2 a. Einige
Monate später…
"Nova?"
"Mhhh?"
"Findest du es hier nicht auch schön langsam langweilig?"
"Wo? Hier in diesem Baum?"
"Nein, in Mirkwood an sich. Seit über zweitausend Jahren leben wir jetzt hier
und haben diesen Wald noch nie verlassen."
Die beiden Freundinnen genossen ihre Freizeit und faulenzten in ihrem
Lieblingsbaum, außerhalb der Siedlung.
"Eigentlich nicht, mir gefällt es hier ganz gut."
"Ja schon, aber würdest du nicht mal gern was anderes sehen?"
Nova zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß auch nicht. Irgendwie schon, aber meine Eltern würden mich nie
alleine gehen lassen, und Gorath hat keine Zeit, um mitzukommen."
"Du kennst doch Morênon, oder nicht?" Nova nickte. „Flüchtig, was ist mit ihm?"
"Er und seine Familie machen bald eine längere Reise nach Rivendell. Ihnen
könnten wir uns anschließen, vielleicht würden das unsere Eltern erlauben. Ich
habe eine Tante dort, sie würde sich sicher freuen, uns aufzunehmen. Sie hat
schon öfters geschrieben, dass ich sie besuchen kommen soll."
Die schwarzhaarige Elbe begann zu überlegen. Wundersame Geschichten wurden über
Lord Elrond und Rivendell erzählt, und sie hatte schon einiges in Büchern über
diesen Ort gelesen. Es musste ein Paradies sein, das eine Reise wert war.
"Wir können ja mal fragen, ob sie uns mitnehmen würden."
Voller Tatendrang sprang Aratorëiel auf und zog Nova mit sich. „Ich meinte damit eigentlich nicht sofort!"
"Sei nicht so faul, Nova."
Morênons Familie erklärte sich gerne bereit, die beiden Elbinnen mitzunehmen
und überraschenderweise hatten auch ihre eigenen Eltern nichts dagegen.
Die Abreise würde in zwei Wochen erfolgen und Tori wuselte aufgeregt umher.
Auch Novfanawen freute sich auf die Reise, doch mit ihrem ruhigen Charakter
ging sie etwas gelassener an die Sache heran und belächelte Aratorëiel, die vor
Aufregung ganz kopflos war.
Zwei Tage vor ihrer Abreise kam Gorath abends nach Hause, völlig verdeckt von
einem riesigen Blumenstrauß. Novfanawen sah ihn verwundert an.
"Wo hast du den denn her?"
"Der ist für dich." Er drückte Nova den monströsen Strauß in die Hand und ihre
Mutter eilte sofort los, um ein geeignetes Gefäß zu finden, sie bezweifelte
allerdings eine so große Vase zu besitzen.
"Von wem ist der denn? Der Duft ist ja richtig betäubend." Sie hielt das
Bouquet von sich weg, da ihr schon fast schwindlig war von dem stechenden Duft,
den die vielen Blumen verströmten.
"Na von wem wohl. Legolas natürlich. Er wünscht dir eine gute Reise und hofft,
dass du bald und gesund wieder heimkehrst. Die Betonung lag auf bald."
"Woher weiß er denn überhaupt, dass ich gehe?!"
"Wahrscheinlich hat er ein Gespräch zwischen mir und Ada gehört, als er uns
beim Patrouillieren begleitet hat." Nova rollte mit den Augen.
"Na wunderbar."
Endlich kam ihre Mutter mit einer Vase und platzierte den Strauß darin. Zuerst
betrachtete sie bewundernd die Blumen, doch dann runzelte sie ihre Stirn.
"Aber er hätte sie wirklich selber bringen können."
"Ach Nana, der arme Kerl traut sich nicht her, er hat sicher Angst, dass Nova
ihm eins überbrät, nachdem sie alle seine Annäherungsversuche bisher eiskalt
abblitzen lassen hat." Gorath sah seine Schwester missbilligend an, doch sie
zuckte nur mit den Schultern.
"Es ist nicht meine Schuld, dass er sich die falsche Elbe ausgesucht hat. Ich
habe es ihm bereits mehrmals deutlich gemacht, dass ich nicht interessiert bin,
und es ändert auch nichts, wenn er mir alle Blumen Mittelerdes eigenhändig
pflückt."
