Kapitel 1 – Wiedersehen

Hogwarts, 24. August 2005
Hermine Granger saß an Ihrem Schreibtisch und sah gerade ihre Post durch, als Winky eintrat.
„Miss, Sie haben Besuch"
„Wer ist es denn Winky?"
„Es ist Master Potter."
„Danke, ich komme sofort runter."
Damit verschwand ihre kleine Hauselfe. Hermine seufzte. Harry war wieder da. Wahrscheinlich würde er nun die Wahrheit wissen. Über 4 Monate war er auf der Suche nach den Todessern gewesen.

„Ich komme erst zurück, wenn ich deinen Peiniger gefunden und zur Strecke gebracht habe" hatte er gesagt. Allerdings wusste sie nicht, ob sie es wirklich wissen wollte. Sie war eigentlich ganz froh, dass sie sich nicht an diese Nacht erinnern konnte. Ihren Eltern ging es doch wieder gut. Und sie? Nun sie hatte es einfach verdrängt. Sich nach der finalen Schlacht in die Arbeit gestürzt und mit niemanden darüber geredet. Ihr kam zugute, dass nur Harry, Professor McGonagall und sie wussten, was passiert war. Obwohl... Was wirklich passiert war, dass weiß wahrscheinlich nur der Todesser selbst. Sie selbst konnte sich nicht daran erinnern und die Heiler in St. Mungos konnten nur Vermutungen anstellen.

Hermine erhob sich und ging hinunter ins Wohnzimmer, wo ihr bester Freund auf sie wartete.
„Hallo Harry." sagte sie vorsichtig. Sie musterte ihn von oben bis unten. Er sah ausgemergelt aus. Tiefe Augenringe zierten sein Gesicht, auch lag ein trauriger Blick in seinen Augen. Der Mann, der vor ihr stand schien in den letzten 4 Monaten um Jahre gealtert zu sein.
„Nana Mine, freust du dich gar nicht, mich wieder zu sehen?" stürmisch umarmte er sie.
„Einerseits freue ich mich, dich wieder zu sehen, aber andererseits weiß ich nicht, ob ich deine Neuigkeiten wissen will."
Trotzdem erwiderte sie seine Umarmung und lächelte ihn an. Schließlich war er ihr bester Freund. Mit Ron hatte sie kaum noch Kontakt. Er verstand nicht, was Harry und sie verband und dachte, sie wären heimlich zusammen gewesen. Da Ron selber aber jahrelang in Hermine verliebt gewesen war kapselte er sich immer mehr ab. Hermine hingegen konnte es Ron einfach nicht sagen. Zu tief war ihre Scham deswegen.

