Der Spion und der Verräter
Harry und Severus gingen eine Weile schweigend weiter und bogen, als der Weg sich gabelte, nach rechts ab. Sie folgten nun einem ungepflasterten Pfad, der am Rand des Dorfes entlangführte. Er war von Bäumen und Büschen gesäumt und würde im Sommer vermutlich sehr idyllisch sein. Jetzt, in der Kälte, mit dem Wind und dem Nieselregen, war es eher ungemütlich.
Harry erneuerte den Impervius-Zauber über seiner Jacke und sprach ihn – leider ein wenig zu spät – auch über seinen Kopf. Ein wenig neidvoll sah er auf den langen, dicken und hochkragigen Mantel des Zaubertränkemeisters, der ganz offenbar nicht vergessen hatte, den wasser- und nebelabweisenden Zauber auch auf sich selbst zu legen. Seine Haare waren jedenfalls – im Gegensatz zu Harrys – noch immer staubtrocken.
"Hast du meinen Eltern von der Prophezeiung erzählt, als dir klargeworden ist, dass sie sich auf ihr ungeborenes Kind beziehen könnte?" fragte Harry schließlich, die Unterhaltung wieder aufnehmend.
"Ja, das habe ich." Es wäre unmöglich gewesen, es zu verschweigen. Als ihm bewusst wurde, dass er durch die Weitergabe der Prophezeiung möglicherweise unwissentlich ein Todesurteil über das Kind in Lilys Leib gesprochen hatte, war er blass geworden, und Lily hatte seinen innereren Aufruhr bemerkt. "Sie hatte ein Recht, es zu erfahren – für alle Fälle. Aber zu dem Zeitpunkt hielten wir beide die Annahme, dass sich die Prophezeiung auf dich beziehen könnte, für reine Spekulation. Lily war besorgt, aber nicht in Panik. Nichtsdesto trotz nahm sie mir das Versprechen ab, dich zu beschützen; das sei ich ihr für das Weiter geben der Prophezeiung schuldig." Er hatte nicht widersprochen, weil ihm bewusst war, dass er für viele Dinge, die letztendlich in diese Situation geführt hatten, die Verantwortung trug. Hätte sie von ihm verlangt, dass er seinem Leben ein Ende setzte, um für seine Taten zu büßen, hätte er auch das getan. Es hatte ohnehin für ihn keinen Wert mehr gehabt. Stattdessen hatte Lily seinem Leben einen neuen Sinn gegeben, einen Daseinszweck, eine Mission. Er hatte nicht ahnen können, dass es irgendwann zu einer Bürde werden würde.
"Wann ist Voldemort denn klargeworden, dass es in der Prophezeiung um ein Kind ging?" wollte Harry wissen.
"Erst im Herbst, als Peter Pettigrew zum Verräter wurde – das war etwa drei Monate nach deiner Geburt. Durch eine bittere Ironie des Schicksals war es Lily selbst, die ihn auf den Gedanken brachte. Pettigrew hatte an den Dunklen Lord weitergegeben, was Lily ihren Freunden gegenüber erwähnt hatte: dass sie fürchtete, ihr Kind könne zu einer Zielscheibe werden. Das verwirrte ihn – was für ein Interesse sollte er an einem Baby haben? Aber dann erfuhr er, dass du Ende Juli geboren worden warst und zog die Verbindung zur Prophezeiung. Der Dunkle Lord war in Hochstimmung, als er das Rätsel endlich gelöst hatte."
"Und dennoch tat er ein ganzes weiteres Jahr lang rein gar nichts..." sagte Harry perplex. "Warum nicht?"
"Aus einer Reihe von Gründen. Über Pettigrew hatte er erfahren, dass Alice Longbottom am gleichen Tag ebenfalls einem Jungen das Leben geschenkt hatte, und er war sich nicht sicher, auf wen von euch sich die Prophezeiung bezog. Ich denke, er wartete auf irgendein Zeichen. Er hatte keine Eile, da er in keinem von euch zu dem Zeitpunkt eine Bedrohung sah. Ein drei Monate altes Baby sollte die Macht haben, ihn zu besiegen? Lachhaft! Er war eher amüsiert darüber, dass der nebulöse Feind, den er seit Monaten gefürchtet hatte, sich als Baby entpuppt hatte."
