Ich wartete.
Die Zeit verging in einem mir immer fremder werdenden Rhythmus. Während teilweise große Klumpen davon an mir vorbeiquollen, schleppte sich immer wieder eine nicht reißen oder enden wollende, zähe Masse vor meinen Augen entlang und ich hatte das Gefühl, ich würde wohl noch bis in alle Ewigkeit hier liegen…
i am sentenced to time
Ich zählte die Sekunden, die von Minuten gefressen wurden und zu Stunden mutierten.
Irgendwann… kurz bevor ich endgültig wahnsinnig werden würde, würde mein Wecker klingeln, würde ich aufstehen, auf Frühstück und Dusche verzichten, würde – wie immer zu spät – zur U-Bahn rennen, sie verpassen und letztendlich die Schule sausen lassen. Es war schon beinahe ein Ritual, bis zur allerletzten Sekunde zu warten und erst dann die Tür aufzureißen und aus dem Haus zu stürmen, um gerade noch die Rücklichter der U-Bahn zu sehen. Ja. Es war tatsächlich irgendwie eine Art Ritual.
Aber noch hatte ich Zeit… Noch…
Ich setzte mich auf, zog mein Notebook zu mir ohne dazu eine Hand zu gebrauchen und schaltete es auf genau die selbe praktische Art und Weise an und tippte sämtliche Pins und Codes ein.
Meine Mailbox war genau so voll wie sonst auch und seufzend löschte ich die statistischen 78, die ausnahmslos aus Spam-mails bestanden. Zurück blieben noch immer viel zu viele, um sie in meinem Zustand zu lesen.
Ich überflog desinteressiert die Liste der Absender, entdeckte ein-, zweimal Takatori dazwischen, einige, mir unbekannte Adressen, die aber durchaus ernstzunehmend wirkten und…
neutral axis.
Jetzt zu sagen, ich wäre sonderlich überrascht gewesen, wäre eine glatte Lüge gewesen. Schließlich hatte ich mein Notebook ja angeschaltet in der Hoffnung, dass er/sie/es sich noch einmal gemeldet hätte. Aber im Endeffekt… war ich trotzdem überrascht. Obwohl ich es so sehr gehofft hatte, hatte sich etwas in meinem Inneren doch dagegen gesträubt, dass als „wahrscheinlich" anzunehmen.
Mit leicht klopfendem Herzen öffnete ich die Mail. Sie enthielt einen Link, der zu einem 24h-Intenetcafé führte, welches ich selbst auch immer mal benutzte. Ich erstarrte. Hieß das…
Ein Blick auf die Uhr überzeugte mich, dass neutral axis diese Mail vor 3 Minuten 48 Sekunden geschickt hatte. Ich sprang auf, klappte einfach den Deckel meines Notebooks zu ohne das hysterischoderauchmegawütende Piepen auch nur am Rande wahrzunehmen, schnappte mir eine dunkle Hose und einen noch dunkleren Pullover und war schon aus meinem Zimmer.
Ich fühlte mich weder wach noch müde, weder gut noch schlecht.
Wahrscheinlich hätte ich aber trotzdem Schlaf benötigt. Jedenfalls sprachen meine an Schwärze alles bisher Dagewesene toppenden Augenringe, meine an Leichen im Verwesungsstadium erinnernde blasse Haut und meine Kopfschmerzen dafür.
Aber auch das war jetzt egal.
Ich wusste zwar nicht genau, was jetzt tatsächlich „wichtig" war, aber bestimmt nicht meine Verfassung… Bestimmt nicht… ich…ich wollte ihn nur noch so schnell wie möglich sehen…!
ihn?
don't forget to be the way you are
Im Bad warf ich mir händeweise Wasser ins Gesicht.