„Harry, lass uns erst einmal einen Kaffee trinken, bevor du mit deinen Neuigkeiten rausrückst. Magst du was essen?" Hermine rief Winky und bestellte Kaffee und Kuchen, und so aß Harry erst einmal etwas und sie schlürften an dem starken Kaffee.
„wie immer zu stark" grinste Harry.
„Für dich vielleicht, aber für mich ist er gerade richtig." lächelte sie zurück.
„Aber der Kuchen ist lecker, iss doch auch was?"
„Nein, danke. Ich steh nicht so auf Kuchen."
„Aber Mine, du bist nur noch Haut und Knochen! In deiner Lehrerrobe mag es zwar niemand sehen, doch ich weiß, dass du seit diesem Ereignis nie wieder richtig gegessen hast. Du wirst noch verhungern!"
„Blödsinn, ich esse genug, doch die Monate hier ohne dich waren stressig. Ich war schon ein wenig überfordert, zwei Fächer zu lehren. Ich gehe mal davon aus, dass du nun wieder hier bleibst."
„Klar, ich habe das unterrichten echt vermisst. Haben sie dieses Jahr ein neuen Lehrer für Zaubertränke gefunden?" Seitdem Severus Snape nicht mehr in Zaubertränke unterrichtete schien dieses Fach verflucht. Nicht nur, dass es nur wenige Lehrer dafür gab, keiner wollte länger als ein oder zwei Jahre bleiben. Hermine hatte direkt nach ihrem Studium den Posten als Lehrer in Verwandlung übernommen. Obwohl sie sich immer für Zaubertränke interessiert hatte, wollte sie dies nie unterrichten.
„Nein, so wie es aussieht wird der Unterricht dafür wohl ausfallen. Minerva hat bei Professor Snape nachgefragt, jetzt, wo er nicht mehr in Askaban sitzt."
„NEIN" entfuhr es Harry.
„Mensch Harry, werde langsam mal erwachsen. Er hasst dich und du hasst ihn, klar. Aber er ist nun mal unschuldig. Albus Testament hat es doch bewiesen, er musste ihn töten. Außerdem hat er jetzt fast 7 Jahre in Askaban gesessen und das hat er nicht verdient."
Harry dachte aber ganz anders darüber. Doch er behielt dies lieber für sich.
„Und, hat er ja gesagt?"
„Soweit ich weiß, überlegt er noch. Aber was will er denn anderes machen? Kein vernünftiger Zauberer wird ihn irgendwo einstellen, schließlich ist er ein Mörder und Todesser."
„Tja, da werden wir mal sehen. Nochmals danke, dass du meinen Unterricht übernommen hast. Hast du die Unterlagen für das Kommende Schuljahr schon vorbereitet?"
Hermine grinste. Wie schon zu Schulzeiten.
„Klar, ich wusste ja nicht, wann du kommst, und der Unterricht beginnt ja nächste Woche wieder."
„Gut Mine, ich muss erst einmal los. Ich will nochmal zu Minerva, wir sehen uns dann in der großen Halle." Damit sprang er auf und rannte fast aus ihren Gemächern. Hermine sah ihm nur ungläubig hinterher. Wollte er ihr nicht noch etwas sagen? Nein, sie wollte es einfach nicht wissen.

„Harry, schön, dass du wieder da bist." begrüßte Minerva ihren Lehrer.
„Es freut mich auch, wieder hier zu sein. Hallo Albus." Harry begrüßte immer das Porträt des letzten Direktors in Hogwarts.
„Wie war deine Reise?" fragte der ehemalige Direktor.
„Ereignisreich. Aber darüber wollte ich nicht reden."
„Was gibt es denn?" fragte Minerva nun.
„Ich habe gehört, dass Snape wieder als Lehrer hier anfangen soll."
„Professor Snape." verbesserte das Porträt.
„Nein, keiner von euch beiden kann verlangen, dass ich diese miese Schlange mit Professor anspreche" wetterte Harry sofort los.
„Harry, er hat dir das Leben gerettet. Wir wissen, dass du nicht gut auf ihn zu sprechen bist, aber er ist trotz allem immer auf unserer Seite gewesen."
„Er hat viele Menschenleben zerstört..."
„Das wissen wir. Aber er hat eine 2. Chance verdient. Er hat genug durchgemacht. Außerdem wurde es einstimmig abgestimmt, dass er wieder kommt." unterbrach Minerva ihn.
„Das ist ein Fehler" zischte Harry zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Nein, ist es nicht. Und nun ist dieses Thema beendet. War deine Reise erfolgreich?"
„Wie man es nimmt. Ich habe dank Hermines Veritaserum herausgefunden, wer es war. Aber ich bin nicht bereit, es irgendjemanden außer Hermine zu sagen. Und das auch nur, wenn sie es wirklich wissen will." Stur schaute er zwischen seiner Vorgesetzten und seinem ehemaligen Direktor hin und her. Albus sah Minerva kurz an und schüttelte mit dem Kopf. Diese verstand sofort.
„Gut, aber irgendwann wirst du es uns sagen müssen."
„Nein, wenn es Hermine nicht wissen will. Es geht nur sie etwas an."
„Gut Harry, dass sehen wir ein. Geh erst einmal in deine Gemächer. Versprich mir, dass du dich nicht mit Professor Snape anlegst! Er kommt gerade aus Askaban und das ist die wahre Hölle, dass weißt du."
„Es tut mir leid Minerva, aber ich kann es dir nicht versprechen. Gute Nacht" Damit verschwand der junge Mann.
„Harry weiß irgend etwas..." seufzte Minerva.
„Ja, und wir finden noch raus, was es ist..." zwinkerte Albus ihr zu.

