Lola: *gg* Irritieren kann ich immer gut. ;) Aber ja, für den Prolog war der Krankenaktenstil gewollt. Wie du gleich merken wirst, ist die Geschichte aus Severus' Sicht erzählt und ich wollte, dass der Leser die Fakten genauso erfährt wie er. Ich hoffe also, dass dir das Eintauchen nun mit dem ersten Kapitel gelingen wird. :)
Kapitel 1
Severus Snape zog sich gerade seinen Umhang über, als es an seiner Tür klopfte. Nach einem Blick zur Uhr gab er ein vernehmliches Knurren von sich. Es war gerade halb acht.
„Ich bin nicht da!", rief er verstimmt, während er begann, die lange Reihe Knöpfe an seinem Umhang zu schließen.
„Guten Morgen, Severus!"
Er erstarrte in seinen Bewegungen, als er die Stimme erkannte. Mit nun noch mieserer Laune hob er den Kopf und sah sich seiner Nemesis gegenüber: Poppy Pomfrey. „Ich sagte doch, ich bin nicht da!"
„Danke, mein Morgen war bisher annehmbar", erwiderte sie. „Und bevor du auf die Idee kommst, mich vor die Tür zu setzen, solltest du daran denken, dass ich selbst nicht erpicht darauf bin, mich mit dir zu unterhalten."
„Du bist also aus selbstzerstörerischen Gründen hier", stellte er fest.
„Nein. Ich brauche deine Hilfe mit einer Patientin." Sie hielt ihm eine Akte vor die Nase.
Severus dachte nicht einmal daran, die Akte auch nur zu berühren. Stattdessen begann er das übliche Gespräch in diesen Fällen: „Ich bin kein Medimagier, Poppy." Er wollte an ihr vorbeigehen und seine Räume verlassen.
Doch Poppy streckte lediglich die Hand, die die Akte hielt, zur Seite und hinderte ihn so daran, an ihr vorbei gehen zu können. „Dieser Fall wird dich dennoch interessieren." Auch sie folgte dem Drehbuch.
„Warum sollte er das?"
„Ich habe sämtliche infrage kommende Tränke ausprobiert. Jeder führte zu Nebenwirkungen, ohne dabei einen Effekt auf das eigentliche Krankheitsbild zu haben."
Severus kniff die Augen zusammen und beäugte die Akte. „Was ist das Problem?" Es konnte ja nicht schaden, etwas genauer nachzufragen.
„Einschlafen, durchschlafen, erholsames Schlafen", zählte Poppy auf. „Sie kann nichts davon."
„Versuch es mit dem Trank des einfachen Schlafes." Noch immer weigerte er sich, ihr die Akte aus der Hand zu nehmen. Und das obwohl ihr Arm schon merklich zitterte.
„Davon bekam sie Kopfschmerzen und Schüttelfrost."
„Dann der Trank der tiefen Ruhe."
„Übelkeit und Erbrechen."
„Der Trank der lebenden Toten?"
„Anaphylaktischer Schock." Poppy sah ihn an, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengezogen.
„Und nach keinem ist sie eingeschlafen?", vergewisserte sich Severus.
Poppys Gesichtsausdruck veränderte sich. Er wusste genau, was das bedeutete. Sie vermutete ihn an der Angel. Und er hasste es, dass sie damit sogar Recht hatte. „Nach keinem. Nach dem Trank der lebenden Toten war sie sogar die ganze Nacht wach."
Severus knurrte leise und nahm nun doch die Akte entgegen. „Ich werde es mir ansehen."
„Vielen Dank!" Poppy lächelte geziert, bevor sie sich umwandte und das Büro verlassen wollte.
„Sagst du mir dieses Mal, um wen es sich handelt?", fragte Severus gedehnt und blätterte in der Akte. Poppy kam gar nicht mehr dazu, ihm diese Frage zu beantworten, denn seine Blicke fanden tatsächlich einen Namen auf dem ersten Blatt: Hermine Granger. „Das kann nicht dein Ernst sein!", polterte er.
Poppys Antwort bestand aus dem leisen Klicken, mit dem sie die Tür hinter sich schloss.
