Mehr als zwei Stunden hatte Torronia im Badezimmer verbracht, sehr zum Ärger ihrer Zimmergenossinnen und zufrieden war sie immer noch nicht. Ihre Locken waren zu lockig, ihr Gesicht zu schmal und sie war der festen Überzeugung, dass ihr blaues Kleid sie einfach dick machte. Wie eine dicke Kugel auf Beinen, dachte sie. Sie hatte sich sogar ein wenig geschminkt, mochten die anderen auch spotten, aber jetzt gefiel es ihr überhaupt nicht mehr. Wieso lief heute Abend auch nur alles so schief?

Wie demütigend. Jeder würde über sie lachen. Als sie sich schließlich heraus traute, die Locken ein wenig geglättet, die Schminke wieder abgewischt, waren ihre Freundinnen schon fort. Hastig sammelte Torronia ihren Krempel zusammen und stürmte die Treppe hinab in den Gemeinschaftsraum. Abrupt kam sie zum stehen.

Auf dem grünen Ledersofa räkelte sich Tom Riddle, als habe er alle Zeit der Welt. Dennoch tadelte er sie.

„Du bist spät."

„Ich weiß", stammelte sie. Ging's noch etwas blöder? „Entschuldige bitte."

Er zuckte leichthin mit den Achseln.

„Ich hoffe du hast tanzen geübt", sagte er mit einem kühlen Lächeln.

Wusste er von ihren hoffnungslosen Bemühungen mit Aurelie? Hoffentlich nicht!

Statt sie jedoch weiter zu kritisieren, reichte er ihr die Hand und stand schließlich auf. Glücklich, dass er keine weiteren unangenehmen Fragen mehr stellte, lächelte Torronia und ergriff die ausgestreckte Hand.

Warum sagte er denn jetzt nicht zur Abwechslung mal etwas Nettes, schoss es ihr ziemlich unpassend durch den Kopf.

Als habe er ihre Gedanken gelesen, sagte Tom: „Dein Kleid steht dir."

Torronia errötete, war jedoch unfähig, ihm eine Antwort zu geben. So liefen sie eine Weile schweigend nebeneinander her, bis sie die große Halle erreichten.

Siedend heiß fiel Torronia ein, dass sie ihren Freundinnen überhaupt nicht gesagt hatte, mit wem sie zum Ball gehen würde. Bestimmt würden sie jetzt alle tuscheln, jeder wollte mit Tom ausgehen.

Tom schien davon überhaupt nichts bemerkt zu haben, zumindest hatte er es mit keinem Wort ihr gegenüber erwähnt, dabei wusste Torronia genau, dass mindestens drei Mädchen nach ihr noch gefragt hatten. Ob ihm das schmeichelte?

Ungerührt stieß er die Torflügel auf, dennoch registrierte Torronia dankbar, dass der Griff seiner Hand für einen Moment nur ein wenig stärker wurde.

Die Musik schlug ihnen aus der Halle entgegen und das Licht von tausend Kerzen hüllte sie ein. Es war so hell, dass Torronia einen Moment die Augen schließen musste. Stimmgewirr drang auf sie ein. Überall standen Schüler in Grüppchen zusammen, manche hielten fein gearbeitete Sektgläser in den Händen und warteten darauf, dass der Ball formell eröffnet wurde. Sie registrierte ebenfalls, dass einige Mädchen sie regelrecht anstarrten. Nun, das war wohl der Preis, wenn man Tom Riddle zum Tanzpartner haben wollte. Dennoch machte es ihr viel weniger aus, als sie angenommen hatte.

„Es ist hübsch hier", sagte sie schlicht.

Tom wiegte den Kopf, als wäre er sich dessen nicht so sicher, doch er antwortete nicht.

Sie waren an einem etwas abgelegenen Tisch zum stehen gekommen, als Professor Dippet, in seinem besten Festtagsumhang, sich erhob und sich nach allen Seiten verbeugte. Torronia hatte keine Ahnung, ob er etwas sagte, sie stand zu weit weg, um es zu hören und der Schulleiter hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Stimme magisch zu verstärken. Sie musste lachen, als er die ältliche Muggelkundelehrerin, Professor Cecil, zum Tanz aufforderte.

Tom, an ihrer Seite, verneigte sich nun ebenfalls leicht vor ihr, aber ein Lächeln umspielte seine Lippen, was die Geste eindeutig ein wenig ironisch erscheinen ließ.

„Darf ich bitten?"

„Was würdest du jetzt tun, wenn ich nein sage?", neckte sie ihn mit einem Lächeln.

„Deine Tischnachbarin fragen", erwiderte er ungerührt.

Schnell ergriff sie seine Hand, bevor er es tatsächlich tat.

Sein Blick war nun eindeutig spöttisch, als wolle er sagen: na also.

Professor Dippet, der hervor getreten war, gab dem Orchester einen Wink und die Musik setzte ein. Torronia hätte beinahe vor Erleichterung geseufzt. Ein klassischer Walzer. Und kein schwieriger dazu. Der Blumenwalzer. Wie oft hatten Aurelie und sie ihn zusammen getanzt?

Toms Hand ruhte sanft auf ihrer Hüfte und er führte sie sicher.

„Hast du geübt?", versuchte sie es noch einmal ihn zu necken.

„Natürlich", flüsterte er zurück.

Ihr Herz machte einen Sprung.

„Warum?"

„Warum nicht?"

