So, es geht endlich mal weiter. Es war immer so gedacht, dass nach dem Tritt nicht Schluss ist, sondern, dass es da erst richtig kompliziert wird. Mugen ist schließlich Mugen.
Am Ende muss ich noch feilen. Deshalb wird es irgendwann noch ein kurzes Kapitel 3 geben.
Im nächsten Moment hat Jin Mugens Knie im Magen.
Wie alt war Mugen damals? Elf? Dreizehn? Jedenfalls ein magerer, struppiger, kleiner Kerl, der gegen einen Erwachsenen keine Chance hatte. Trotzdem mussten sie ihn zu dritt festhalten. Einer, der ihm den Kopf herunterdrückt, einer, der seine Arme verdreht und einer, der ihm die Hose herunterreißt und seine dünnen Kinderbeine auseinander schiebt. Dafür durfte auch jeder mal ran.
Als es vorbei war, hat Mugen sich losgerissen und ist zum Strand hinuntergerannt. Er ist ins Meer gesprungen und so lange im Wasser geblieben, bis er es nicht mehr ausgehalten hat, er hat sich so widerlich und dreckig gefühlt. Später hat er noch lange zitternd und gänsehäutig am Strand gesessen, um niemanden sehen zu müssen. Das Schlimmste war die Gewissheit, dass es keinen Menschen interessiert, was ihm gerade angetan wurde, ebenso wenig wie es das Meer oder die Wolken interessiert. Er hat sich auf den Arm gebissen, um nicht zu heulen.
Auf einer Insel kann man niemandem aus dem Weg gehen. Mugen hat die drei schon am nächsten Tag wieder getroffen. Sie haben dreckig gelacht und ihm ein Reisbällchen zugeworfen. Damals gab es keinen Tag, an dem er nicht hungrig war, aber er hat es mit einem Schwall obszöner Verwünschungen zurückgeworfen und eine Handvoll Steine hinterher. Dann ist er weggerannt. Weil er schnell war, ist er ihnen oft entwischt. Außer, wenn er ihnen nicht entwischt ist.
Jin schnappt nach Luft und ist einen Moment so überrascht, dass er es nicht einmal schafft, die Arme rechtzeitig hochzureißen, als Mugen ihn ins Gesicht schlägt.
Mugen (zischt hasserfüllt): Du willst mich in den Arsch ficken, du perverses Schwein? Vergiss es!
Wenn, dann fick ich dich!
Er zerrt an Jin herum und versucht, ihn auf den Bauch zu drehen. Aber Jin hat sich wieder gefangen und er ist durchaus in der Lage, sich zu wehren. So nicht, denkt er, während er zurückschlägt. Die beiden kugeln in einem lautlosen, verbissenen, gnadenlosen Handgemenge am Boden herum und Jin verflucht in Gedanken seine Leichtsinnigkeit, den Sake, Mugens Unberechenbarkeit. Er hätte es wissen müssen. Genau dieser Art von Begegnungen ist er in seinen Jahren auf der Straße immer aus dem Weg gegangen. Was jetzt? Er wird Mugen halb tot schlagen müssen, bevor der aufhört, gegen die Dämonen seiner grausamen, dummen, kleinen Welt anzukämpfen.
Mugen wirft sich herum und versucht, an sein Schwert heranzukommen. Bloß das
nicht. So soll es nicht enden. Nicht als alkoholvernebelte Schlägerei. Jin
hechtet hinter ihm her, erwischt ihn am Haar und knallt seinen Kopf auf die
Dielen. Den winzigen Moment, in dem Mugen benommen ist, nutzt er, um das
Schwert in die hinterste Ecke des Raumes zu werfen. Mugen verkrallt sich in
seinen Arm, aber da ist das Schwert schon außer Reichweite, und die beiden von Jin auch.
Jin wirft sich mit seinem ganzen Gewicht auf Mugen und drückt ihn zu Boden. Es geht
leichter, als er dachte. Letztendlich ist Mugen nur ein magerer Neunzehnjähriger, wenn er keinen Platz zum Treten hat, ist es relativ leicht, ihn am Boden zu halten. Unter Jins Körper dreht und windet sich Mugen verzweifelt, aber es hilft ihm nichts. Jin umklammert seine
Handgelenke und hält ihn am Boden fest wie angenagelt. Mugen wirft den Kopf
nach links und rechts und versucht, ihn in den Arm zu beißen
Und was nun? Er könnte Mugen jetzt die Arme brechen, die Zähne einschlagen und es ihm so richtig besorgen. Dann wäre er ein perverses Schwein. Wenn er es nicht tut, dann ist er ein Schwächling. So oder so könnte er Mugen morgen nicht mehr in die Augen sehen. Aber andere Möglichkeiten kommen auf Mugens geistiger Landkarte nicht vor. Jin steht fassungslos vor der gnadenlosen Dummheit dieser Alternativen.
Mugen hat aufgehört, sich zu wehren. Er funkelt Jin hasserfüllt an.
Mugen: Nun mach schon. Bring's hinter dich. Ich will heute Nacht noch
Schlaf kriegen.