Der dritte Jahrgang der Häuser Ravenclaw und Hufflepuff konnte sich an diesem Morgen glücklich schätzen. Entgegen seiner vorherigen Planung, einen nicht ganz einfachen Trank zum Abhalten von Mücken zu brauen, gab Severus ihnen eine Schreibarbeit. Er selbst setzte sich an sein Pult und zog sich Hermine Grangers Akte heran.
Dass er kein Medimagier war, stimmte nur bedingt. Er hatte drei Semester magische Medizin studiert, bevor er zu den Todessern gegangen war und sein Leben ruiniert hatte. Der Dunkle Lord hatte von ihm gefordert, etwas Produktiveres zu lernen, sein Talent für Zaubertränke auszubauen. Severus war nicht begeistert gewesen, doch auch die Tränkekunst hatte einen eigenen Zweig für medizinische Tränke und so hatte er sich gefügt, wie es von einem anständigen Todesser verlangt wurde.
Nebenbei hatte er jedoch stets versucht, auf dem Laufenden zu bleiben, was die magische Medizin für Erfolge erzielte und was für Tränke entwickelt wurden. Poppy wusste davon, seitdem er sich selbst verraten hatte. Sie hatte ihm geglaubt, die leichteren Diagnosen seiner Verletzungen alleine stellen zu können, doch als er bei sich selbst einen Milzriss diagnostiziert hatte, hatte sie ihn zuerst versorgt und dann seinen hilflosen Zustand ausgenutzt, um ihn auszufragen.
Zu seinem eigenen Leidwesen konnte Severus nicht einmal behaupten, dass er sich darüber ärgerte. Denn seitdem bezog sie ihn ab und an bei kniffligen Fällen mit ein. Zwar reichte sein medizinisches Wissen nicht soweit, dass er die Erlaubnis, alleine zu praktizieren, erhalten könnte, doch er ergänzte ihr Wissen mit seiner Fähigkeit, auch perfide Details auf Anhieb zu behalten und selbst abwegige Gedanken bis zum Ende zu durchdenken. Und so waren sie trotz aller Streitigkeiten, die sie miteinander hatten, doch widerwillig ein gutes Team.
Ebenso widerwillig interessierte ihn der Fall Hermine Granger. Sie war ein nervtötendes Individuum, das stand außer Frage. Doch wenn er einen Moment überlegte, fiel selbst ihm auf, dass sie seit dem Ende des Krieges stiller und in sich gekehrter war. Sie hatte später am Tag noch Unterricht bei ihm. Er würde sie genauer beobachten als sonst.
Nun jedoch nutzte er vorerst diese erste Doppelstunde, um sich mit ihrem Fall vertraut zu machen. Die ersten Seiten der Akte waren zwar spannend zu lesen, aber komplett unwichtig. Granger war ein häufiger Gast im Krankenflügel gewesen, was zweifellos auf ihre Freundschaft mit Potter zurückzuführen war.
Severus begann erst bei den Aufzeichnungen über die Verletzungen, die sie beim Endkampf davon getragen hatte. Ein gebrochener Arm. Platzwunde am Kopf mit Gehirnerschütterung. Offene Wunde am linken Bein, diverse Schnittwunden. Einige Prellungen und Quetschungen, leichte Verbrennungen. Nichts Interessantes. Und vor allem nichts, das für organisch bedingte Schlafstörungen sorgte.
„Uhm... Professor Snape?"
Severus blinzelte mehrmals und hob den Blick. Der Schüler, der es gewagt hatte, ihn zu unterbrechen – Flynn Handerson aus dem Haus Hufflepuff – sackte unter diesem Blick in sich zusammen, während seine Mitschüler ihn ängstlich bis verärgert musterten. „Was gibt es, Mr Handerson?", fragte Severus scharf.
„Ich bin fertig, Sir."
Aus der Klasse war ein kollektives Stöhnen zu hören. Severus hob eine Augenbraue. „Dann bearbeiten Sie auch noch das nächste Kapitel, Mr Handerson. Sie und Ihre Kurskameraden."
Der Junge erbleichte und sah sich mit großen Augen in der Klasse um. Er begegnete blankem Hass.
Severus hingegen wandte seine Aufmerksamkeit wieder Grangers Akte zu. Poppys Aufzeichnungen zu den Ereignissen der letzten Tage waren spärlich, aber ausreichend. Zumal es so viel nicht zu berichten gab. Ihm hatten ein paar gezielte Fragen gereicht, um zu merken, dass etwas hier nicht so eindeutig war, wie es auf den ersten Blick schien.
