The mirror has two faces Part II

Teil 2:Severus

Nachdem der Spiegel Nerhegeb seine Schuldigkeit getan hatte, beschloss Dumbledore, dass es auf jeden Fall besser sei, ihn verschwinden zu lassen, bevor sich jede Nacht irgendwelche Schüler davor herumdrückten und ihre Herzenswünsche anstarrten anstatt zu schlafen. Zerstören wollte er ihn jedoch nicht, selbst wenn er einen Weg dafür gewusst hätte, denn man wusste ja nie, wann man nicht vielleicht wieder einen derartigen Spiegel gebrauchen konnte. Nach gründlicher Überlegung und einer ausführlichen Diskussion zwischen Dumbledore und Snape hatten die beiden Professoren beschlossen, den Spiegel in einem halb verschütteten Geheimgang im Schloss zu verstecken, einen Geheimgang, den nicht einmal Argus Filch oder die Weasley-Zwillinge kannten. Dumbledore war sich sicher, dass Snape vor der Versuchung, seinen Wunsch im Spiegel zu betrachten, gefeit war, denn als er einmal hineingesehen hatte, war er noch bleicher geworden als üblich und hatte den Wunsch geäußert, diesen speziellen Anblick nicht mehr ertragen zu müssen.

Also hatten die beiden Männer den Spiegel in einer geheimen Nacht- und Nebelaktion an den ausersehen Platz geschafft und seitdem nicht mehr darüber gesprochen.

Sie hatten keine Zaubersprüche oder Banne über den Spiegel verhängt, denn wo ein solcher Zauber benutzt wurde, gab es auch etwas zu verbergen und damit auch etwas Geheimes und potentiell Gefährliches zu entdecken und hätte den Schülern damit einen zusätzlichen Anreiz geboten. Genauso gut hätten sie eine leuchtende Neonreklame vor dem Zugang zu dem Geheimgang platzieren können. So aber war der Spiegel nur ein weiterer magischer Gegenstand in einem Schloss voller merkwürdiger magischer Gegenstände, die den Schülern als nicht sonderlich beachtenswert empfunden wurden.

Der Spiegel blieb also allein in seinem geheimen Gang und setzte Staub an. Fleißige Spinnen begannen damit, den Spiegel in ihre zarten Netze zu hüllen und waren viel zu sehr mit ihrer filigranen Arbeit beschäftigt, als dass sie einen weiteren Blick auf dieses merkwürdige Objekt verschwendet hätten. Und so hätte der Spiegel dort langsam in Vergessenheit geraten können, wenn nicht einer der beiden Geheimnisträger nach einer Weile doch das Bedürfnis verspürt hätte, sich erneut seinem Spiegelbild zu stellen.