Severus Snape war tatsächlich durch die Hölle gegangen, und wenn er ehrlich mit sich selbst war, ging er immer noch durch die Hölle. Und das hatte nicht mit seiner Inhaftierung zu tun. Askaban war zwar grausam, doch er verdiente es, und fast hätte er sich gewünscht, dort bleiben zu dürfen. Denn irgendwann hätte ihn einer der Dementoren bestimmt erwischt. Dann wäre der letzte und schon total zerstörte Teil seiner Seele endlich von ihm gegangen. Doch selbst dieser Wunsch blieb unerfüllt. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder nach Hogwarts zu kommen. Dies war die einzige Möglichkeit, zu überleben. Doch wollte er das überhaupt noch? Selbst für Selbstmord war er zu feige. Wie oft hatte er mit seinem Gürtel in der Hand überlegt, seinem verhunzten Leben ein Ende zu bereiten. Doch fehlte ihm der Mut dazu. Verdient hatte er dieses Leben doch. Schließlich hatte er nur gemordet, geschunden und Menschen in ihr Verderben gestürzt. Warum sollte ihm dann ein Freitod davor schützen sollen? Nein, er hatte verdient, mit der Schuld zu leben. Doch er ahnte nicht, wie grausam das Leben ihm noch Streiche spielen sollte, als er durch die Tore von Hogwarts ging. Minerva begrüßte ihn sogleich. Sie musterte ihn. Seine Haare fielen ihm matt den Rücken herunter und waren mit grauen Strähnen durchsetzt, sein Gesicht war noch blasser, als es überhaupt möglich war. Er war rasiert, hatte aber einen kleinen Bart an Oberlippe und Kinn gelassen, der ihn noch schmaler erscheinen ließ. Dabei war er so oder so nur noch Haut und Knochen.

„Hallo Severus. Schön, dich wieder zu sehen. Komm, Albus freut sich schon." Sie führte ihn zu ihrem Büro. Er sah zum Porträt von Albus. Dieser winkte ihm freudig zu.
„Wie geht es dir?"
„Das willst du nicht wissen Minerva."
„Doch, ich will es wissen."
„Nein, glaub mir, das willst du nicht." knurrte er.
„Gut... Und, zu welchen Ergebnis bist du gekommen? Möchtest du wieder unterrichten?"
„Was habe ich denn für einen Wahl?" schnaubte er in alter Manier. Doch trotzdem hörte es sich schwach an.
„Keine, trotz deiner Unschuld. Aber hier wirst du erst einmal zur Ruhe kommen."
„Das glaube ich weniger, aber ich werde trotzdem wieder kommen."
„Gut Severus, es freut mich, dass zu hören. Doch nun wirst du dich erst einmal ein paar Tage ausruhen. Dein Unterricht wird den ersten Monat übernommen werden. Du fängst dann ab Oktober wieder an zu unterrichten."
„Wer ist denn hier fähig, meinen Unterricht zu übernehmen?"
„Professor Granger."
„Was, sie ist hier?" erwiderte er entsetzt.
„Ja, Sie und Herr Potter sind die neuen Lehrer."
„Ich kann nicht hier bleiben" schrie er fast panisch und wollte schon aus dem Büro verschwinden.
„Du bleibst!" donnerte nun Albus aus seinem Porträt. Selbst in einen Rahmen gezwängt strahlte er noch eine riesige Macht aus, der auch Snape nicht wiederstehen konnte. Doch er drehte sich nicht um, als er traurig sagte.
„Ich kann nicht. Es war ein Fehler her zu kommen. Ich kann nicht unterrichten."
„Doch, du wirst, denn du kannst nirgends hin. Also setzt dich wieder."
„Danke, dass du mich daran erinnerst." sagte er wütend, nahm aber Platz.
„Du bleibst hier, und wirst unterrichten, sobald du wieder zu Kräften gekommen bist." Minervas Worte ließen keinen Widerspruch zu.
„Ich habe ja keine Wahl. Kann ich nun in meine Gemächer, oder sind die bereits an jemand anderen vergeben worden?"
„Kannst du. Du wirst auch wieder zum Hauslehrer ernannt. Wir haben an deinen Gemächern nichts verändert."
„Danke" murmelte er und verschwand sogleich.