Mit gerunzelter Stirn blätterte Severus zur ersten Seite zurück und las die allgemeinen Details über Granger. Sie war allergisch gegen Penicillin und Birkenpollen, nahm wegen letzterem im Frühling einmalig einen Trank, der die Symptome unterdrückte. Die letzte Einnahme war erst vor zwei Wochen gewesen.
Severus ging die Zutatenliste des Trankes durch, schüttelte aber leicht den Kopf. Keine der Zutaten würde eine Wechselwirkung mit den Schlaftränken haben. Zumal der Trank inzwischen ihren Organismus wieder verlassen hatte.
Auch ansonsten fand er keine Auffälligkeiten, die ihre übermäßige Reaktion auf die Tränke erklären würde. Zusammen mit dem Ende der Stunde klappte Severus die Akte zu. „Sie können jetzt gehen. Ich erwarte die Aufsätze über die beiden Kapitel bis zur Stunde am Dienstag!"
Scharrend wurden dreiundzwanzig Stühle über den Boden geschoben und die Klasse leerte sich noch schneller als sonst. Severus lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er war gespannt, was der Unterricht im siebten Jahrgang ihm für Erkenntnisse bringen würde.
Er wartete mehr oder weniger geduldig, bis die Schüler den Raum betreten und sich gesetzt hatten. Zumindest bis es Punkt neun Uhr fünfundvierzig war. „Jeweils zehn Punkte Abzug für Gryffindor gehen auf die Konten von Dean Thomas, Francis Jackson und Ronald Weasley", sagte er laut, als besagte Schüler zu dem Zeitpunkt noch nicht auf ihren Plätzen saßen – dass Weasley nur seinen Stuhl zurecht rückte, war dabei unerheblich.
Severus ließ seine Blicke über die Klasse wandern. Einige Slytherins saßen auch jetzt noch nicht, doch das übersah er wie gehabt. Dass der Krieg beendet war, bedeutete schließlich nicht, dass er sein eigenes Haus nun benachteiligen würde.
Hermine Granger saß wie immer in der ersten Reihe, doch nun, da er von ihren Beschwerden wusste, fiel ihm mehr als zuvor auf, dass es ihr nicht gut ging. Ihre Haltung war nicht so straff wie sonst, dunkle Schatten lagen unter ihren Augen und sie blinzelte auffällig oft.
Severus war versucht, sie noch länger zu beobachten und die Kleinigkeiten zu notieren, auf die Poppy nicht geachtet hatte. Doch dann erinnerte er sich daran, dass er zu unterrichten hatte.
„Sie werden heute den Aufpäppeltrank brauen", sagte er und deutete mit dem Zauberstab auf die Tafel hinter sich. Weiße Linien zogen sich von einem Punkt in der Mitte aus über die schwarze Oberfläche und bildeten Buchstaben und Worte, diese wiederum das Rezept. „In diesem Rezept ist ein Fehler und ich erwarte, dass Sie ihn finden und korrigieren. Bis zur nächsten Stunde schreiben Sie einen Aufsatz über die Auswirkungen, die dieser Fehler hätte, sofern man ihn nicht korrigiert. Mr Longbottom wird sicherlich gerne für ein anschauliches Beispiel sorgen." Er beobachtete, wie besagter Schüler schluckte und tiefer in seinen Sitz sank. „Sie haben eine Stunde."
Danach hatte er für wunderbare zehn Minuten die Gelegenheit, Granger ungestört zu beobachten. Die Klasse war damit beschäftigt, das Rezept von der Tafel abzuschreiben, denn dann würde er es wieder löschen.
Er setzte sich an sein Pult und richtete seine Blicke auf besagte Schülerin. Normalerweise war sie eine der ersten, die mit dem Abschreiben fertig war und aufsprang, um sich die Zutaten aus dem Schülerschrank zu holen. Heute hingegen hatte sie sichtlich Mühe, die Feder über das Pergament zu führen. Selbst auf die Entfernung konnte er sehen, dass ihre Schrift unsauber und fahrig war.
