Schnelle Schritte bewegten sich durch das Unterholz. Unhörbar, fast so, als würden sie den Boden nicht berühren. Keine Äste oder Zweige, welche unter ihren Füßen knackten. Lautlos, wie ein Löwe, der sich seiner Beute nähert.

Ezio Auditore da Firenze, Niccolò Machiavelli und La Volpe, der Fuchs. Wie verabredet hatten sie sich in der Nähe des Castello Estense mit Bartolomeo getroffen. La Volpes Diebe hatten die Fässer mit Schwarzpulver dabei und würden sie genau zum Glockenschlag zünden, während Bartolomeo mit seinen Söldnern das Haupttor angreifen würde. Nun war es an ihnen, Caterina rechtzeitig zu finden und zum rechten Ausgang zu gelangen.

Nun endlich hatten die Drei den Fluss erreicht und stiegen vorsichtig hinein. Immer darauf bedacht, nur keine Geräusche zu machen. Selbst wenn die Wachen in einiger Entfernung waren.

Um keine unnötigen Geräusche zu verursachen bewegten sich die drei Assassinen nur im Brustschwimmstil voran, bis sie endlich die Brücke der Burg erreichten, unter der sie hindurch schwimmen mussten, um ins Innere der Anlage zu gelangen. Kurz verharrten sie in der Stille, warfen sich Blicke zu, gaben sich stumme Zeichen und beobachteten. Beobachteten den Rhythmus in welchem die Wachen vorbei kamen. Beobachteten den Schein der Fackeln. Suchten sich eine passende und dunkle Stelle aus, die nicht beleuchtet wurde, um unerkannt eindringen zu können.

Nach einer kurzen Weile hatten sie sich endlich geeinigt und schwammen näher an die Brücke heran. Ezio vorne weg, dicht gefolgt von La Volpe und Niccolò. Sie hatten Glück, die Wachen blieben auf ihrer Route nicht stehen um in den Fluss zu schauen und so kamen die Assassinen gut durch. Jetzt galt es, das richtige Fenster zu finden.

Ezio kannte die Karte, hatte sie am letzten Abend genauestens studiert und sich jede Ecke und Kante gemerkt. Aber wozu das Risiko eingehen vielleicht doch am richtigen Fenster vorbei zu schwimmen? Nein für so etwas hatte er keine Zeit. Außerdem, wozu hatte er denn den Adlersinn, wenn er ihn nicht benutzte?
Unbeeindruckt von der Zielstrebigkeit des Meisterassassinen folgten La Volpe und Machiavelli Ezio, welcher sich nun voll und ganz auf den gelben Punkt vor sich konzentrierte, ohne einen Ton oder ein Zögern. Sie wussten, dass er den Weg erkennen würde und hier im Dunkeln an der Außenwand des Schlosses würden die Wachen sie nicht entdecken.

Das besagte Fenster war schnell erreicht und es war genauso morsch, wie Niccolò es vermutet hatte. Dennoch konnten sie die Gitterstäbe nicht einfach so rausreißen. Viel zu groß war die Gefahr, dass sie jemand hörte. Also musste La Volpe ran. Mit seinem Werkzeug schaffte der geübte Dieb es schnell, die lästigen Gitterstäbe zu entfernen und sie ins Wasser tauchen und somit verschwinden zu lassen.

Nun hatten die Assassinen freie Bahn. Nachdem Ezio als Erster durch das Fenster in die Burg eingedrungen war und geschaut hatte, ob die Luft auch wirklich rein war, folgten die anderen beiden ihm auf dem Fuße.

"Okay Niccolò jetzt bist du dran. Führe uns zu Caterinas Zelle."

Der Vermummte nickte auf die Anweisung Ezios hin.

"Folgt mir."

Mit einem Handzeichen bedeutete der Jüngste unter ihnen den anderen, ihm zu folgen. Vorsichtig und Lautlos schlichen die Drei durch die, noch leblosen, Gänge. Nach kurzer Zeit jedoch blieb der Assassine stehen und die anderen beiden taten es ihm gleich. Er blickte um die Ecke und erklärte mit ein paar Gesten, dass sich zwei Wachen näherten. Sie machten sich bereit.

Niccolò zeigte, wie weit die Patroulliengänger noch entfernt waren. Als sie endlich den dunklen Gang passierten, in welchem die Assassinen warteten, musste es schnell gehen. Ezio und Niccolò stürzten sich auf die Wachen, hielten ihnen die Münder zu, zogen sie in den Gang hinein und betäubten sie mit einem Schlag um sie dann sanft und vor allem leise auf den Boden gleiten zu lassen.
Was sie nicht bedacht hatten: Ein auf den Boden fallender Speer würde einiges an Krach machen, dementsprechend geschockt blickte Niccolò diesem hinterher, als seine betäubte Wache, die er noch in den Armen hielt, ihren fallen ließ. Nur dem für seine Schnelligkeit bekanntem La Volpe war es zu verdanken, dass der Speer nicht laut auf dem Boden, sondern leise in dessen Hand landete.

