Chapter 2 - Neue Freundschaften
Erst die Möglichkeit, einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert.
Paulo Coelho
Die Kindertagesstätte lag zum Glück auf meinem Weg zum College und nur wenige Minuten zu Fuß von meiner Wohnung. Ethan zappelte auf meinem Arm und gluckste vor sich hin. Er schien glücklich zu sein und ich liebte es, wenn er sich wohl fühlte.
„Mama tut es wirklich leid, dass sie sich nicht den ganzen Tag um dich kümmern kann!" Flüsterte ich leise und mehr zu mir, als zu meinem Sohn. Mein Herz blutete jedes Mal bei dem Gedanken ihn erst am Abend wiederzusehen.
Doch er war ein liebes Kind und machte es mir nicht schwerer, als es für mich sowieso schon war. Bei fremden Personen war er meist erst schüchtern und es dauerte eine Weile, vielleicht auch manchmal ein paar Tage, bis er sich an jemanden gewohnt hatte. Die Betreuerin kannte er aber und daher war es kein Problem, dass er bei ihr blieb. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl er wüsste, mit welchen Dingen er mir meine Leben erleichtern konnte.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verließ ich die Kindertagesstätte und machte mich auf den Weg zum College. Meine Gedanken gingen jede Minute an Ethan und daran, ob es ihm gut ginge und ob er mich nicht vermisste. Wahrscheinlich machte ich mir, wie immer, zu viele Gedanken und versuchte sie beiseite zu schieben.
Vor dem College angekommen spielte ich nervös an meinem Armband und schritt langsam die Treppen hinauf. Mein Herz schlug wie wild. Monatelang hatte ich mich auf diesen Tag gefreut und nun war es endlich soweit. Ich war hier…am College…und ich würde irgendwann einen Collegeabschluss haben. Mit großen Augen trat ich durch die riesige Eingangstür und versuchte mich unauffällig zwischen den vielen Menschen hindurchzubewegen. Den Schildern folgend fand ich den Platz, an dem sich alle neuen Studenten einfinden sollten und reihte mich in die Schlange ein.
Ich atmete einmal tief durch und dachte an meinen Kleinen und wie süß er heute Morgen in seinem Bettchen gelegen hatte. Mit ihm an meiner Seite würde ich alles schaffen. Immer wieder verlagerte ich mein Gewicht von dem einen Bein auf das Andere und wartete schon eine geschlagene halbe Stunde, als ich ein Gelächter hinter mir hörte. Ich drehte mich um und entdeckte ein paar Mädchen, die tuschelnd auf mich zeigten und sich anscheinend über irgendetwas an mir lustig machten.
Ich konnte es nicht leiden, wenn ich jemandem auffiel und ließ mir meine langen braunen Haare ins Gesicht fallen. Ich war nur eine durchschnittliche Frau und wirklich nichts Besonderes. Durch meine helle Hautfarbe fiel ich hier in Arizona sofort auf und auch nach Monaten würde ich bestimmt immer noch keine Farbe angenommen haben. Das lag wohl in den Genen.
„Mach dir nichts draus!" Sagte plötzlich eine weibliche Stimme hinter mir.
„Die sind nur neidisch, da du so hübsch bist und dir alle Männer hinterher schauen!"
Als ich mich umdrehte schaute ich in das breiteste Lächeln, das ich, außer bei meinem Sohn, seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte. Es gehörte zu einem sehr hübschen Mädchen mit kurzen braunen Haaren, die ihr in alle Richtungen abstanden. Sie war nur ein winziges Stück kleiner als ich und wirkte ausgewogen und fröhlich auf mich.
„Ich bin Alice!" Immer noch mit einem Lächeln auf dem Gesicht streckte sie mir ihre rechte Hand entgegen, die ich zögernd ergriff.
„Bella…" Sagte ich leise. Sie wollte bestimmt nur nett sein und fühlte sich verpflichtet mit mir zu sprechen. Ich machte Anstalten mich umzudrehen, da redete Alice munter drauf los und ich biss mir nervös auf die Unterlippe. Ich war es nicht gewohnt, dass jemand so nett zu mir war und war immer noch skeptisch.
„Ich bin so aufgeregt! Meine zwei Brüder studieren hier und da dachte ich mir das College kann gar nicht so schlecht sein. Meine Mutter war anfangs nicht so begeistert, zumal wir aus Kanada kommen und Phoenix sehr weit entfernt ist."
Alice redete so schnell, dass ich fast nicht folgen konnte.
