Kapitel 2: Neue Sorgen
Schwärze. Es war so schwarz, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte. Deirdre rannte, ohne zu wissen wohin. Hinter sich konnte sie den schnaufenden Atem ihres Verfolgers hören. Sie wagte es nicht, sich um zu drehen und ihm ins Gesicht zu sehen, dann würde er sie unweigerlich erwischen. Doch die Kreatur kam näher, immer näher. Sie spürte es. Das Etwas würde sie erwischen, sie konnte nicht mehr schneller. Schließlich drehte sie sich um, sah wie die Bestie zum Sprung ansetzte. Ein Wesen mit dem Körper eines riesigen Wolfes und dem Kopf Garretts. "Du kannst mir nicht entkommen!" brachte es unter Knurren hervor, bevor es sie zu Boden riss.
Deirdre erwachte schreiend und wild um sich schlagend. Es dauerte ein paar Sekunden bis sie begriff, dass sie sich in ihrem Bett befand.
Schon wieder dieser Traum. Der Schreck saß ihr noch in den Knochen. Vor ihrem inneren Auge konnte sie das Monster deutlich erkennen. Den gewaltigen muskulösen Wolfskörper mit scharfen Klauen an den Pranken, jede eine tödliche Waffe, und den Kopf Garretts, der sein gewöhnlich überhebliches Grinsen aufgesetzt hatte.
Rohan war der Einzige, der von diesem Traum wusste. Ihr Vater hätte sie nur milde angelächelt und gesagt, dass sie endlich aufhören solle, sich dagegen zu wehren, wenn sie ihm davon erzählt hätte, deshalb ließ sie es bleiben.
Am nächsten Morgen war sie schlecht gelaunt. Sie hatte nach dem Alptraum kaum mehr geschlafen. Das Gefühl, dass ihr die Kreatur aus den dunklen Ecken ihres Zimmer entgegen starrte, bereit sie an zu fallen, hatte sie nicht losgelassen, außerdem war ihr wieder übel.
Normalerweise hätte König Conchobar nur die Stirn gerunzelt, inzwischen kannte er die Launen seiner Tochter, aber sie hatte das Frühstück wieder nicht angerührt, schon seit Tagen hatte sie morgens kaum etwas gegessen. Langsam begann er sich Sorgen zu machen und beschloss mit ihr darüber zu reden.
Er fand sie, wie erwartet, im Stall. Dorthin zog sie sich meistens zurück, wenn sie allein sein wollte. Sie lag im Stroh und starrte an die Decke.
"Hallo, Deirdre", begann er, woraufhin sie aufsah, "Ich glaube wir sollten reden."
"Ich wüsste nicht worüber", sie stand auf, wollte an ihm vorbei und den Stall verlassen, aber er hielt sie zurück.
"Hier geblieben, junge Dame. Inzwischen kenne ich dich gut genug um zu wissen, dass irgend etwas nicht stimmt."
"Es ist nichts. Ich habe nur schlecht geschlafen."
"Du isst seit Tagen kein Frühstück und kaum was zu Mittag, also erzähl mir nicht, dass du nur schlecht geschlafen hast."
"Mir ist jedes Mal nach dem Aufstehen schlecht, zufrieden?"
"Nein. Du wirst jetzt du Cathbad gehen. Er findet heraus was du hast und gibt dir etwas, damit du dich besser fühlst."
Cathbad runzelte nur die Stirn, als sie wegen der Übelkeit zu ihm kam. Nach einem Check kannte er die Ursache.
"Ich denke die Symptome sprechen für sich. Du erwartest ein Kind", er zog die Augenbrauen hoch, während er die nächsten Worte formulierte, "Gehe ich richtig in der Annahme, dass Rohan der Vater ist?"
"Wie kommt Ihr denn darauf?" Natürlich hatte er damit recht.
"Man muss euch beide doch nur ansehen, wenn ihr zusammen seid", murmelte der Druide, "Du weißt, dass dein Vater nicht gerade erfreut sein wird."
"Nicht gerade erfreut? Das ist ziemlich milde ausgedrückt. Er wird mich wahrscheinlich umbringen", sie zögerte, "Cathbad, bitte helft mir,wie soll ich ihm das bloß beibringen?"
"Ich kann dir nicht helfen, Deirdre. Du musst es ihm irgendwann beichten, je schneller, desto besser. Aber das überlasse ich dir. Wenn er fragt, werde ich ihn abwimmeln. Ich erwarte jedoch von dir, dass du ihm sehr bald reinen Wein einschenkst."
"Das werde ich, Cathbad, das werde ich", murmelte sie Gedanken versunken, während sie das Zimmer des Druiden verließ.
Jetzt hatte sie wirklich Probleme. Sie musste es ihrem Vater sagen, aber wie?
Rohan verstand ihre Angst davor. Er hatte sie bis vor den Thronsaal begleitet. Jetzt gab es kein Zurück mehr, da musste sie durch.
"Vater, ich muss dir etwas sagen", sie schluckte. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre davon gelaufen.
"Ich bin ganz Ohr", er spürte, ihr Zögern, "Geht es um das, was Cathbad gesagt hat?"
"Ja, ich... ähm, ich erwarte ein Baby", brachte sie schließlich hervor.
Conchobars Miene verdunkelte sich, "Garrett ist wohl nicht der Vater."
"Rohan ist es", sie musste sich zwingen ihn an zu sehen.
Die Reaktion des Königs bestand aus einer kräftigen Ohrfeige, "Ich bin enttäuscht von dir, Tochter."
Deirdre widerstand der Versuchung sich die schmerzende Wange zu reiben.
"Dir ist hoffentlich klar, dass du dieses Kind auf keinen Fall behalten wirst. Selbst wenn Garrett verlangt, dass es nach der Geburt in der Wildnis ausgesetzt wird, es wird geschehen."
"Nein, das kannst du mir nicht antun!", Tränen traten ihr in die Augen, "Ich lasse mir mein Kind nicht wegnehmen!"
Damit rannte sie aus dem Thronsaal. Die Soldaten vor dem Eingang konnten nicht schnell genug ausweichen und Rohan, der immer noch wartete, rettete sich mit einem Schritt zur Seite.
Ihr Ziel war der Waldsee. Dort angekommen ließ sie sich ins Gras fallen und weinte bis sie keine Tränen mehr hatte.
Sie wusste, dass sie nichts tun konnte, wenn Garrett wollte, dass sie das Kind hergab, musste sie sich fügen. Wie konnte das Schicksal nur so grausam sein?