Unruhig durchmaß Snape seine Wohnräume im Kerker mit langen Schritten. Irgendetwas bewegte und beunruhigte ihn, doch er konnte seine Unruhe nicht zuordnen. Ein ums andere Mal schob er den Ärmel seiner Robe hinauf und betrachtete prüfend das Dunkle Mal auf seinem Unterarm, das sich schwarz und unheilvoll von seiner bleichen Haut abhob und jedes Mal zog er den Ärmel kopfschüttelnd wieder herunter. Als Potter den Stein der Weisen an sich genommen hatte, war die Auferstehung des Dunklen Lords verhindert worden, das Mal konnte also gar nicht brennen. Daran lag es also nicht. Ungeduldig und gereizt beschloss Snape, seine Unruhe auf das merkwürdige Wetter zu schieben, obwohl er normalerweise nicht unter Wetterfühligkeit litt und entschied, dass ihm ein kleiner Spaziergang sicherlich gut tun würde. Immer noch in eine Aura düsterer Stimmung gehüllt, verließ er den Kerker und machte sich auf den Weg durch das Schloss. Unterwegs machte er diversen Studenten die Hölle heiß und verkrümelte sich dann nach draußen in die Schlossgründe. Er setzte sich auf einen Felsblock am Ufer des schwarzen Sees und betrachtete müßig, wie das brennende Licht der untergehenden Sonne das Land wie eine rotorangene Feuersbrunst versengte und die Dämmerung hereinbrach. Er schaute zu, als sich die ersten Sterne zeigten und der fast volle Mond am Horizont empor kletterte. Die Luft wurde kühl und frisch; der verbotene Wald hob sich als schwarzer Schemen gegen den dunklen Nachthimmel ab und Snape legte erleichtert den Kopf in den Nacken, um den Atem der Nacht auf seinem Gesicht zu spüren. Nach einer Weile senkte er den Blick auf die unergründliche dunkle Fläche des Sees und betrachtete wie der Mond sich darin spiegelte, eine blasse juwelenbestreute Scheibe im Meer der Nacht. Über Snape die Sterne im Zenit ihres fehlerlosen Ganges, wiedergeboren im Spiegel der Wasser. Und plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von Augen. Spiegel. Seine verdammte Unruhe hatte etwas mit diesem dämlichen Spiegel zu tun! Jetzt, als er genauer darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass sich seine Unruhe seit genau dem Moment manifestiert hatte, als er sich am Morgen in seinem Badezimmerspiegel betrachtet hatte. Verärgert über seinen Mangel an Weitsicht hob er einen kleinen Stein zu seinen Füßen auf, warf ihn ziellos in das dunkle Wasser vor ihm, zerbrach die blasse Mondscheibe und brachte die Sterne zum Zittern. Und er ärgerte sich über seinen eigenen törichten Wunsch, in den Spiegel zu schauen. Nein, er wollte nicht in diesen Spiegel sehen. Wer konnte schon behaupten, dass er irgendeine Form von Befriedigung daraus zog, wenn er sich selbst beim Sterben beobachtete? Er ganz sicher nicht, gleichgültig, welch morbide Neigungen man ihm anhängen mochte. Andererseits konnte es ja auch sein, dass der Spiegel ihm nun endlich etwas anderes, etwas erfreuliches zeigen würde, wer wusste das schon? Trotzdem saß Snape noch lange wie angewachsen auf seinem Felsblock und starrte in die relative Dunkelheit, bevor er sich endlich wieder erhob und seine Schritte in Richtung Schloss lenkte. Als er an den Gewächshäusern vorüberging, traf er auf Professor Sprout, die anscheinend ihren Alraunen eine gute Nacht wünschen wollte. Mit einem flüchtigen, kaum sichtbaren Kopfnicken eilte er an ihr vorbei, damit sie nicht auf die idiotische Idee kam, ihm ein Gespräch aufzwingen zu wollen. Er fühlte sich nun wirklich nicht in der Stimmung für einen belanglosen und vollkommen überflüssigen Smalltalk, sondern wollte nur möglichst schnell die sichere Zuflucht seines Kerkers aufsuchen, um dort über diesen absolut absurden Wunsch, in den Spiegel zu schauen nachzudenken. Danach würde er sich mit einem kleinen netten schottischen Freund entspannen - in flüssiger Form, versteht sich – und seine lange Nase in ein kluges Buch stecken und dadurch vielleicht – hoffentlich! – seine Unruhe loswerden.

Zu seinem Glück - und vielleicht zum Glück der Allgemeinheit- begegnete ihm unterwegs niemand mehr und mit einem erleichterten Seufzer ließ er sich in seinem vertrautem Kerker auf das Sofa fallen. Mit einem Wink seines Zauberstabs ließ er eine Flasche Whisky und ein Glas herbeischweben und griff nach der neuesten Ausgabe von „Potions today", um sich damit eingehend zu beschäftigen.

Zwei Stunden, drei Gläser Whisky und zehn Fachartikel später runzelte er entnervt die Stirn, hinter der sich noch immer ein verirrter Gedanke mit dem Spiegel Nerhegeb beschäftigte und sich wie ein Frettchen wütend in dieses Thema verbissen hatte. Seufzend legte er seine Zeitschrift zur Seite und warf einen Blick auf die Uhr. Schon weit nach Mitternacht. Alle anderen Schlossbewohner würden jetzt in ihren Betten liegen und schlafen. Niemand würde ihn sehen oder bemerken, wenn er jetzt gleich aus seinem Kerker hinausschlüpfte und dem Spiegel einen Besuch abstatten würde. Severus wusste, dass er einfach gehen musste, wenn er in dieser Nacht überhaupt noch Schlaf finden wollte. Die Mundwinkel zu einem selbstironischen Lächeln verzogen steckte er seinen Zauberstab ein, verließ leise seinen Kerker und machte sich auf den Weg zu dem Geheimgang.

Dort angekommen, lauschte er angestrengt nach allen Seiten, bevor er die Steine in der Mauer antippte und mit einem Zauberspruch dazu brachte, die Pforte zu öffnen. Vorsichtig schlüpfte er hindurch und ließ die Tür nur angelehnt, immerhin hatte er nicht vor, die ganze Nacht hier zu verbringen. Er wollte nur rasch einen Blick in den Spiegel werfen und sich dann wieder in seine Räume zurückziehen. Immer darauf bedacht, nicht über das Geröll zu stolpern und sich womöglich den Hals zu brechen, tastete er sich durch den engen Gang hindurch, bis er die kleine Kaverne erreicht hatte, in der der Spiegel seinen Platz gefunden hatte. Gespannt, was der Spiegel ihm nun zeigen würde, ging er langsam darauf zu und starrte neugierig in das Glas. Für einen Moment meinte er, einen Blick auf eine Frau mit langem schwarzem Haar erhascht zu haben.