"Jedenfalls ist der Strauß eine nette Geste und du solltest dich dafür
bedanken, Novfanawen."
"Ja Naneth, ich werde einen kurzen Brief schreiben, den Gorath morgen mitnehmen
kann."
"Aber einen freundlichen Brief, haben wir uns verstanden?!"
Nova rollte nur mit den Augen und ging in ihr Zimmer. Am Schreibtisch verfasste
sie in paar unverbindliche Zeilen und dankte dem Prinzen für seine
Aufmerksamkeit. Was war sie froh, wenn sie endlich hier verschwinden konnte.
Vielleicht fand Legolas während ihrer Abwesenheit ja ein anderes Ziel für seine
Zuneigung. Sie war es zwar gewöhnt, die Aufmerksamkeit männlicher Elben zu
erregen, ihr rabenschwarzes Haar stach einfach zu sehr hervor aus der blonden
Masse, aber wohl fühlte sie sich dabei nicht. Darum blieb sie am liebsten in
ihrem Zimmer und las ihre Bücher, dort hatte sie wenigstens ihre Ruhe.
Der Morgen der Abreise kam, und die beiden Elbinnen verabschiedeten sich von
ihren Familien. Der Aufenthalt in Rivendell würde einige Monate dauern, und
Nova war traurig, dass sie ihre Familie nun lange nicht mehr sehen würde.
Doch Aratorëiel heiterte sie auf und auch Morênon erwies sich als ein heiterer
Geselle. So wurde ihnen die Zeit nicht lang, und ehe sie sich versahen,
erreichten sie Rivendell.
2 b.
Das Tal übertraf Novfanawens Erwartungen um Längen. Wasserfälle stürzten an den
Felsen herab, und über dem ganzen Tal lagen positive Schwingungen. Die beiden
Freundinnen fühlten sich hier sofort wohl, und auch Toris Tante war ein
Goldstück. Die freundliche Elbin war überglücklich über den Besuch ihrer Nichte
und quartierte die beiden in ihrem schönen, großzügigen Haus ein. Sie teilten
sich das Gästezimmer, und nachdem sie ihre Sachen ausgepackt hatten, wanderten
sie ein wenig in Imladris umher, beide gefangen in der Schönheit dieses Ortes.
Die beiden Freundinnen waren nun schon einige Wochen in Rivendell und wieder
einmal auf einem Erkundungsgang.
Plötzlich hörten sie Hufgetrappel und ein großes, weißes Pferd schoss auf sie
zu. Schnell sprangen die beiden Elbinnen von der Straße, um Platz für den
Reiter zu machen, offensichtlich hatte er es sehr eilig.
Auf dem Pferd saß ein blonder Elb und vor sich hielt er ein kleines Wesen, es
sah aus wie ein Kind – doch Novfanawen hatte nur Augen für den Reiter. Sein
goldenes Haar wehte im Wind und sein Gesicht war wunderschön, jedenfalls was
sie in dem kurzen Augenblick erkennen konnte. Er kam ihr so bekannt vor, doch
bevor sie ihn zuordnen konnte, war das Pferd auch schon an ihnen vorbei.
Nova sah dem Reiter mit großen Augen nach und überlegte fieberhaft, woher sie
ihn kannte, als Tori kopfschüttelnd weiterging.
"Na, der hatte es aber eilig! Hätte uns um ein Haar über den Haufen geritten!"
Sie zog ihre immer noch erstarrte Freundin mit sich. „Was ist denn mit dir?
Hast du einen Geist gesehen?"
"Unsinn, es ist nichts. Komm, lass uns weiter gehen." Sie machten sich wieder
auf den Weg, doch in Novas Kopf arbeitete es. Der Reiter ging ihr nicht mehr
aus dem Sinn, irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen. Wenn sie nur sein
Gesicht richtig erkennen hätte können, doch er war so schnell an ihr vorbei
geritten, dass sie kaum etwas gesehen hatte. Was sie so beschäftigte, war sein
goldenes Haar. Es hatte wirklich eine außergewöhnliche Farbe, erst einmal hatte
sie solches Haar gesehen – und zwar in ihrem Traum. Sollte es die Möglichkeit
sein?!
