Kapitel 2: Du hattest mich beim "Hallo"

„Costia Fields." – „Octavia Blake", antwortete Octavia. "Und meine Freunde hier sind Raven Reyes alias das Superbrain, Clarke Griffin – ja, Griffin wie Abigail Griffin und glaub mir, sie ist mindestens so talentiert wie ihre Mum… – Lexie Grey oder auch einfach Lexipedia – Harper McIntyre, die am liebsten gleich alle Babys auf der Babystation adoptieren würde – Murphy, denn den Vornamen benutzt nie jemand, nicht mal er selbst – Finn Collins, der allen Krankenschwestern den Kopf verdreht und der, der dich jetzt schon so anstarrt, als könnte er nicht bis 3 zählen, ist mein Bruder, Bellamy. Den würde ich aber vielleicht nicht unbedingt als Freund bezeichnen. Zu uns gehört auch noch Monty Green, aber der ist gerade im OP glaube ich." Octavia fing sich ein Grinsen von Bellamy ein, als sie so über ihn redete doch sie rollte in Folge dessen nur gespielt die Augen und wandte sich wieder Costia zu, während Clarke ebenfalls näher trat. Als Octavia sie alle kurz nacheinander vorstellte, blickte Costia jedem neugierig entgegen, als ob sie sich schon genau merken wollte, was ihr gerade erzählt wurde. Irgendwie süß. „Wir sind alle im 5. Jahr jetzt. Und glaub mir, das Seattle Grace Mercy West ist so ziemlich das verrückteste Krankenhaus der Welt. Die Ärzte untereinander sind eher eine Familie als Kollegen – und das meine ich wirklich wörtlich. Aber du wirst hier garantiert eine gute Zeit haben."

Clarke betrachtete die Neue und nickte freundlich anerkennend. Ganz anders als Clarke erwartet hatte, sah sie nicht wirklich eingeschüchtert aus. Eher extrovertiert, genau wie Clarke es selbst auch immer gewesen war. Das gefiel ihr irgendwie. Die dunkelblonden leichten Wellen umrahmten das klassisch schöne Gesicht und sie wirkte mit ihren leuchtend neugierigen Augen insgesamt ziemlich freundlich und offen für alles, was so auf sie zukommen würde. Bestimmt lebte sie sich schnell ein und wer einmal Teil der Familie hier geworden war, der war es für immer.

„Und hast du dich bereits spezialisiert?", fragte Raven weiter, ohne noch mehr Zeit zu verschwenden. Na hoffentlich ist Costia nicht scharf auf Neurochirurgie, dachte Clarke und lachte innerlich ein wenig. „Kardiologie um ehrlich zu sein. Ich bin laut meiner Freundin vielleicht nicht sehr romantisch aber Herzen lachen mich geradezu an", scherzte Costia und brachte damit alle zum Lachen. Freundin? Interessant. Überraschend fand Clarke das aber nicht. Hier in Seattle waren alle wirklich sehr offen in Dingen wie diesen und – obwohl Clarke es vermied, vorurteilsbelastet zu denken – passte es irgendwie zu Costia, eine Freundin zu haben. Vielleicht würden sie sie ja sogar irgendwann mal kennenlernen. Als Raven die Antwort von Costia hörte, atmete sie fast unmerklich erleichtert aus. Typisch. Dabei hatte Raven einfach so ungefähr gar keinen Grund Angst vor Konkurrenz zu haben. Normalerweise waren sie, Monty und Lexie die Einzigen, die sich so sehr für Neurochirurgie interessierten – und dass Raven schon jetzt ein unfassbares Talent darin zeigte, hatte sie mehr als einmal bewiesen. Schon früh hatte sie bei größeren Operationen assistieren dürfen und die beiden Dr. Shepherds – lustigerweise waren ja Bruder und Schwester hier beide als Neurochirurgen tätig – schätzten sie und ihre stets engagierte Art sehr. Aber so war Raven wohl einfach. Immer vorne dabei und immer ehrgeizig, besser zu sein, als die Kollegen. Damit preschte sie häufig ziemlich vor, aber man konnte ihr das nicht übel nehmen, denn im Gegenzug war Raven im Privatleben immer genauso bemüht um alle, die ihr wichtig waren. Etliche Male hatte sie Clarke schon aus einigen Situationen rausgehauen, die sonst sicherlich unschön geendet hätten. Auf Raven konnte man immer zählen.

