PrologIhre spitzen schreie hallten über die hohen Mauern des Thronsaales.
Er war wie erstarrt, konnte keinen Muskel rühren, konnte nichts tun als zusehen, wie Blount sein Schwert erhob. Der Stahl blitzte auf und als der schwere Griff sie hart am Oberschenkel traf schrie sie erneut.
Ihre Schreie waren laut und qualvoll. Panik und Schmerz lagen in ihren vor Tränen verquollenen Augen.
Die Hand, die er selbst wie gewohnt auf dem Griff seines eigenen Schwertes hielt, zuckte gerade als die kleine Ratte von König, die neben ihm stand begeistert auflachte.
„Zieht sie aus! Zeigt uns allen, was der Norden so zu bieten hat!" Schrie der Bastard-König und Sandor merkte, wie das Blut in seinen Ohren zu rauschen begann.
Blinde Wut stieg in ihm auf und es viel ihm immer schwerer still und starr da zu stehen.
Als Blount ihr Kleid zerriss und sie hysterisch schluchzend und nackt zusammen brach, trat er unwillkürlich einen Schritt vor.
„Genug!" Bellte er, konnte sich einfach nicht länger zurück halten bei dem Anblick, die sie ihm bot.
Doch sein Ausruf erstarb im Knall der auffliegenden Saaltür.
Während der Gnom herein trat und dem grausamen Schauspiel ein Ende bereitete, starrte der Hund unverwandt auf das zitternde Vögelchen am Boden...
Unfähig den Anblick noch länger zu ertragen trat er vor.
Er spürte deutlich wie sich seine Brust schmerzhaft zusammenzog, während er sich den weißen Umhang von den Schultern riss. ´Diese dreckigen Bastarde`, dachte er angewidert, während er sich über sie beugte und den schweren Stoff über ihre bebenden Schultern legte. Als die Spitzen seiner Finger ihre warme, weiche Haut berührten verzog sich sein Mund zu einer schmerzverzerrten Grimasse...
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Das schwerste am Sterben war die Reue.
Reue vergangener Tage, Reue verpasster Chancen und Reue unerledigter Taten.
Das Wissen, dass man keine weitere Chance mehr hatte.
Das Wissen darüber, dass man es nie wieder gut machen konnte, nichts davon.
Es war die größte Folter hilflos und ohnmächtig zu sein.
Nicht in der Lage zu sein irgendetwas daran zu ändern...
-.-.-.-.-.-.-Der eisige Wind peitschte unbarmherzig über die offene Weite des Tals.
Nun da auch die letzten Tage des Sommers vorüber waren, wurde es von Tag zu Tag kälter und düsterer.
Während er Stranger voran trieb, lag nicht mehr als grünes Land, felsige Steine und ein weiter Weg vor ihm.
In den letzten Tagen hatte sich die Landschaft deutlich gewandelt.
Aus den weiten flachen Wiesen, sandigen Küsten und vereinzelten kleinen Wäldern waren felsige Hügel und dunkelgrüne Täler geworden.
Je weiter er nördlich ritt, desto näher kamen ihm die riesigen, schneebedeckten Mondberge.
Wenn er in zwei Tagen die hohe Straße erreichte, würde er schon in einer Woche vor dem Bluttor stehen.
Auch wenn er noch immer nicht wusste, wie er dieses verdammte Tor unbemerkt durchqueren sollte.
Man hielt ihn für tot und genau so sollte es auch bleiben.
Würde ihn auch nur einer dieser Scheißer auf der Ehr erkennen, würden sie ihn ohne zu zögern durch das verschissene Mondtor werfen.
Als er einen kleinen Bach erreichte, an dessen Ufer eine große Weide stand, ließ er Stranger anhalten und schwang sich von seinem Rücken.
Die Sonne war schon seit einer Weile hinter den Gipfeln der Berge verschwunden, als er unter dem großen Baum sein Nachtlager errichtete.
Während die Flammen in der kleinen Feuerstelle leise vor sich hin knisterten, ließ er sich mit genügend Abstand zum Feuer, auf den Boden gleiten und lehnte sich seufzend gegen den großen Baumstamm.
Als er in die tanzenden Flammen starrte, tauchte wie so oft in den letzten Tagen das Bild seines kleinen Vogels vor seinem inneren Auge auf.
Doch als das Feuer erneut etwas lauter Knackte und ein paar glühende Funken sprühte, war es nicht ihre Stimme die in seinem Kopf widerhallte...
-
„Wer war sie?"
Er saß auf dem Stamm eines abgeschlagenen Baumes, fernab vom fröhlichen Treiben der Feier.
Es war der letzte Tag des Sommers und die kleine Gemeinde hatte beschlossen noch einmal eine letztes Zusammensein zu veranstalten, ehe die Tage noch kürzer und das Wetter noch rauer wurde.
Während er sich alleine am Rand des Dorfplatzes aufhielt, sehnte er sich, nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen, nach einem großen Krug dornischen Weines.
Er hatte nicht bemerkt, wie Ray, der alte Septon der Gemeinde, an ihn heran getreten war, in den Händen zwei bis zum Rand gefüllte Becher.
Während der Alte sich neben ihn auf den Baumstamm setze und ihm einen der Becher reichte, runzelte Sandor die Stirn.
„Wer?" Fragte er nur kurz angebunden, bevor er einen großen Schluck aus dem Becher nahm. Es war kein Wein. Aber immerhin hatte ihm der Alte einen Becher schales Bier gebracht.
