single und adelig. Eigentlich hatte er nur schlechte Erfahrungen damit gemacht. Die Frauen verhielten sich einfach anders, wenn sie wussten, dass es sich bei Charles um Lord Charles Henry Richard Paul Bingley, Earl of Shrewsbury, handelte und er selbst Lord Fitzwilliam Edward Peter Benedict Harald Darcy, Duke of Derbyshire, war. Die Person galt eigentlich gar nicht, nur das Äußere schien wichtig zu sein und das hasste er! Für ihn als Mensch interessierten sich nur die wenigsten. So sehr er Charles sein Glück auch gönnte, er würde vorsichtig bleiben. Beobachten hieß die Devise, ihm würde ja wohl kaum das gleiche Glück wie seinem Freund widerfahren.
Lieber Papa!
Bitte mach Dir keine Sorgen, wenn Du das hier liest. Ich habe mir frei genommen. Ich weiß, eigentlich gehört es sich nicht für ein Mädchen in meiner Stellung, aber einmal in meinem Leben möchte ich mich wie eine ganz normale 25-jährige benehmen, bevor ich mich ganz in den Dienst meines/unseres Volkes stelle.
Gib mir eine Woche in Rom – mehr brauche ich nicht, dann bin ich wieder zurück. Lass nicht nach mir suchen, ich möchte mich nicht verstecken müssen. Ich kann auf mich selbst aufpassen, schließlich bin ich doch dein großes Mädchen! Außerdem ist Jane bei mir, uns wird nichts geschehen. Ich bitte Dich nicht um diesen Gefallen – ich erwarte von Dir, dass Du meinen kleinen Alleingang akzeptierst. Ich weiß, Du wirst es verstehen.
Wir sehen uns in spätestens 7 Tagen im Schloss.
Ich liebe dich,
Lizzy
Darunter ein Abdruck ihres Siegels.
Als König George den Brief von seiner Tochter, den er am Morgen auf seinem Schreibtisch gefunden hatte, durchgelesen hatte, lächelte er. Ja, das war seine Lizzy. Sollte sie noch einmal ihren Spaß haben. Bald schon würde genug Verantwortung auf ihren Schultern lasten.
Aus Angst, zu spät zu kommen, waren Lizzy und Jane schon eine halbe Stunde zu früh am vereinbarten Treffpunkt. Nach ihrem Auszug aus der Botschaft hatten sie sich ein Hotelzimmer gesucht und waren mit der U-Bahn gefahren. Glücklicherweise war auch Charles, der seinen Freund mitgebracht hatte, zu früh.
„Hi", sagte die beiden Verliebten und wussten nicht recht, wie sie sich verhalten sollten.
„Das ist Will", stellte Charles schließlich seinen Freund vor. „Er kennt sich in Rom viel besser aus und er spricht Italienisch."
„Ach, das tut Lizzy auch", sagte Jane. „Das ist ja ungemein praktisch."
Will und Lizzy gaben sich zur Begrüßung die Hand. Beide beäugten sich und den jeweiligen Freund/die jeweilige Freundin.
Nett, sympathisch, war Wills erster Gedanke. Er konnte Charles Zuneigung zu Jane sehr gut verstehen, auf den ersten Blick schienen sie wirklich gut zueinander zu passen. Jane war zurückhaltend und schüchtern, zudem war sie aber auch noch außergewöhnlich hübsch, groß und blond, das entsprach, nun ja, Charles' Beuteschema.
Ihre Freundin Lizzy war auch außergewöhnlich hübsch, aber auf eine andere Weise. Sie war eher der dunkle Typ, ihre braunen Haare hatte sie zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden, aber es war auch ihre Art, die anders war. Lizzys blaue Augen blitzten fröhlich und neugierig und es schien, als vergebe sie ihre Sympathien nicht halbherzig. Es entging ihm zudem nicht, dass auch sie eine scharfe Beobachterin war. Sie musterte ihn und seinen Freund aufmerksam.
Charles scheint ja echt ein netter Kerl zu sein, dachte Lizzy. Ja, er passte zu Jane. Und sein Freund… Lizzy würde nicht untertreiben, wenn sie sagte, dass er einer der bestaussehendsten Männer war, den sie je getroffen hatte. Er war groß und dunkelhaarig und schien auch sehr gut gebaut zu sein. Wenn er jetzt auch noch was in der Birne hat und nett ist, dachte sie, dann kann man ihn wohl als Traumtyp bezeichnen.