„Kardio! Ja! Endlich mal wieder jemand, der Herzen zu schätzen weiß", kommentierte Finn charmant und reichte Costia nochmal extra die Hand, während er seine andere – ganz nebenbei – um Clarke's Hüfte legte. „Finn Collins – Kardio ist mein Leben." – „Klingt wie ein schlechter Sonntagnachmittag-Film im ARD", warf Murphy ein und Clarke seufzte einmal. Bellamy warf Murphy einen vielsagenden Blick zu und grinste dann wieder. Dass Finn auch immer so dick auftragen musste. Wenigstens hatte er seine charmante Art nicht vergessen, die Clarke so an ihm mochte. Charmant und vielleicht etwas übertrieben. Octavia nannte ihn einen Schleimer… aber irgendwie konnte Finn schon ganz süß sein.
Er ist eben nur einfach nicht wie sie.


„Hallo!? Kannst du nicht aufpassen?", knurrte das dunkelhaarige Mädchen und Clarke zuckte nicht einmal mit der Wimper, als sie so angefahren wurde. „Sorry. Aber ich glaube du warst mindestens genauso abgelenkt, wie ich." Mit einigen flinken Handbewegungen hob sie die Bücher vom Boden auf, die dem anderen Mädchen heruntergefallen waren und gab sie ihr wieder. In dem Moment sah sie das erste Mal in dieses Gesicht. Markante und gleichzeitig so weiche Gesichtszüge, umrahmt von langen, dunkelbraunen Haaren. Sie sah das erste Mal in diese Augen.
Grünblau, so tief und irgendwie… wild. Ungezähmt. Clarke verschlug es die Sprache. Sie konnte den Blick unmöglich wieder von der Anderen lösen. Es war ein Moment der Stille, in dem sie sich nur anstarrten. Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten.

„Ist noch was?", knurrte die Andere aber nur und löste somit den magischen Moment ins Nichts auf. Sie wollte sich gerade an Clarke vorbeischieben, als die sie aus einer unterschwelligen Eingebung heraus mit der Hand aufhielt. „Du bist neu hier auf der Schule oder? Ich bin Clarke Griffin." – „Schön für dich, Clarke. Und ich bin allem voran jemand, der gerade weder Zeit noch Lust auf Smalltalk hat. Schon gar nicht mit einer Fremden." Wieder wollte sie sich an Clarke vorbeischieben. Sehr charmant. Unwillkürlich musste Clarke breit lächeln.

Das dunkelhaarige Mädchen wirkte einen Moment verwirrt, als sie Clarkes Blick noch einmal erwiderte, dann trat sie von Clarke weg und folgte dem Gang, der zu ihrem Klassenraum führte. Einmal noch wandte sie kurz den Kopf und Clarke fühlte sich beinahe dabei ertappt, dass sie ihr noch immer hinterher sah, als die Andere sagte „Ich bin Lexa. Lexa Woods" und dann im Klassenraum verschwand.