„Vielleicht sind wir ja Zimmergenossinnen im Wohnheim?" Mit großen Augen sah sie mich an und ich schüttelte mit dem Kopf.
„Nein, ich habe eine kleine Wohnung außerhalb." Antwortete ich und sie schien enttäuscht zu sein.
„Oh…wäre schön gewesen…aber wir können uns ja auch hier treffen und vielleicht ist es auch von Vorteil eine eigene Wohnung zu haben!"
Ich schluckte. Alice schien sehr nett zu sein, doch am Ende würde sie genauso reagieren wie es alle anderen damals getan hatten. Sie würde sich von mir abwenden und ich wäre wieder alleine mit Ethan.
Ethan…meine Gedanken wanderten schon wieder zu ihm und ich seufzte. Wie es ihm wohl gerade ging?
„Bella?" Riss mich Alice aus meinen Gedanken.
„Ich habe dich gefragt was du studierst?"
Verwirrt schüttelte ich den Kopf und musste mich einmal kurz sammeln, bevor ich ihr antworten konnte.
„Sozialpädagogik…und du?" Ich schaute sie an und es war mir vorher nicht klar gewesen, dass ihr Lächeln noch breiter werden konnte.
„Ich auch!" Rief sie erfreut.
„Das ist ja toll. Dann können wir immer zusammen zu den Vorlesungen und wir können zusammen lernen und zusammen Mittagessen. Ich bin total erleichtert schon jemand nettes kennengelernt zu haben!"
Die Menschenschlange bewegte sich ein paar Meter nach vorne und ich schloss auf. Das College war schon immer mein Traum gewesen und dennoch hatte ich Angst. Ich war Menschen gegenüber schon immer vorsichtig gewesen und nach allem, was ich in den letzten Jahren erlebt hatte, war es schwer jemandem zu vertrauen.
„Name bitte!" Unterbrach jemand meine Gedanken.
„Isabelle Swan!" Antwortete ich schnell.
Das Mädchen mir gegenüber drückte mir mein Stundenplan und mein Studentenausweis in die Hand, nachdem sie meinen Namen auf einer Liste abgehakt hatte. Als auch Alice ihre Unterlagen in den Händen hielt, sah sie mich begeistert an.
„Komm, wir schauen uns ein bisschen um. Die Vorlesungen starten sowieso erst morgen und dann kann ich dir mein Zimmer zeigen und meine Brüder vorstellen!" Ohne eine Antwort abzuwarten nahm sie meine Hand und zog mich hinter sich her. Ich war es nicht mehr gewohnt jemand Fremden so nahe zu sein und fühlte mich unwohl. Nicht, dass es nicht gut tat eine Freundin zu haben, mehr war es der Gedanke was sie über mich denken könnte, wenn sie von Ethan wüsste. Alice war anders und sie schien ein gutes Herz zu haben. Dennoch war ich unsicher. Ich konnte nicht mit offenen Karten spielen, denn ich hatte zu viel Angst vor ihrer Reaktion und dass alles wieder so ablief, wie an der High School.
„Ist es nicht schön hier?" Alice hielt noch immer meine Hand als wir in ihr Zimmer kamen.
„Ja, wirklich schön!" Stimmte ich ihr zu und blickte mich in dem Raum um. Er war groß und voll möbliert. Auf der einen Seite stand eine große Couch und ein Fernseher und auf der anderen ein Tisch mit vier Stühlen und ein kleiner Kühlschrank. Ansonsten gingen nur noch zwei Türen ab. Hinter der einen verbarg sich das Badezimmer und hinter der anderen das Schlafzimmer in dem zwei Betten, zwei Schränke und zwei Schreibtische standen.
„Eine von euch muss meine Mitbewohnerin sein!" Mit diesen Worten betrat ein umwerfend aussehendes Mädchen mit langen blonden Haaren das Zimmer und kam auf uns zu.
„Ja, das bin ich…Mein Name ist Alice!" Stellte sich Alice vor.
„Rosalie. Aber ihr könnt Rose sagen!" Entgegnete das Mädchen und sie schien wirklich nett zu sein. Noch immer betrachtete ich ihr makelloses Gesicht und fühlte mich in Anwesenheit von Alice und Rosalie wie das fünfte Rad am Wagen. Beide waren auf ihre eigene Art schön. Alice auf die Elfenhafte, mit der sie alle Männer in ihren Bann zog. Und Rose mit ihrer Schönheit, bei der kein Mann seinen Blick von ihr abwenden konnte. Und daneben stand ich…Isabella Swan mit einem rätselhaften Kleidergeschmack, einer nicht gerade wohl geformten Figur und einem Durchschnittsgesicht, das wohl niemandem so schnell im Gedächtnis blieb.
