Kapitel II

Der Segen Dwaynas (1059 n.E.)

Acht Jahre waren seit jener schicksalhaften Nacht verstrichen. Die Entführung war in Vergessenheit geraten, der Schatten der tobenden Gildenkriege reichte nicht bis in die hintersten Ecken des Regententals und die wenigen Scharmützel mit den Charr stellten keine Bedrohung für den Nordwall und somit für Ascalon dar. Diese guten und friedlichen Zeiten bedeuteten eine sorgenfreie Kindheit für ein junges Mädchen, das von den kommenden Ereignissen nichts ahnen sollte.

„Lelina! Entferne dich nicht zu weit und sei zur sechsten Abendstunde wieder zu Hause, hörst du?", klang es ihr nach, als sie mit ausgebreiteten Armen die Wiese hinunter lief.
Sie trug ein ärmelloses, himmelblaues Leinenkleid, sodass beim Rennen die hohen Gräser ihre Haut kitzelten – sie liebte es. Wie durch ein Wunder hielt der Kranz aus Schaumkraut und Gänseblümchen, den ihre Mutter ihr ins Haar geflochten hatte.
Ein Falke – eines der Jungtiere – gesellte sich hoch oben zu ihr und begleitete das Mädchen ein Stück des Weges, bevor er blitzschnell zu Boden stieß und wieder aus ihrem Blickfeld verschwand. Bald schon erreichte sie die ersten Trauerweiden, die an dem Bach standen, der das Gehöft ihrer Eltern begrenzte.
Am Wasser hielt Lelina an. Die drei Schritt zum gegenüberliegenden Ufer waren zu weit zum Springen, und die Brücke, über die der Weg zum Gehöft führe, war ihr zu weit entfernt. Beherzt ergriff sie den nächsten Strang einer Weide, der über dem Wasser herab hing, nahm Anlauf und schwang sich hinüber. Trockenen Fußes ging es weiter über den nächsten Hügel. Ihr Lieblingsbaum – eine alte und mächtige Eiche – war nicht mehr fern. Unbedingt wollte sie ihn erklettern und die Gegend beobachten, denn es ließen sich viele spannende Dinge von dort erkunden.
Nachdem Lelina ihn geschwind erklommen hatte, saß sie endlich in der Krone und ließ ihren Blick schweifen. So weit das Auge reichte, erstreckten sich vor ihr unzählige Bäume und Grashügel.
Dort im Nordwesten befanden sich der Hof ihrer Eltern und viel, viel weiter dann Fort Ranik, Ascalon und die große Hauptstadt Rin. Letztere waren nicht zu erkennen, lagen sie doch in zu großer Ferne. Rin hatte sie noch nie gesehen, doch Lelina konnte sich noch gut an Ascalon erinnern, wo ihre Eltern den Wochenmarkt zu besuchen pflegten. Die Stadt war riesig und voller Menschen, nicht so beschaulich wie das entlegene Regentental.

Sie reckte den Hals und drehte sich, um in alle Himmelsrichtungen schauen zu können, als es plötzlich hinter ihr einen lauten Knall gab.
Sie erschrak so sehr, beinahe wäre sie von ihrem Ast gefallen. Rauch – begleitet von erneutem Krachen – zeichnete sich hinter dem nächsten Wäldchen im Süden ab. Mit pochendem Herzen ließ sich das Mädchen eilig an dem Baum herunter und suchte kauernd hinter der Eiche Schutz.
„Was war bloß geschehen?", fragte sie sich ängstlich. Eigentlich sollte sie schnell zu ihren Eltern laufen, Papa würde bestimmt wissen was zu tun war, doch hinter ihr war es still geworden.
So obsiegte ihre Neugier und gebückt schlich Lelina durch das hohe Gras auf des Wäldchen zu. Sie durchquerte es so leise und vorsichtig wie möglich und blickte aus dem Unterholz auf eine kleine Lichtung.

