Sora

Roxas' Zimmer war wie erwartet gänzlich in weiß gestaltet. Es handelte sich um eine sehr spärliche Möblierung, bestehend aus einem Bett und einem Kasten. Das einzige Fenster im Raum war relativ klein und – wer hätte das gedacht? – mit weißem Holz umrahmt. Die Tür war bis vor kurzem ebenfalls makellos weiß gewesen. Jetzt befand sich die römische Zahl „XIII" auf ihr eingeritzt, was angeblich Roxas' Nummer darstellen sollte.

„Na, gefällt es dir? Ziemlich langweilige Bude, hm? Wenn du neue Möbel reinschaffen willst, kann ich dir helfen, Kleiner."

In den wenigen Minuten, die Roxas Axel nun kannte, hatte er festgestellt, dass der Rothaarige eindeutig eine schillernde Persönlichkeit war, die man nicht so schnell vergaß. Er war es auch gewesen, der die Zahl eingeritzt hatte mit der scherzhaften Erklärung, dass er schon Erfahrung damit hatte – er selbst war nämlich die Nummer acht und wenn Roxas sich recht erinnerte, so glichen sich die römische acht und dreizehn fast in ihrer Schreibweise (drei I-er hatten sie zumindest gleich). Die Art, wie Axel sprach und sich bewegte, schien einzigartig, wenn nicht charmant und dennoch hatte der andere etwas spitzbübisches an sich. Roxas hatte das Gefühl, dass der andere öfters für einige Überraschungen gut wäre und man aufpassen musste, woran man bei ihm war. Sicher war er sich natürlich nicht, doch…

… was er jedenfalls mit Gewissheit sagen konnte, war, dass er es nicht mochte, „Kleiner" genannt zu werden. „Ich heiße Roxas", sagte er darum – und es waren seine ersten Worte zu Axel gewesen. Roxas war nicht gerade der gesprächigste und auch jetzt hatte er Axels eigentliche Frage ignoriert, aber den Rotschopf schien das überhaupt nicht zu stören. Im Gegenteil; ein leicht schiefes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht bemerkbar, als er plötzlich sagte: „Willst du mal was tolles sehen? Es dauert noch ein wenig bis zur abendlichen Besprechung, ich zeig's dir. Komm."

Ohne auch nur auf Roxas' Antwort auf die rhetorische Frage zu warten oder zu sehen, ob der andere ihm überhaupt folgte, ging Axel auch schon. Er war nur einige Schritte gegangen, als er so abrupt stehenblieb, dass Roxas, der ihm eher zögerlich nachgegangen war, fast in ihn hineinlief. „Hätt' ich fast vergessen. Die hier musst du noch aufsetzen", sprach Axel und fischte etwas aus seiner Manteltasche hervor; es handelte sich um eine schwarze Augenbinde. Roxas stutze. Warum zum Teufel sollte er die aufsetzen? Und wieso bitteschön trug Axel eine Augenbinde mit sich herum??

„Wenn's sein muss…", murmelte Roxas und seufzte lautlos. Er streckte die Hand aus, um das Teil entgegenzunehmen, doch Axel schüttelte den Kopf mit einem verneinenden Laut und band sie Roxas selbst um. Na, das schien ja etwas echt wichtiges zu sein…! Innerlich schüttelte Roxas den Kopf, aber er wollte sich nicht gleich mit seinem Kollegen anlegen oder sonstiges.

Sie gingen ein paar Minuten, die Roxas wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, während Axel ihn an der Hand führte – der kleinere kam sich teilweise wie ein Kind vor – und ab und zu vor Stufen oder dergleichen warnte. Natürlich konnte Roxas sich nicht erinnern, ob ihm jemals die Augen verbunden wurden in seiner Vergangenheit, aber er mochte das Gefühl jedenfalls nicht. Höchst unsicher schritt er dahin und wäre Axel nicht gewesen, wäre er sicher bei den ersten paar Metern schon einige Male gestolpert!

„So, wir sind da", verkündete Axel endlich und sobald Roxas wieder freie Sicht hatte, nutzte er diese gleich, um sich umzusehen. Axel hatte sie offenbar zu einem Glockenturm geführt, von dessem Dach sie nun eine wunderbare Aussicht auf die Stadt hatten. Was Roxas allerdings noch mehr bestaunte, war der Himmel: In einem feurigen Rot erstrahlte das Firmament und die am Horizont untergehende Sonne tauchte alles in warme Farbtöne, ein herrlicher Kontrast zu den ewig dunklen Gassen, aus denen Roxas geholt wurde. Hier waren keine hohen Gebäude, die die Welt vom Sonnenlicht abschirmten. Der Wind blies ihnen sanft entgegen und als Roxas zu Axel sah, bemerkte er, dass dessen Mähne ihn momentan fast wie einen Igel erscheinen ließ, strich ihm der Wind doch passend durch die Stacheln. Roxas fand es amüsant; nach einer langen Zeit in der Dunkelheit fühlte er sich seltsam frei und zufrieden.

