Kapitel 2: Der Enkel

Eponine stand vor dem Eingang von La Monta und fühlte, wie Angst sie überkam. Worauf hatte sie sich eingelassen? Sie atmete tief durch, die Finger in ihrem schwarzen Rock vergraben, schloss die Augen. Gott gib mir Kraft, wünschte sie, ehe sie den ersten Schritt in ihre neue Zukunft machte.

Eine kleine zierliche Frau mit federnden roten Locken und einem leichten Lächeln kam, um Eponine an der Rezeption zu begrüßen.

„Jenny Copper … Du musst Eponine sein." Sie nahm ihre Hand und Eponine schüttelte sie lächelnd.

„Eponine Thénardier … schön, Sie kennenzulernen." Jenny hob eine Augenbraue, als sie Eponines enthusiastisches Lächeln sah.

„Na, hoffen wir mal, dass du heute Abend ebenso grinsend wieder nach Hause gehst." Jenny tätschelte ihre Hand, ehe sie sie losließ.

„Ja …" Eponines Gesicht fiel verwirrt zusammen, als sie dem Rotschopf folgte, der bereits vorausgegangen war.

Eponine stolperte wie in Trance hinterher und sah sich im Foyer um, als sie Richtung Lift gingen, beeindruckt vom Reichtum des Gebäudes. Der marmorgeflieste Fußboden, die gläsernen Aufzüge, die gut gekleideten Akademiker, das alles überforderte sie maßlos. Sie blickte aus dem gläsernen Ausflug und schnappte beim Anblick der Aussicht nach Luft; man konnte über die ganze Stadt sehen. Jenny musste sie hinauszerren, als sie das oberste Stockwerk erreichten. Eponine hielt den Atem an, als Jenny eine Tür öffnete und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Es war ein kleines Büro mit zwei Schreibtischen, die einander gegenüber standen; direkt hinter den beiden Tischen war eine weitere Tür.

Eponine sah hinüber zu Jenny, die aussah, als würde sie sich selbst vorbereiten, ehe sie die Tür sanft öffnete und die beiden eintraten. Eponines Blick fiel auf einen jungen Mann, der in einem verstellbaren ledernen Lehnstuhl saß. Seine rotblonden Locken fielen ihm bis über die Augenbrauen und seine Augen waren geschlossen, sodass man nur die langen blonden Wimpern sehen konnte, die elfenbeinfarbene Haut in starkem Kontrast zu dem schwarzen Hemd, das er trug. Jenny räusperte sich, sodass der junge Mann sich bewegte und die beiden Frauen aus schläfrigen, halbgeschlossenen Augen betrachtete.

"Was gibt es, Jen?" Seine raue, desinteressierte Stimme hallte im geräumigen Büro wider.

"Es heißt Jen-ny ... Ich darf Ihnen die neue Sekretärin vorstellen, das ist Eponine Thénardier." Jenny hatte ein gekünsteltes Lächeln aufgesetzt; der Mann stand auf und schlenderte zu ihnen hinüber und Eponine erblickte die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte. Sie waren nicht blass wie die des alten Mannes, sie waren klar und kalt, wie einer der letzten kalten Wintertage, wenn die Sonne über einem wolkenlosen Himmel scheint und man einen herrlichen Blick auf den Himmel hat, bedrückend und wunderschön.

"Ich kann mich nicht erinnern, eine neue Sekretärin eingestellt zu haben." Der heisere Klang seiner Stimme riss Eponine aus ihrer Trance und sie starrte mit großen, mattbraunen Augen zurück.

"Sie wurde privat angestellt", erwiderte Jenny und räusperte sich erneut. Er zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine blauen Augen wanderten von Eponines Kopf zu ihren Füßen und wieder zurück. Eponine riss sich zusammen, obwohl sein starrender Blick sie etwas aus der Fassung brachte.

"Also ein Spion ... du kannst gehen, Jen." Er klang, als wäre er auf der Hut. Jenny öffnete den Mund, um ihn zu korrigieren, doch als sie sah, wie er Eponine anstarrte, blieb sie stumm und verließ den Raum.

"Es freut mich, Sie kennenzulernen." Eponines Stimme brach ein wenig, als sie ihm unsicher die Hand hinhielt; der Mann ergriff sie mit seinen schlanken Fingern und zog sie ruckartig näher, sodass sie nach vorn stolperte, sehr nah, so nah, dass sein Atem auf ihrer Nasenspitze und ihren Mundwinkeln tanzte.

"Es ist eine Weile her, seit mein Großvater einen seiner Leute geschickt hat, um ein Auge auf mich zu haben", sagte er ruhig, aber deutlich kühler. Eponine sah nervös weg, nicht nur wegen seiner Aussage, auch, weil er so nahe war.