Deprimiert sah ich in den Spiegel, obwohl ich ganz genau wusste, wie ich aussah… Es war nicht mehr als eine Bestätigung ohnehin schon bestehender und nachprüfbarer Fakten.
i'm in the basement
Noch einmal warf ich einen zweifelnden Blick in die silbernen Tiefen des Spiegels - und bemerkte Blut, welches meine Haare verklebte und durch das Wasser wieder langsam über meine Schläfen lief und hässliche, dunkelrote Striemen hinterließ. Fluchend tastete ich vorsichtig über meinen Kopf. Eine Verletzung war nun wirklich das Letzte, was ich gebrauchen konnte…
Aber da war nichts. Keine Wunde, kein… nichts.
you're in the sky
Das war nicht mein Blut. Angeekelt starrte ich die rote Flüssigkeit an, die sich langsam über mein ganzes Gesicht ausbreitete. Plötzlich wurde mir eiskalt und ich beeilte mich, das Blut, welches mir auf einmal warm und… lebendig vorkam, abzuwaschen.
Ich erinnerte mich plötzlich an die vor Entsetzen so weit aufgerissenen Augen der Frau, deren Blut mein Gesicht herunterlief
ich bildete mir ein, dass ihr blut noch immer voller leben pulsierte…
auf meinem gesicht
drop on by
Mir war schlecht.
ich bildete mir ein, den metallischen, süßen geschmack von frischem blut in meinem mund zu schmecken…
Fieberhaft und mit vor Ekel fest geschlossenen Augen suchte ich die Tür des Bades, taumelte heraus und rannte sofort in eine fleischgewordene Albtraumfigur…
„Nicht so stürmisch, Chibi!", knurrte Schuldig mit einer hochgezogenen Augenbraue und sich die Rippen massierend.
Ich schenkte ihm einen vor Verachtung triefenden Blick und versuchte mich an ihm vorbei aus der Tür zu zwängen.
„Warte mal, Süßer… Du hast da was."
Schuldig strich mir über die Wange. Blut. Mir schwindelte.
„Hm. Ist das deins?", fragte Schuldig und steckte sich den Finger mit einem widerlichen Grinsen in den Mund.
„Lass mich in Ruhe, Deutscher…"
Ich hatte es schon längst aufgegeben, eine Art Autorität gegenüber Schuldig zu entwickeln und verlegte mich stattdessen hoffnungslos auf's Fluchen und Betteln. Schuldigs Grinsen wurde breiter.
„Ich soll dich heute zur Schule fahren. Crawford meint, du würdest zu oft schwänzen."
Ich seufzte. Natürlich. Irgendwann musste es ja auch auffliegen, dass ich pro Woche im Durchschnitt drei mal zur Schule ging. Ich unterdrückte einen Großteil meiner Wut und beschränkte mich darauf, Schuldig einen bitterbösen Blick zuzuwerfen.
„Und? Was kriegst du dafür von Crawford?", fragte ich kühl, bereute jedoch sofort, gefragt zu haben. Es gab nur eine Sache, die der Deutsche auf diese Weise haben wollte. Mir wurde immer schlechter. Schuldig sah mich aufmerksam an.
/Ob du's glaubst oder nicht, aber danach darf ich ihn…/
„Ich will's nicht hören!", fuhr ich ihn an und schubste ihn für meine Verhältnisse unsanft beiseite.
„Außerdem kann ich allein zur Schule gehen. Ich brauche kein Kindermädchen."
„Da ist Crawford aber anderer Meinung…"
„DEIN CRAWFORD KANN MICH MAL X-WEISE!"
/Das wird ihn freuen zu hören…/
Schuldigs Lache verfolgte mich noch den ganzen Tag.
Es störte mich doppelt, dass ich von dem Deutschen in die Schule gebracht werden sollte. Zum ersten, weil ich definitiv gerade heute etwas besseres vorhatte, zum anderen, weil ich mir sicher war, dass der (mittlerweile dreihundertste) neue Führerschein auch nur eine Fälschung wie die zweihundertneunundneunzig Exemplare da vor war.
Ich bedankte mich im Stillen bei Gott, der wahrscheinlich gerade wieder sein äußerst seltenes Licht namens „Güte" auf mich hatte scheinen lassen. Danke, Gott. Danke.
