Schweigend liefen die beiden Brüder nebeneinander her. So sehr sie sich auch auf die kommenden Monate freuten, die Gefahr in die sie sich begaben machte ihnen etwas Angst. Als Erben Durins waren sie ihr ganzes Leben auf Kriege, Kämpfe und Abenteuer vorbereitet worden und in ihrem Onkel hatten sie den besten Lehrmeister gehabt, den man sich wünschen konnte. Von klein auf hatten sie Schwertkampf, Jagen, Fährten lesen und Verteidigung gelernt. Oft hatten sie mit Thorin darüber geredet, wie sie eines Tages zum Erebor wandern, den Drachen besiegen und ihr altes Königreich wieder aufbauen würden. Viele Scherze hatten sie darüber gerissen, wie Kili den Drachen mit einem einzigen Pfeil vom Himmel holen würde, wo die Menschen von Dale so kläglich versagt hatten, wie sie mutig mit einem Heer der besten Zwerge Mittelerdes durch das Haupttor in den Berg stürmen und Smaug, bevor er wusste, wie ihm geschah, überwältigen würde. Als dann vor einem halben Jahr die Nachricht gekommen war, dass es so weit war, dass sie nun bald aufbrechen würden, hatten sie sich erst unglaublich gefreut und dann mit Schrecken festgestellt, dass sie ihre Mutter zurücklassen mussten. Vor allem Kili hatte das schwer getroffen, war er doch nicht viel mehr als ein Junge. Aber dennoch wollte er seinen Bruder nicht alleine ziehen lassen. Verbissen hatte er mit diesem geübt, immer in der Angst man würde ihn zurückhalten, mit zum Erebor zu ziehen. Aber sowohl Thorin als auch Dís hatten gewusst, dass nichts die beiden Brüder trennen konnte, nicht einmal ein feuerspeiender Drache.
Schon nach kurzer Zeit erreichten sie die Ställe. Wie verabredet warteten dort bereits ihre Ponys vollbeladen mit Werkzeugen und Verpflegung und Braden, der Stallmeister, ein älterer, relativ kleiner Mensch. Sie hatten ihr Gepäck bereits in den letzten Tagen hierher gebracht, um heute möglichst früh losreiten zu können. Nun verstauten sie die letzten Dinge in den Satteltaschen und stiegen auf. „Vielen Dank und auf Wiedersehen!" rief Fili dem sonst so fröhlichen Mann zu, der wohl auch ahnte, dass das sehr unwahrscheinlich war. „Passt auf euch auf Jungs!" An Jahren war er zwar jünger als die beiden Zwerge, aber da er in einem Ort mit Menschen und Zwergen aufgewachsen war, kannte er die Unterschiede der beiden Rassen gut genug um zu wissen, dass die zwei in Menschenjahren ca Anfang zwanzig und damit wesentlich jünger als er selbst waren.
Auf ihrem Weg aus dem Ort kamen Fili und Kili noch an einigen Häusern vorbei aus denen gewunken oder Abschiedsgrüße gerufen wurden, die sie höflich erwiderten. Als sie schließlich den Palisadenzaun, der das Dorf von der umliegenden Wildnis abgrenzte, erreichten, trieben sie ihre Tiere zu einem flotten Trab an, da sie vorhatten, den Wald noch vor der Mittagszeit hinter sich zu lassen. Den Weg kannten sie gut, da sie auf ihren Jagden meist zuerst ein wenig in Richtung der Bergausläufer ritten, in dem Wissen, dass dort weniger Menschen unterwegs waren und die Tiere daher nicht ganz so selten. Während sie unter dem vertrauten Blätterdach dahinritten, wich die Trauer des Abschieds langsam einer stillen Wehmut, darüber, dass sie ihre momentane Heimat, einen Ort an dem sie nun seit ihrer Kindheit gelebt hatten, vermutlich nie wieder sehen würden. Natürlich würde ihre Mutter ihnen fehlen, aber sie hatten lange Zeit gehabt sich auf den Abschied vorzubereiten und außerdem rechneten sie damit, dass ihre Reise ein Erfolg sein würde, schließlich hatte ihr Onkel eine fähige Truppe zusammen gesucht. Sie begannen über lange vergangene Tage zu sprechen, ihren Umzug in das kleine Dorf mitten im Nirgendwo, nachdem sie nach einem unglücklichen Zwischenfall aus ihrer alten Stadt vertrieben worden waren. Es hatte sie damals wirklich keine Schuld getroffen, als der Menschenjunge, der Fili seit einer ganzen Zeit böse behandelt hatte, zur gleichen Zeit wie die Brüder auf einem Jagdausflug gewesen war und dabei durch eigene Dummheit von einem wilden Eber angefallen worden war. Aber seine Familie, die unglücklicherweise mit dem Bürgermeister verwandt gewesen war, hatte darauf bestanden, dass es allein die Schuld der Zwerge gewesen war, dass ihr Sohn starb und so hatten Dís und Thorin ihr Zeug nehmen und gehen müssen, froh darüber, dass es keine schlimmere Strafe für Fili und Kili gegeben hatte. Als sie dann das kleine Dorf erreichten, hatten sie festgestellt, dass hier bereits einige Zwerge lebten, teilweise sogar entfernte Verwandte einer Zwergenfamilie, die im Erebor gelebt hatte. Besonders Dís und Thorin hatten sich hier sehr wohl gefühlt, konnten sie doch nach langer Zeit mal wieder mit Angehörigen ihrer eigenen Rasse sprechen. Auch die Jungen waren freundlich aufgenommen worden. Zunächst hatten sie privat unterrichtet werden sollen, aber als sie bemerkten, dass auch andere Zwerge die Dorfschule besuchten, hatten sie dort auch unbedingt hingehen wollen. Durch die großen Entwicklungsunterschiede zwischen Zwergen und Menschen befand sich Kili auch nur eine Stufe unter seinem Bruder, womit er diesen gerne aufzog. Sie hatten einige lustige Jahre dort verbracht, bevor Thorin beschloss sie in die Lehre zu nehmen und zu Waffenschmieden und fähigen Kriegern auszubilden. Fili machte sich gut als Handwerker, lernte schnell und brachte bald echte Kunstwerke hervor. Kilis Talent dagegen lag eher im kämpferischen Bereich. Er war sehr flink, konnte gut beobachten und trotz seiner Ungeduld und Waghalsigkeit war er ein guter Kämpfer. Außerdem beherrschte er nach kurzer Zeit den Bogen, eine für Zwerge eher unübliche Waffe, nahezu perfekt. Aus diesem Grund beschloss er, als er alt genug war, sein Geld mit der Jagd zu verdienen. Das hatte viele Vorteile: Zum einen war die Familie immer mit genug Fleisch versorgt, das für das Volk der Bergarbeit ein unersetzliches Grundnahrungsmittel ist, und sie konnten daran gut verdienen, da es immer einen großen Bedarf an tierischen Produkten gab. Wenn er auf seinen Jagdausflügen von Fili begleitet wurde, hatten sie meist viel Spaß und erlebten auch mal etwas Aufregendes.