„Was habt ihr denn geplant?", fragte Jane.
„Habt ihr schon einmal den Vatikan besucht?", fragte Charles. Jane schüttelte den Kopf. „Gut, dann geht es da hin. Petersdom und so, mal gucken, ob der Papst – Wills Namensvetter – anwesend ist."
„Benedikt?", fragte Lizzy. „Ah, die famosen Mittelnamen? Da kann ich auch so mein Lied von singen. Aber Benedikt geht ja noch." Ich bringe es in der Gesamtheit auf neun Namen, dachte sie für sich, Elizabeth Sophy Alexandra Maria Rose Magdalena Catherine Iris Henrietta.
„Jep, Benedict ist okay", sagte Will nur und dachte an die Qualen, die er wegen seines schrecklichen Vornamens Fitzwilliam ausgestanden hatte.
Die vier machten sich gemeinsam auf den Weg, wobei sich sofort eine klare Zweiteilung ergab: Charles kümmerte sich nur um Jane, wodurch sich Will und Lizzy miteinander arrangieren mussten. Das war vielleicht auch besser so, denn im Gegensatz zu Jane, die wegen Charles kaum ein Auge für die Sehenswürdigkeiten um sie herum hatte, interessierte sich Lizzy sehr wohl für das, was Will ihr über die ewige Stadt erzählen konnte.
Gebildet ist er auch noch!, dachte Lizzy und sah sich den Mann an ihrer Seite noch genauer an. Er schien wirklich perfekt zu sein, extrem gut aussehend, gebildet, zuvorkommend, freundlich… Nein, ein Manko hatte er: Er war sehr reserviert. War das Schüchternheit? Nein, eher nicht, aber er schien nicht leicht zu knacken zu sein, an ihn heranzukommen schien schwierig zu sein. Vielleicht hatte er schlecht Erfahrungen gemacht?
Letzteres dachte Will auch über Lizzy. Sie hält sich bedeckt, bemerkte er. Sie scheint wohl ehrlich interessiert zu sein, aber Emotionen und Gefühle gibt sie dann doch nicht so schnell preis. Das scheint eine lang zuvor gelernte Lektion zu sein.
Insgesamt war er positiv überrascht von Jane und insbesondere Lizzy. Sie war so anders als die Frauen, mit denen er sonst so zu tun hatte, die waren so unterwürfig und so bestrebt, ihm zu gefallen. Da war Lizzy anders, die schien ihre eigene Meinung zu haben und er hatte das Gefühl, dass sie ihn auch so behandeln würde, wenn sie denn wüsste, wer er war. Und sie war gebildet, sie wusste, was sie tat und schien über eine gesunde Portion Selbstbewusstsein zu verfügen. Aber da war auch etwas, das er nicht ganz beschreiben konnte, es war da, aber er konnte nicht mit dem Finger darauf zeigen. Nun ja, dann genoss er einfach nur ihre überaus nette Gesellschaft.
Beide wussten nicht, wann sie sich das letzte Mal so gut mit einem/einer (fast) Wildfremden unterhalten hatten. Zunächst ging es – wie angekündigt – in den Vatikan. Lizzy war begeistert vom Petersdom und all den anderen Kulturschätzen, die es dort zu sehen gab. Der Papst war Zuhause, aber Lizzy verriet lieber nicht, dass sie den ehemaligen Kardinal Joseph Ratzinger kannte. Vor einigen Jahren war sie – als sie zusammen mit ihrem Vater eine Privataudienz bei Seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul II. besucht hatte – auch dem damals noch Vorsitzenden der Glaubenskongregration begegnet.
Danach ging es weiter zur Engelsburg. Um sich von seiner attraktiven Begleiterin abzulenken, beobachtete Will den Umgang zwischen Jane und Charles. Als Lizzy die Aufmerksamkeit den beiden gegenüber bemerkte, sprach sie ihn sofort darauf an: „Dir ist schon bewusst, dass wir uns nicht in jedem Urlaub von irgendwelchen Kerlen abschleppen lassen, oder?" fragte sie ihn. „Das mit Jane hier ist echt was besonderes, so habe ich sie noch nie – oder sagen wir, selten – erlebt."