Jin weiß, dass Mugen noch lange nicht aufgegeben hat. Jin hat ihn schon so
erlebt, bereit, einem unabwendbaren Schicksal ins Gesicht zu spucken,
während sein Gehirn auf Hochtouren arbeitet um aus dem Bruchteil einer
Chance noch das Beste zu machen. Momentan ist er in einer ausweglosen Lage
und das weiß er. Aber sobald Jin eine unbedachte Bewegung macht oder sein
Gewicht verlagert, wird Mugen wieder kämpfen wie ein Teufel. Wenn er auch
nur eine Hand freibekommt, dann wird er Jin die Augen auskratzen. Wenn
nicht... dann eben nicht.
Was Jin daran unendlich traurig findet ist, dass Mugen keinen Moment lang
auf die Idee kommt, es könnte auch ganz anders sein. Dass er nicht kämpfen
muss wie ein Tier in der Falle. Dass ein einfaches Nein genügt hätte.
Wie lange waren sie zusammen unterwegs? Und Mugen glaubt tatsächlich, dass
Jin so etwas tun würde? Dass Jin Freude daran hätte, einen vor Angst
hysterischen Jungen zu vergewaltigen?
Jin schüttelt den Kopf und versucht ein kleines, beruhigendes Lächeln.
Mugen spuckt ihm ins Gesicht. Jin spürt, wie ihm Speichel über die Wange
läuft, aber er kann ihn nicht abwischen, er hat keine Hand frei.
Jin: Ochitsuke... ochitsuke.
Mugen sieht zu ihm hoch, die Augen voller Hass und Wut, eine trotzige Antwort auf den Lippen.
Minuten vergehen. Jin hält Mugen am Boden fest und erwidert Mugens Blick ohne eine Gefühlsregung zu verraten. Er spürt Mugens Herzschlag, seine Anspannung, seine Wut, seine Verwirrung. Er drückt Mugens Handgelenke auf die Dielen und schweigt.
In Mugens trotzige Verzweiflung schleicht sich eine Frage.
Jin sieht ihn an und schweigt.
Mugen (unsicher): Was ist los? Warum trödelst du so rum?
Minuten vergehen.
Mugen: Findest du das geil, mich am Boden zu sehen, he?
Macht dich das an?
Schweigen.
Mugen (gründlich verwirrt): Was willst du?
Statt einer Antwort beugt sich Jin über ihn und küsst ihn. Nicht auf den
Mund, Mugen würde ihm die Lippe abbeißen. Auf die Stirn. Nur ganz leicht,
nicht mehr als ein Windhauch.
Mugens Körper verkrampft sich wieder, in einem nutzlosen Versuch, Jin
abzuwerfen. Jin lässt ihm Zeit, sich auszutoben und wieder zur Ruhe zu
kommen. Dann versucht er es noch einmal.
Diesmal auf die Nasenwurzel.
Mugen zuckt zusammen, aber er scheint begriffen zu haben, dass nichts schlimmeres als das geschieht.
Abwarten.
Dann an Mugens Haaransatz entlang, bis zu dieser lustigen kleinen Spitze in der
Mitte.
Wieder versucht Mugen, eine Hand freizubekommen. Diesmal ist es mehr
eine Frage als ein verzweifeltes Sich-Losreißen wollen. Es könnte ein Trick
sein. Jin beschließt, das Risiko einzugehen. Seine Finger bleiben um Mugens
gestreiftes Handgelenk geschlossen, aber er lässt es zu, dass Mugen die Hand
vom Boden hochbekommt. Alles was Mugen tut, ist, Jins lange Stirnsträhnen
zur Seite zu schieben, sie kitzeln ihn im Gesicht.
Noch ein Kuss, auf eine Augenbraue. Auf die andere. Auf Mugens geschlossene
Augenlider. Nasenrücken, die sich berühren. Ein Kuss auf Mugens kleine, spitze
Nase, die ihn manchmal so kindlich aussehen lässt. Was er vermutlich an sich
hasst. Und jetzt... vielleicht...
Zu früh.
Mugen dreht den Kopf zur Seite und drückt mit seiner beinah freien Hand
gegen Jins Brust. 'Geh runter von mir' soll das wohl heißen. Jin überlegt,
ob er es riskieren soll. Mugen ist ihm schon ein ganzes Stück
entgegengekommen. Ob man Mugen in so einem Moment trauen kann, weiß er
einfach nicht, es bleibt ihm nichts als es auszuprobieren.
Jin rutscht von Mugens Körper herunter, aber er hat immer noch seine Finger
um Mugens Handgelenk geschlossen. Was wird Mugen jetzt tun? Zuschlagen?
Kratzen, Beißen, Treten? Aufspringen und wegrennen? Jin das antun, wovor
er selber solche Angst hat? Sich wegdrehen und die ganze Sache als beendet
betrachten?
Mugen bleibt neben ihm liegen und beobachtet jede von Jins Bewegungen,
mit einem Ausdruck, den Jin nicht zu deuten weiß.
Zurück zum Anfang. Lippen auf Lippen. Sich näher kommen.
Eine gemeinsame Sprache finden.
Und jetzt? Das reicht nicht, findet Jin. Es stimmt noch nicht ganz. Mugen
soll diese Momente später nicht verbuchen als "Die Nacht, als Jin, die
schwule Sau, mir an die Wäsche wollte und sich dann doch nicht getraut hat".
Er muss Mugen noch ein Stück weiter mitnehmen. Es ist viel verlangt von
jemandem, der eben noch vor Angst und Hass und Wut um sich geschlagen hat,
aber Jin ist bereit, es zu riskieren