Dankbar nickten die beiden Assassinen dem Dieb zu und legten endlich ihre Wachen ab, um dann weiter in Richtung von Caterinas Zelle zu gehen. Viele Wachposten gab es hier unten im Kerker wirklich nicht. Scheinbar waren sie wirklich alle oben eingesetzt. Es rechnete wohl tatsächlich niemand damit, dass einer auf die abstruse Idee kommen würde, schwimmend von hier zu fliehen.

Und selbst, wenn sich ihnen nun ein Wachposten nähern würde, dann könnten sie ihn wohl ohne Probleme ausschalten, denn Caterinas Gemurre und Gezetere übertönte jetzt, da sie beinahe an ihrer Zelle angekommen waren, wirklich alles. Sie warf den Posten, welche vor ihrer Zelle positioniert waren, wüste Beschimpfungen und ungebührliche Beleidigungen zu.

Manchmal fragte sich Machiavelli wirklich, was Ezio nur an dieser ungehobelten Frau fand. Doch es war jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn ebendieser Ezio drängte weiter vorwärts und hatte nun, da er Caterinas Zelle sehen konnte, wieder die Führung der Gruppe übernommen. Am liebsten wäre er sofort auf die Wachen zugestürmt, doch er wurde von Niccolò und La Volpe zurück gehalten, denn der Gang war zu lang, als dass sie, ohne erkannt zu werden, einfach drauf los rennen konnten. Niccolò deutete deshalb auf einen von Ezios Beuteln, in welchem dieser seine Rauchbomben aufbewahrte. Mit einem kurzen Nicken bestätigte er und zog eine der Bomben, um sie auf die Wachen zu werfen.

Als die Wachen nun orientierungslos umher irrten, nutzten die Assassinen ihre Chance und rannten auf die Männer zu. Womit sie nicht gerechnet hatten war, dass in diesem Moment eine Patrouille bestehend aus zwei weiteren Männern um die Ecke bog. Ezio konnte die beiden Wachposten mit seiner versteckten Doppelklinge eliminieren, Machiavelli kümmerte sich um den dritten Angreifer aus der Patrouille, welcher sich der Szenerie mit erhobenem Schwert genähert hatte. Doch die zweite Patrouille war nicht so mutig und rannte lieber weg, bereit Alarm zu schlagen. Die beiden Assassinen ließen sofort von den Toten Wachen ab, welche nun vor ihnen auf dem Boden lagen oder gerade in sich zusammen sackten und wollten der fliehenden Wache hinterher eilen. Doch La Volpe war schneller. Mit einem geschickten Wurf beförderte er seinen Dolch direkt in den Rücken des Flüchtigen, sodass dieser sofort tot zusammen brach.

Machiavelli warf ihm einen anerkennenden Blick zu.

"Nicht schlecht. Ich wusste gar nicht, dass ihr so etwas könnt."

"Ihr wisst vieles nicht, Machiavelli."

Wieder einmal verstand der Philosoph die kühlen Worte des Diebes nicht und blieb dennoch stumm, als dieser an ihm vorbei und in Richtung der Zelle Caterinas lief, die Ezio nun im Begriff war mit dem Schlüssel der toten Wache aufzuschließen.

"Ezio!"

Caterina fiel dem Assassinen schon beinahe um den Hals, als dieser die Türe geöffnet hatte.

"Caterina. Wie geht es euch? Könnt ihr mit uns von hier verschwinden?"

Traurig blickte die Frau zu Boden.

"Ich kann laufen, wenn ihr das meint, doch leider hat diese Hure gemeint, sie müsse mir wiederrum das Bein zerschlagen. Es geht schwer, aber es geht."

"Bene. Dann werde ich euch unterstützen und die beiden hier werden uns den Weg Freiräumen."

"Grazie."

Ehrleichtert blickte Caterina in die Runde und blieb kurz an Niccolò hängen, welcher sein Gesicht für kurze Zeit entblößt hatte.

"Ich hätte nicht erwartet euch einmal in etwas anderem, als eurer üblichen Tracht zu sehen, Niccolò. Sehr interessant."

Auf diesem Kommentar hin rollte der Angesprochene nur mit den Augen, zog die Maskierung wieder in sein Gesicht, sodass nur noch seine Augen erkennbar waren und bedeutete der Gruppe ihm in Richtung Ausgang zu folgen. Er wusste nicht, wie viel Zeit sie noch hatten, doch viel würde es nicht sein.

