Ein Ausritt am Abend

Charlie


Ich lehnte an unserem alten, blauen Geländewagen und wartete auf Zoë, Silena und Tristan. Reyna saß schon auf dem Beifahrersitz und schaute gelangweilt aus dem Fenster.

„Hey Charlie, auf wen wartet ihr?", rief jemand und ich entdeckte Laura, die ihr Fahrrad an uns vorbei schob.

„Auf unsere Geschwister", meinte ich nur.

Just in diesem Moment kamen die Drei auf uns zu.

„Mensch Charlie, musst du so versteckt parken?", rief Silena.

„Hier sind wir doch heute morgen auch ausgestiegen", wunderte ich mich.

Silena zuckte nur mit den Schulter und stieg mit Zoë und Tristan in den Wagen, während ich mich kopfschüttelnd hinters Steuer setzte. Obwohl ich die Aussicht auf ein Mittagessen vom weltbesten Koch der Welt, alias mein Dad, hatte, hatte meine Laune ihren Tiefpunkt erreicht. Auf eine normale High School zu gehen war doch schwerer als gedacht, schließlich war ich vorher auf der Julius High in Camp Jupiter. Als ich die Haustür aufmachte schlug mit der Geruch von Dads Nudelauflauf entgegen, der, und dafür würde ich Wetten abschließen, blau sein würde.

Ich hatte, natürlich, recht, und so saßen Mom, Dad, Silena, Zoë, Onkel Jason, Tante Piper, Tristan, Reyna und ich beim Essen und Mom schwärmte von ihrem neusten Projekt.

„ … und vorne habe ich dann zehn Säulen eingebaut, die halbkreisförmig vor dem Eingang stehen. Und dann ...", so ging es das ganze Essen lang, aber das war okay, denn es war normal und gab mit ein Gefühl von Heimat, dass ich seit unserem Umzug nicht mehr hatte.

„Sag mal, Charlie, hast du Lust gleich noch ein bisschen auszureiten?", fragte Dad mich flüsternd, „Wir könnten auch surfen gehen."

„Das wäre toll, ich bin schon ewig nicht mehr auf Deep geritten", freute ich mich.

Poseidon hatte unserer Familie kurz nach meiner Geburt ein paar Pferde geschenkt, die genauso lange leben würden wie wir. Silena und Zoë hatten zu ihrer Geburt ebenfalls je eines bekommen und für Freunde und Verwandte besaßen wir noch ein Gästepferd. Sie lebten in einem als Gartenschuppen getarnten Stall hinterm Haus, der mit den Koppeln im Camp verbunden war.

Nach dem Essen, den Hausaufgaben und dem Kampftraining gingen Dad und ich zu unseren Pferden.

Dads Stute war weiß und er hatte sie Wave getauft. Mein Hengst hatte ein so schwarzes Fell, dass es fast dunkelblau wirkte, weswegen ich ihn Deep Ocean, kurz Deep, genannt hatte.

Wie immer ritten wir ohne Sattel und preschten den Strand entlang. Dad turnte auf Wave herum und ich selbst ritt im Handstand, als ich eine Person weiter vor uns entdeckte, die am Strand joggte.

„Dad, reit mal langsamer!", brüllte ich, „Da ist jemand."

„Okay", rief er zurück und parierte Wave durch.

Ich holte ihn ein, bevor auch ich in den Schritt wechselte.

„Ich würde sagen unentschieden", grinste ich.

„Klar, Kumpel und ich bin Zeus", schnaubte Dad belustigt.

Ich schnappte gespielt überrascht nach Luft: „Warum hast du mir das nie gesagt?!"

Dad boxte mich leicht in die Schulter und grinste. Wir hatten die Joggerin erreicht und ich hatte sie als Laura identifiziert, die uns mit offenem Mund anstarrte.

„Hey Laura", grüßte ich sie.

„He – Hey Charlie", stotterte sie, „Bist du gerade im Handstand hier her galoppiert?"

„Ja, bin ich, wieso? Ist das etwa verboten?", grinste ich.

„Äh, nein, es ist nur, also ...", Laura schien sich nicht sicher zu sein, was sie sagen wollte.

„Ich glaube, ich lass euch allein", stellte Dad fest und ich wollte schon protestieren, aber Dad war schon weg.

„Wo hast du so gut reiten gelernt?", fragte Laura.

„Mein Dad hat es mit beigebracht", meinte ich und stieg ab.

„Ist das dein Pferd?", fragte sie und zeigte auf Deep.

„Ja, das ist Deep", stellte ich vor. Darf sie dich streicheln?, fragte ich ihn. Wenn sie will, kam es von mit aus, gab Deep zurück.

„Du kannst ihn gerne streicheln", bot ich an und Deep entwich ein Schnauben.

Laura streckte tatsächlich die Hand aus und fing an Deep Nase zu streicheln.