„Wollen wir ein bisschen auf eine Wiese in die Sonne sitzen?" Schlug Rose vor und Alice stimmte begeistert zu. Nur Minuten später machten wir es uns auf einer kleinen Decke bequem und meine Gedanken schweiften schon wieder, wie so oft an diesem Tag, zu meinem Sohn, bis mich ein Stups in die Seite in die Realität zurückholte.
„Da sind meine Brüder!" Rief Alice aufgeregt und fing an zu winken. Ein großer und gut gebauter Junge stand plötzlich vor mir und warf einen Schatten auf mein Gesicht, sodass ich ihn ohne Probleme mustern konnte.
„Schwesterchen!" Erfreut breitete er seine Arme aus und Alice warf sich hinein.
„Emmett, ich hab dich so vermisst." Schrie sie überglücklich und mein Blick schweifte an Emmett vorbei und ich sah in wunderschöne grüne Augen, die mich interessiert musterten. Mein Atem stockte und ich biss mir automatisch auf die Unterlippe. Die Augen gehörten zu einem makellosem Gesicht, dass von verwuschelten Haaren umrandet wurden, die im Sonnenlicht bronzefarben glänzten. Wie in Trance musterte ich jede seiner Bewegungen und stellte erschrocken fest, dass es sich anscheinend um Alice zweiten Bruder handeln musste.
„Edward, es ist so schön dich zu sehen. Leider habt ihr beiden Mom und Dad verpasst!" Irritiert wandte ich meinen Blick auf den Boden und versuchte zwanghaft Edward nicht anzuschauen. Ich schaffte es nicht und hob mein Gesicht an, doch meine Sicht wurde von Emmett versperrt.
„Hi, ich bin Emmett!" Er streckte mir freundlich seine Hand entgegen und ich ergriff sie wortlos. Zu sehr war ich in Gedanken bei Edward, der mich total aus der Bahn warf. Wieso hatte ein Junge, den ich nur Sekunden gesehen hatte, so eine Wirkung auf mich?
„Hat deine neue Freundin ihre Zunge verschluckt, oder weshalb sagt sie kein Wort?" Ich bemerkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und ließ seine Hand los.
„Ich…bin Bella…" Brachte ich beschämt hervor und ließ mir wieder meine Haare ins Gesicht fallen. Als sich mir eine zweite Hand entgegenstreckte begann mein Herz wie wild an zu schlagen.
„Hi Bella, ich bin Edward!" Ich hielt die Luft an, als mir sein unbeschreiblicher Duft in die Nase stieg. Wie konnte jemand auch nur so gut riechen?
„Ich glaube deine Freundin ist ein wenig schüchtern!" Warf Emmett lachend ein und Edward setzte sich neben mich.
„Ich bin nicht schüchtern…" Protestierte ich kleinlaut
„Nimm ihn nicht allzu ernst. Emmett treibt gerne seine Scherze!" Alice zwinkerte mir zu und ich versuchte all meine Gedanken zu verdrängen und widmete mich Emmett zu, der Rose unentwegt anstarrte und ihr Komplimente an den Kopf warf. Sie schien unbeeindruckt und dennoch zeigte sie ein gewisses Interesse an ihm.
„Ich hab alle Kurse zusammen mit Bella ist das nicht toll!" Euphorisch hüfte Alice auf und ab und Edward klopfte ihr liebevoll auf die Schulter, während er mich mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck ansah.
„Ich hab dir doch gesagt, dass du schnell jemand nettes kennen lernen wirst…Wie alt bist du denn Bella?"
Ich schluckte. Ich war älter als Alice. Bestimmt war ich älter und ich hatte mir noch nicht überlegt, was ich ihnen sagen sollte. Was wäre eine passende Ausrede gewesen erst später aufs College zu gehen?
„Ich bin…21…" Antwortete ich mit zitternder Stimme.
„Wirklich? Ich bin erst 19." Sagte Alice und schaute mich verblüfft an.
„Edward ist auch 21 und Emmett ist 22…wieso bist du jetzt erst aufs College?"
„Ich…habe…eine kleine Auszeit genommen…" Versuchte ich mich herauszureden und hoffte, das würde ihnen genügen.
„Das ist aber eine lange Auszeit!" Mischte sich Emmett nun in unser Gespräch ein.