„Das kann doch nicht Dr. Andie McAbe sein, oder? Das wäre allerdings äußerst merkwürdig", murmelte er und streckte die Hand aus, um die Spinnweben vom Spiegel abzuwischen und sich das Bild genauer anzusehen. Achtlos wischte er sich die Hände an seiner Robe sauber und verfolgte gebannt das Geschehen im Spiegel. Nein, es war nicht Dr. McAbe, Dumbledores neuestes Protege, es war Minerva, die der Spiegel ihm zeigte.

„McGonagall", hauchte er unwillkürlich und zog die Brauen zusammen. Warum in aller Welt zeigte der Spiegel ihm ausgerechnet Minerva?

Halb fasziniert, halb irritiert beobachtete er, was der Spiegel ihm zu zeigen hatte.

Minerva ging auf ihn zu und lehnte sich vertrauensvoll an ihn. Liebevoll lächelte sie zu ihm empor und hob die Hand, um ihn zärtlich an der Wange zu berühren. „Das kann doch wohl nicht wahr sein!", murmelte Snape fassungslos. Seiner geistigen Schreiattacke schloss sich eine Neubetrachtung seiner Lebensanschauung an. Zugefrorene Höllen, natürlich, warum auch nicht? Kamele, die durch ein Nadelöhr wandern, klar, immer wieder gerne! Sicher, er mochte McGonagall, aber doch nicht mehr! Er gestand sich, wenn auch ungern ein, dass er die ständigen Streitgespräche mit ihr sehr genoss und ihre Gesellschaft schätzte, auch wenn er sich eher die Zunge abgebissen hätte, als das vor irgendjemandem zuzugeben. Aber er träumte doch nicht insgeheim davon, McGonagall in den Armen zu halten! Der Spiegel konnte nicht richtig funktionieren, wenn er ihm derart unsinniges Zeug zeigte. Kopfschüttelnd fokussierte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen hinter dem Glas. Ihre Hand wanderte über seine Wangen, zeichnete sorgfältig die Konturen seines Gesichtes nach, strich zart wie ein Windhauch über seine Lippen und dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Ihre Lippen wanderten langsam und zärtlich über sein Gesicht, sie küsste seine Stirn, seine Wangen und zuletzt verschloss sie seinen Mund mit einem langen, innigen Kuss, den er offensichtlich nur zu gern erwiderte. Snape schüttelte erneut den Kopf. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Er küsste McGonagall und das noch nicht einmal ungern, wenn er seinem eigenen Gesichtsausdruck Glauben schenken durfte. Nun ja, immerhin war dieser Anblick schon um Lichtjahre besser als der Anblick seines Todes, den er das letzte Mal in diesem Spiegel gesehen hatte. Und irgendwie musste er doch zugeben, dass die Vorstellung, Minerva im Arm zu halten, gar nicht so unangenehm war. Im Gegenteil, wenn er so richtig darüber nachdachte, gefiel ihm die Vorstellung sogar. Immerhin war sie eine intelligente, warmherzige und noch immer recht attraktive Frau. Ohne es zu bemerken, war er näher an den Spiegel herangerückt und betrachtete nun weiter die Szene. Minerva kuschelte sich in seine Umarmung als wäre sie gerne dort und schmiegte ihr Gesicht an seine Brust. Er zog sie noch fester an sich und hielt sie so fest, als ob er sie nie wieder loslassen wollte. Er strich sanft mit seinen Lippen über ihr dunkles Haar und vergrub dann sein Gesicht in ihrer üppigen Haarpracht. Irgendwie vermittelte ihm diese Szene, so surreal sie auch sein mochte, ein Gefühl von Wärme und Wohlbehagen und plötzlich wünschte er sich, Minerva wäre tatsächlich hier und in seinem Arm. „Sei nicht albern", murmelte er. „Sie ist alt genug um deine Mutter zu sein und hat dir schon die Hosen stramm gezogen als du elf warst." Dennoch wandte er sich wieder neugierig dem Spiegel zu und vergaß beinahe, weiterzuatmen. Minerva löste sich aus seiner Umarmung, lächelte ihn auf eine unbeschreibliche Weise an und begann damit, ihn aus seiner Robe zu schälen, während seine Hände die Konturen ihres Körpers erforschten…

Das war definitiv zu viel! Das würde er sich jetzt ganz sicher nicht weiter ansehen. Wie sollte er denn sonst Minerva morgen früh noch ansehen können? Oh, wenn sie wüsste!