„Schlägst du etwa Wurzeln?", unterbrach Axels Frage Roxas dabei, in die Luft zu starren und über die Atmosphäre zu sinnieren. Ein Blick zu dem anderen verriet, dass Axel sich auf den Rand des Turms gesetzt hatte, die langen Beine ließ er dabei hinunterbaumeln. Roxas tat es ihm gleich – zum Glück hatte er keine Höhenangst – und so verharrten sie eine Weile schweigend, jeder seinen Gedanken nachgehend und den Anblick genießend. Roxas hatte seinen Blick gerade auf den Marktplatz gerichtet, als zufällig drei Teenager auf diesem erschienen. Es handelte sich um einen blonden Jungen, der so etwas wie der Anführer zu sein schien oder zumindest einen solchen mimte – er lief voraus und redete theatralisch auf die anderen ein - , ein langhaariges Mädchen und einem zweiten rundlichen Jungen. Die drei hielten lachend jeweils ein seltsam aussehendes bläuliches Eis am Stiel in der Hand. Sie sahen… vollkommen glücklich aus. Als Roxas sie so betrachtete, überkam ihn ein seltsames Gefühl, das er in jenem Moment weder einordnen noch benennen konnte. Wie es wohl wäre, solche Freunde zu haben?

„Ich komme gleich wieder." Wieder war es Axel, der gesprochen hatte und erst da wurde Roxas bewusst, dass sie schon einige Minuten still gesessen waren und der Rothaarige ihn anscheinend schon einen Moment lang beobachtet hatte, bevor er nun wieder die Treppe des Turms hinabstieg. Roxas war es gewohnt, alleine zu sein und nicht viel reden zu müssen. Es wäre eigentlich kein Wunder, wenn jemand wie Axel, der einen so aufgeschlossenen Eindruck machte, gelangweilt wäre…

Tatsächlich dauerte es jedoch nur wenige Augenblicke, bis Axel wieder erschien und ehe Roxas noch richtig zu dem größeren aufsehen konnte, streckte dieser ihm etwas entgegen. Perplex nahm der blonde Junge es an; es war ein Eis am Stiel! Und es sah sogar genau so aus wie jenes, das die Dreierbande in der Hand gehalten hatte.

„Unten gibt es einen Stand mit zig Sorten. Das hier ist Meersalzeis, soll angeblich der Renner sein", erklärte Axel, als er Roxas' verwirrten Gesichtsausdruck sah.

„Aber… warum hast du welches gekauft?", fragte der kleinere verwundert. Es war zweifelsohne eine nette Geste, aber die Beweggründe verstand er nicht so ganz.

„Du hast ausgesehen, als wolltest du welches", antwortete Axel schulterzuckend und setzte sich dabei wieder neben den anderen, sein eigenes Eis vorsichtig festhaltend. ‚Er muss wohl meinem Blick gefolgt sein und ihn missinterpretiert haben…', dachte Roxas.

„…danke…", murmelte er, dem die Situation etwas peinlich war, aber Axel winkte nonchalant ab.

„Weißt du eigentlich, warum Rot sich von allen Farben durchsetzt beim Sonnuntergang?"

Fragend sah Roxas besagte Farbe am Himmel an. Er hatte keine Ahnung.

„Es ist, weil Rot die Farbe ist, die die größte Distanz überbrücken muss und wir sie hier darum zuletzt wahrnehmen."

Roxas musste anfangen zu grinsen, wenn er darüber nachdachte, in welcher Situationen sie sich befanden. Es war ein netter Versuch gewesen, Smalltalk zu führen!

„Du willst doch nur angeben, Axel."

„Na sieh mal einer an: Du hast dir wirklich meinen Namen gemerkt, Kleiner!"

„War nicht schwer. Übrigens könntest du dasselbe machen."

„Werd's mir merken… Roxas."

Beide mussten schmunzeln.

Das Eis schmeckte salzig, aber zugleich süß und Roxas konnte nicht umhin zu denken, wie sehr es dem Leben glich.