„Was haltet ihr davon, wenn wir uns heute Abend bei Joe in der Bar treffen? Dann können wir unseren Neuzugang ein bisschen feiern", warf Lexie in der Cafeteria in die Runde. „Ich meine das muss doch gefeiert werden. Hoch die Tassen auf Costia Fields, sage ich." Ach Lexie. Clarke schüttelte schmunzelnd den Kopf und blickte die anderen an. „Geht nicht. Muss doch heute länger machen, genau wie Monty, Bellamy und Murphy." Finn strich sich – zugegeben etwas arrogant – durch die Haare und legte wieder besitzergreifend einen Arm um Clarke. Die spannte sich jedoch etwas unter der Berührung an und rückte dann ausweichend näher zu Raven. „Umso besser. Dann wird's ja ein Mädelsabend", meinte die gerade begeistert und schlang ihre Arme um den Hals von Clarke. Fast als ob Raven mal wieder ganz nebenbei bemerkt hatte, dass Clarke aus einer Situation herauswollte und dafür Hilfe brauchte, denn durch Raven's Geste musste Finn wohl oder übel seinen Arm wieder zurückziehen. Ihm schien das aber gar nicht besonders aufzufallen. „Wir haben sowieso schon viel zu lange keinen Mädelsabend mehr gehabt", stimmte Lexie zu. – „Schätze das bringt das Arztleben so mit sich. Stand aber beim Vertrag auch nur im Kleingedruckten, falls dich das beruhigt, Lexipedia", warf Murphy ein, gerade als Costia auch an den Tisch kam. Clarke und Raven tauschten einen belustigten Blick. Als ob Lexie das „Kleingedruckte" nicht ohnehin auswendig kannte. Vermutlich konnte sie den Vertrag Wort für Wort wiedergeben, wenn sie denn wollte.

„Wow. Ihr hattet Recht. Hier ist ja fast jeder mit jedem verwandt, verheiratet oder sonst wie befreundet. Verdammt schräg. Aber irgendwie auch ziemlich cool. Familienkrankenhaus." Costia stellte ihr Tablett auf den Tisch und Clarke merkte, dass sie ihre Einschätzung wirklich ernst meinte. Sie fand es wirklich cool, wie so ziemlich jeder, der hier neu anfing. Und wenn man erstmal raushatte, wie die Verbindungen alle so waren, dann war es immer noch spannender, Teil davon zu sein. Fast wie in einer Serie konnte man dann zwischen dem vielen anstrengenden Arbeiten immer wieder die privateren Seiten der Leute hier sehen, was dem Ganzen eine entspannte Atmosphäre gab.

„Gut dass du kommst. Wir wollen heute Abend deinen Neuanfang hier feiern, drüben in Joe's Bar. Ist irgendwie so eine Art… man könnte sagen Tradition. Also.. was sagst du? Bist du dabei?", fragte Lexie direkt drauf los und lächelte zuckersüß. Perfekt. Lexie konnte sowieso niemand etwas abschlagen. Sie war einfach zu herzensgut. Trotzdem schien Costia sie nun enttäuschen zu müssen. Bereits an ihrer Mimik bemerkte Clarke, dass sie die Idee vielleicht nicht ganz so gut fand… oder es passte ihr einfach schlecht.

„Ich habe meiner Freundin versprochen, dass ich sie heute Abend auf einen Drink ausführe. So zur Feier des Tages, weil sie eben auch heute ihren ersten Tag hatte…" – „Ja aber das ist doch perfekt. Bring sie mit! Wir wollen sie eh alle kennenlernen, oder Leute? Monty bringt Jasper auch immer mit. Überhaupt gar kein Problem", meinte Octavia und biss herzhaft in ihr Sandwich. „Außerdem ist es ja dadurch immer noch ein Mädelsabend." Kein Widerspruch akzeptiert. „Bitte sag ja!" Clarke sah genau, wie Costia versuchte, nicht nur Lexie's sondern jetzt auch Raven's flehendem Gesichtsausdruck zu entkommen. Und irgendwie fühlte sie sich gerade genau zurückversetzt in ihre Vergangenheit. Mit zusammengezogenen Brauen musterte sie Costia. „Costiaaa. Es muss doch nicht den ganzen Abend sein und ich verspreche, dass wir uns super gut benehmen werden. Deine Freundin wird uns lieben!" Lexie trat jetzt wieder genau neben Clarke und lachte, als sie hörte, was Raven da gerade so ohne Weiteres versprach. „Sagt wer?"