„Das hätte ich auch nicht von euch beiden gedacht. Außerdem könnte man Ähnliches ja auch über Charles und mich sagen, dass wir hier, weil wir hier wohnen, einfach wahllos Touristinnen angraben. Aber auch Charles verhält sich außergewöhnlich."
„Na, da bin ich ja beruhigt."
Sie schwiegen, während Lizzy jetzt Jane und Charles beobachtete, die ihnen gegenüber saßen, aber nur miteinander beschäftigt waren, richtete Will seinen Blick auf Lizzy. In seinen Augen gewann sie immer mehr. Sie war bezaubernd! Eine Traumfrau, absolut, aber er musste aufpassen, dass er in seiner Bewunderung nicht zu weit ging. Sie gehörte nicht in seine Welt, nach ihrem Urlaub würden sie sich doch ohnehin nicht wieder sehen.
Als Lizzy bemerkte, dass sie jetzt beobachtet wurde, wusste sie zunächst nicht, ob ihr das jetzt unangenehm sein sollte oder nicht. Schließlich ging sie auf Konfrontationskurs und starrte zurück. Er hielt ihrem Blick stand, wie lange sie sich so ansehen, konnte sie nicht sagen, es war einfach nur lautlose Kommunikation zwischen ihnen. Schließlich aber, als Lizzy spöttisch eine Augenbraue hob, war es damit vorbei, denn Will musste wegen dieses Gesichtsausdrucks lachen. Diese Grübchen! Gott, er hat Grübchen!, dachte Lizzy, was für ein süßes Lachen er hat! Und sein Blick eben war ihr gar nicht unangenehm gewesen, ganz im Gegenteil…
Am Nachmittag kauften sie sich ein Eis und setzten sich in ein kleines Straßencafé.
„Also", begann Lizzy schließlich das Gespräch, „was macht ihr denn sonst so, wenn ihr nicht gerade junge Touristinnen durch die Stadt führt?"
„Charles und ich, wir arbeiten hier in Rom für einige Zeit", sagte Will. „Ich für Anne's und Charles für Shwearl."
„Anne's? Diese Luxushotel-Kette?"
„Jo."
„In einem Hotel? Echt?", fragte Lizzy. „Was machst du denn so? Portier, Concierge, Küchenchef…?"
„Nee, eher so hinter den Kulissen, ein langweiliger Bürojob in der Verwaltung." Er sagte wohl besser nicht, dass er sozusagen der Chef von Anne's war, wie auch von all den anderen Unternehmen, die zu Darcy Enterprises gehörten.
„Ah", sagte Lizzy, „das geht ja noch, Bürojob, ja, da bist du der Typ für. Dann hast du ja auch ganz normale Arbeitszeiten, nicht Schichtdienst wie andere im Hotel, sondern von Montags bis Freitags im Büro sitzen und die Wochenenden frei?", neckte sie ihn.
„So kann man es sagen", sagte Will nur und wollte lieber gar nicht an den Berg an Arbeit denken, der Zuhause noch auf seinem Schreibtisch lag. Eigentlich sollte er auch heute (einem Samstag) arbeiten, aber er hatte ja nicht ahnen können, dass er den Tag so abwechslungsreich in so angenehmer Gesellschaft verbringen würde.
„Was ist denn Shwearl für eine Unternehmen?", fragte Lizzy neugierig. „Das sagt mir nichts."
„Ein Technologie-Konzern", es war Will, der antwortete. „Der Stammsitz ist in England, Italien ist einer der Auslandssitze. Es war mehr oder weniger Zufall, dass wir hier gleichzeitig arbeiten, wir kennen uns schon länger, wir haben zusammen studiert." Er merkte, dass er versuchte, vom Thema wegzukommen. Er wollte (noch) nicht, dass die Mädchen wussten, wer ihnen gegenüber saß.
„Studiert, was denn?", fragte Lizzy.
„BWL", sagte Charles.
„Nein!", rief Jane. „Ha! Das habe ich auch!"
„Ehrlich?", Charles war ganz entzückt.
