Waren Einhörner rosa oder weiß? Minerva konnte sich einfach nicht entscheiden, in welcher Farbe Sie das mythische Tier auf Ihrem Zeigefingernagel anmalen sollte. Für das glitzernde Horn wollte Sie auf jeden Fall Silber nehmen, aber was passte am besten zur lila Mähne?
Göttliche Entscheidungen zu treffen gehörte mit zum schwersten Ihrer Existenz, direkt nach den jahrhundertlichen Konferenzen mit herrschenden Entitäten benachbarter Planeten und dem Bewahren Ihres jugendlichen Aussehens trotz andauernden Stirnrunzelns in Anbetracht der Schusseligkeit von Gaias Bewohnern. Nicht ein einziges Jahrzehnt verging ohne von Menschen herbeigeführte Katastrophen. Wieso waren diese Trottel nicht lernfähig?
Es half auch nicht viel, dass sie Ihr zu Ehren Gedichte und Lieder schrieben und einmal im Jahr kleine, göttinnenförmige Kerzen auf den Fensterbänken entzündeten, um Ihre Gnade für den kommenden Winter zu erbitten. Wieso sollte Sie sich geschmeichelt fühlen, wenn die Fleischsäcke Sie abbrannten? Genauso gut könnten sie Minerva-Würste herstellen und über einem Lagerfeuer grillen, oder kleine Minerva-Schokomännchen produzieren, denen man den Kopf abbiss. Nein, wenn Sie ehrlich war, hatte die Göttin schon lange genug von Ihren Schutzbefohlenen. Immer kurz bevor Sie endgültig die Nerven verlor und die gesamte Planetenpopulation durch eine riesige Flutwelle auslöschte, gönnte Sie sich eine Runde Wellness, um wieder runter zu kommen. Streng genommen könnte Sie den ganzen Entspannungskram mit einem einzigen göttlichen Zwinkern auf 0,0000001 Sekunden komprimieren und sofort total gut drauf und umwerfend sexy sein, doch auch die Allmächtige liebte es, sich eingehend mit Ihrem Körper zu beschäftigen. Nach stundenlangem Haarkämmen und Locken Brennen stand nun also Maniküre auf dem Plan.
Noch während Sie über der möglichen Fabelwesenfarbe brütete, spürte Sie eine Veränderung im Lebensstrom. Hier im ewigen Grün war es leicht zu erkennen, wo sich gerade ein mit Jenovazellen infizierter Toter aufhielt, diese armen Individuen wurden nämlich vom Seelenkollektiv abgestoßen und mussten sich ihr Selbst bewahren. Statt glücklich im Planeten aufzugehen, hatten sie sich kleine Orte geschaffen, an denen sie die Ewigkeit verbringen konnten. Dort kam hin und wieder ein Cetra zum Kaffeeklatsch und schwebte schließlich wieder von dannen. Auch Minerva schaute öfter bei den Ausgestoßenen nach dem Rechten, wollte Sie doch erneute Auseinandersetzungen mit Jenovas außerplanetarischen Kindern vermeiden und kleine Probleme lösen, bevor sie sich zu riesigen Problemen aufblähten. Die große Mutter selbst weigerte sich allerdings, ihren Sprösslingen zu nahe zu kommen, was die Göttin sehr gut verstehen konnte. So viele Freaks!
Den schlimmsten von allen hatte Minerva noch in der Minute seines Todes wieder hinausgeworfen, denn seine penetranten Liebesbekundungen in zweifelhafter Gedichtform marterten Ihre ätherischen Ohren.
Auch der kleine, stachelköpfige Jammerlappen hatte wieder gehen müssen. Sie persönlich hatte sich nicht an ihm gestört, aber sein nicht minder stachelköpfiger Freund hatte Sie um Aufschub des Todeszeitpunktes gebeten.
Hatte tatsächlich behauptet, nur sein Bestes zu wollen, aber Minerva wusste es besser. Kleiner, geiler Welpe.
Nun stand also einer der Verseuchten vor Ihr und musterte Sie unter zusammengezogenen, dunklen Augenbrauen. Dass er nicht vor Ihr auf die Knie fiel und Lobgesänge anstimmte, kam Ihr ganz gelegen, aber grüßen könnte er schon. Was immer er auf dem Herzen trug, schien seinen Sinn für Anstand außer Gefecht gesetzt zu haben, also entschied Sie, ihm etwas auf die Sprünge zu helfen.
"Angeal, was geht?", machte Sie den Anfang.
"Ich habe lange nachgedacht", antwortete Angeal grußlos.
"Ja, ich freu mich auch, dich zu sehen. Willst ne Limo?"
"Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass du eine verantwortungs- und ehrlose Person bist."
Okay, das fiel eindeutig unter feindseliges und beleidigendes Benehmen. So etwas war Sie von Angeal nicht gewohnt und deshalb wirklich überrascht. Aber als Göttin gab man sich nicht die Blöße, Verblüffung oder gar Wut zu zeigen. Diplomatie war nun gefragt.