"Das überrascht mich nicht wirklich," meinte Harry. "Entgegen der Prophezeiung hat er mich nie als ihm ebenbürtig betrachtet, nicht mal nach seiner Rückkehr." Er dachte an die Nacht auf dem Friedhof in Little Hangleton zurück, als der Dunkle Lord seine neue Gestalt angenommen hatte. Es war grauenvoll und zum Fürchten gewesen, zumindest für ihn, aber Voldemort hatte daraus eine Inszenierung gemacht, die nicht nur einschüchternd, sondern anscheinend auch unterhaltsam sein sollte – der krönende Abschluss eines Dramas, der große Schlussakt. Er hatte Harry verspottet, sich über ihn lustig gemacht, ihn sogar in ein Pseudo-Duell gezwungen – einen 14-jährigen Jungen, der es gerade mal halb durch seine Schulausbildung geschafft hatte. Nein, er hatte ihn nicht ernstgenommen. Aber dennoch – durch eine höhere Fügung hatte Harry ihm ein weiteres Mal trotzen können.
"Dass er dich nicht ernstgenommen hat lag daran, dass er bei seiner Rückkehr dachte, die Prophezeiung sei bereits erfüllt," erklärte Severus. "Schließlich hattest du in jener Halloweennacht tatsächlich 'den Dunklen Lord besiegt' – zumindest für elf lange Jahre. Er dachte immer noch, das Ganze sei ein unglücklicher Unfall gewesen. Aber nachdem du ihm auf dem Friedhof abermals entkommen konntest, wurde er unruhig und war fortan so versessen darauf, den zweiten Teil der Prophezeiung zu hören."
"Und dennoch hatte er sich damals, nach meiner Geburt, nicht über das gesorgt, was der erste Teil voraussagte?" Harry hatte immer angenommen, dass die Prophezeiung eine entscheidende Rolle für Voldemort gespielt und sein ganzes Handeln bestimmt hatte.
Severus schüttelte den Kopf. "Er fürchtete nur um die Wirkung, die sie auf seine Anhänger haben könnte. Sie widersprach dem Mythos der Unbesiegbarkeit, den er so mühsam erschaffen hatte. Er hatte niemandem sonst von der Weissagung erzählt, aus Sorge, sie könne ihn in den Augen seiner Todesser schwach aussehen lassen. Sein Plan war, sich deiner in einem günstigen Moment persönlich und ganz diskret zu entledigen. Abgesehen davon war es viel zu riskant, deine Eltern in ihrem Haus anzugreifen. Es waren umfangreiche Sicherheits maßnahmen ergriffen worden, die es zu einer Festung machten: starke Bann-, Warn- und Schutzzauber sowie ein Apparierschutz. Der Dunkle Lord konnte nicht angreifen, ohne den Orden auf den Plan zu rufen und Godric's Hollow zu Schauplatz eines Kampfes zu machen. Er hätte hohe Verluste riskiert."
"Er hätte Pettigrew als Attentäter nutzen können," wandte Harry ein. "Ganz ehrlich – wäre er nicht so versessen darauf gewesen, den Job selbst zu erledigen, hätte er mich schon etliche Male töten können – und auch meine Eltern."
"Für den Moment war ihm Pettigrew als Spion nützlicher. Der Dunkle Lord dachte, er habe hinreichend Zeit, um herauszufinden, auf welchen Jungen sich die Prophezeiung bezog, um dann entsprechend zu handeln. Zumindest ist es das, was er mir sagte, als er mir frohlockend verkündete, dass es entweder Alice Longbottoms oder Lilys Sohn war."
Severus erinnerte sich noch so genau an diese Unterhaltung, als hätte sie erst gestern stattgefunden. Zum ersten Mal hatte er dem Dunklen Lord direkt ins Gesicht gelogen – sich voll des Umstands bewusst, dass es ihn sein Leben kosten würde, wenn er dabei erwischt würde. Er hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht gewusst, wie man seine Gedanken verbarg – er hatte sich nur auf seine Schilde verlassen und beten können, dass der Dunkle Lord sich nicht entschließen würde, sie wieder zu testen – so, wie er es getan hatte, eher er Severus aussandte, um sich auf die DADA- Stelle zu bewerben. Um ihn überzeugend zu täuschen, war er so nah an der Wahrheit geblieben wie irgend möglich, hatte sogar eingestanden, Lily gegenüber nicht völlig gleichgültig zu sein. Er hatte zugegeben, dass sie als seine einzige Kindheitsfreundin noch immer ein Platz in seinem Herzen hatte, weil sie der einzige Mensch war, der ihn je anständig behandelt hatte – ehe er in den Kreisen des Dunklen Lords echte Loyalität hatte erfahren dürfen. Und er hatte auch eingestanden, dass sie dieses Herz gebrochen hatte.