"Ich ... Ich bin hier, um dir zu helfen." Eponine sprach langsam und ruhig, gewann ihre Gelassenheit wieder. Sie entriss ihm ihre Hand und machte einen Schritt rückwärts; er wirkte überrascht. Ein sonderbares Grinsen zog seine Mundwinkel nach oben, als er zurück zu seinem Tisch ging und sich dagegen lehnte; er starrte sie immer noch an.

"Mir helfen ... Du bist lustig." Es fühlte sich an, als hätte er Eiswürfel in der Stimme, und dann war das Lächeln verschwunden und er stand erneut direkt vor ihr, griff nach der Seite ihres Kopfes, die Finger in ihren langen, dunklen Locken vergraben, und hielt sie fest. Es schmerzte, Eponine packte seinen Arm und versuchte, ihn aus ihren Haaren zu zerren.

"Lass los ... Du tust mir weh", sagte sie und starrte ihm in die ausdruckslos blassen blauen Augen; er zog noch stärker an, zog sie wieder näher zu sich.

"Du wirst nicht lange genug hier sein ... um herauszufinden, wie du überhaupt anfangen willst, mir zu helfen.", sagte er kalt. Eponine blickte ihn an, Feuer loderte in ihren Augen.

"Ich bin ein sehr geduldiger Mensch ... versuch es doch einfach mit mir", sagte Eponine geradeheraus, in einem Tonfall, der für andere wie eine Drohung geklungen hätte, doch Enjolras' Interesse weckte das Feuer in ihren Augen; zumindest ein kleines bisschen. Sanft ließ er los und zog die Finger aus ihrem kohlschwarzen Haar, Eponines Hand fiel von ihm ab. Er machte einen Schritt rückwärts, ging zu seinem Stuhl und setzte sich hin, lehnte sich langsam zurück und schloss die Augen.

"Nun, wir werden sehen, wie lang du bleibst, Eponine ... Du kannst gehen", meinte er und winkte zur Tür. Eponine sagte nichts und verließ schweigend das Büro, lehnte sich gegen die geschlossene Tür, versuchte, ihre Atmung wieder zu normalisieren. Jenny kam zu Eponine herüber und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

"Alles in Ordnung?", fragte sie wissend.

"Es geht schon ... Ist er immer so?", fragte Eponine. Jenny verschränkte die Arme.

"Er kann noch schlimmer sein."

"Irgendwelche Ratschläge?", fragte Eponine.

"Bring ihn dazu, dass er aufhört, dich als den Feind zu betrachten", sagte Jenny ernst.

"Das hört sich nicht allzu schwer an", meinte Eponine fragend.

"Oh, nein ... Es ist praktisch unmöglich", sagte Jenny und rieb sich die Augen; Eponine vermutete, dass Jenny eine ähnliche Situation hinter sich hatte.

"Nun, ich bin hier, also werde ich es auch versuchen", sagte Eponine. Jenny lächelte sie an.

"Komm, ich führ dich herum." Eponine nickte und folgte Jenny, ein letzter Blick auf die geschlossene Tür hinter ihr.

Sie gingen durch das ganze Gebäude und Jenny hob die Kernbereiche hervor; sie begannen im Dachgarten direkt über ihrem Büro, er war fantastisch. Dann die Personalabteilung, die Kantine, Toiletten, der Pausenraum und all die wichtigsten Plätze, aber Eponine wurde von Gedanken an zwei sehr unterschiedliche Männer abgelenkt. Auf dem Weg zurück in die Hauptverwaltung erhaschte Eponine einen Blick auf eine bekannte Gestalt; er war weit weg und ging in die entgegengesetzte Richtung, sein wippendes, hellbraunes Haar, seine schlanken, selbstbewusst ausschreitenden Beine, sein vertrauter Rücken … Eponine spürte, wie sie automatisch beschleunigte, im Versuch, sein Gesicht zu sehen. Er verschwand um eine Ecke und als Eponine nachsah, war da niemand. Jenny holte sie ein.

„Was ist los? Du bist plötzlich losgerannt", erkundigte sie sich. Eponine drehte sich um und lächelte.

„Entschuldige, ich … dachte, ich hätte jemanden gesehen, den ich kenne … Ich hab mich wohl geirrt", sagte Eponine und in ihrem Gesicht standen gleichzeitig Erleichterung und Traurigkeit geschrieben. Jenny wollte nachfragen, doch sie widerstand ihrer eigenen Neugierde.

