Kapitel 2
„Reno! Wach auf!"
Bevor Reno auch nur registrieren konnte, was um ihn herum geschah, wurde er mit einem harten Tritt in die Realität zurück geholt.
Erschrocken riss er seine Augen auf und blickte in das wütende Gesicht von Tseng.
„Reno," sagte er dann, „Rufus ist verschwunden und ich glaube, dass du daran nicht ganz unschuldig bist. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?"
Reno sah ihn kurz an.
„Ähm... Tut mir leid?"
Tsengs Blick verfinsterte sich: „Glaubst du, das reicht um dich aus der Affäre zu ziehen?"
Er ließ den Kopf hängen.
„Ich hab echt Mist gebaut, oder?"
Tseng half ihm auf die Beine: „Kann man so sagen. Wenn du deinen Job nicht riskieren willst, wäre es besser, wenn du dich endlich an die Arbeit machst und den Jungen findest, bevor der Präsident davon Wind bekommt."
Reno nickte nur und rannte los, er hatte das Vertrauen von Tseng missbraucht und würde dafür büßen müssen, wenn er den VP nicht schnellstmöglich wieder auftrieb.
Es war halt nur die Frage, wo dieser sich zum derzeitigen Zeitpunkt befand.
Die Materia war ihm aus der Tasche gefallen und lag nun einige Meter vor ihm auf dem Boden. Es schauderte ihm bei dem Gedanken, ihr auch nur zu nahe zu kommen, aber ohne sie wird ihm Tseng diese ganze Geschichte wohl nicht glauben. Vorsichtig hob er sie auf und ging damit zu seinem Spind, der sich eine Ebene tiefer befand. Morgen würde er rausbekommen, was es damit auf sich hatte, aber jetzt musste er erst mal Rufus finden.
Hals über Kopf stürzte er aus dem Shinra-Gebäude und hinein in die Nacht. Die Straßen waren hell erleuchtet und überall tummelten sie die Nachtschwärmer.
„Die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen..."
Er schlug einfach irgendeinen Weg ein und begann seine Suche.
Er verfluchte die Tatsache, dass er Tseng nie richtig zugehört hatte, wenn es um die Verstecke des jungen VPs ging, schließlich war es nicht das erste Mal, dass dieser einfach so verschwand.
Ihm blieb nichts anderes übrig als sich durchzufragen. Glücklicherweise war Rufus in seinem weißen Trenchcoat ziemlich auffällig, sodass es ihm nicht schwer fiel, seine Spur zu verfolgen.
Seine Suche endete in einem verlassenen Bahnhofsteil von Midgar. Rufus saß mit dem Rücken zu ihm auf dem Dach eines Stillgelegten Zugabteiles.
Da er nicht wusste, ob dieser ihn schon bemerkt hatte, ging er vorsichtig auf ihn zu.
„Was willst du hier Reno?"
Das beantwortete seine Frage...
Reno zuckte merklich zusammen.
Rufus´ Stimme war kalt und man musste kein Hellseher sein, um zu verstehen, dass der Rotschopf im Moment der letzte war, den der VP sehen wollte.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und trat noch einen Schritt näher heran.
„Bitte hören sie mir zu, es tut mir leid,, was passiert ist, aber es gibt einen Grund dafür!"
„Und was für ein Grund sollte das sein?" fragte Rufus barsch, ohne sich umzudrehen.
„Ich habe eine seltsame Materia gefunden, ich weiß auch nicht genau warum, aber sie hat mich dazu veranlasst, das zu tun, was ich vorhin getan habe..."
„Reno," sagte Rufus, „ das ist die bescheuertste Ausrede, die ich in meinem ganzen Leben gehört habe..."
„Aber es ist wahr!" rief Reno verzweifelt. „Wenn sie mir nicht glauben, kann ich es ihnen zeigen!"
Rufus hatte sich inzwischen umgedreht und beäugte Reno skeptisch.
„Was ist, wenn das wieder einer deiner Tricks ist.?"
„Das ist kein Trick! Ich schwöre es ihnen!"
Rufus glitt langsam herunter und landete grazil neben Reno.
„Dann zeig sie mir. Aber ich warne dich, eine falsche Bewegung und ich verpasse dir ein neues Loch mit dem hier!" Rufus hielt Reno seine Schrotflinte unter die Nase. Reno nickte nur und die beiden gingen gemeinsam zurück ins Shinra HQ, wo sie bereits von Tseng erwartet wurden.
„Sir, ist mit ihnen alles in Ordnung? Geht es ihnen gut?"
Der Turk kam auf sie zugestürmt und betrachtete den jungen VP von allen Seiten, ob auch alles noch an seinem Platz war.
Nach zwei Minuten nickte er zufrieden und funkelte zu Reno.
„Ich will, dass du dich von dem VP fernhältst ist das klar?"
Reno sagte nichts und blickte zu Boden, im Moment wäre es wohl nicht sehr ratsam ihm zu erzählen, dass er so schnell Rufus nicht alleine lassen konnte. Tseng wandte sich zu Rufus: „Sir, soll ich sie nach oben bringen?"
Aber dieser schüttelte nur mit dem Kopf: „Nein Tseng, ich habe noch etwas zu erledigen."