Kili musste grinsen. „Fili, siehst du die Felsen dort hinten?"
„Ja, was ist damit?"
„Erinnerst du dich noch an unser Jagdwochenende hier in der Gegend?"
„Tut mir Leid, aber mein Orientierungssinn hängt deinem ein wenig hinterher. Das muss ich von Onkel haben." Fili lachte und ließ sein Pony zu dem seines Bruders aufschließen. „Aber wenn du mir noch ein paar weitere Hinweise gibst, fällt mir vielleicht doch ein was du meinst"
„Du erinnerst dich sicher noch. Es war letzten Sommer und du hattest grade deinen Auftrag dieses einen Menschen fertiggestellt, der gefühlte 100 Schwerter bestellt hatte und wolltest mal von deinem Amboss weg. Ich war bereits längere Zeit nicht mehr hier in der Gegend gewesen und war froh, dass du mich begleiten wolltest, da es einige Berichte über Orkangriffe gegeben hatte. Dort kurz hinter den Felsen sind wir dann vom Weg abgebogen und haben uns ins Unterholz geschlagen."
„Ah ich glaube da war was" Fili runzelte die Stirn, während er versuchte, sich daran zu erinnern. Sie waren einfach auf zu vielen Jagden gewesen. „Erzähl weiter."
„Wir waren an dem Tag recht erfolgreich, ich glaube wir hatten zwei Fasanen und ein Reh geschossen und wollten uns grade einen Unterschlupf für die Nacht suchen als wir sie gehört haben. Zum weglaufen war es zu spät, Orks haben für so etwas einfach zu gute Nasen, aber du bist auf die glorreiche Idee zu kommen, wir könnten unsere Beute ja verstecken und zu einer Lichtung ein Stück entfernt laufen, weil man dort besser kämpfen konnte. Da nichts Besseres da war, haben wir das Wild also unter einem Laubhaufen versteckt."
„Oh Gott ich glaube, ich erinnere mich! Hör auf, das war zu peinlich!" Der blonde Zwerg wurde rot bis zu den Ohren.
„Nein jetzt ist es zu spät", meinte Kili fröhlich, er liebte es, sich über vergangene Taten seines Bruders lustig zu machen, er nahm sich das immer so zu Herzen. „Also, wir waren dann also auf dieser Lichtung, standen Rücken an Rücken und die Orks kamen. Es war wirklich ein dummes Pack, sie sind ja nicht einmal auf die Idee gekommen, uns einzukreisen. Da standen wir also, zwei Zwerge gegen etwa zehn Orks."
„Ja und du hast angefangen zu lachen und meintest, dass das ja schon nicht schlimm werden würde. Auf Kuzdûl. Die armen Viecher waren ziemlich verwirrt!"
„Stimmt!" Auch Kili lachte. „Aber die konnten ganz schön drauf hauen. Wir haben zwar bereits nach kurzer Zeit fast alle erledigt gehabt, aber zwei drei von denen waren echt gut und haben uns zurück in den Wald gedrängt. Und da bist du dann…"
„ Jaja ich weiß! Du musst mir das nicht unter die Nase reiben!"
„Doch! Du bist über dein fabelhaft verstecktes Reh gestolpert und voll hingeflogen. Du hattest Glück das dein Gegner das in diesem Moment nicht ausgenutzt hat!"
„Dazu hatte er wohl kaum Zeit. Du hast ihm ja sofort dein Schwert in den Rücken gejagt!" Fili stieß nach seinem Bruder, lehnte sich dabei aber zu weit aus dem Sattel. Nur mit einem schnellen Griff nach dem Sattelbaum konnte er noch verhindern, sein Pferd auf eher unbequeme Art zu verlassen. Kili brach in schallendes Gelächter aus und zügelte sein Reittier. „Lass uns hier Mittagspause machen, du kannst dich ja kaum noch im Sattel halten!" grinste er.