Clarke biss sich auf die Unterlippe, als sie merkte, wie Costia langsam aber sicher einknickte. Sie musste jetzt einfach einspringen. In solchen Momenten wollte man nie nein sagen, aber Costia's Blick sagte das irgendwie so deutlich, dass sie Clarke regelrecht Leid tat. Hin und hergerissen sein zwischen den Freunden und der Beziehung. Jeder hier würde verstehen, wenn sie ablehnte, aber als „Neue" wollte man ja nicht gleich die Spielverderberin sein. „Jetzt lasst sie doch auch mal zu Wort kommen und überfallt sie nicht gleich am ersten Tag mit sowas." Sowohl von Raven als auch von Octavia erntete sie daraufhin einen ziemlich empörten Blick. Sowas? Vermutlich hatte sie sich da nicht so gut ausgedrückt. Es war Lexie, die mal wieder das Blatt hervorragend wendete und allen den Wind aus den Segeln nahm. „Vielleicht ist es ja besser, wenn…" – „Nein nein, schon gut. Ich werde sie fragen und wir werden da sein. Nach der Schicht… so um…" – Costia lächelte überzeugend in die Runde – halb 9?" Als ihr Pieper die lockere Stimmung unterbrach, setzte sie sich aber direkt in Bewegung. Costia war ja bei Dr. Altman auf der Station. Die sollte man in der Tat nicht warten lassen. …


Das dritte Mal drehte sie sich jetzt vor dem Spiegel hin und her, der in dem kleinen Hinterraum von Joes Bar hing. Dort, wo unter anderem auch einige Waschbecken und die Toiletten waren. „Lexa. Du siehst super aus. Die anderen werden dich mögen – nein… mit der größten Wahrscheinlichkeit werden sie dich sogar lieben, glaub mir. Raven hast du doch auch direkt um den Finger gewickelt." Lexa betrachtete ihr Spiegelbild. Wie Clarke langsam hinter sie trat und ihre Arme von hinten um sie legte. Wie ihre blauen Augen noch einmal eingehend Lexa's Outfit studierten und wie sich dann ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen legte. Als ob Lexa das Schönste wäre, was sie je gesehen hatte. In Clarke's Gegenwart fühlte sie sich immer so unglaublich. So besonders. Clarke gab ihr das Gefühl, als habe sie mit ihr den Hauptgewinn bekommen – dabei war es doch genau anders herum.

„Kommst du jetzt mit mir raus? Die Anderen sind bestimmt schon da."

„Es sind alles angehende Ärzte. Sie sind garantiert unheimlich intelligent. Und außerdem sind sie dir so wichtig."

„Das bist du doch auch."

„Du weißt, wie ich das meine."

„Lexa."

„Clarke?"

„Entspann dich. Entspann dich und sei einfach du selbst. Genau wie am ersten Tag unserer Begegnung."

„Da hast du mich angerempelt und ich dich ziemlich angefahren."

„Und genau das habe ich an dir sofort geliebt. Du hattest mich schon beim 'hallo'."


Clarke saß auf dem Sofa und schaltete gelangweilt durch das Abendprogramm im Fernsehen. Irgendwann blieb sie dann bei einer Art Tagesschau hängen und sah gelangweilt lieber wieder auf ihr Handy. Es war jetzt schon viertel nach 8. Wenn Raven nicht bald fertig wurde, waren sie mal wieder als Letztes da. Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken über den heutigen Abend auch wieder zu Costia und ihrer Freundin. Ob es wirklich richtig gewesen war, sie so zu überreden? Clarke kannte das Problem, bei sowas falsche Prioritäten zu setzen. Und diese falschen Prioritäten waren bis heute so präsent, dass sie das Gefühl hatte, sie musste jeden einzelnen anderen Menschen in ihrer Umgebung so gut es ging davon abhalten. Liebe ist kompliziert. Nein, nur Menschen sind kompliziert, echote die Stimme ihres Vaters in ihrem Kopf. Clarke seufzte tief und scrollte über ihre Twitter-Timeline, als sich an der Badezimmertür endlich etwas tat. „Fertiiiig!", verkündete Raven und trat mit einem zugegeben ziemlich vorteilhaften Outfit vor Clarke, um sich einmal zu drehen. „Also wenn du Finn jetzt nicht hättest und ich nicht deine beste Freundin wäre, würdest du mich doch bestimmt später mit nach Hause nehmen, oder?" Clarke wurde etwas aus ihren Gedanken gerissen, nickte aber und setzte ein halbherziges Lächeln auf. „In Anbetracht der Tatsache, dass du später sowieso wieder super voll sein wirst und wir in einer WG leben, werde ich dich so oder so mit nach Hause nehmen", gab sie von sich. Anstatt zu lachen setzte Raven allerdings eine irgendwie unzufriedene Miene auf.

