Kapitel 1, Mein Liebster
Die raue See presste ihre gewaltigen Wellen gegen die Felsen der Küste von Four Winds Harbour. Mit jeder neuen Welle roch die Luft mehr und mehr nach Salz und der milde Duft nach Frühling war kaum noch wahrzunehmen. Bertha Marilla Blythe, von allen nur Rilla genannt, saß auf einer der Felsen, blickte hoch zum Himmel, an dem sich viele graue Wolken daran machten, denn Himmel nach und nach zu verdunkeln und atmete die frische Luft in tiefen Zügen ein.
"Rilla-meine-Rilla, du bist so abwesend, bin ich inzwischen so langweilig geworden?"
Die sanfte Stimme ihres Begleiters riss sie aus ihren Gedanken. Langsam löste sie ihren Blick vom Himmel, lächelte und sah sich direkt Kenneth Ford gegenüber. "Sei nicht albern", sie stieß in sacht in die Seite. "Ich hab mich gerade eben nur gefragt, ob das alles wahr ist oder ob ich wieder mal träume". Sie zog ihre Beine noch näher an ihren Körper heran.
"Du träumst also von mir?". Ein breites Grinsen breitete sich auf Kens Gesicht aus. Rilla lief puterrot an und wand ihren Kopf ab. "Wie kommst du darauf?" Innerlich biss sie sich auf die Zunge. Nun hatte sie schon wieder gelispelt. Es war noch keine Viertelstunde her, in der Ken sie nach vier langen Jahren des Kriegs zum ersten mal gesehen hatte und was machte sie, sie lispelte hier rum.
Ken lächelte sie amüsiert an: "Schon okay Rilla-meine-Rilla, ich träume doch ebenfalls von dir, jede einzelne Nacht. Der Gedanke an dich hat mich da drüben am Leben erhalten. Der Gedanke dich wieder zusehen, wieder mit dir zu sprechen, dich im Arm zu halten, dich zu küssen, all diese Dinge waren meine Motivation nicht aufzugeben und schnell zu dir zurück zu kehren".
Sie sah hoch. Meinte er das ernst? Noch nie hatte sie Ken Ford so sprechen hören. "Ach und wieso bist du bereits zwei Wochen wieder zurück und kommst erst heute? Ich musste durch die Zeitung erfahren das du zurück bist. Kein Brief, kein Telefonanruf, nichts… da kann es ja mit der Sehnsucht nach mir nicht weit her sein!" Sie sah ihn trotzig an. Das träumerische war aus ihrer Stimme verschwunden und hatte einen ernsten Ton angenommen. Sie wollte endlich Antworten auf ihre Fragen. War ja ganz schön und gut was er ihr da erzählte, aber war es die Wahrheit?
Nun senkte Ken seinen Kopf. "Ich kann verstehen das du wütend bist, Rilla-meine-Rilla. Wirklich, kann ich vollkommen verstehen. Lass es mich erklären. Ich hätte dich nach so einer langen Zeit zum ersten mal wieder gesehen. Ich wusste nicht wie du reagieren würdest, was du sagen würdest… was ich sagen würde.
Ich hatte Angst davor dich wieder zusehen. Es hätte sich ja inzwischen vieles ändern können, immerhin war ich vier Jahre weg. Ich wusste nicht ob dein Herz nun für jemand anderen schlägt oder ich mich vollkommen zum Narren mach. Und das Gefühl habe ich immer noch".
Rilla blickte ihn mit ihren Haselnussbraunen Augen an und glaubte ihm jedes Wort. Es war die Wahrheit, sie spürte es ganz tief in ihrem Herzen.
"Hältst du mich für einen Narr Rilla?"
"Überhaupt nicht. Ich bin froh, dass das der Grund ist, weshalb du erst jetzt kommst… ich dachte du hättest mich vergessen und irgendeinem Mädchen in Toronto schöne Augen gemacht", seufzte Rilla. Endlich war es raus, ihr fiel ein schwerer Stein vom Herzen.
"Ich meine, ich bin nur Rilla Blythe aus Glen, nicht mehr. Was könnte ich schon bieten im Gegensatz zu einem Mädchen wie Alyson Hollingsworth …", gestand Rilla und machte ein trauriges Gesicht.
Ken schüttelte den Kopf und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Du hast die Geschichte von Alyson und mir also gehört? War zu erwarten, aber das war einmal, vor langer Zeit, bevor du in mein Leben getreten bist, glaub mir bitte. Es könnte tausend Alysons geben, ich würde mich nur nach dir verzehren", versicherte er.
Rilla nickte kurz, machte jedoch ein unglückliches Gesicht.
"Ich sehe du glaubst mir nicht. Rilla, ich habe hier vor langer Zeit etwas sehr wertvolles verloren".
"Etwas wertvolles", wiederholte sie und bemerkte nicht wie immer mehr Sonnenstrahlen durch die dicke Wolkenschicht am Himmel hin durchbrach.
"Ja, mein Herz", murmelte er.
"Dein Herz?", fragte Rilla verwirrt.
"Ja mein Herz und zwar an dich Rilla. Seit dem Tanzabend vor fünf Jahren gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich liebe dich Rilla-meine-Rilla", flüsterte er ihr ins Ohr und strich ihr über die Wange.
Rilla errötete. "Ken… ich liebe dich auch". Sie blickte ihn mit ihren großen, glänzenden Augen an. In ihrem Kopf herrschte ein wahres Chaos.
Langsam beugte Ken sich zu ihr hinab, schaute ihr tief in die Augen und küsste sie ganz sanft auf ihre Lippen.
Wie im Zauberrausch der Liebe kam es den beiden vor, als wäre die Zeit stehen geblieben. Alles um sie herum war vergessen, die Sonne die sich nun endgültig ihren Weg durch die Wolken gebahnt hatte, das Meer das zur Ruhe gekommen war, einfach alles.
Im Moment zählte nur noch der kostbaren Augenblick der Glückseligkeit, den sie miteinander teilten.