Seine Gemächer waren tatsächlich nur sauber gemacht worden. Nach seinem schnellen Abgang vor 8 Jahren hier aus Hogwarts konnte er seine persönlichen Sachen nicht mitnehmen. Acht Jahre... Wenn er ehrlich mit sich selbst war, wusste er, dass er das Unterrichten vermisst hatte. Doch nun wollte er am liebsten sofort wieder verschwinden. Und das nur, weil er eine ganz bestimmte Person nie wieder sehen wollte...

„Willkommen zurück, Professor Snape." Er zuckte zusammen, drehte sich dann um. Poppy musterte ihn eingehend.
„Danke" murmelte er nur. Er war bereits den ganzen Morgen auf der Lauer gewesen und hoffte inständig, keinem zu begegnen. Es war ihm klar, dass er sich nicht ewig verstecken konnte, doch heute fühlte er sich noch nicht in der Lage, sich seinen Taten zu stellen.
„Wie geht es Ihnen? Sie müssen unbedingt zu Kräften kommen, ich bringe ihnen einen Stärkungstrank. Wollen sie heute nicht lieber in ihren Gemächern bleiben? Ich kann ihnen dann auch etwas zu essen bringen."
Obwohl er sich nur sehr ungern helfen ließ, war er doch froh über den Ausweg.
„Ich glaube sie haben recht. Ich bin dann wieder unten." Mit bedachten Schritten ging er die Treppe runter. Poppy schaute ihm kopfschüttelnd hinterher. Seit wann ließ er sich denn freiwillig helfen?

„Guten Morgen Minerva. Hey Mine." begrüßte Harry die beiden. Er war gerade zum Frühstück in die Halle gekommen. Die beiden saßen bereits am Tisch und unterhielten sich.
„Morgen Harry, gut geschlafen?" grinste Mine.
„Wie Gott in Frankreich" grinste er zurück.
„Minerva? Wann müssen wir hier denn mit Snape rechnen? Damit ich mich mental darauf vorbereiten kann!"
„HARRY" schrie Hermine entsetzt.
„Harry Potter!" sagte Minerva erbost. „Er war dein Lehrer und nun ist er dein Kollege. Also zoll ihm Respekt. Er hat schon genug durchgemacht. Schließlich saß er unschuldig in Askaban."
„Unschuldig? Er hat gemordet und geschunden und noch viel mehr. Wenn hier einer schuldig ist, dann er!"
„Das mag sein, aber er hatte keine Wahl! Und das weißt du." erwiderte Hermine.
Wenn du wüsstest... schoss es ihm durch den Kopf. Doch sagte er stattdessen
„Ich weiß nicht, ob er nicht doch Gefallen an seinen Taten hatte..."
„Es reicht jetzt. Severus ist bereits hier und ihr werdet ihn hier willkommen heißen, verstanden?" Minerva war sichtlich genervt.
„Natürlich" erwiderte Hermine sofort, während Harry nur vor sich hin brummte. Aber die Direktorin schien damit einverstanden, denn für sie war das Thema erst einmal vom Tisch.
„Hermine, wir werden heute Abend eine Sitzung mit allen Hauslehrern einberufen. Kannst du bitte Sprouty und Flitwick Bescheid geben? Wir müssen uns noch auf das kommende Schuljahr vorbereiten."
„Klar, ich werde den beiden gleich Bescheid geben." und an Harry gewandt sagte sie. „Hier Harry, deine Unterlagen. Für das erste Halbjahr ist schon alles vorbereitet." Sie reichte ihm einen großen Packen Pergamente.
„Danke, Du bist ein Schatz, aber das weißt du bestimmt schon. Wollen wir nach eurer Sitzung noch nach Hogsmaede gehen? Ich lad dich auf ein Butterbier ein."
„Da sag ich doch nicht nein" grinste sie und stand auf. „Ich werde dann mal..."

-TBC-