„Ja, also BWL war mein Hauptfach, ich hatte eine etwas komische Kombination, ich habe nämlich auch Kurse in englischer Literatur belegt."
„Jetzt fehlt nur noch, dass du auch BWL studiert hast", sprach Will (ganz froh über den Themenwechsel) Lizzy an.
„Nicht ganz. Ich habe Kurse belegt – man kann sagen, ich verfüge über eine gewisse betriebswirtschaftliche Grundbildung – aber mein Schwerpunkt war Politikwissenschaften."
Die Art, wie sie das sagte, macht Will stutzig. „Wolltest du das nicht?", fragte er.
„Ach ja, es war nett zu studieren, aber es war halt nur meine zweite Wahl."
„Und die erste wäre gewesen?"
„Medizin."
„Woran ist es gescheitert?"
„Mein Vater sagte, Politikwissenschaft sei wohl besser für mich." Und es wäre wohl nicht gut, wenn die Thronerbin als Ärztin für Ärzte ohne Grenzen in Krisengebiete geht – denn das war ihr Traum gewesen.
Will merkte, dass er ein empfindliches Thema getroffen hatte und sagte weiter nichts.
Sie beschlossen schließlich, sich noch das Pantheon anzuschauen. Auf dem Weg dahin mussten sie eine recht belebte Straße überqueren. Charles – schon ganz daran gewöhnt – ging einfach über die Straße, so machte man das, freiwillig hielten die Autos nämlich nicht an, und zog Jane mit sich.
Lizzy wollte es ihm nachtun und hatte bereits den ersten Schritt getan, als Will, der hinter ihr ging, von links eine Bewegung bemerkte. Reflexartig griff er nach ihrem Arm und zog sie zurück zu sich – keine Sekunde zu früh: einen Augenblick später rauschten zwei LKWs mit vollem Tempo vorbei.
Die beiden standen am Straßenrand und waren geschockt, sie merkten nicht, dass Will Lizzy fest im Arm hielt und diese sich wiederum an ihn klammerte. Jane und Charles kamen wieder zu ihnen zurück.
„Was ist denn los?", fragte Jane.
„Ich hätte sterben können", sagte Lizzy. „Ich hätte sterben können", wiederholte sie, sie war nicht hysterisch oder so, sie sagte es einfach so wie eine Feststellung gerade heraus. „Ich hätte sterben können…", sagte sie noch einmal leise.
„Lizzy wäre gerade eben beinahe von einem LKW überfahren worden", erklärte Will.
„Oh", war das einzige, was den anderen dazu einfiel.
In diesem Augenblick merkten Will und Lizzy, wie nahe sie sich standen. Will hatte immer noch schützend seine Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen. Ihr Kopf lag an seiner Schulter. Es fiel beiden schwer, voneinander loszulassen, die unmittelbare körperliche Präsenz des anderen war alles andere als unangenehm.
Beim erneuten Überqueren der Straße nahm Will Lizzy diesmal an der Hand, ließ dann aber überraschenderweise danach sofort los, als hätte er sich verbrannt. Das verstörte Lizzy jetzt ein wenig, was war los mit ihm? Auch der Schock?
Will war plötzlich klar geworden, auf welch gefährlichem Terrain er sich bewegte. Es darf nicht! Es geht nicht!, schrillten plötzlich alle Alarmglocken in seinem Kopf. Das gerade eben war schon eine ziemlich gefährliche Sache gewesen, es war ihm viel zu schwer gefallen, sie loszulassen. Er musste aufpassen, redete er sich ein.
Lizzy bemerkte die plötzliche Veränderung in seinem Verhalten und das verwirrte sie, plötzlich war das Pantheon nicht mehr so interessant.
Jane bemerkte den plötzlichen Stimmungsumschwung ihrer Freundin und dachte, es liege an dem Schock von der Sache eben, mit dem LKW – Lizzy war ganz blass. Sie war auch nicht mehr ganz da. Es war ihr ganz recht, es auf den Beinahe-Unfall schieben zu können.
Die beiden Frauen verabschiedeten sich früher als erwartet und kehrten in ihr Hotel zurück, der Tag endete dann doch ziemlich abrupt, aber Lizzy wollte weg von Will. Plötzlich war da etwas, das sie nicht richtig einordnen konnte.