Nachdem sie das letzte Wort geschrieben hatte, legte sie die Feder auf den Tisch und atmete tief durch. Sie stand auf – noch immer eine der ersten – hielt sich dann allerdings an der Tischkante fest. Weasley sah zu ihr hoch, mehr als einen fragenden Blick traute er sich jedoch nicht. Granger schüttelte den Kopf und ging zum Schrank hinüber.
Während sie die Zutaten auf ein Tablett lud, schweifte Severus' Blick über die Klasse. Bei den Schülern, auf deren Tischen bereits die Zutaten standen, überprüfte er kurz, ob sie auch die richtigen Behältnisse gegriffen hatten. Zwischendurch beobachtete er seine Uhr und nach exakt zehn Minuten löschte er das Rezept von der Tafel.
„Sie sollten nun alle soweit sein, sich die Zutaten zu besorgen und mit dem Brauen zu beginnen." Aus einigen Ecken war ein leises Stöhnen zu hören und Pergamente wurden über die Tische geschoben. Da dies zu einem hohen Prozentsatz bei den Schülern seines Hauses der Fall war, entschied er, heute keinem dafür Punkte abzuziehen.
Schließlich kehrte er zu Granger zurück und hob eine Augenbraue. Sie saß an ihrem Tisch und schnitt die ersten Zutaten zurecht. Sie saß.
„Miss Ganger, wären Sie so freundlich, mir zu sagen, wie Sie auf die Idee kommen, dass ich Sie heute die Zutaten im Sitzen vorbereiten lassen würde?"
Alle Blicke konzentrierten sich auf sie. Nur ihre hingen an seiner Person. „Entschuldigen Sie, Sir", erwiderte sie mit leiser Stimme, stand auf und lehnte sich hart gegen den Tisch, während sie weiter arbeitete.
„Zehn Punkte von Gryffindor", fügte er dennoch hinzu. Die Gryffindors schwiegen, aus den Reihen der Slytherins war vereinzeltes Hüsteln zu hören.
Severus fuhr mit seiner Beobachtung fort. Es kostete Granger einiges an Kraft, im Stehen die Zutaten vorzubereiten und dabei auch noch alles richtig zu machen.
Während einer Ruhephase des Trankes später in dieser Stunde starrte sie blicklos in den Kessel. Ihre ruhige Atmung konnte Severus bis zu seinem Pult erkennen und kurzentschlossen nutzte er die Chance ihrer geistigen Abwesenheit, um in ihren Verstand einzudringen.
Er war überrascht zu bemerken, dass sie beinahe döste. Zumindest hatte er keinerlei Probleme, sich ein wenig umzusehen, ohne dass sie es bemerkte. Ihre Gedanken flossen träge dahin, einige beschäftigten sich mit dem Krieg und den Nachwirkungen, ohne auf genaue Erlebnisse einzugehen. Viele handelten von Nichtigkeiten. Sie sprang wild von einem zum anderen, verknüpfte die verrücktesten Details miteinander und verfiel beinahe in einen traumähnlichen Zustand.
Nach etwa zwei Minuten zog Severus sich zurück. „Sie haben noch zehn Minuten!", informierte er die Klasse mit lauter Stimme – etwas, das er normalerweise nicht tat. Doch es hatte die gewünschte Wirkung. Granger zuckte heftig zusammen, blinzelte mehrmals und versuchte sich daran zu erinnern, was sie gerade tun wollte. „Es ist reizend, dass Sie uns auch wieder mit Ihrer Aufmerksamkeit beehren, Miss Granger", schnarrte er leise.
Sie sah ihn mit großen Augen an. „Ich... war in Gedanken, Sir", versuchte sie sich zu retten und musste dabei nicht einmal lügen.
„Ja, offensichtlich. Sie täten besser daran, Ihre Gedanken auf den Trank zu fokussieren, bevor er Ihnen über die Hände läuft." Denn die Ruhezeit war abgelaufen und da sie es versäumt hatte, die Hitze darunter zu reduzieren, war der Inhalt des Kessels bedrohlich in die Höhe gestiegen.
Granger reagierte schnell, zückte den Zauberstab und regulierte die Temperatur nach unten. Direkt danach begann sie leicht zu schwanken und griff rasch nach der Tischkante. Sie schloss für einen Moment die Augen, was Weasley nicht entging. Er berührte sie am Arm. „Es geht mir gut, Ron!", zischte sie daraufhin und wischte seine Hand weg.