„Wir sollten zurückgehen … es gibt noch sehr viel zu erledigen." Eponine nickte und folgte Jenny zurück ins Büro, setzte sich an ihren Schreibtisch, der kaum zwei Meter entfernt vom Büro ihres Chefs stand, mit einem Ordner, den Jenny ihr gegeben hatte. Es handelte sich um Enjolras' Terminplan, den sie nun organisierte. Als sie damit fertig war, sah sie sich um; sie befand sich im obersten Stockwerk der größten Firma der Stadt, und Eponine wunderte sich, was für ein furchtbarer Grund es sein würde, damit sie wieder ganz unten landete, draußen auf den Straßen.

Jenny ging mit ihr Mittagessen und Eponine war ehrlich dankbar für ihre Gesellschaft. Als sie ihr Tablett nahm und Jenny folgen wollte, spürte sie plötzlich einen Arm um ihre Schulter. Langsam drehte sie sich um; beinahe wären ihr die Augen aus dem Kopf gefallen. Ihre Hände begannen zu beben, sodass das Tablett ihr beinahe aus den zitternden Fingern gefallen wäre.

„Ich kann nicht glauben, dass du es bist … Eponine." Eine Stimme, die ihr Schauder über den Rücken laufen ließ und ihr die Brust zusammenschnürte.

„Hallo Marius … es ist lange her", sagte sie zittrig, als sie in haselnussbraune Augen sah, die sie einst so gut gekannt hatte. Marius' Lächeln wurde breiter und plötzlich schloss er sie in die Arme und presste sie an sich, um sie herumzuwirbeln, bis ihrem Herz schwindelig war.

„Zu lang, 'Ponine", flüsterte er in ihr Haar, als er sie wieder absetzte. Er ließ sie los, hielt aber weiterhin ihre Hände fest. Sie blickte nach unten, ihre Augen huschten über einen Ring, sie entzog ihm ihre Hände.

„Bist du … verheiratet?" Er fuhr sich betreten grinsend durch die weichen braunen Haare und sie verstand.

„Verlobt", sagte er leise.

„Gratuliere", hörte sie sich selbst sagen, und überraschenderweise klang ehrlicher als sie gedacht hätte. Marius legte eine Hand auf ihre Schulter und riss sie wieder in die Gegenwart.

„Das bedeutet mir viel, wenn du es sagst." Seine Berührung brannte durch ihre Bluse und sie wand sich aus seinem griff.

„Tatsache." In ihrer erstickten Stimme klang eine Frage nach. Marius räusperte sich.

„Natürlich, du bist immerhin meine … beste Freundin … ich hab vergessen, zu fragen, was du hier tust." Beste Freundin. Er wartete auf eine Antwort und Eponine seufzte.

„Ich arbeite jetzt hier, als Chefsekretärin", sagte Eponine. Marius' Augen weiteten sich.

„Es ist nicht einfach, mit ihm umzugehen." Er klang mitleidig. Er hat Mitleid mit mir … was für Ironie.

„Du kennst ihn?", fragte Eponine.

„Er ist der beste Freund meiner Verlobten … also ja." Verlobte. Ich glaube, es ist sein Ernst.

„Warum bist du hier?" … zurück in meinem Leben … Ihre Stimme hörte sich sogar für sie selbst monoton an.

„Ich muss ein paar Verträge unterzeichnen und dann bin ich auch schon auf dem Weg zurück ins Büro. Mein Vater hat eine Anwaltskanzlei eröffnet, am anderen Ende der Stadt." Eponine nickte benommen.

„Ich schätze, wir werden nicht viel voneinander sehen", meinte sie kühl.

„Tatsächlich macht meine Familie viele Geschäfte mit La Monta, also bin ich oft hier …" Er verstummte, als Eponines Gesichtsausdruck sich versteifte.

„Ich muss gehen, 'Ponine, aber wir sehen uns bald … in Ordnung?" Er machte eine Bewegung als wollte er ihr den Arm tätscheln, ließ es dann aber sein, lächelte sie noch kurz an und ging. Langsam hob Eponine ihr Tablett auf und ging zu Jenny hinüber, die an einem Tisch auf sie wartete. Eponine ließ sich auf ihren Stuhl fallen und Jenny bemerkte, dass etwas nicht stimmte.

„ich wusste gar nicht, dass du Marius Pontmercy kennst", sagte Jenny und Eponine schaute auf.

„Wir sind alte Freunde … offenbar", erwiderte Eponine und versuchte, distanziert zu klingen.

„Nun, das ist doch gut … es ist schön, mit alten Freunden wiedervereint zu sein", sagte Jenny aufmunternd. Eponine lächelte traurig und starrte ihr Tablett an.

„Ja? … Ich finde nicht", meinte Eponine leise und stocherte mit der Gabel in ihrem Essen herum, bevor sie es beiseiteschob. Ihr war der Appetit vergangen.