'Willst du, dass ich ihr Leben verschone, Severus?' hatte der Dunkle Lord gefragt. 'Oder soll ich Vergeltung üben für das, was sie dir angetan hat?'
Severus hatte vorgegeben, über diese Frage nachdenken zu müssen, ehe er schließlich bat, der Dunkle Lord möge sie verschonen – wenn auch nur um der alten Zeiten willen, und um ihr Gelegenheit zu geben, zu bedauern, dass sie Potter ihm gegenüber den Vorzug gegeben hatte. Dumbledore hatte ihn später beschuldigt, nur an Lily gedacht zu haben – nicht an das Leben ihres Sohnes und ihres Mannes. Als ob er dem Dunklen Lord einen guten Grund hätte nennen können, warum ihm etwas am Leben ihres Sohnes und ihres Mannes gelegen wäre! Als ob der Dunkle Lord das Leben des Kindes, dem bestimmt war, ihn zu vernichten, verschonen würde, weil Severus ihn darum gebeten hatte! Einzugestehen, dass er Lilys Leben verschonen wollte, war riskant genug gewesen.
"Dann war das vermutlich der Zeitpunkt, als du zu Dumbledore übergelaufen bist..." mutmaßte Harry, der das Treffen mit dem Schulleiter auf einem Hügel in den Schottischen Highlands in den Erinnerungen seines Lehrers gesehen hatte. "Du hattest Angst, dass Voldemort entgegen seiner Ankündigung doch zuschlagen könnte... und dass er meine Mutter auch dir zuliebe nicht verschonen würde..."
"Ich konnte nicht sicher sein, dass er nichts unternehmen würde. Der Dunkle Lord hütete seine Informationen argwöhnisch, und ich war nicht in alle seine Pläne eingeweiht. Aber ich wusste nun, dass du zum Ziel geworden warst, und dass es einen Verräter in den Reihen des Ordens gab – jemand, der deinen Eltern nahestand. Ich musste Dumbledore warnen."
Natürlich hatte das auch bedeutet, dass Severus ihm gestehen musste, die Prophezeiung gehört und an den Dunklen Lord weitergegeben zu haben – und dadurch die Frau, die er einst geliebt hatte, überhaupt erst zum Ziel gemacht zu haben. Ihre Sicherheit jetzt diesem mächtigen Zauberer anzuvertrauen – dem einzigen, den der Dunkle Lord je gefürchtet hatte – schien die beste Option zu sein. Dumbledore, da war sich Severus sicher gewesen, würde Lily und ihren Sohn beschützen, wenn er erfuhr, in welcher Gefahr sie schwebten. Er hatte nur nicht erwartet, dass er Bedingungen stellen würde.
'Und was bist du bereit, dafür zu geben, Severus?' hatte Dumbledore ihn gefragt und impliziert, dass er keinen Finger rühren würde, wenn Severus nicht willens wäre, den Preis für seine Hilfe zu zahlen. Er hatte diesen Erpressungsversuch nicht ernstgenommen – sicher würde der Anführer der freien Zaubererwelt von sich aus alles in seiner Macht stehende tun, um die Sicherheit der Mitglieder seines Ordens zu gewährleisten. Was Dumbledore zu dem Zeitpunkt nicht wusste, war die Tatsache, dass Severus bereits geschworen hatte, Lily und ihren Sohn zu schützen – notfalls mit seinem Leben. 'Alles', hatte er wahrheitsgemäß geantwortet.