Vorsichtig kämpften die Assassinen sich voran. Die ermordeten Wachen hatten sie in Caterinas ehemalige Zelle gesperrt. Sie konnten nur hoffen, dass es weitere Patrouillen nicht bemerken würden. Wenn es überhaupt noch welche gab, denn es war ungewöhnlich still dort unten.

Erst, als sie den Ausgang beinahe erreicht hatten, konnten sie zwei weitere Wachen ausfindig machen. Sie saßen vor einer langen Zelle, in welcher sich wohl die weniger wichtigen Gefangenen befanden. Denn diese Zelle war nicht, so wie Caterinas Zelle, mit einer stabilen Tür verriegelt gewesen, nein diese Zelle war ausschließlich von Gitterstäben begrenzt. Von ihrem Standpunkt aus konnte Niccolò es nicht genau erkennen, aber es mussten ungefähr vier Leute in dieser Zelle eingesperrt sein, wovon Drei augenscheinlich schliefen.

Die Wachen hingegen waren hellwach und unterhielten sich. Nun war es an ihm und La Volpe diese beiden aus dem Weg zu räumen, denn Ezio trug Caterina auf den Armen. Die beiden mussten sehr leise vorgehen, denn Niccolò wusste, dass der Ausgang nicht weit von hier entfernt war und dass dort die letzten beiden Wachposten stehen würden.

Vorsichtig schlichen die beiden sich von hinten an die Wachen heran und an der Zelle vorbei. Natürlich wurden sie dabei von dem einen noch wachen Gefangenen entdeckt. Niccolò wollte ihm gerade durch ein Handzeichen klar machen, dass er sich ruhig verhalten sollte, als ihn der Schlag traf. Ungläubig starrte er den Gefangenen an. Das konnte nicht sein.

Ein genervter Stoß gegen die Schulter brachte Niccolò dazu sich für kurze Zeit zu besinnen und in die Augen des verständnislosen Diebes zu sehen, welcher nicht verstand, warum der Assassine zögerte. Mit einem Nicken stand Machiavelli nun endlich doch auf, dicht gefolgt von La Volpe und zusammen eliminierten sie beide Wachen.

Sofort schloss Ezio mit Caterina in den Armen zu der kleinen Truppe auf und wollte sich mit ihnen dem Ausgang nähern. Doch Machiavelli hatte andere Dinge im Kopf. Während La Volpe sich an die Treppe schlich und um die Ecke spähte um die letzten zwei Wachen am Ausgang zu erkennen, drehte Niccolò sich zu dem Gefangenen um.

"Vater?"

Der Gefangene war sowieso neugierig geworden und hatte sich bereits dem Gitter genähert doch nun war auch die Aufmerksamkeit aller anderen auf ihn gelegt. Ungläubige Blicke tauschten sich Caterina, Ezio und La Volpe aus. Was hatte der da eben gesagt?

"Niccolò?"

Ungläubigkeit lag auch in der Stimme des Gefangenen, denn er erkannte seinen Sohn ja unter der Vermummung nicht. Dies hatte auch Niccolò schnell begriffen und zeigte deshalb sein Gesicht.

"Unglaublich, du bist es wirklich. Bist du gekommen, um mich zu befreien?"

Ein Lachen zeigte sich im Gesicht des alten Mannes, doch Niccolò wirke eher unglücklich. Sein Vater war verhaftet und verurteilt worden, weil er gestohlen hatte. Nicht viel und die Haftstrafe war auch nicht lang, nur zwei Monate, aber es war eine Enttäuschung für seinen Sohn gewesen, denn ein rechter Mann stahl nicht und außerdem hätte er sich an ihn wenden können, denn Niccolò war die Familie alles.

"Nein, nein eigentlich nicht. Wir haben sie ..."

"Was soll das heißen, Niccolò?"

Die Stimme des Vaters klang hart, als er seinen Sohn unterbrach.

"Und was ist das überhaupt für ein lächerliches Gewandt, dass du da trägst? Du bist doch nicht etwa?"

Niccolòs Vater schien des Gewandt zu erkennen, denn ein überraschter Ausdruck lag auf seinem Gesicht, als er seinen Sohn und die anderen im Raum so betrachtete.

"Oh mein Gott, du bist ein Assassine! Ein gottloser Bastard, ein Meuchelmörder und dann kommst du auch noch hier her um dieses Flittchen zu retten. Ein Glück, dass du nicht mein Sohn bist!"

Bernardo Machiavelli spuckte seinem Sohn ins Gesicht, welcher sich kurz weg drehte, während die anderen das Szenario fassungslos beobachteten. Keiner dachte in diesem Moment mehr daran, dass sie eigentlich fliehen mussten.

"Vater, meinst du nicht, dass du ein wenig übertreibst und überreagierst?"