„Hey Clarke, ich kenne diesen Blick. Du denkst doch nicht schon wieder an das heute im Krankenhaus, oder? Costia und ihre Freundin sind nicht du und Lexa, klar? Ihr zwei wart füreinander geschaffen und dass es so geendet ist, ist einfach mehr als scheiße – sorry – aber du kennst doch ihre Freundin und deren Beziehung gar nicht. Bitte tue mir einen Gefallen und mach da keine Vergleiche, wo keine sind." Volltreffer. Raven hatte binnen zwei Sekunden mal wieder genau analysiert, was Clarke gerade durch den Kopf ging. Trotzdem. Sie wollte einfach nicht, dass sich jemals jemand so dreckig fühlen musste, wie sie es so oft noch immer tat. Warum eigentlich? Im Grunde genommen sollte Clarke im Glück schwimmen. Assistenzärztin im 5. Jahr in einem der erfolgreichsten Krankenhäusern landesweit, Allgemeinchirurgie, ihre Mutter war mehr als stolz und ihre Beziehung mit Finn lief gut. Alles sollte leicht von der Hand gehen. Aber das tat es nicht. Sie zwang sich zu einem leichten Nicken, als ob sie Raven zustimmte und stand vom Sofa auf.
„Los geht's. Wir haben einen Neuanfang zu feiern."


„Lexa…"

„Nein Clarke. Schon okay. Ich verstehe das."

Lexa ging auf die große Fensterfront zu und verschränkte ihre Arme leicht vor der Brust. Sie spürte Clarkes Blick von der Küche aus regelrecht auf ihr brennen, versuchte sich aber stattdessen auf die vielen Autos und Menschen draußen zu konzentrieren, anstatt den Blick wie gewohnt zu erwidern. Nicht ein einziger von Clarke's Schritten in ihre Richtung entging ihr, bis ihre Freundin schließlich hinter ihr stand, ihre Arme wie gewohnt um sie legte – heute aber viel zögerlicher als sonst – und ihr Kinn auf Lexa's Schulter platzierte. Für einen Moment sagten beide nichts. Lexa lauschte Clarkes Atmung an ihrem Ohr, schloss die Augen kurz und versuchte, sich zu entspannen. Sie konnte nicht.

„Lexa, ich… ich weiß nicht, wie es sonst gehen soll. Ich weiß es einfach nicht", sagte Clarke leise, flehend, als wollte sie, dass Lexa nun eine Möglichkeit fand, die alles miteinander verband. Da gab es keine. Clarkes Stimme war eigentlich nie so gebrochen, wie jetzt. Sie wusste, was sie mit ihren Entscheidungen in Lexa bewegte. Sie wusste, was passieren würde. Beide wussten es und keiner von ihnen sprach es aus.

„Es ist okay. Du musst das tun. Alle werden stolz sein."

„Alle sind mir egal."

„Ich werde stolz sein." Langsam wandte Lexa sich zu ihrer Freundin um und blickte ihr in die verzweifelten Augen. Blau. Tief.

„Wirst du das?", flüsterte Clarke und Lexa schluckte schwer.

Wortlos zog sie die Andere näher zu sich, hielt sie fest in den Armen und lehnte ihren Kopf auf Clarke's Schulterblatt. Sie konnte sie nicht gehen lassen. Sie wollte es nicht und sie konnte es nicht. Clarke gehörte zu ihr, genau wie sie immer zu Clarke gehört hatte. Von dem Moment an, in dem sie das realisiert hatte, war es nie mehr anders gewesen. Sie konnte sie nicht gehen lassen. Und doch hatte sie keine Wahl.

„Es sind nur 2 Jahre. Und danach haben wir unseren Neuanfang. Es ist okay, Clarke." Nichts ist okay.