Es hatte einige Zeit gebraucht, Dumbledores Vertrauen zu gewinnen. Der alte Mann hatte darauf bestanden, dass Severus Okklumentik lernte – zweifellos eine Notwendigkeit, wenn man den angeblich größten Legilimentiker aller Zeiten hinters Licht führen wollte. Aber auch eine Möglichkeit für Dumbledore, im Rahmen des Unterrichts in Severus´ Geist einzufallen und wieder und wieder in seine Erinnerungen einzudringen. Er hatte alles gesehen – Severus´ Gefühle für Lily, seinen Hass für Potter, seine Reue, sein Bedauern und seine Verzweiflung. Letztendlich hatte er auch von dem Versprechen erfahren, dass er Lily gegeben hatte – und die Tatsache, dass Lily ihn zum Paten ihres Sohnes gemacht hatte.
Severus hatte ihn schwören lassen, es niemals jemandem zu offenbaren, vor allem nicht Harry. Er hatte kein emotionales Band zwischen ihm und dem Kind gewollt, das ebenso Fleisch und Blut seines verhassten Erzrivalen war wie Lilys Sohn. Er hatte geschworen, den Jungen zu beschützen, aber das hatte er einzig für Lily getan, nicht für Dumbledore, nicht für James und nicht für Harry selbst. Er hatte diese Aufgabe als seine Buße angenommen, aber er wollte auf keinen Fall, dass weitere Forderungen, Erwartungen oder Verpflichtungen daraus abgeleitet werden würden, was sicher geschehen wäre, wenn Harry die Wahrheit gekannt hätte.
'Mein Wort, Severus, dass ich nie das Beste von dir preisgeben darf?' hatte Dumbledore überrascht gefragt, und Severus hatte eine gewisse Verbitterung darüber verspürt, dass er seine Verantwortung für Harry offenbar für das Beste an ihm hielt. Später war ihm klar geworden, dass der alte Mann, ohne auch nur die Hälfte zu verstehen, recht gehabt hatte. Diese Verpflichtung zu übernehmen war vermutlich seine einzige selbstlose Tat gewesen. Auf jeden Fall ein Opfer. Ein Ausdruck von Loyalität, ein Akt der Hingabe.
"Aber Dumbledore hat nichts getan, oder?" fragte Harry, und riss Severus mit seinen eigenen Gedanken aus dessen stiller Selbstbetrachtung. Er klang bitter, anklagend. "Der Fidelius wurde erst verhängt, als fast ein ganzes Jahr um war!"
Severus verstand seinen Groll. Er hatte selbst zuerst genauso empfunden, hatte irgend jemandem die Schuld für Lilys Tod anlasten wollen, schon alleine, um sich selbst weniger schuldig zu fühlen. Aber bei allem, was er Dumbledore vorwarf, er hätte nicht mehr tun können, als er getan hatte. Mit Pettigrews Verrat war das Schicksal der Potters besiegelt gewesen.
"Zu dem Zeitpunkt hätte der Fidelus kaum einen Schutz bieten können, der über die von Dumbledore bereits verhängten Sicherheitsmaßnahmen hinausging," sagte er sacht. "Das Haus war bereits eine Festung. Dumbledore hörte auf, deine Eltern auf Ordensmissionen zu senden und sorgte dafür, dass sie sich im Hintergrund hielten. Nach dem, was ich mitbekam, war besonders dein Vater darüber alles andere als glücklich. Es gab im ganzen Land Todesser angriffe, und er konnte nichts tun, um den Orden im Kampf zu unterstützen. Anfang des folgenden Jahres überredete Dumbledore deine Eltern, unterzutauchen."
"Wie das denn?" Harry sah ihn verwirrt an. "Sie haben Godric's Hollow nie verlassen."
"Nein, das haben sie nicht, aber es wurde der Anschein erweckt, als hätten sie es getan. Das Haus wurde mit einem Muggel-Abwehr-Zauber belegt, der es wie verlassen aussehen ließ, und der Orden verbreitete das Gerücht, Lily und James seien fortgezogen."
Harry runzelte die Stirn. "Aber ein Muggel-Abwehr-Zauber kann doch einen Zauberer nicht täuschen. Zu was sollte er gut sein?"
"Oh, er täuscht einen Zauberer sehr wohl – solange er dem versteckten Objekt nicht zu nahe kommt oder etwas berührt, das mit den Zauber belegt ist. Der Ttropfende Kessel sieht auch für Zauberer wie ein verlassener Pub aus – bis zu dem Moment, da sie ihn betreten."