„Miss Granger, Mr Weasley! Lassen Sie uns alle an Ihrem Disput teilhaben."
Weasley lief prompt rot an. „Ich... Hermine... A-Also...", stotterte er.
Granger seufzte ergeben. „Der Inhalt unseres... Disputs ist nicht für die Allgemeinheit gedacht."
„Nun, wenn das so ist, Miss Granger, dann haben Sie sicherlich nichts daran auszusetzen, dass ich Gryffindor fünfzehn Punkte für das Austragen privater Konflikte in meinem Unterricht abziehe." Aus dem Augenwinkel sah er, wie Potters Kiefer mahlten und seine Hand fest das Messer umklammerte.
Granger hingegen atmete lediglich schwer und Severus konnte nur erahnen, welche Ursache das hatte – ihre Aufregung oder ihre Erschöpfung. Nichtsdestotrotz brachte sie mit knirschenden Zähnen ein „Natürlich nicht, Sir" hervor.
„Nicht zu vergessen die zehn Punkte, die Sie an ihre Unaufmerksamkeit verlieren", fuhr Severus fort. Das Kichern aus den Slytherin-Reihen wurde immer lauter.
Granger schloss die Augen für einen Moment, zog es jedoch vor, nicht zu antworten, als sie sie wieder öffnete. Lediglich ihre wütenden Blicke trafen ihn, bevor sie sich wieder um ihren Trank kümmerte.
Severus grinste flüchtig, wirklich sehr flüchtig. Dann runzelte er die Stirn und machte einige Notizen für Poppy in die Akte. Das Mädchen litt unter akutem Schlafmangel der schwereren Form. Sonst hätte sie sich sein Handeln nicht ohne größere Diskussion gefallen lassen. Auf welchem Wege auch immer, sie mussten sie zum Schlafen bringen.
„Du informierst Miss Granger besser darüber, dass ich mit ihrem Fall vertraut bin", begrüßte Severus die Medihexe später am Tag, während er in den Krankenflügel rauschte. Er warf ihr die Akte auf den Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Was hast du herausgefunden?" Poppy griff sofort nach den Unterlagen und blätterte auf die letzte Seite.
„Dass Miss Granger dem Wahnsinn anheim fallen wird, wenn sie nicht bald schläft", sagte er trocken. „Ich hatte heute während des Unterrichts die Möglichkeit, mich unbemerkt in ihrem Verstand umzusehen."
Die Medihexe sah ihn missbilligend an. „Das ist nicht die feine englische Art, Severus! Wenn jemand davon erfährt, landest du schneller in Askaban, als du Entschuldigung sagen kannst."
„Dann erzähl es niemandem. Du wolltest meine Meinung und du weißt, wie ich mir diese bilde."
„Man gibt die Hoffnung nie auf...", murmelte Poppy kaum verständlich, vertiefte sich dabei jedoch wieder in Severus' Notizen. „Hast du irgendwelche Anhaltspunkte gefunden, was zu ihrem Zustand geführt haben könnte?"
Er verzog unzufrieden das Gesicht. „Nichts Handfestes. Aber ich bin immer noch überzeugt, dass der Krieg seine Rolle dabei spielt."
„Sie sagte mir, dass sie keine Alpträume hat."
„Mal ganz abgesehen davon, dass nicht jeder mit seinen Alpträumen hausieren geht, muss ein Trauma sich nicht unbedingt über Alpträume manifestieren. Und das weißt du genauso gut wie ich." Er blieb stehen, wo er war, während Poppy durch den Krankensaal streifte und gedankenverloren in den Unterlagen blätterte.
„Du hast sie mit Punktabzügen getestet?"
Severus zog eine Augenbraue hoch. „Und?"
„Fein", schnappte sie daraufhin. „Nehmen wir an, sie hat wirklich Schlafprobleme aufgrund ihrer Erlebnisse im Krieg. Warum reagiert sie dann so extrem auf alle Tränke, die ich ihr gegeben habe?"
„Ich sagte nicht, dass der Krieg der einzige Grund ist. Ich sagte, dass er seine Rolle spielt. Ein so extremer Schlafmangel muss organische Ursachen haben."
„Woran denkst du dabei?"
„Möglicherweise eine Infektion." Er schürzte die Lippen.