Überraschenderweise war außer Lexie und Harper noch niemand da, als Raven und Clarke die Bar betraten. Wie immer nahm das schummrige Licht und die Atmosphäre Clarke direkt jegliche Last von den Schultern. Auch wenn es merkwürdig war, aber so richtig entspannt waren sie alle häufig nur hier. Lexie hatte bereits die ersten Gläser für sich und Harper bestellt und beide waren mit Joe in einem Gespräch vertieft. Scheinbar ging es um die gemeinsame Katze von Joe und seinem Ehemann. Immer noch neu, so von ihnen zu sprechen, wo die Hochzeit doch gerade mal zwei Wochen zurücklag. Mit einem Schmunzeln ließ Clarke sich neben Lexie auf den Stuhl an der Bar gleiten. Im gleichen Zug ging Raven aber auch schon an ihnen vorbei. „Nee Leute. Heute nehmen wir einen Tisch", meinte sie und Joe lachte kurz. „Dachte mir schon, dass du sowas sagst, Raven. Hab euch den Tisch hinten links frei gehalten."

Also schlenderten die vier von der Bar rüber zum Tisch. In der Ecke war es immer am gemütlichsten und man konnte den ganzen Raum überblicken. Leider dachten Lexie und Raven sich wohl das Gleiche, weswegen Clarke sich mit dem Platz begnügen musste, bei dem sie mit dem Rücken zum Raum saß. Harper setzte sich neben Clarke und seufzte übertrieben. „Ich hasse es, wenn ich keine Leute beobachten kann", beschwerte sie sich und sprach dabei genau das aus, was Clarke gerade dachte. Zustimmend nickte sie und Raven schien zufrieden. „Gut. Auf Frust könnt ihr beide ja immer am besten trinken. Also runter mit dem ersten", forderte Raven auf und schob ihnen den ersten Kurzen zu. Typisch. Und später war es dann doch Raven, die von Clarke mit nach Hause getragen wurde. „Auf Clarke – die mich immer wieder heile nach Hause bringt und das heute hoffentlich auch tun wird!" Raven prostete ihnen zu und auch Lexie hob ihr Glas und lachte. „Und auf Harper, die als Einzige versteht, was es heißt, hinten keine Augen zu haben", ergänzte Clarke, bevor alle den ersten Kurzen tranken.

Es dauerte keine weiteren 10 Minuten, bis sich auch Octavia zu ihnen gesellte. Scheinbar hatte Bellamy zuhause wieder einen Saustall an Klamottenbergen hinterlassen. Entnervt bestellte sie sich gleich einen doppelten Tequila und leerte ihn zur Hälfte. Lachend hörten sie alle ihre Rede über Bellamy's unfassbar nervigen Hang zur Unordentlichkeit und seine sonstigen „Eigenarten" wie ‚Er lässt immer den Klodeckel offen stehen' oder ‚Spülen ist nicht so sein Ding' an. Auch wenn Octavia sich am laufenden Band über Bellamy beschwerte, hatten die Geschwister eigentlich einen wirklich guten Draht zueinander. Das lag vielleicht daran, dass sie ihren Vater nicht kannten und ihre Mutter verstorben war, als Octavia noch relativ jung gewesen war. Bellamy hatte sich dann immer um seine jüngere Schwester gekümmert und sie hatten irgendwie gelernt, sich erstmal nur aufeinander zu verlassen. Manchmal wünschte sich Clarke auch eine Schwester oder einen Bruder, mit dem sie sich über alles austauschen konnte, aber dann fiel ihr Blick wieder auf Raven und ihr wurde bewusst, dass sie ja eigentlich eine Schwester hatte. Sozusagen. Auch wenn Raven und sie nicht mal entfernt verwandt waren, kam es ihr mehr als nur manchmal so vor. Mittlerweile hatte Raven sogar einen Schlüssel zur alten gemeinsamen Wohnung von Clarke und ihrer Mum. ‚Für Notfälle' hatte Abby gesagt, aber es war für sie alle ohnehin das Natürlichste der Welt.