"Aber Hogwarts sieht für Zauberer nicht wie eine Ruine aus. Nicht mal von weitem."
"Es hängt davon ab, was für eine Art Muggel-Abwehr-Zauber auf das Objekt gelegt wird, das verborgen werden soll. Die schwächste Variante ist ein einfacher Illusions- und Ablenkungs zauber wie der, der den Tropfenden Kessel für jedermann wie ein leerer Pub aussehen lässt. Ihn zu betreten würde Muggeln nie in den Sinn kommen. Die stärkere Variante ist der Unauffindbarkeitszauber, der ähnlich wie der Fidelus funktioniert – er verschiebt das Objekt, das geschützt werden soll, in eine andere Dimension und ersetzt es mit einer Alternativwirklichkeit. Deshalb kann das verschobene Objekt niemals auf einer Karte auftauchen – es existiert ja gar nicht. Es ist der gleiche Zauber, der auch auf das Kriegerdenkmal gelegt wurde, auf Askaban, den Bahnsteig 9 3/4 und auf Hogwarts. Ein Archäologe, der es irgendwie schaffte, den Ablenkungszauber zu umgehen, könnte die Ruinen des Schlosses erforschen, ohne in unsichtbare Wände zu laufen. Für ihn existierte das intakte Schloss einfach nicht. Ebenso würde kein Schüler einen Muggel auf dem Hogwartsgelände herumstreifen sehen.."
"Oh! Das erklärt es! Ich habe nie richtig verstanden, wie der Unfauffindbarkeitszauber funktioniert, obwohl Hermine versucht hat, es mir zu erklären. Also wurde das Haus meiner Eltern unauffindbar gemacht?"
"Nein. Unauffindbarkeit ist ein sehr komplexer Zauber, für den es ein ganzes Team von Zauberern braucht. Er muss vom Ministerium bewilligt werden, und Dumbledore wollte auf keinen Fall das Ministerium involvieren. Ein einfacher Ablenkungszauber hat ohnehin fast den gleichen Effekt, es sei denn, man bräuchte mehr als eine Illusion und wollte den Ort komplett von der Karte verschwinden lassen. Den Tropfenden Kessel unauffindbar zu machen, würde nicht funktionieren – schließlich müssen Muggeleltern in Begleitung ihrer Kinder hineinkönnen. Ein einfacher Ablenkungszauber würde hingegen bei dem Kriegerdenkmal nicht funktionieren: es hat eine ganze andere Form als die Statue, und die Illusion hätte fallenden Schnee nicht in die Irre geführt. Eine Schneeablagerung, die scheinbar in der Luft schwebt, hätte mit Sicherheit Aufmerksamkeit erregt. Für das Haus deiner Eltern war es ausreichend, Muggel vom Betreten abzuhalten. Sie sahen hier das gleiche Haus, lediglich unbewohnt, und verspürten nicht das geringste Interesse, sich näher damit zu beschäftigen. Die Illusion wirkte auf Zauberer ebenso – jedenfalls bis zu dem Moment, da mit dem Zauber direkt in Berührung kamen."
Harry sah seinen Paten zweifelnd an. "Und das hat Voldemort tatsächlich in die Irre geführt?"
"Vielleicht hätte es das – wenn es nicht einen Informanten gegeben hätte, der ihm sofort verraten hat, dass es ein Ablenkungsmanöver war. Es dürfte den Dunklen Lord amüsiert haben, dass deine Eltern jetzt praktisch in einem Käfig lebten. Sie konnten das Haus nicht auf üblichem Wege verlassen – es sei denn, sie schlichen sich in der Nacht vor die Tür – und sie konnten nicht innerhalb der magischen Barrieren apparieren oder disapparieren. Die einzige Transportmöglichkeit war das Flohnetz, aber selbst das war gefährlich, weil der Dunkle Lord seine Leute auch im Ministerium hatte und es Hinweise gab, dass einige Angestellte unter dem Imperius standen."