Niccolò sprach, während er sich die Spucke aus dem Gesicht wischte. Doch sein Vater lachte nur höhnisch auf.

"Das ist schon fast Sarkasmus, den du ja so liebst, dass ein Borgia Spross gleichzeitig ein Assassine sein soll."

"Was?"

Die Luft war zum Zerreißen gespannt, als Niccolò fast durch das Gitter hindurch springen wollte um seinen Vater für diese unerhörte Aussage zur Rechenschaft zu ziehen. Er ging hier in seiner Rage eindeutig zu weit. Doch in seinem Gesicht zeigte sich nur ein fieses Grinsen.

"Du hast schon richtig gehört, mein Kleiner. Du bist doch eigentlich ein kluges Kerlchen, dachte ich zumindest. Was glaubst du eigentlich, wie wir immer unser Geld verdient haben? Du hast doch gesehen, dass ich als Anwalt nicht sehr gefragt war. Also habe ich die beste und einfachste Methode gewählt, um an Geld zu kommen. Deine Mutter war eine wunderschöne Frau, Niccolò und es gab reiche Männer, die viel für sie bezahlt hätten, vor allem aber Rodrigo Borgia, welcher sie ganz für sich alleine wollte."

"Sei ruhig! Du lügst!"

Niccolò schlug in seiner Wut durch das Gitter hindurch und verletzte seinen Vater an der Nase, welcher rückwärts auf sein Hinterteil fiel, dort aber lachend sitzen blieb.

"Ha! Oh nein es ist wahr, es ist alles wahr. Nachdem deine Mutter dies machen musste, konnte ich nicht mehr mit ihr ins Bett gehen und habe mir meinen Spaß lieber bei anderen gesucht. Also kann dein Vater nur ein Mann sein. Was glaubst du, warum wir so ein recht erfülltes Leben hatten, obwohl ich kaum arbeiten war? Natürlich wollte er nicht, dass rauskommt, dass er einen unehelichen Bastard gezeugt hatte!"

Schock. Und zwar in allen Gesichtern. Nach diesen Worten hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Erst der laute Knall ließ sie alle auffahren.

"Verdammt wir müssen hier raus!"

La Volpe war es, der zuerst seine Fassung wieder erlangte und Caterina und Ezio zum Aufbruch trieb. Doch Niccolò bewegte sich keinen Zentimeter.

"Du lügst! Sag, dass du lügst!"

Immer noch lachend saß sein Vater am Boden.

"Früher hatte ich mir mal gewünscht, es wäre nicht so. Doch nun, wie ich sehe, dass du zu so etwas" dabei deutete er auf Niccolòs Umhang "geworden bist, dann bin ich sogar richtig froh, dass du nicht mein Fleisch und Blut bist. Dass du zu dem Borgia-Pack gehörst. Denn genau da gehört ein Meuchelmörder hin!"

Ezio stand inzwischen am Kopf der Treppe. Die Wachposten hatten sich verzogen und waren wahrscheinlich dem Kampfesgeschrei, welches von draußen kam, gefolgt. Ein Wunder, dass sie vorher nichts von dem hier unten mitbekommen hatten.

"Nun kommt endlich! Volpe, hol Machiavelli!"

Viel mehr fiel selbst dem Meister-Assassinen in dieser Situation nicht mehr zu sagen ein und auch La Volpe handelte nur noch mechanisch, als er den fassungslosen und erbleichten Niccolò Machiavelli von den Gefängnisstäben weg und mit sich zog.

"Auf Wiedersehen, Bastard!"

War das Letzte, was Niccolò noch von seinem Vater zu hören bekam.

Die kleine Gruppe hatte Glück, denn so ziemlich alle Wachen hatten sich auf die Vorderseite der Festung verzogen, sodass sie einfach durch den Hintereingang fliehen konnten. Bartolomeo stand dort bereits mit ein paar seiner Söldner und einigen Pferden bereit. Er hatte die letzten verbleibenden Wachen hier hinten erledigt und die Pulverfässer für eine zweite Explosion aufgebaut, welche die Wachen nach hinten locken sollte, damit auch seine Männer am Vordereingang entkommen konnten. Die zweite Explosion sollte das Signal zum Rückzug für die Männer sein.

Er wollte die Gruppe fröhlich begrüßen und beglückwünschen, dass sie es geschafft hatten, doch selbst der raue Söldner bemerkte die eigenartige Stimmung sofort. Alle waren bleich und La Volpe schleifte Machiavelli mehr hinter sich her, als das dieser lief. Nachdem sie alle die Pferde erklommen hatten, zündete Bartolomeo die Zweite, kleinere Explosion und gab damit das Signal zum Rückzug. Noch bevor die Wachen wieder am Hintereingang angelangt waren, waren die Assassinen alle verschwunden.