„Man könnte meinen ihr zwei seid ein altes Ehepaar und keine Geschwister", kommentierte Raven jetzt gegenüber Octavia und die seufzte nur tief. „Manchmal kommt es mir echt so vor. Er bräuchte mal wieder eine Freundin, damit er mir nicht ständig auf die Nerven geht. Raven? Hast du nicht Interesse?" – „Haha, sehr witzig, O. Wie wär's denn mal zur Abwechslung mit einem Freund für Bel?" – Octavia grinste und ließ das einfach mal unkommentiert. – Harper streckte sich neben Clarke etwas aus und nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas, bevor sie sich umsah. „Sagt mal… sind Costia und ihre Freundin noch gar nicht da? Ist schon kurz nach 9."

Stimmt. Da war ja was. Clarke blickte sich im Raum um und zuckte mit den Schultern. Vielleicht hatte es sich Costia ja nach dem Gespräch mit ihrer Freundin doch wieder anders überlegt? Clarke jedenfalls würde das mehr als verstehen. Prioritäten setzen. Es war ihr dann hier ohnehin niemand böse. Vermutlich wären sie so oder so heute in Joes Bar gegangen, denn der Anfang ihres 5. Jahres war ja auch etwas, was man durchaus mal feiern konnte. „Okay Leute, solange sie noch nicht da sind, werde ich uns mal die nächste Runde holen", meinte sie gut gelaunt und stand auf. An der Bar angekommen, bemerkte sie, dass auch Dr. Altman und Dr. Robbins da waren. Sie saßen nur zwei Plätze weiter und hatten schon gut etwas auf – ihrem Gelächter nach zu urteilen. Für Clarke war das trotzdem alles andere als unangenehm. Es kam nicht selten vor, dass man hier mal auf seine Vorgesetzten traf. Joes Bar hatten ihre jetzigen Ausbilder schon in ihrer Assistenzzeit immer zu ihrem Treffpunkt gemacht und das hatte sich dann irgendwie einfach so auf Clarkes Jahrgang übertragen. Da die Bar direkt gegenüber vom Krankenhaus lag, war das ja auch naheliegend. „Griffin, wollen sie nicht einen mit uns trinken? Ich geb auch aus!", kam es von Dr. Robbins. Das konnte sie der Oberärztin dann aber auch nicht abschlagen und rückte zwei Plätze auf, um das Glas entgegen zu nehmen. Von hier aus hatte sie auch wieder den Rest der Bar im Blick, was ihr gleich hundert Mal besser gefiel.

„Sagen Sie mal Griffin, Sie haben aber nicht Interesse, in der Pädiatrie zu bleiben, oder? Ich meine ich war wirklich beeindruckt, wie sie mit der kleinen Louisa umgegangen sind. Dabei ist sie oftmals wirklich nicht so einfach, obwohl sie schon 2 Jahre meine Patientin ist. So ein Händchen für Kinder hab ich bis jetzt nur bei Harper und Ihnen gesehen." Dr. Altman neben ihr machte eine wegwerfende Handbewegung. „Arizona. Mit ihrem Talent muss sie doch definitiv in die Allgemeinchirurgie. Hast du nicht Miranda letztens gehört? Ich glaube das letzte Mal hat die so geschwärmt, als Shepherd – also damals noch Grey – hier angefangen hat. Das Talent der Mutter, ganz klar." Clarke setzte ein halbherziges Lächeln auf und trank von ihrem Drink, während sie dem Gespräch nur noch mit halbem Ohr zuhörte und stattdessen ihren Blick etwas schweifen ließ. War es wirklich schon so lange her, dass sie hier angefangen hatte? Diese ganzen Jahre hatten ziemlich viel verändert. Fragte sich nur, ob es jetzt besser war, als vorher.

Gerade ließ Clarke ihren Blick wieder schweifen, als sich die Eingangstür erneut öffnete.
Sie war mehr als positiv überrascht, als Costia nun doch die Bar betrat.
Als sie die Person dahinter erblickte, fühlte es sich an, als ob all die Erinnerungen – all die Gefühle, all der Schmerz und all das, was sie so sehr zu verdrängen versuchte – auf sie niederkrachen würden.

Es ist Lexa.