2. Die Farbe der Hoffnung
„Avada Kedavra!"
Fasziniert wie stets beobachtete Bellatrix den aus ihrem Zauberstab herausbrausenden grünen Blitz.
Sie liebte die Farbe grün. Und ganz besonders diesen Farbton. Hell, grell, kräftig. Oh ja, schiere Kraft – die liebte sie ebenfalls.
Die Befehle Voldemorts hatten diese Kraft, fuhren ihr durch den Leib, machten sie kirre, süchtig nach mehr. Nach meeeeehr.
„Avada Kedavra!", spuckte sie die Worte aus.
Man musste es wollen, sonst waren es nur Worte und der Zauberstab blieb still. Doch Bellatrix meinte es immer ernst. Blöde Muggel fallen zu sehen – bedeutete ihr zwar nichts, da konnte sie genauso gut Kaninchen oder Knuddelmuffs erledigen. Aber der unmissverständliche Befehl – und der wunderschön grüne Blitz, der durch die Luft zischte und tötete – jaaa, das war es. Bellatrix stöhnte auf.
Erst Sekunden später hatte sie wieder einen Blick für ihre Umgebung.
Die Arbeit hier war getan, der Boden übersät mit reglosen Körpern. Betrübt starrte Bellatrix darüber hinweg. Für heute war alles erledigt. Leider.
Doch schon im nächsten Moment fuhr sie herum, stieß ihren Zauberstab nach vorn.
„Avada Kedavra!" Dort drüben hatte sich noch etwas geregt.
Bellatrix machte sich nicht die Mühe, genauer hinzusehen. Was sollte es? Auch wenn da noch was Lebendes gewesen sein sollte, jetzt spätestens war es tot.
„Aus die Maus", sie blies über die Spitze ihres Zauberstabs. Das hatte sie mal in einem dieser sogenannten Televisions-Geräte der Muggel gesehen. Wenn die darauf starrten, merkten sie gar nichts mehr und waren noch leichter zu erlegen.
Muggel taugten zu gar nichts. Außer zum Blitzen.
„Bellatrix, was tust du da?"
Die Stimme war von links gekommen. Rodolphus. Immer kam der ihr im schönsten Moment dazwischen.
„Ich will noch ..." Tja, was? Sie drehte ihre Stimme zu einer Kleinmädchenstimme hoch. „Noch einmal blitzen, bitte, bitte. Nur ein einziges Mal noch!"
„Jetzt lass den Quatsch und komm."
Rodolphus wies auf die Hühner, die Katze, die beiden Kühe und den Esel, die leblos im Hof verstreut lagen. „Wo ist der Bauer?"
Bellatrix kicherte. „Verrat ich nicht."
„Hast du ihn etwa auch …?"
„Muggeldreck", spuckte sie aus. „Einer weniger. Der Dunkle Lord wird sich freuen."
Rodolphus schüttelte nur den Kopf. „Lass uns hier verschwinden, ehe noch jemand kommt."
Er verstand sie einfach nicht. Das tat er nie. Und genau das war der Grund, warum er langweilig war. Berechenbar. Voraussehbar. Laaaaaaaaaaaangweilig.
Bellatrix verzog den Mund, steckte den Zauberstab jedoch brav in die Tasche ihrer Jacke und machte sich bereit zum Apparieren.
Das plötzliche Geräusch ließ sie verhalten. Tiefes Knurren, schnell näherkommend.
Sie wandte den Kopf. Ein riesiger Hund mit schwarzem Zottelfell galoppierte auf sie zu, die Lefzen angriffslustig hochgezogen.
Bellatrix sah die Hand ihres Mannes zum Zauberstab schnellen – und dann verharren. „Du wolltest doch noch einmal – hier ist die Gelegenheit." Er stupste sie am Arm.
Merlin, gab es etwas Unerotischeres, als gestupst zu werden?
„Mach aber schnell, sonst frisst uns die Bestie."
Du meine Güte, wie lange kannten sie sich? Fünfzehn Jahre – und er wusste es noch immer nicht? Einem Befehl wäre sie ohne zu denken nachgekommen. Aber einer derart plumpen Aufforderung?
„Du wolltest doch noch einmal!", wiederholte sie mit weinerlicher Kinderstimme, um dann plötzlich loszukreischen: „ABER ICH WILL NICHT! WEIL ICH HUNDE LIEBE!"
Im gleichen Moment warf sie sich zu Boden, auf den Rücken, streckte Arme und Beine kapitulierend von sich.
„Komm nur Hundchen, komm!"
Ihr Puls raste im Rhythmus seiner heraneilenden Pfoten. Sie hörte, wie Rodolphus scharf Luft einsog.
„Wage es nicht, dich einzumischen", zischte sie ihm zu. Dem würde sie es zeigen!
Also noch einen Schritt weiter: den Hals reckend, präsentierte sie dem bereits nahen Hund ihre ungeschützte Kehle.
„Bella!" Es klang wie ein Flehen.
Feigling, lächerlicher Waschlappen, mieser Versager! Angst stand Rodolphus ins Gesicht geschrieben. Er sah aus wie der Witz von einem Mann, starrte mit verzweifeltem Gesicht zwischen dem Hund und ihr hin und her.
Was Bellatrix zum Lachen brachte. Erst rau, von unten herauf, fast so, als würde sie sich übergeben müssen. So ein Witz, ihr war doch kein bisschen übel! Das Lachen breitete sich aus, wurde heller, kreischender, schließlich überschlug sich ihre Stimme und sie musste das Kinn senken, um weiter und mehr lachen zu können. Rodolphus war so eine Memme!
Der Hund allerdings auch. Etwa zwei Meter vor ihr war er gestoppt, die Lefzen noch immer hochgezogen und knurrend, mit gesträubtem Rückenfell.
Die personifizierte Unsicherheit. Auch er wusste nicht, was er jetzt tun sollte.
Da reichte es Bellatrix. Mit einem wilden Schrei, der Hund und Mann gleichermaßen erschreckte, sprang sie auf, packte Rodolphus am Arm und disapparierte.
Nur im letzten Augenblick sah sie noch, dass der Hund kehrtgemacht hatte und mit eingezogenem Schwanz flüchtete.