„Wieso? Ich bin auch schon 21!" Warf Rose ein und ich warf ihr einen dankbaren Blick zu.
„Ist es denn so schlimm, wenn man nicht sofort aufs College geht, sondern noch sein Leben ein wenig genießt?"
Rose blickte auffordernd in die Runde und alle senkten ihre Blicke.
„So war das nicht gemeint…" Versuchte sich Alice zu entschuldigen.
„Ah, da ist Tanya!" Mit diesen Worten stand Edward auf und ging auf eine schöne Rothaarige zu, die ihn verführerische Blicke zuwarf.
„Das ist Edwards neueste Flamme…" Flüsterte uns Emmett zu.
„…ich kann sie nicht leiden, aber wie bei allen anderen wird er bald genug von ihr haben…"
Wie bei allen anderen? Argwöhnisch beobachtete wie Edward dieser Tanya einen Kuss auf die Lippen drückte. Er sah einfach atemberaubend aus und mir hätte schon im ersten Moment klar sein müssen, dass er ein Aufreißer war. Enttäuscht sah ich zu Alice, die Emmett etwas ins Ohr flüsterte, woraufhin er in schallendes Gelächter ausbrach.
Auch wenn ich Edward nicht kannte, fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Er hatte etwas an sich, das ich mochte und das etwas Besonderes ausstrahlte.
Doch er hat eine Freundin und das war auch gut so…versuchte ich mir einzureden. Mach dir doch nichts vor. Wieso hätte er sich auch für dich interessieren sollen? Du bist nichts Besonderes und außerdem hätte es sowieso nicht geklappt. Wie hätte ich ihm auch das mit Ethan erklären sollen?
In Gedanken versunken warf ich einen kurzen Blick auf meine Uhr und sprang erschrocken auf. Heute war mein erster Arbeitstag in der Videothek in der Stadt und ich musste mich beeilen, um noch rechtzeitig dort zu sein.
„Ich muss los!" Rief ich und schnappte mir meinen Rucksack.
„Willst du denn nichts mehr mit uns essen?" Fragte Alice traurig und ich sah sie entschuldigend an.
„Es tut mir leid…ich hab noch einen Nebenjob in einer Videothek und muss jetzt los, wenn ich nicht zu spät kommen will."
„Oh…" Enttäuscht stand Alice auf und mein schlechtes Gewissen plagte mich.
„Wir können uns doch morgen früh gleich vor der Vorlesung treffen und dann trinken wir einen Kaffee?" Versuchte ich sie aufzumuntern und sie nickte glücklich.
„Gleiche Stelle wie heute Morgen!" Sagte sie und ich winkte ihr noch einmal zu.
„Wir sehen uns!" Rief ich den anderen über die Schulter nach und machte mich auf den Weg. Erleichtert atmete ich aus, als ich das Gelände verlassen hatte und dennoch machte sich ein mulmiges Gefühl in mir breit. Ich spürte Edwards Blick in meinem Nacken und mir lief ein Schauer über den Rücken. Vergiss ihn…ermahnte ich mich…es ist besser so! Es war jetzt schon schwer genug die fehlende Zeit zwischen High School Abschluss und College zu erklären.
Verzweifelt versuchte ich auf dem Weg zur Arbeit Ausreden zu überlegen, die sinnvoll klangen und mit denen ich niemanden enttäuschte. Wie sollte ich ihnen, wenn wir später vielleicht doch Freunde werden sollten, erklären, dass ich am Abend nie Zeit für sie hatte und dass keiner mit mir nach Hause kommen konnte?
Ich wollte Alices Freundin sein und ich hatte sie schon nach einem Tag ins Herz geschlossen. Doch das ständige Lügen würde mich innerlich zerreisen.
Als ich später am Abend Ethan endlich wieder in den Armen hielt, fiel die ganze Anspannung des Tages von mir ab. Ich hatte nicht mehr lange mit ihm, ehe er müde werden würde und die Zeit, die mir mit meinem Sohn blieb, wollte ich genießen.
„Was soll ich denn nur tun?" Fragte ich Ethan und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
„…denn nur tun…" Sprach mein Kleiner meinen Satz nach und ich stupste ihm mit meinem Finger auf die Nase.
Er war so süß und am liebsten hätte ich jedem gezeigt, wie toll mein Sohn war. Doch immer war die Angst da…die Angst vor Ablehnung…
Ich wollte hier ein neues leben beginnen und ich fragte mich wirklich, wie ich meinen Sohn nur vor den anderen geheim halten sollte…?