Bedauerlicherweise brachte ihn der Gedanke, mit welchem Gesichtsausdruck sie auf diese Enthüllung reagieren würde, zum Lachen. Seine Lippen kräuselten sich nach oben und er begann zu kichern. Daraus entwickelte sich ein gröhlendes Gelächter, das in der engen Kaverne widerhallte und ihn dazu zwang, sich schließlich atemlos auf einem der Steinblöcke niederzulassen.

„Meine Güte, Severus. Was machen Sie denn hier für einen Lärm?" Wie aus dem Boden gewachsen stand McGonagall hinter ihm und betrachtete ihn irritiert. „Und was in aller Welt machen Sie zu einer derart nachtschlafenden Zeit hier in diesem Loch?"

Vollkommen überrumpelt durch ihr plötzliches Auftauchen starrte er zu ihr hoch. So viele Jahre der passenden Kommentare und perfektionierten subtilen Beleidigungen und trotz allem fiel Snape auf diese Frage keine Antwort ein. Unglücklicherweise fiel sein Blick auf den Spiegel und was er nun sah, trieb ihm die Schamesröte ins Gesicht. Bei Merlins ausgebeulten Unterhosen, musste das jetzt sein? Wo ausgerechnet die Person, die anscheinend einen so regen Anteil in seinen Phantasien einnahm, auch noch direkt neben ihm stand? Minerva stand neben ihm und betrachtete ihn mit einem ungeduldigen Gesichtsausdruck. Nur mit Mühe riss er seinen Blick von dem Treiben im Spiegel los und sah sie an.

„Was machen Sie überhaupt hier? Ich dachte, alle würden längst schlafen?"
„Ich hatte heute die Nachtwache und war auf Patrouille, als ich Sie Lachen gehört habe. Ich wusste gar nicht, dass Sie überhaupt lachen können!"

Ihr Blick streifte den magischen Spiegel und plötzlich verstand sie seinen Heiterkeitsausbruch.

„War es so unglaublich, was Sie in dem Spiegel gesehen haben?", fragte sie neugierig.

„Das, meine Liebe, geht Sie einen feuchten Fledermausdreck an", erwiderte Snape nun wieder mit der gewohnten Liebenswürdigkeit. „ich frage Sie ja auch nicht, was Sie gerade sehen", setzte er hinzu und beobachtete amüsiert, dass Minerva sanft errötete und den Blick sowohl vom Spiegel als auch von ihm abwandte. Seine Mundwinkel zuckten amüsiert, was auch immer sie in dem Spiegel sehen mochte, es schien ihr genauso sehr zuzusetzen wie es seine Vision bei ihm tat. Wen sie wohl im Spiegel sah? Mit gefährlich sanfter Stimme erkundigte er sich danach und erreichte damit nur, dass Minerva noch ein wenig mehr errötete als zuvor.

Zu seinem Unbehagen stellte er fest, dass er sie mit diesen zart geröteten Wangen hübsch fand und wandte den Blick von ihr ab. Leider fiel sein Blick wieder auf den Spiegel, was ihn nun einmal mehr aus dem Tritt brachte. Unwillkürlich folgte Minerva seinem Blick und erblickte im Spiegel einen Severus, nackt, wie an dem Tag, an dem ihn die Fledermäuse in Hogwarts Kerker abgeworfen hatten, der sie liebevoll umarmte und ihr gerade aus den letzten Resten ihrer Kleidung half. Nur unter beträchtlichen Schwierigkeiten sah sie Snape in die Augen und bemerkte:
„Ich werde dann mal wieder gehen, Severus. Immerhin sollte zumindest einer von uns einen klaren Kopf behalten. Und bei Ihnen scheint das heute Nacht leider nicht der Fall zu sein."

Sie schenkte ihm einen zweideutigen Blick und wandte sich zum Gehen.

„Minerva!", rief er ihr rauh nach und sie verharrte auf der Stelle. Bei Satans zugefrorenen sieben Höllen, sie hatte nie zuvor bemerkt, welch eine anbetungswürdige Stimme ihr Kollege hatte. Sie war in so vielen unterschiedlichen Schattierungen sexy, dass Minerva schluckte.

„Ja?", krächzte sie heiser.

„Möchten Sie vielleicht morgen Abend auf ein Glas Whisky bei mir vorbeischauen? Wir könnten uns über unsere Erfahrungen mit dem Spiegel austauschen", schlug er vor und trat sich gleich darauf mental in den Hintern. Das musste der Whisky sein, der da aus ihm sprach! Zu seiner heimlichen Erleichterung schien seine Kollegin von dieser Idee nicht sonderlich angetan zu sein.

„Ich werde sehen, ob ich Zeit dazu habe", erwiderte sie ausweichend, suchte ihr Heil in der Flucht und ließ Severus mit seinem Spiegel allein.