"Was soll'n der Scheiß, jetzt?"
"Du bist der wahre Grund für den desolaten Zustand unseres Planeten und eine Schande für alle göttlichen Daseinsformen!", erklärte Angeal, während er die Arme verschränkte.
"Mann, wenn du solche Anschuldigungen machst, solltest du das auch verdammt gut begründen. Ich sitze hier rum und male mir die Nägel an, und plötzlich kreuzt du auf und machst mich blöd an, oder was? Schon mal was von göttlichem Zorn gehört?"
"Ich habe schon die wildesten Teenager gezähmt, also spar dir deine Drohungen. Du legst jetzt diesen Pinsel beiseite und nimmst die Probleme des Planeten in Angriff!"
Erteilte der Kerl Ihr gerade Befehle? Das war ja wohl die Höhe! Minerva sprang auf, ersann Ihre Rüstung herbei und warf sich in eine betont herrschaftliche Pose, dramatisiert durch knisternde Kugelblitze hinter Ihr.
"Du hast mir gar nichts zu sagen, wertloser Mensch. Kommst hier rein, in mein Reich, und willst mich rumkommandieren? Weil du so toll bist, oder was? Ach ja, du und ehrenvoll? Dass ich nicht lache! Du hast jeden, dem du jemals etwas bedeutet hat, im Stich gelassen. Aber machst mir Vorwürfe?"
Sie stach mit einem nur halb lackierten Zeigefinger in seine Richtung.
"Es geht hier nicht um meine Fehler, sondern um deine Verpflichtungen. Der Planet braucht dich nunmal, ob es dir gefällt oder nicht", fuhr Angeal unbeeindruckt fort.
"So wie Genesis dich gebraucht hat, als er verletzt und krank war. Und was hast du stattdessen gemacht? Mit deinem Hündchen gespielt. Du großes Vorbild!"
"Genesis wollte sich nicht helfen lassen. Er suchte sein Heil im Verrat." Das klang jetzt etwas trotzig.
"Boah, weißt du, wie sich das für mich anhört? Mimimimimi, mein bester Freund hat mich nicht mehr lieb, mimimimimi. Also gehe ich zum kleinen Zacky und zeige ihm mein großes, langes Schwert."
"Langsam, Mädchen, du redest über Dinge, von denen du nichts verstehst."
Jetzt wurde er rot, der Motzkopp.
"Ich verstehe sehr wohl. Genesis hat dich nicht mit auf große Fahrt genommen, also hast du auf stur geschaltet und dich auch noch mit Sephiroth verkracht. Ganz ehrenvoll und total erwachsen. Und weil du so verzweifelt und allein warst, hast du auch noch Zack abgeschossen. Du weißt viel über Teenager, ja? Du Kindergartenkind!"
Das musste sitzen. Oh, wie perfekt Sie doch in Rhetorik war. Minerva ließ eine Trompetenfanfare erklingen, um Ihren Triumph zu unterstreichen. Außerdem wehte Ihr Haar in einer sanften Brise.
"Wo warst du, als Jenova vor zweitausend Jahren diese Welt verwüstet hat? Im Whirlpool und hast dir die Beine rasiert?", gab Angeal sich nicht geschlagen.
"Die Cetra hatten das sehr gut im Griff. Tapfere kleine Kerlchen."
"Deshalb sind sie auch ausgestorben. Ein wenig göttliche Intervention hätte tausende Leben gerettet."
"Hast du eine Ahnung, wie nervig die waren? Planet hier, Planet da, dauernd haben sie mir irgendwelche Fragen gestellt und sogar noch Antworten erwartet. Keine Sekunde Pause haben sie mir gegönnt. Jenova hat mir einen Gefallen getan, jawoll."
Ups, das hätte Sie vielleicht nicht sagen sollen. Schnell blickte Sie sich um, ob irgendwelche spionierenden Cetraseelen in der Nähe schwebten. Es waren keine zu sehen, da hatte Sie nochmal Glück gehabt. Angeal sah unterdessen wieder ruhiger aus und starrte Sie erneut nachdenklich an.
"Hast du deshalb nichts gegen die Reaktoren unternommen? Wolltest du die Menschen auch loswerden?"
"Wenn diese Idioten drauf bestehen, sich selbst auszurotten, stehe ich ihnen nicht im Weg. So, und bevor du jetzt hier rumrennst und über die böse Göttin lästerst, solltest du vielleicht darüber nachdenken, wie du das Herz deines Welpen gebrochen hast. Wolltest dich unbedingt umbringen, hä? Ein bisschen Jammern hier, ein bisschen Heulen da, aber dich aufraffen und deine Probleme anpacken war nicht drin. Du feiges, ehrloses Stück SOLDAT-Abfall."
Angeal rührte sich noch immer nicht. Seine Selbstbeherrschung war bewundernswert. Ah, doch, an seinem Hals begann eine Ader zu pochen. Ha. Minerva ließ es donnern.