„Die Diagnosezauber haben nichts in dieser Richtung ergeben. Keine erhöhten Leukozyten, kein Fieber." Sie kehrte langsam wieder zu ihm zurück.
„Herzinsuffizienz", zählte er weiter auf.
„Ihr Herz ist in Ordnung", wiegelte Poppy ab.
„Schilddrüse?"
„Die Werte waren ebenfalls im Normbereich."
Severus kniff die Augen zusammen. „Vielleicht ist an den Gerüchten ja doch etwas Wahres dran", überlegte er laut. Natürlich war es nicht an ihm vorbei gegangen, dass die ganze Schule sich erzählte, die berühmte Hermine Granger, Alleswisserin und leistungsstärkste Schülerin, wäre drogensüchtig. Der Gedanke war wirklich delikat.
Poppy verschränkte die Arme vor der Brust und bereitete sich offensichtlich auf einen ihrer Vorträge vor. Er verdrehte die Augen. „Ich habe Miss Granger einer eingehenden körperlichen Untersuchung unterzogen, mehrmals sogar! Dazu kamen Analysezauber für Blut und Urin, sowie Rückenmarksflüssigkeit. Sie hat weder eine Infektion, noch ist sie drogenabhängig! Du wirst dich damit abfinden müssen, dass sie ihre Noten zu Recht bekommt."
„Wenn sie so weitermacht, erledigt sich das Problem von alleine." Er lächelte diabolisch.
In diesem Moment wurde die Tür zum Krankenflügel aufgestoßen und ein Schüler aus dem Hause Hufflepuff, der für Severus alles andere als unbekannt war und nun seine rechte Hand weit von sich hielt, kam herein. „Madam Pomfrey, ich... ich wollte... und dann hat... und nun...", stotterte er zusammenhanglos.
„Sie würden uns ungemein helfen, wenn Sie in ganzen Sätzen sprechen würden, Mr Finch-Fletchley!", unterbrach Severus ihn harsch und kassierte dafür einen tadelnden Blick von Poppy, die den Jungen zu einem der Betten führte. Er hatte eine stark blutende Wunde an der Hand, die sicherlich dafür sorgen würde, dass Filch seine Freude an der Spur hatte, die sich quer durch das Schloss zog.
„Sie können es mir erklären, wenn die Wunde versorgt ist", wandte Poppy ein, nachdem der Schüler auch nach mehreren Momenten seine Sprache noch nicht wiedergefunden hatte. „Und du kannst gehen, Severus!"
„Äußerst zuvorkommend", erwiderte er spitz und wandte sich mit wehenden Roben um. Bereits an der Tür zum Krankenflügel angekommen, rief er noch über seine Schulter: „Ich will mit ihr sprechen, Poppy! Informiere sie!"
„Ja, ja", hörte er sie murmeln, dann stieß er die Türen auf und verließ den Krankenflügel.
Am frühen Abend saß Severus mit gefurchter Stirn vor den Tränkeproben des siebten Jahrgangs. Eine Liste mit Namen lag zu seiner Rechten, bildete eine Tabelle zusammen mit den Aspekten, nach denen er benotete. Denn egal, wie hartnäckig sich die Gerüchte auch hielten, jeder Schüler, der etwas darauf verwetten würde, dass Severus seine Noten nach Sympathie verteilte, würde verlieren.
Nicht, dass er es nicht versucht hatte. Doch Albus war davon nicht angetan gewesen, von Minerva ganz zu schweigen.
Ein Großteil der Noten stand bereits fest. Die Leistungen hatten sich kaum verbessert, seitdem der Krieg sein überfälliges Ende gefunden hatte, eher im Gegenteil. Die Dummen, die glaubten, er würde seine Unterrichtsmethoden jetzt ändern, ließen sich einfach nicht eines Besseren belehren. Nun, zumindest ersparte ihm dies genaueres Nachdenken über die Vorzensierungen, mit denen Minerva ihm schon seit einigen Wochen in den Ohren lag.
Das beste und ausnahmsweise auch interessanteste Fläschchen hatte er sich dieses Mal bis zum Schluss aufgehoben. Granger hatte es bisher nie geschafft, sich beide dieser Titel für ihre Probe zu sichern. Longbottoms war – sofern er denn etwas zustande gebracht hatte, das man tatsächlich abliefern konnte – stets interessanter gewesen.