"Hörst du mir überhaupt zu?" Beleidigt stieß Tori ihre Freundin in die Seite.
"Entschuldige Tori, ich war in Gedanken. Was hast du gesagt?"
"Ich sagte, lass uns nach Hause gehen. Es ist schon spät und meine Tante wird
schon auf uns warten."
So machten sich die beiden auf den Heimweg, und Novfanawen versuchte, den
Reiter zu vergessen. Sicherlich hatte sie sich nur getäuscht, und die goldene
Herbstsonne hatte sein Haar so eigentümlich schimmern lassen. So zwang sie
sich, Aratorëiels Geplapper zuzuhören und war froh, als sie endlich das Haus
ihrer Tante erreichten.
In den nächsten Tagen kochte die Gerüchteküche, offenbar war ein verletzter
Hobbit in Rivendell eingetroffen. Nun wussten die beiden Freundinnen, dass
Glorfindel, so hieß der Reiter, kein Kind, sondern in der Tat einen Hobbit
transportiert hatte. Der kleine Kerl musste schwer verletzt sein, und Elrond
kämpfte um sein Leben.
Die Gerüchte wollten sich gar nicht mehr beruhigen, nachdem immer mehr
seltsames Volk in Rivendell eintraf. Menschen, Hobbits, ein Zauberer und sogar
ein Zwerg! Novfanawen war nicht so sehr interessiert an dem ganzen Getratsche,
doch Tori, die schon viele Freundschaften geschlossen hatte, wusste immer das
Neuste und versorgte Nova mit allem, was diese eigentlich gar nicht wissen
wollte.
"Und heute Abend ist ein großer Ball, zu Ehren der Fremden. Alle Bewohner
Rivendells sind eingeladen! Oh Nova, ich bin so aufgeregt, was soll ich bloß
anziehen?"
"Du willst da wirklich hingehen?" Tori sah sie mit großen Augen an.
"Aber natürlich! Und du kommst mit, keine Widerrede!"
"Ich hab wohl keine Wahl?" Die blonde Elbin schüttelte energisch den Kopf.
„Nein. Und jetzt komm, wir müssen uns was zum anziehen suchen. Vielleicht hat
meine Tante was, das sie uns leihen kann."
Aufgeregt zog Aratorëiel ihre Freundin mit, und Nova fragte die Valar, was sie
verbrochen hatte, um so eine Freundin zu verdienen.
Das Fest war in vollem Gange, und nach dem Essen wurde zum Tanz aufgespielt.
Nun vermischten sich die adligen Elben mit dem Volk und alle feierten
miteinander.
Nova saß an einem Tisch und sah Tori zu, die mit einem attraktiven Elb tanzte
und übers ganze Gesicht strahlte, als sie plötzlich jemanden neben ihr
registrierte.
"Lady Novfanawen! Welch ein freudiger Zufall, Euch
hier zu sehen!" Nova wandte sich um und ihr Lächeln erfror in ihrem Gesicht.
"Eure Hoheit! Ich
wusste gar nicht, dass Ihr auch in Rivendell seid!" Die Elbin verfluchte ihr
Schicksal, endlich hatte sie es geschafft, aus Mirkwood zu fliehen und Legolas
hinter sich zu lassen – und plötzlich stand er in voller Lebensgröße und
strahlend vor ihr. Sie hatte sich höflich erhoben und verbeugt, und Legolas
küsste galant ihre Hand.
"Mein Vater hat mich hier her gesandt, um Lord Elrond eine wichtige Nachricht
zu überbringen. Um ehrlich zu sein, hatte ich gehofft, Euch hier zu treffen. „
Novfanawen wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie wollte den Prinz
wirklich nicht beleidigen, aber offensichtlich hatte er nichts von dem
verstanden, was sie ihm in der Vergangenheit gesagt hatte. Da sie nichts
antwortete, sprach Legolas weiter.
"Gefällt Euch das Fest? Ich finde, Elrond versteht es, Feste auszurichten."
Nova antwortete höflich, und sie unterhielten sich ein paar Minuten über
belanglose Sachen.