"Die Cetra, die Menschen...und schließlich der ganze Planet. Omega hätte alles vernichtet. War das dein Plan?"
"Pff, das Viech wird überschätzt. Hätte ich einmal gepfiffen, wäre er wieder zurück gekommen. Nach einigen hundert Jahren Ruhe oder so."
"Du bist noch schlimmer als ich gedacht hatte."
"Du bist noch viel steifer und humorloser als ich gedacht hab. Na los, geh zurück in deine kleine Ausgestoßenenwelt und schäm dich deines Monsterdaseins. Husch husch!"
Ein heftiger Windstoß unterstrich Ihre Forderung. Angeal starrte unbeeindruckt.
"Du hilfst ihnen jetzt. Sonst tue ich das hier."
"Du tust was?"
Er räusperte sich und strich sich seine Haare hinters Ohr.
"Wenn der Kampf der Bestien
das Ende der Welt einläutet,
wird die Göttin vom Himmel herabsteigen.
Die Schwingen des Lichts
und der Dunkelheit ausgebreitet,
wird sie uns führen zu Glück,
ihrem ewiglichen Geschenk."
"Das wagst du nicht!"
"Unergründlich geheimnisvoll ist das Geschenk der Göttin.
Es suchend erheben wir uns in die Lüfte.
Wellen kräuseln die Wasseroberfläche.
Rastlos sind irrende Seelen."
"Du hörst sofort auf damit, oder ich verbanne dich in Sephiroths Jammerecke."
"Du tust mir gar nichts.
Es gibt keinen Hass, nur Freude.
Denn dir gilt die Liebe der Göttin.
Held des Anbeginns, Heiler der Welten.
Vom Morgen träumt die zerbrochene Seele.
Ihrer Ehre beraubt, ihrer Flügel entrissen.
Das Ende ist nah."
"Hinfort, Wurm!"
Eine pink glitzernde Wolke sammelte sich um Angeal, hüllte ihn gänzlich ein und zerstob plötzlich mit einem glöckchenhellen Klang. Wo gerade noch der SOLDAT gestanden hatte, stand nun ein...nunja...ein SOLDAT.
"Ich bin schon tot, Allmächtige. Du kannst mir nichts mehr anhaben. Also, was sagst du? Stehst du endlich zu deiner Verantwortung und kümmerst dich um deinen Planeten? Oder muss ich in alle Ewigkeit Loveless rezitieren?"
Minerva schmollte.
"Wenn Genesis stirbt, können wir es als Musical aufführen. Er und Sephiroth spielen abwechselnd den Helden. Für immer und ewig."
Minerva überlegte.
"Mein Freund, fliegst du hinfort?
Einer Welt entgegen, die uns verabscheut?
Ein unerbitterlicher Morgen allein wird dich erwarten.
Egal, aus welcher Richtung der Wind weht.
Mein Freund, deine Sehnsucht
ist der Quell allen Lebens, das Geschenk der Göttin.
Und ist der Morgen auch ohne Hoffnung,
nichts wird meine Rückkehr aufhalten."
"Du willst zurückkehren, ja? Was hältst du von Wiedergeburt?"
"Äh, Moment!"
"Tschüss, mein Schatz! Hab ein glückliches Leben!"
"Warte..."
Ausreden konnte er nicht mehr, weil Sie das göttliche Zwinkern anwandte.
Genesis hatte jahrelang in einer Höhle über seine Existenz nachgedacht. Danach hatte er sich aus besagter Unterkunft befreit, um sich eine freundlichere Höhle zu suchen, in der er bequemer nachdenken konnte. Weiss hatte sích aus Langeweile aus dem Staub gemacht, was wirklich schade war, denn er war ein guter Gesellschafter gewesen. Doch gerade als Genesis den Entschluss fasste, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, purzelte ein winziger schwarzer Höhlenmolch in sein Leben. Deshalb nannte er ihn auch Purzel. Purzel war weder flauschig noch irgendwie hübsch, und die ewige Dunkelheit hatte der Rasse des Ärmsten das Augenlicht genommen, doch gerade deshalb war dieses schleimige Wesen der perfekte Zuhörer. Genesis freute sich so sehr, wieder einen geduldigen und treuen Freund zu haben, dass er blieb und den Kleinen am größten Kunstwerk der Menschheitsgeschichte teilhaben ließ.
"Grausam ist das Schicksal, mein Freund.
Längst verloren sind Träume und Ehre.
Der Pfeil hat den Bogen der Göttin verlassen.
Meine Seele, verblendet von Rachedurst.
Endlose Qualen erlitt sie, um das Ende
der Reise in meiner Erlösung zu finden.
Und deinem ewigen Schlaf."
Hätte er nur einen Moment den Mund gehalten, hätte er ein leises, göttliches Wispern gehört:
"Erlösung am Arsch, mein Molchlein mit sehr hoher Lebenserwartung! Such dir jemanden, der dich umbringt, sonst hörst du dir das hundert Jahre an."