Tseng nickte und verließ den Eingangsbereich in Richtung seines Büros, jedoch nicht, ohne Reno dabei genau im Auge zu behalten.
Als der Aufzug sich geschlossen hatte und die beiden wieder allein waren, atmete Rufus auf. „Manchmal ist der Kerl schlimmer als meine Mutter..."
Reno stimmte ihm zu, manchmal hatte es schon fast den Anschein, Tseng wäre in Rufus verknallt, ein Gedanke, der ihm nicht behagte.
„Ich dachte du wolltest mir die Materia zeigen..." meinte Rufus genervt, als Reno keine Anstalten machte sich in Bewegung zu setzen.
In diesem Moment schien seine Erinnerung zurückzukommen.
„Stimmt ja. Kommen sie mit!"
Die ‚Beiden durchquerten die Eingangshalle und nahmen den Aufzug auf die ebene mit den Trainingshallen. Rufus kannte diesen Ort gut, denn trotz des Verbots seines Vaters, war er fast jede Nacht hier oben und trainierte zusammen mit einigen der Turkanwärtern.
Es war ein offenes Geheimnis, dass die Turks mehr auf Rufus´ Befehle hörten, als auf die seines Vater.
Das typische Pling-Geräusch zeigte an, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.
Reno führte ihn schnurstracks zu seinem Spind und gab seinen Code ein. Die Tür sprang auf und gewährte Einblick in Renos typische Ordnung.
Alles schien nur hineingestopft zu sein und Rufus fragte sich zurecht, wie der Rotschopf es jedes mal schaffte frühmorgens rechtzeitig fertig zu werden.
„Hast du jemals daran gedacht, hier mal aufzuräumen?" fragte Rufus, doch Reno grinste nur: „Sie kennen mich doch..."
Und wie er das tat.
Es war wirklich ein Unding Reno nicht zu kennen.
„Und? Wo ist sie?"
Reno griff beherzt in seinen Haufen und holte ein kleines Säckchen heraus, selbst er war nicht so wahnsinnig, dieses Teil noch einmal mit bloßen Händen anzufassen.
„Ist sie da drin?" fragte Rufus neugierig.
„Ja," antwortete Reno kurz und öffnete vorsichtig das Säckchen. Rufus warf einen Blick hinein, bevor er sich wieder an Reno wand.
„Sieht für mich wie eine ganz normale Materia aus..."
„Aber sie ist es nicht!" versuchte Reno ihn zu überzeugen.
Rufus blickte skeptisch und griff ohne Vorwarnung in das Säckchen und holte die Materia heraus. Der Rotschopf erschrak, als er sah, was der VP gerade getan hatte.
Er wollte ihm die Materia gerade aus der Hand reißen, als er inne hielt.
Rufus hatte aufgeblickt, ein leichtes grünliches Leuchten konnte in seinen Augen erkannt werden, ansonsten jedoch blieb er still, fast so, als hätte man ihn paralysiert.
„Sir...?" fragte er unsicher, aber es gab keine Antwort.
„Rufus?" versuchte er es noch einmal. Diesmal gab es eine Reaktion, auch wenn es nicht das war, was er sich erhofft hatte. Rufus stürzte auf ihn zu und riss ihn mit sich zu Boden; wo er auf einmal die Kraft her hatte, wusste er nicht.
„Shit!"
Die Materia machte genau das gleiche, wie mit ihm vorhin.
Er nahm all seine Kraft auf sich, um den jüngeren Mann von sich zu stoßen, im gleichen Moment schlug er ihm dieses verdammte Item aus der Hand.
Kaum hatte sie seine Hand verlassen, hörte dieser auf, sich auf Reno zu stürzen, stattdessen blickte er den Rotschopf verwirrt in die Augen.
„Was um alles in der Welt..."
Reno wusste wie er sich fühlen musste.
„Verstehen sie jetzt was ich meine?" fragte er ihn dann.
Rufus nickte schwach, er schien immer noch zu versuchen, diese ganze Sache zu begreifen.
Einige Minuten vergingen, bevor Rufus endlich wieder den Mund aufmachte, seine Wangen waren immer noch leicht gerötet.
„Wie ist dieses Teil nur hierher gelangt?" fragte er.
Reno zuckte nur mit den Schultern.
„Keine Ahnung, sie lag in der Cafeteria auf dem Boden. Wahrscheinlich hat sie irgendwer verloren..."
Es viel Rufus schwer dies zu glauben, um nichts in der Welt würde jemand diese Materia einfach verlieren.
„Vielleicht gehört sie einem der Wissenschaftler, die sich den lieben langen Tag in ihren Laboren einschließen?" schlug Reno vor.
„Vielleicht..." Rufus pausierte kurz, „Aber heute erwischen wir keinen mehr von ihnen. Wir müssen wohl oder übel bis morgen warten..."
Reno steckte die Materia schnell wieder in das Säckchen und vergrub sie in seinem Spind.
„Morgen früh um acht. Sei pünktlich," sagte Rufus und ging zurück zum Fahrstuhl, es war spät geworden und sein Vater würde ihn sicherlich wieder mit Arbeit überhäufen.
Manchmal könnte er wirklich darauf verzichten...
Reno sah ihm noch nach, bevor er sich auch auf den Heimweg machte.
