Kapitel 1
„Angela?" fragte Jane erstaunt. Er richtete sich langsam auf. Er spürte keine Schmerzen mehr, erkannte aber das leise piepende Gerät zu seiner rechten, welches Morphium in seine Blutbahn spritzte.
Die Frau lächelte ihn an. „Ja," sagte sie leicht verwirrt, dennoch spielerisch. „Was ist los, Patrick?"
Er blinzelte ein paar Mal. „Welches Jahr haben wir?"
„2013…Patrick…?" Angelas Lächeln verlor sich im Nirgendwo und plötzlich schaute sie bedrückt. Ihre Augen wechselten von Erstaunen auf Entsetzen und streichelte seine Hand.
„Was ist passiert?"
„Du hattest einen Autounfall…erinnerst du dich denn gar nichts?"
Jane schüttelte verwirrt den Kopf. Autounfall? Seine Familie war tot. Angela lebte nicht, wie konnte das bloß sein. War das nur ein Traum? Wenn ja, dann war es ein verdammt guter. Das letzte, an das er sich erinnerte, war ein Strand. Er war am Meer entlanggelaufen…ein Fall. Er hatte dem CBI bei einem Fall geholfen. Er hatte sich mit Lisbon eine Leiche angeschaut und dann… er wusste nicht weiter. Danach verschwomm alles. Er hatte die Agentin auf irgendetwas aufmerksam gemacht und alles was danach passierte, hatte einen verpixelten Zäsurbalken.
„Du wurdest von der Straße abgedrängt. Irgendein Betrunkener. Wenn man dich nicht rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht hätte", erklärte Angela und wischte sich eine stumme Träne von der Wange.
„Was ist…was ist mit Charlotte?", fragte Jane, immer noch verwirrt, aber er nahm diese Umstände mal als gegeben an. Er hatte nicht seinen Teufel's Kirschen Tee getrunken, also konnte es keine Halluzination sein.
„Sie kommt gleich. Ich habe sie zum Kiosk geschickt, um sich eine Cola zu holen. Es…war lange nicht klar, ob du durchkommen wirst und wir hatten beide eine sehr anstrengende Nacht," Angela schaffte es nicht, weitere Tränen zu unterdrücken.
„Was…wie alt ist sie?", fragte Jane. Er weinte auch fast, egal ob dies Realität oder Traum war, es fühlte sich real an und er wollte um jeden Preis seine Tochter wiedertreffen.
Seine Frau sah ihn jedoch nur entgeistert an. „Das…das ist ein Scherz, oder? Patrick? Du meinst das nicht im ernst?"
„Wie alt ist sie?"
„Siebzehn."
Jane nickte. So lange war es schon her. Fast zwölf Jahre?
„Patrick…was ist los?"
Er antwortete nicht.
„Bitte…sag doch was. Du tust ja so, als würdest du uns nicht kennen!"
„Tu ich auch nicht. Ihr seid beide tot," erklärte Jane direkt.
Das verschlug Angela die Sprache. „Patrick…was…?"
„Ihr seid beide vor zwölf Jahren ermordet worden…von einem Serienkiller namens Red John!", schrie er laut aus völliger Verzweifelung. War es sein Unterbewusstsein, welches diese Halluzinationen hervorruf?
Angela starrte ihn für ein paar Sekunden an. Dann schüttelte sie den Kopf und griff zu der Fernbedienung auf dem Nachttisch. Sie schaltete den Fernseher ein und zappte durch auf CNN. Dort stand eine Reporterin vor einem schwarz-gelben Absperrband und berichtete. Es wurden Bilder eingeblendet von roten Smileys und Jane's Mund fiel weit offen.
„Ein neuer Red John Mord…aber Patrick, was erzählst du denn da? Wir haben nichts damit zu tun?"
„Als was arbeite ich?"
„Wie bitte?"
„Wer bin ich?"
„Du bist…Psychic. Du gehst von Fernsehshow zu Fernsehshow und…"
„Verarsche die Leute."
„Wie bitte?"
„Ich ziehe sie über den Tisch, habe ich Recht?"
„Patrick…" Sie schüttelte einfach nur den Kopf. Es war unfassbar. Wer war der Mann, der hier vor ihr saß? Woher kam der plötzliche Sarkasmus? Er machte sich doch sonst nicht über seine Arbeit so lustig.
„Was ist hier los Angela? Du bist tot, Charlotte ist tot. Wo ist Agent Lisbon?"
Ihr fiel die Kinnlade herunter. „Wer ist diese Agent Lisbon? Jane, geht es dir nicht gut? Hattest du einen Traum? Was…?"
„Was ist passiert?" Jane konnte es einfach nicht fassen. Er verstand gar nichts mehr. Am besten, er ließ sich erst mal erklären, was er denn glauben sollte. Kurz kam ihm der Gedanke, dass dies ein Streich sein könnte, von Lisbon oder von Red John, aber es war zu absurd, keiner der beiden würde das wagen.
Angela seufzte. Sie hoffte, dass ihr Mann zur Vernunft gekommen sei. „An was erinnerst du dich noch?"
„Nehmen wir mal an, an gar nichts."
„Okay…Du kamst von einer Talkshow. Es war abends und du hattest noch angerufen, als du losgefahren bist. Naja, nach den Angaben eines Zeugens bist du wohl von irgendeinem Auto von der Straße gedrängt worden. Den hat man verhaftet, er war Betrunken und es wird Anklage erhoben. Gott…Patrick, ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist!"
„Red weiter!", forderte er ungeduldig.
„Naja…jemand hat das beobachtet und ist zu deinem Auto in den Straßengraben gestiegen. Du warst bewusstlos und er hat den Notarzt gerufen. Du wurdest hier hin gebracht, operiert, hattest starken Blutverlust, aber…"
Plötzlich wurde die Tür geöffnet und Angela drehte sich um. „Charlotte," sagte sie erfreut.
Jane spürte, wie unfreiwillig eine Träne seine Wange herunterlief. „Charlotte," murmelte er, als er die Siebzehnjährige erkannte. Sie war blond gelockt, so wie er, hatte helle Haut, so wie Angela und strahlte sie beide mit einem entzückenden Lächeln an.
Sie kam ans Bett und fragte: „Daddy! Wie geht es dir?"
Jane bekam kein Wort mehr heraus. Er war zu gerührt. „Charlotte", flüsterte er und ohne ein weiteres Wort nahm er sie in den Arm. Es fühlte sich so gut an, endlich wieder die Nähe und Wärme. Er hatte zwölf Jahre verpasst, aber allein diese paar Sekunden seine Familie wiederzusehen, machten ihn glücklicher denn je.
„Was ist, Dad?", fragte Charlotte und ihre wunderschönen Augen strahlten Jane an.
Er spürte, wie weitere Tränen seine Wange herunterliefen. „Nichts…ich…ich freue mich nur, euch wiederzusehen", er konnte nicht anders als in Tränen auszubrechen. Voller Scham vor seiner Familie vergrub er seine Hände in seinen Haaren. Was war, wenn sie Recht hatten? Wenn die letzten Jahre nur ein Traum gewesen waren?
Wenn er wirklich nur einen Autounfall gehabt hatte und nicht aufgewacht war? Er hatte geträumt, sein Leben würde weitergehen, ein anderes Leben vielleicht und jetzt war er wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt.
Er fühlte sich so glücklich wie noch nie. Hoffnung. Das war es, was ihm gefehlt hatte in den letzten zwölf Jahren.
Und jetzt hatte er endlich wieder Hoffnung, alles ungeschehen zu machen.
Seine Zeit der Trauer war vorbei, er konnte wieder leben.