Severus hatte sich gefragt, was Dumbledore hatte erreichen wollen, als er die Illusion auf das Haus legte, um es unbewohnt erscheinen zu lassen. Es hatte nicht anderes bewirkt, als die Bewegungsfreiheit der Potters einzuschränken. Aber vielleicht war es ihm genau darum gegangen. Vielleicht war James zu waghalsig gewesen, hatte das Haus verlassen, obwohl er es nicht hätte tun sollen – wie seinerzeit in Hogwarts. Es hätte Severus nicht überrascht. Indem Dumbledore den Muggel-Abwehr-Zauber verhängte, hatte er Potter jedenfalls hübsch an die Leine gelegt.
"Meine Mutter hat Sirius sowas in einem Brief geschrieben," sann Harry, der offensichtlich ähnliche Gedanken hegte. "Dass meinem Vater die Decke auf den Kopf fiel, weil er das Haus nicht verlassen konnte... und Dumbledore hatte sich auch noch den Tarnumhang meines Vaters geliehen."
"Ich bin sicher, der Dunkle Lord fand das alles äußerst unterhaltsam. Deine Eltern waren durch die Maßnahmen hübsch in Schach gehalten – sie konnten nichts tun, um den Orden im Kampf zu unterstützen. Sie waren unbewegliche Ziele, fühlten sich sicher, obwohl er sie längst im Visier hatte. Währenddessen versuchte Dumbledore weiterhin, die undichte Stelle zu finden."
"Du hattest immer noch keine Ahnung, wer der Verräter war?"
Severus schüttelte den Kopf. "Nein. Der Dunkle Lord war sehr vorsichtig mit den Informationen, die er teilte – genau wie Dumbledore. Er hatte gehofft, dass sich durch die Isolation deiner Eltern die Liste der Verdächtigen herunterbrechen ließe. Aber tatsächlich wuchs nur das Mißtrauen der Ordensmitglieder untereinander. Sie verloren die McKinnons, die Bones und die Prewetts im folgenden Sommer – alle aufgrund von Insiderinformationen. Das war der Grund, warum Dumbledore schließlich vorschlug, das Haus deiner Eltern durch den Fidelius zu schützen. Nicht, um es gegen einen Angriff von außen abzusichern – dagegen war das Haus bereits geschützt – sondern es nach innen zu sichern und dem Verräter den Zugang zu sperren."
"Was für eine grausame Ironie des Schicksals, dass sie genau die Person zum Geheimnis-wahrer machten, vor der sie der Fideliuszauber schützen sollte..." sagte Harry bitter, und Severus konnte ihm nur stillschweigend zustimmen. Es lag sehr viel bittere Ironie in allen Ereignissen, die letztendlich zur Ermordung der Potters geführt hatten. So viel, dass er fast geneigt war, an Schicksal zu glauben.
"Dank des Fidelius und dank des Verräters, der ihm den Schlüssel dazu gegeben hatte, konnte der Dunkle Lord nun jederzeit ungehindert das Haus betreten. Sicherheits maßnahmen, die Eindringlinge abwehren sollten, griffen nicht bei jenen, die in den Fidelius eingebunden waren." Der Dunkle Lord musste sich vor Lachen gekrümmt haben, als die Ratte ihm offenbarte, dass er derjenige war, in dessen Hände die Potters ihre Sicherheit gelegt hatten. Die Gelegenheit war einfach zu günstig, um nicht zuzuschlagen. "Dass er ausgerechnet an Halloween angriff, war kein Zufall. Der Dunkle Lord hat immer geglaubt, dass jeglicher Magie an diesem Tag besondere Kraft innewohnt."
Harry und Severus hatten eine weitere Kreuzung erreicht und wandten sich wieder in Richtung Dorf. Der Weg, dem sie nun folgten, war gepflastert, aber offenbar nicht sehr befahren. Es gab überall Risse und Löcher, in denen Gras wuchs. Als sie um eine Kurve bogen, fühlte Severus eine merkwürdige Beklemmung in der Brust. Er kannte diese Straße. Das Haus der Potters lag gleich hinter der nächsten Biegung, das erste in der Reihe. Oder das letzte, wenn man vom Dorf aus darauf zuging. War es Zufall, dass ihre Füße ausgerechnet diesen Weg eingeschlagen hatten? Oder hatte Harry ihn absichtlich hierher geführt?