„Weißt du, du hast schrecklich gestunken als ich dich gefunden habe!" Erwiderte der Septon nur, ohne auf Sandors Frage ein zu gehen.
„Du hast so entsetzlich gestunken, dass ich schon dachte du wärst seit Tagen tot.
In deinen Wunden krabbelten Fliegen und Maden.
Und das du atmest bemerkte ich erst, als ich schon begonnen hatte den Grab auszuheben.
Es war wirklich eine Herausforderung dich auf den Karren zu heben. Dafür musste ich sogar deine Rüstung abnehmen und sie zurück lassen." Der Septon schnaubte kurz und trank ebenfalls einen Schluck Bier.
„Dein Pferd war nicht viel weniger herausfordernd.
Er dachte wohl erst, ich wolle ihm etwas anhaben, denn er hat ziemlich heftig nach mir geschnappt!"
„Sei froh das er dir nicht wirklich etwas abgebissen hat." Knurrte Sandor nur, während er wieder auf den Platz sah, auf dem die anderen Dörfler lachend um das riesige Feuer tanzten.
„Ich dachte wirklich du würdest es keine zwei weitere Stunden überstehen... aber du hast mich überrascht."
„Ich bin eben ein verdammt riesiger Fucker und ziemlich hart zu töten."
Amüsiert schnaubend nickte ihm Ray zu.
„Aber ich denke nicht, dass das der Grund war, warum du überlebt hast. Also, wer war sie?"
Überrascht schüttelte Sandor den Kopf.
„Woher willst du wissen, dass es um eine Frau geht? Vielleicht war es einfach nur Hass, der mich durchhalten ließ?" Sandors Stirn runzelte sich erneut, während er spürte wie sein verbrannter Mundwinkel nervös zu zucken begann.
„So stark ist kein Hass auf dieser Welt., nicht einmal deiner." Erwiderte der Septon nur, bevor beide nachdenklich verstummten.
„Weißt du... als ich mich um dich gekümmert habe, als du im langen Fieberschlaf lagst, da hast du nur ein einziges Wort in all diesen Wochen gesprochen."
„Und welches soll das gewesen sein?"
Der Septon lächelte nur traurig und erhob sich von dem Stamm.
Ehe er zurück zu seiner Gemeinde ging, wandte er sich noch einmal kurz dem verbrannten Mann zu.
Und mit seiner nächsten Antwort stockte Sandor der Atem.
„Das Wort war... Sansa."
-
Es fiel ein eisiger Nieselregen, als er das Bluttor erreichte.
Stundenlang waren er und Stranger der hohen Straße gefolgt, hindurch durch die enge Spalte zwischen den hohen Felsen, auf denen alle paar Fuß weit ein grimmiger Soldat auf sie hinunter starrte.
Sandor hatte den Umhang tief über das Gesicht gezogen und sein Schwert gut darunter verborgen.
Er hoffte darauf, dass die Wächter des Bluttores sich nichts dabei denken würden, sollten sie doch die verbrannte Haut seines Gesichtes entdecken.
Es war Monate her, seit er das letzte Mal hier gestanden hatte...
Damals noch mit der kleinen Wolfs-Bitch an seiner Seite...
Sie würden ihn sicherlich nicht wiedererkennen...
Der Bluthund war immerhin tot, nicht nur für ihn, auch für den Rest der Welt.
Sicherlich gab es noch mehr arme Schweine mit Verbrennungen im Gesicht in diesem Land...
„Wer begehrt Einlass durch das Bluttor?"
Die Stimme des Wächters war angespannt und genau so eisig wie der leichte Regen. Sandor schwang sich vom Rücken seines schwarzen Rosses. Mit donnernder Stimme rief er: „Ser Hardyn Redford."
Bei diesen Worten wurde sein Mund trocken vor Abscheu und Zorn über seine eigene, dreckige Lüge.
Scheiße noch eins, jetzt musste er sich auch noch als ein verschissener Ritter ausgeben.
Doch er hatte lange hin und her überlegt und war zu dem bitteren Entschluss gekommen, dass ein verschissener Ritter immer noch bessere Aussichten darauf hatte, in die Ehr gelassen zu werden, als ein dahergelaufener Soldat. Ihm blieb keine Wahl.
Hätte er seinen eigenen Namen genannt, hätte sein nächster Weg hinaus aus der Ehr wohl durch das verschissene Mondtor geführt.
Zudem würde sein Ritterstatus erklären, warum er ein Schwert bei sich trug und auf einem monströsen Streitross unterwegs war.
„Ahja." Blaffte der Soldat auf dem Tor.
„Und... warum seid ihr hier, Ser Hardyn?"
Gerade als Sandor seine Antwort zurück bellen wollte, fragte ihn der zweite Soldat, auf der anderen Seite des Tores stand: „Wollt ihr am Turnier teilnehmen? Oder nur zusehen?"
Ein Turnier? Was für ein verdammtes Turnier?
„Sicher." Kam schließlich seine knappe Antwort.
Während er mit zusammen gekniffenen Augen hinauf zu den beiden Scheißern starrte, krampfte sein linker Mundwinkel und sein Gesicht verzog sich, wie so oft, zu einer schrägen Grimasse.
„Aye, ich bin hier um teilzunehmen."
Die Soldaten sahen sich kurz an, bis der eine schließlich nickte und sich das Bluttor knarrend für Sandor öffnete.