Torronia ließ ihren Blick einen Augenblick abschweifen. Um sie herum tanzten nur wenige Paare, die Quidditchkapitäne und die Lehrer. Trotzdem senkte sie ihre Stimme.

„Wegen mir?"

„Unsinn. Wie sähe es wohl aus, wenn der Schulsprecher schlecht tanzen würde und das beim Eröffnungstanz."

Torronia schluckte die Antwort hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Offenbar war sein Pensum an Artigkeiten schon vollkommen erschöpft.

Sie vollführten eine Drehung. Tom schien zu überlegen.

„Wenn es dir besser gefällt: Auch wegen dir."

Sie lächelte scheu.

„Das tut es."

„Dann ist es ja gut", antwortete er knapp.

Als die Musik schließlich endete, fühlte Torronia mit bedauern, wie Toms Hände sich von ihr lösten. Wie gerne hätte sie die ganze Nacht mit ihm getanzt. Offenbar hatte er jedoch andere Pläne.

„Möchtest du nicht mehr tanzen?", fragte sie leise.

Applaus für die Kapitäne und die Schulsprecher erklang.

„Vielleicht später", antwortete Tom über den Lärm hinweg.

Zielstrebig steuerte er einen Tisch in einer der hinteren Ecken an. Natürlich, sein Gefolge, wie manche spöttisch sagten. Dan Zabini, Caesar Dolohow, Archibald Crabbe und wie sie alle hießen. Grobschlächtige, düstere Gestalten allesamt.

„Du kannst mich begleiten", rief er ihr über die Schulter zu.

Das ließ sich Torronia nicht zweimal sagen, auch wenn sie sich vor diesen Jungs ein wenig fürchtete. Schließlich hatte sie mit eigenen Augen gesehen, was sie Tony Dawlish angetan hatten, einem Hufflepuff, der es gewagt hatte, sie frech anzuschauen. Tony lag immer noch im Krankenflügel und Toms Bande hatte eine erbitterte Schimpftirade von Professor Dippet über sich ergehen lassen müssen. Sie waren, sozusagen, nun auf Bewährung, doch Torronia bezweifelte, dass das irgendeinen Effekt auf diese Jungs hatte. Vielleicht musste sie sich jedoch, als Begleitung ihres Anführers, keine Sorgen darum machen. Seltsamerweise war Tom niemals dabei, wenn die anderen sich daneben benahmen, als wolle er eigentlich überhaupt nichts damit zu tun haben.

Sie lächelte und grüßte die Jungs mit einem Nicken, dann setzte sie sich an Toms Seite, der bereits überschwänglich begrüßt wurde.

Bereits nach fünf Minuten ging es recht heftig zur Sache, Dan Zabini war es nicht gelungen, eine Tanzpartnerin aufzutreiben, was seinen Kollegen allerhand Anlass zu derben Scherzen gab. Tom schien das ganze nicht zu berühren, er schwieg und trank einen Schluck Butterbier, dass ihm natürlich einer seiner Freunde besorgt hatte.

Er ist ganz und gar seltsam, dachte Torronia bei sich.

„Du musst auch mit deiner Partnerin tanzen, sonst hat das keinen Sinn", stichelte Archibald.

Auch diese Worte schienen, wie auf magische Weise, von Tom abzuprallen. Er hob lediglich eine Augenbraue und sah Archibald spöttisch an.

„Ich tanze wenn mir danach ist. Das weiß sie auch. Nicht wahr, Torronia?"

„Oh,... äh... ja", antwortete Torronia hastig, aufgrund der überraschenden Ansprache.

Auf der Tanzfläche tummelten sich jedenfalls nun ein paar mehr Paare und Torronia hätte gerne noch ein wenig getanzt. Wehmütig sah sie hinüber. Ach, warum hatte sie sich nicht in jemanden normales verlieben können? Jemanden, der weniger unergründlich als Tom Riddle war?

Toms Freunde jedenfalls schien das zu genügen, denn sie waren vollauf mit sich selbst beschäftigt und schwelgten in ihren Erinnerungen, an ihr Attentat auf Tony.

Angewidert wandte sich Torronia ein wenig vom Tisch ab. Der arme Tony würde einige tiefe Narben behalten, nach diesem dämlichen „Scherz". Daran gab es nichts, wofür man sich beglückwünschen musste.

„Das Schlammblut wird sich demnächst zweimal überlegen, zu wem es frech wird", tönte gerade Caesar.

Zum kotzen, dachte Torronia.

„Tom, könnten wir bitte tanzen?", sagte sie leise, nur für seine Ohren bestimmt.

Er schien zu überlegen. Mit einem abschätzigen Blick auf seine Freunde nickte er schließlich. Erleichtert atmete Torronia auf. Hätte sie noch fünf Minuten am selben Tisch mit diesen Idioten sitzen müssen, wäre sie regelrecht ausgerastet.

Tom nahm sie beim Arm und bewegte sich langsam Richtung Tanzfläche.

„Danke", wisperte sie ihm ins Ohr.

„Wofür?"

„Dafür, dass du mich von diesen Kerlen weggeholt hast. Ich mag ihre Art nicht. Sie ergötzen sich am Leid anderer."

Bedächtig nahmen sie Aufstellung zum nächsten Tanz.

„Vielleicht war das keine Rettung", gab er zu bedenken. „Es könnte auch unangenehmer werden."

Torronia war sich nicht sicher, wie das gemeint war.