Heute jedoch war er gespannt, was sie mit ihrer verminderten Leistungsfähigkeit auf die Beine gestellt hatte. Mit spitzen Fingern nahm er die kleine Glasflasche aus der Reihe und entkorkte sie umsichtig. Granger neigte nicht dazu, Fehler zu machen. Aber er weigerte sich, ihr momentan zu vertrauen.
Mit gerümpfter Nase roch er an dem Trank – die Geruchsprobe war stets der erste und einfachste Test, dem man einen Trank unterziehen konnte. Grangers Trank bestand ihn. Er machte ein Häkchen an der entsprechenden Stelle seiner Tabelle.
Da der Geruch stimmte, hatte sie auch den Fehler gefunden, den er in das Rezept eingebaut hatte. Andernfalls hätte der Trank nach faulen Eiern gestunken. Deswegen machte er gleichzeitig auch noch ein zweites Häkchen, bevor er die Feder wieder beiseite legte.
Nun kippte er die Flasche vorsichtig, bis ein Tropfen des Inhaltes auf seiner Fingerkuppe landete. Er verrieb ihn und registrierte die ölige Konsistenz, die der Aufpäppeltrank haben sollte. Ein weiteres Häkchen wurde gemacht. Severus steckte den Korken wieder auf die Flasche und hielt sie gegen das Licht.
Die Kontrolle der Farbe war eine eigentlich überflüssige Einrichtung. Das menschliche Auge war nicht dafür geschaffen, die feinen Unterschiede der Färbung wahrnehmen zu können, die kleine, aber nichtsdestotrotz verheerende Fehler erzeugten. Eine Nase konnte man darauf trainieren, solche Abweichungen zu bemerken, ein Auge nicht.
Trotzdem hatte Albus darauf bestanden, dass er sich an die Liste von Slughorn hielt. Severus vermutete stark, dass sein Vorgänger die Farbkontrolle eingeführt hatte, um leistungsschwachen Schülern zumindest eine Chance zu geben. Er schnalzte leise, als ihm der Gedanke während der Betrachtung von Grangers Probe kam. Tatsache war, allein die Farbkontrolle brach ihr das Genick.
Anstelle des zarten Rots, das den Aufpäppeltrank auszeichnete, wich ihre Farbe eher ins Violette ab. Severus vermutete, dass ihre Unaufmerksamkeit, die er zum Durchforsten ihrer Gedanken genutzt hatte, daran Schuld war. Der Trank hatte zu lange geköchelt. Der Wirkung schadete dies nichts. Nur ihrer Note.
Severus stellte den Trank in die Reihe zurück, machte einen Kreis bei der Farbkontrolle in seiner Tabelle und schrieb an das Ende der Zeile ein großes E.
Im nächsten Moment loderte das Feuer in seinem Kamin in die Höhe und tauchte seine Räume in ein grünes Licht. Severus schrak zusammen. Nachdem die Kamine in Hogwarts zwanzig Jahre lang geschwiegen hatten, musste er sich erst daran gewöhnen, dass er nun jederzeit mit Störungen aus dieser Richtung rechnen musste.
Leise fluchend stand er auf und ging zu der Feuerstelle hinüber. Poppys Gesicht blickte ihm entgegen. Sie wirkte gereizt. „Wenn du mich noch häufiger stören möchtest, sollten wir darüber nachdenken, dir ein Zimmer in meiner Wohnung einzurichten. Das erspart dir viel Aufwand", begrüßte er sie mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
Poppy ging nicht darauf ein: „Drei Dinge, Severus: Sie weiß Bescheid, sie ist nicht begeistert, sie ist einverstanden." Danach pressten sich ihre Lippen sofort wieder zu einem dünnen Strich zusammen.
„Was Granger davon hält, ist mir gleich."
„Das war auch ihr Hauptgrund, deinem Mitwirken zuzustimmen", gab sie unumwunden zu. „Sei in einer Stunde im Krankenflügel." Noch bevor er seine Zustimmung aussprechen konnte, färbte das Feuer sich wieder gelb und erlosch langsam.
Severus richtete sich auf und konnte sich einem zufriedenen Gefühl nicht gänzlich verwehren. Das Gespräch nachher würde sicherlich einige interessante Details zutage fördern. Schließlich gedachte er, es auf seine Art zu führen.