Vor ihr war ein gutes Stück der Wiese verbrannt worden und einzelne Gräser standen noch in Flammen. Ein spitzer Aufschrei entfuhr ihr, ehe sie sich eine Hand auf den Mund pressen konnte, als sie den Mann erblickte, der schwer verletzt am Boden lag. Trotz seiner Lederrüstung hatte er gefährliche Verbrennungen davongetragen und blutete aus mehreren Wunden. Das Mädchen kämpfte mit den Tränen, doch sie konnte sich schnell wieder beruhigen. Sie musste dem Mann helfen, das stand fest!
Ein wilder Feuereifer entbrannte in ihr und ihre Gedanken rasten. Hastig schaute sie sich um, ob weiterhin die Gefahr drohte, die ihr Opfer so zugerichtet hatte, doch es war nichts zu sehen...
Gut, Schnell jetzt! Sie lief zurück zum Bach, riss mit allen Kräften am Saum ihres Kleides, bis sie mehrere Streifen Stoff in Händen hielt und tränkte diese mit Wasser. Lelina rannte so schnell sie ihre Füße trugen zu dem Verletzten zurück, wusch seine Wunden aus und verband sie so gut sie es vermochte.
Es half alles nichts.
Er rührte sich nicht mehr.
Tränen der Hilflosigkeit überkamen das junge Mädchen. Sie ließ den Kopf auf die verletzte Brust des Mannes sinken. Ihr Gesicht war blutverschmiert, doch ihre Gram ließ sie dies nicht bemerken. Schluchzend drückte sie sich an ihn und wurde so auch nicht des Leuchtens gewahr, das sich plötzlich an ihren Fingerspitzen abzeichnete.
Langsam breitete es sich aus und berührte die Wunden des Mannes, umfing sie mit wohltuender Wärme und begann sie zu schließen. Da blickte Lelina verwundert auf und betrachtete abwechselnd ihre Hände und die beinahe verheilten Verletzungen.

Doch bevor sie sich weiter über ihre erstaunliche Gabe wundern konnte, brach linker Hand ein hünenhaftes Ungetüm aus den Bäumen hervor.
"Ach, sieh mal an!", fauchte es mit harscher Stimme.
Dies musste ein Charr sein!
Lelina war starr vor Angst.
Die humanoide Raubkatze mit dem Gehörn eines Widders bedrohte sie mit gefletschten Zähnen und hielt einen Bogen mit einem brennenden Pfeil in den Pranken, von dem sie instinktiv wusste, dass er beim Aufprall heftige Feuersbrünste hervorrufen würde.
„Was für ein leckeres Küken haben wir denn hier? Was meint es was es ist, hä? Eine kleine Schamanin? Ha!", fauchte der Charr.
„Nichts weiter ist es, als die nächste Trophäe auf meiner glorreichen Jagd!", knurrte er während er genüsslich den Bogen spannte. Langsam visierte der Charr das Mädchen an, doch zum Schuss sollte er nie kommen.

Ihm gegenüber brach ein Trupp bewaffneter Menschen aus dem Unterholz. Der Charr ließ den Bogen fallen, bäumte sich auf und brüllte aus Leibeskräften in Richtung der neuen Bedrohung. Er sah, dass keine Chance mehr bestand seine Beute zu erlangen, machte pfeilschnell kehrt und floh.
„Dimar, Thengel ihr stellt ihm nach!", rief der Anführer der Miliz.
„Andur, schaut nach dem Späher und dem Mädchen. Rasch! Der Rest sichert die Lichtung!", fuhr er fort.
Mit schnellen Schritten tat der junge Mann wie ihm geheißen und kam auf Lelina zu. Er blickte mit sorgenvoller Miene auf sie und seinen Kameraden herab, doch schnell hellte sich sein Gesicht auf, als er merkte, dass beide – den Umständen entsprechend – wohlauf waren.
„Bei den Göttern! Sie scheint ihn geheilt zu haben, Leutnant!", rief er über die Schulter.
„Geht es dir gut?", fragte er ihr zugewandt.
Sie war nicht in der Lage zu antworten.
Er sah den Schrecken in ihren Augen und sprach weiter beruhigend auf sie ein: „Ich bin Andur. Weißt du, was für eine große Heldin du bist?" „Komm ich helfe dir auf", sagte er, hob sie hoch und trug sie auf seinen Armen.
Lelina drückte sich fest an die Schulter des jungen Soldaten und zeigte einfach in Richtung ihrer Heimat, als Andur sie fragte, wo sie denn her käme.
„Komm, deine Eltern müssen sich schreckliche Sorgen machen."
„Geht nur Andur, bringt die Kleine nach Hause in Sicherheit. Der Charr ist gewiss über alle Berge", stellte der Anführer fest.

Auf dem Weg merkte Andur, dass das Mädchen immer noch nicht zur Ruhe gekommen war. Sie tat ihm leid. Niemand sollte in so jungen Jahren die Grauenhaftigkeit des Krieges schauen müssen. Er selbst war noch kein volljähriger Mann und wie alt mochte sie wohl sein? Acht oder neun Jahre? Kaum das richtige Alter, um verwundete Soldaten zu versorgen, soviel stand fest.
„Deine Eltern werden mächtig stolz auf dich sein, wenn wir ihnen sagen, was du vollbracht hast. Dwayna lächelt auf dich herab", sprach er weiter auf das Mädchen ein. „Wie heißt du denn, hm?"
„Lelina", brachte sie als einziges Wort über ihre Lippen, bis sie endlich zu Hause waren.