Aber nein, Harry war selbst überrascht, als das Haus in Sicht kam. Er sog hörbar den Atem ein und versteifte sich. "Ich wusste nicht, dass es hier ist...", sagte er, und blieb wie angewurzelt stehen. "Wir sind von der anderen Seite gekommen... letztes Jahr." Er deutete die Straße hinunter. "Da hinten ist Bathilda Bagshots Haus, vier oder fünf Häuser weiter die Straße runter, auf der gegenüberliegenden Seite."
"Wo Nagini auf euch lauerte..." murmelte Severus, der sich daran erinnerte, was ihm Hermine über ihren Albtraum erzählt hatte. "Der Dunkle Lord ahnte, dass ihr früher oder später hierherkommen würdet, nachdem Kimmkorn das Buch über Dumbledore veröffentlicht hatte. Es ist ein Wunder, dass ihr lebend davongekommen seid."
"Es war mehr als knapp. Um der Schlange zu entkommen, sind wir aus einem Fenster gesprungen und Hermine hat uns mitten in der Luft wegappariert. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht mal bei vollem Bewusstsein."
"Sie hat euch mitten im Sprung appariert?" fragte Severus ungläubig. Das war eine beeindruckende Leistung. Nicht viele Hexen oder Zauberer waren dazu in der Lage. Er kannte nicht mal eine Handvoll. Es brauchte einen sehr klaren Geist und großes Konzentrationsvermögen, um so etwas zu schaffen. Und noch dazu, wenn man gerade angegriffen wurde und eine andere Person mitzunehmen hatte... unfassbar. Sie war zweifellos eine Hexe, die man fürchten musste.
"Ich hatte keinen Zauberstab mehr und Voldemort war auf dem Weg hierher," sagte Harry schaudernd. "Wenn sie es nicht geschafft hätte, wären wir mit Sicherheit getötet worden." Er erinnerte sich an die Vision, die er gehabt hatte, in dem Moment, als sie gesprungen waren... von Voldemort, wie er genau an diesem Tor stand und durch diese Fenster sah. Die Scheiben waren nun blind und zersprungen, aber damals hatte dahinter Licht gebrannt, und Harry hatte seinen Vater und seine Mutter durch Voldemorts Augen gesehen. Hier vor dem Haus zu stehen brachte die Bilder zurück. Er war dankbar, dass Severus da war, auch wenn er ihm das sicher nicht sagen würde. Er musste zumindest einen Teil seiner Würde bewahren.
Sie betrachteten das Haus eine Weile stumm aus der Distanz, als wären sie unentschlossen, ob sie nähertreten sollten oder nicht. Severus vermutete, dass zu irgendeinem Zeitpunkt nach dem Angriff wieder ein sehr starker Muggelabwehrzauber darauf gelegt worden war. Es schien in einem schlimmeren Zustand, als es eigentlich sein sollte. Fast die ganze obere Etage war ein Trümmerhaufen, das Dach praktisch nicht mehr vorhanden. Es gab keinen Grund für diese umfassende Zerstörung.
Severus schritt schließlich auf das Haus zu, und ein wenig zögerlich folgte ihm Harry. Es war ebenso offensichtlich wie verständlich, dass es ihm schwerfiel, aber er war derjenige gewesen, der diesen Ausflug vorgeschlagen hatte, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Merlin allein wusste, warum. Dieser Ort hielt für keinen von ihnen besonders gute Erinnerungen bereit. Für Severus sprach es von Verzweiflung, Verlust, Angst und Tragödie.
Sobald Harry das Tor berührte, löste sich der Muggelabwehrzauber auf und das Haus verwandelte sich von einer Ruine zu einem fast intaktem Gebäude. Der einzige Schaden war an der rechten Seite des oberen Stockwerks, wo der Rückstoß des Fluches die äußere Wand hatte einstürzen lassen. Eine Tafel mit einer Inschrift wurde sichtbar, die Zauberer darüber informierte, wer hier gelebt und was sich hier zugetragen hatte. Harry hatte sie schon einmal gesehen, in der Nacht, als er hier mit Hermine gestanden hatte. Aber damals hatten sie das Haus nicht betreten.
Entschieden schob er das Tor auf und trat hindurch. Er wollte sehen, wie seine Eltern gelebt hatten – und wie sie gestorben waren.
Tausend Dank an Certhia, die auch dieses Kapitel fehlergelesen hat!