„Wie lange reitest du schon?", fragte sie mich.

„Seit ich denken kann", antwortete ich.

„War das dein Dad auf dem anderen Pferd?", fragte sie weiter.

„Ja – sag mal wird das ein Interview oder so?", stichelte ich.

„Ich – nein, also ich bin ...", sie sah mich hilfesuchend an und ich lachte.

„Schon gut, war nur ein Spaß. Joggst du jeden Abend?", fragte ich sie.

„So gut wie, manchmal hab ich was zu tun aber eigentlich schon und du? Reitest du immer um diese Uhrzeit?", fragte sie.

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, manchmal auch früher oder später. Je nachdem, wie es gerade passt", meinte ich.

Laura warf einen Blick auf ihre Uhr und sagte: „Ich sollte gehen, es ist schon ziemlich spät und ich muss noch mit meinem Hund raus."

„Ist gut", meinte ich und stieg wieder auf Deep, „Wo musst du hin?"

„Main Street 45", antwortete sie und ich stützte.

„Hey, wir sind Nachbarn", meinte ich.

„Wo wohnst du denn?" „Main Street 46", erzählte ich.

„In dem riesigen Haus?", wunderte sich Laura.

„Wir sind immerhin zu neunt", verteidigte ich mich.

„Du hast sechs Geschwister?", fragte sie.

„Nein, wie wohnen zusammen mit Reynas Eltern und ihrem Bruder und ich hab zwei kleine Schwestern", lachte ich, „Die sind mir genug."

„Ach so", murmelte Reyna.

Wir waren bei unserem Garten angekommen und Laura ging durch einen kleinen Pfad zu ihrem Haus, während ich Deep wieder in den Stall brachte.

Als ich ins Wohnzimmer kam, sah ich Mum, Dad, Jason und Piper auf den Sofas sitzen. Piper quietschte, als sie mich sah und ich ahnte schlimmes.

„Was hast du ihr erzählt?", fragte ich Dad.

Der lachte nur und überließ mich Piper.

„Und wie heißt sie? Sieht sie gut aus? Worüber habt ihr geredet?", fing sie an.

Manchmal kommen bei ihr die Aphroditegene durch und danach tut ihr das immer furchtbar leid.

„Laura, vielleicht, über alles mögliche", antwortete ich und floh in mein Zimmer, während ich die Erwachsenen lachen hörte. Von meinem Zimmer aus konnte ich auf Nummer 45 gucken und sah, dass in dem Zimmer gegenüber von mir Licht brannte und Laura am Fenster saß und las.

„Von wegen Hund", lächelte ich, obwohl ich mir das schon fast gedacht hatte.

Am nächsten Tag musste ich natürlich wieder früh raus und quälte mich aus dem Bett. Das Haus war erfüllt von dem Geruch von Speck, Eiern und Toast.

Es ist schon praktisch, wenn man einen Vater hat, der von zu Hause aus arbeitet und so gut kochen kann. Die Schule verlief genauso wie am Vortag und ich kam um halb vier nach Hause.

Dann machte ich Hausaufgaben und übte danach mit Reyna Schwert- und Nahkampf. Dad beobachtete uns zwischendurch und kommentiert, aber nach jahrelangem Training gab es nichts mehr, dass erwähnenswert gewesen wäre, außer, dass ich Reyna fast geköpft hätte, aber auch nur fast. Als wir wieder nach oben kamen, sah ich, dass Dad am Küchentisch saß und Daten auswertete und Piper über eine IM mit Hazel redete.

„Ich muss weg, Pipes. Wir sehen uns", verabschiedete Hazel sich und die IM verschwand.

Ich lies mich auf einen der Sessel fallen und Piper sah auf.

„Hey Charlie, ich wollte mich bei dir noch für meinen Aussetzer gestern Abend entschuldigen", fing sie an.

„Schon gut, ich kenne das ja", meinte ich nur.

„Wie läuft es in der Praxis?", fragte ich sie stattdessen. Piper war Psychologin und hatte im nächsten größeren Ort eine eigene Praxis.

„Super, wir machen Fortschritte mit Patienten und die letzten Umbauarbeiten sind auch abgeschlossen", erzählte sie, froh über den Themenwechsel, „Wie ist es eigentlich in der Schule gelaufen?"

„Ganz gut, aber es ist anders. Ich musste wirklich aufpassen, dass ich mich beim Schwimmen nicht verplappert hab, aber sonst", erzählte ich.

„Das ist schwer. Aber du kannst froh sein, dass du weißt was du bist. Dad hat mich damals von einer Schule zur nächsten geschickt, bis ich auf die Wüstenschule kam", meinte sie.

„Wo die Kids die Tiere sind", lachte ich. Jason, Leo und sie selbst hatten uns die Schule oft genug geschildert. Piper lächelte.