Plötzlich sah Nova den Reiter am anderen Ende des Raumes. Endlich konnte sie
sein Gesicht genauer betrachten und sie glaubte den Elb aus ihrem Traum wieder
zu erkennen, doch sie war sich nicht sicher. Legolas sprach weiter, doch
Novfanawen hörte ihm nicht zu – ihr ganzes Denken konzentrierte sich auf den
fremden und doch so vertrauten Elb, der gerade eine angeregte Unterhaltung mit
Lord Elrond führte.
"Lady Novfanawen, hört Ihr mir überhaupt zu?" Der Prinz sah sie ein wenig beleidigt
an und schnell entschuldigte sich Nova bei ihm. „Verzeiht mir, ich habe gerade
jemanden gesehen, den ich zu kennen glaube." Legolas Greenleaf jedoch blieb
hartnäckig.
"Erweist Ihr mir Ehre eines Tanzes, My Lady?" Er hielt ihr schon seine Hand
hin, so konnte sie kaum mehr ablehnen. Mit einem –sehr leisen- Seufzer nickte
sie und ließ sich von Legolas auf die Tanzfläche führen. Dort angekommen führte
sie ein strahlender Legolas schwungvoll über das Parkett. Novfanawen hatte
richtig Mitleid mit dem Prinzen, doch sie konnte nicht verstehen, warum er
gerade sie so verehrte. Niemals hatte sie das geringste Interesse an ihm
gezeigt oder war auf seine Annäherungsversuche eingegangen. Aber vielleicht war
es gerade das, was ihn anzog – schließlich lag ihm beinahe jede andere Elbin im
Königreich Mirkwood zu Füssen.
"My Lady, ich würde mich geehrt fühlen wenn Ihr nach Eurer Rückkehr nach Hause
mit mir den nächsten Ball besuchen würdet." Es war wirklich eine Schande,
diesem strahlenden Gesicht – wieder mal – eine Abfuhr erteilen zu müssen, doch
Nova konnte es nicht ändern. Vor allem jetzt, wo sie vielleicht den Elb aus
ihrem Traum gefunden hatte, auf den sie schon so lange wartete.
"Euere Hoheit…"
"Bitte, nennt mich Legolas!" Wieder dieses umwerfende Lächeln.
"Nun gut, Legolas. Ich fühle mich wirklich sehr geschmeichelt, dass Ihr Eure
Aufmerksamkeit so auf mich richtet, doch muss ich Eure Hoffnungen enttäuschen."
Legolas Gesicht fiel, doch er schwang Nova weiterhin elegant über den
Tanzboden. Sie sprach weiter.
"Ihr seid wirklich ein sehr freundlicher und zuvorkommender Elb und gern würde
ich Freundschaft mit Euch teilen, doch mehr habe ich Euch leider nicht zu
bieten."
Die Augen des Prinzen drückten kurz Traurigkeit aus, doch er fasste sich
schnell wieder.
"Nun Lady Novfanawen, das muss ich dann wohl akzeptieren. Wenn es Freundschaft
ist, die ihm mir bietet, nehme ich diese Freundschaft mit Dank an. Dann bestehe
ich aber darauf, dass Ihr wie alle meine Freunde die förmliche Anrede fallen
lasst."
"Gerne Legolas, dann also du – und meine Freunde nennen mich Nova".
Die beiden lächelten sich an und tanzten weiter. Nova war wirklich erleichtert,
endlich hatte der Prinz verstanden, dass sie nicht mit ihm zusammen sein
wollte, jedenfalls nicht in der Art, wie er es sich wünschte. Nun konnten sie
ungezwungener beisammen sein und Nova stellte fest, dass Legolas ein wirklich
lustiger Kerl war. Doch so sehr sie sich auch mit Legolas amüsierte, immer
wieder warf sie kurze Blicke zu dem blonden Elb. Einmal, als sie wieder mit dem
Prinzen tanzte, kamen sie ganz nah an dem ebenfalls tanzenden Glorfindel vorbei
und sie warfen sich einen kurzen Blick zu. Novfanawen war wie elektrisiert,
doch der Moment war viel zu schnell wieder vorbei. Legolas zog sie in eine
andere Richtung und der blonde Elb war aus ihrem Blickfeld verschwunden…