Ich hatte in Gedanken bereits mein Testament verfasst, als mir Schuldig prophezeit hatte, dass er mal wieder mein höchst unerwünschter Chauffeur sein würde, aber als ich in dem 350 Stundenkilometer-Auto drinsaß, begann ich automatisch, es noch einmal zu überarbeiten und meinen ganzen Besitz (Laptop) Weiß zu spenden. Kleinkarierte Rache gegen diejenigen, die mich mit einem Irren im Auto alleine ließen.
i was never loyal except to my own pleasure zone
broken home
Ironischerweise führte Schuldigs etwas fragwürdiger Weg zu meiner Schule auch an diesem gewissen Internetcafé vorbei. Ich brach mir beinahe meinen verrückten Hals, um mich nach einem Verdächtigen umzuschauen. Aber das wurde nichts. Es war alles voll von matt-blau beschienen Teenie-Köpfen und blassen Internetjunkies.
Ich wollte mich gerade wieder umdrehen und seufzend das Thema ‚neutral axis' vorerst abhaken, als ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, wie jemand den Laden verließ.
Dunkelblond.
Klein.
Geschmeidige, beinahe katzenhafte Bewegungen.
Große, unschuldig wirkende aber unglaublich wachsame, meerblaue Augen.
Hinter denen das inoffizielle Kommando eines der schlimmsten Killerquartetts lauerte…
Bombay
Erneut hatte ich den Geschmack des Blutes der jungen Frau im Mund und mir wurde wieder und wieder schwarz vor den Augen. Schuldig war viel zu sehr damit beschäftigt, sich neue Sadumasu-Spielchen mit Crawford auszudenken, als dass er merken könnte, was in meinem Kopf vorging.
Bombay
hold your breathe and count to ten
Mir war sofort klar, dass er es gewesen war, dass er ‚neutral axis' war, dass er… Es gab nur einen, der mich ein- oder zweimal bei einem Hack eingeholt hatte - Bombay. Auch wenn ich ihm insgesamt sicherlich überlegen war, was unsere Hack-künste anbetraf, so hatte er mich doch immer wieder in die Schranken gewiesen. Meine Hände krallten sich unbewusst ineinander und ich merkte, wie auch der letzte Rest Blut aus meinem Kopf wich.
Bombay
fall apart then start again
Ich stolperte aus der Schule, gut eine Dreiviertelstunde nachdem auch die letzten Nachzügler das Schulgebäude verlassen hatten. Ich bin wohl ein Mensch der Extreme, dachte ich mit einem innerlichen schiefen Grinsen. Entweder ich gehe als erstes, bevor alle anderen überhaupt an „Schulschluss" denken, oder ich gehe als Allerletzter. Noch lange nach der Lehrerschaft (die es beinahe ebenso eilig wie die Schüler hatte, aus dem Haus der täglichen Pein zu entweichen) und teilweise erst zusammen mit dem Hausmeister, der die Schule abschloss, wenn keine AGs mehr stattfanden.
Innerlich dankte ich Schwarz dafür, dass wir niemals Missionen an Montagen durchführten. Das kam mir nur gelegen, denn ich war mir sicher, dass ich keinen einzigen telekinetischen Angriff mehr durchführen konnte. Es grenzte sowieso an ein mittelschweres Weltwunder, dass ich überhaupt noch aufrecht ging und dem zufolge als Homo Sapiens Sapiens klassifiziert wurde. Auch wenn ich im Moment nicht einmal einen Hammer hätte bedienen können.
Müde versuchte ich mich zu erinnern, was ich heute noch alles seitens Schwarz tun musste. Die üblichen kleinkarierten Quälereien wie Abwaschen, Einkaufen und Treppenhaus wischen mal ausgenommen.
Es schien ein richtig freier Tag zu sein.
Bis…
Bis auf eine kleine Sache, die mich selbst so sehr fesselte, dass ich schon den ganzen Tag an nichts anderes hatte denken können. Eine ganz… kleine, unwichtige Sache.
Ich grinste in Gedanken.
Mein Kätzchen… Ich würde heute mein Kätzchen von der Schule abholen.
:such beautiful dignity in self-abuse:
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continued soon
Please R&R
