„Nun sag schon, was gibt es zu feiern?", fragte Charlotte, als ihre Freundin Madeleine, Lee genannt, eine Flasche besten Elfenweins auf den Tisch stellte.
Lee antwortete nicht, während sie die Flasche entkorkte und den Wein in zwei Gläser einschenkte. Ihr Lächeln wurde dabei aber immer breiter.
„Lee, ich kann es kaum noch aushalten! Erzähl endlich, was ist los? Du tust schon den ganzen Abend so geheimnisvoll."
„Also gut", sagte Lee und lachte, „wenn das so ist."
Sie ergriff beide Gläser und reichte eines Charlotte, die es dankend entgegennahm.
„Es hat sich etwas verändert", begann Lee.
„Was denn?"
Offensichtlich konnte Charlotte es kaum erwarten, die Antwort zu hören, denn sie blickte sich hastig in Lees kleinem Wohnzimmer um. Ihre Freundin schmunzelte.
„Es hat sich etwas verändert", fing Lee wieder von vorne an.
„Ja, ja. Mach's nicht so spannend."
„Okay Charlotte. Ich arbeite nicht mehr für den Klitterer."
Feierlich erhob Lee ihr Glas und nahm einen Schluck. Nicht, dass ihr Elfenwein besonders gut schmeckte. Oh nein, eigentlich mochte sie ihn kaum und vermied es für gewöhnlich von ihm zu trinken.
Aber Lee kannte Charlottes Vorliebe für jenes alkoholische Getränk.
„Bist du überrascht?"
Sie zwinkerte Charlotte zu, die Lee mit geöffnetem Mund anstarrte. Offenbar hatte sie nicht mit einer derartigen Neuigkeit gerechnet.
„Das", erwiderte Charlotte, „ist gar kein Ausdruck."
Sie hielt kurz inne und senkte den Blick. Dann fragte sie:
„Hat man dich gefeuert?"
„Klar Charlie, deshalb sitzen wir zwei jetzt auch hier zusammen und stoßen auf meine neue Arbeitslosigkeit an."
Lees Stimme sprühte nur so von Sarkasmus.
„Nein, ich habe gekündigt."
„Aber wieso? Klar, der Klitterer ist nicht das gewesen, was du dir immer erhofft hast, aber du hattest einen festen Arbeitsplatz."
Lee musterte Charlotte. Sie hatten einander kennen gelernt, als Lee vor knapp drei Jahren aus den USA in ihr Geburtsland England zurückgekehrt war.
Die fast zehn Jahre ältere Charlotte hatte damals schon im Ministerium gearbeitet und war dort mit anderen Mitarbeitern für alle Hexen und Zauberer zuständig, die neu ins Land einreisten.
„Man hat mir ein sehr interessantes Angebot unterbreitet", sagte Lee.
„Was für eins?"
„Ich soll für den Tagespropheten schreiben."
Lee genehmigte sich einen weiteren Schluck und zu ihrer heimlichen Freude tat Charlotte es ihr nach.
„Das ist großartig", sagte Charlotte und klang ehrlich begeistert. „Ich freue mich so für dich."
Sie erhob sich, beugte sich dann über den kleinen dunklen Holztisch, der zwischen den beiden Frauen stand, und umarmte Lee, welche ihrerseits aufgestanden war.
„Das ist einfach nur klasse", sagte Charlotte und setzte sich wieder hin.
„Ich weiß."
Sie lachten und Lee füllte die Weingläser wieder auf.
„Meine Artikel über Werwölfe im Ministerium sind gut angekommen. Der Chefredakteur des Tagespropheten meinte, er habe noch nie in Leben so gelacht."
Charlotte grinste und Lee erinnerte sich daran, wie oft sie es in den letzten Jahren versucht hatte, als Reporterin dem Klitterer zu entkommen.
Ihre Kollegen waren in Ordnung gewesen. Zwar leicht verrückt (einige sogar vollkommen), aber doch harmlos und größtenteils sehr nett. Anfangs hatte es Lee sehr entsetzt, zu sehen, dass viele von ihnen die Absurditäten, von denen sie in ihren Artikeln berichteten, tatsächlich ernst nahmen. Inzwischen aber konnte sie sich beim Erfinden ähnlicher Stories gut amüsieren.
„Wie oft hast du dich beim Tagespropheten beworben?"
„Oh, ich war hartnäckig", erwiderte Lee. „Sehr hartnäckig. Aber irgendwann hatte man dort gar keine andere Wahl als mich einzustellen."
„Wirst du deine ganzen Kollegen nicht vermissen?"
Lee überlegte.
„Wahrscheinlich, wir haben immerhin lange Zeit zusammengearbeitet. Hey, was hältst du davon, wenn ich dir erzähle, was seit unserem letzten Treffen alles in der Redaktion vorgefallen ist?"
„Gute Idee. Mal sehen, was sich deine Kollegen, pardon, deine Ex-Kollegen diesmal alles so ausgedacht haben."
„Ganz spannende Dinge", sagte Lee und ihre Augen blitzten.
In Erwartung unterhaltsamer Geschichten, strich sich Charlotte Strähnen ihres langen, rotblonden Haars aus der Stirn, ehe sie sich einen weiteren Schluck genehmigte.
„Der schmeckt wirklich gut", meinte sie.
„Ja, nicht wahr?"
Lee schenkte Charlotte erneut nach.
„Lass das", wehrte diese ab, „ich hatte schon zwei Gläser."
„Charlie, es ist Samstagabend. Morgen hast du doch frei."
„Ja, schon. Aber was soll denn Eric denken, wenn ich beschwipst nach Hause komme?"
Eric Carmichael, der ebenfalls im Ministerium arbeitete, war seit bereits acht Jahren mit Charlotte liiert, aber erst seit wenigen Monaten auch mit ihr verheiratet. Lee war auf der Hochzeit eine der drei Brautjungfern gewesen.
Charlotte hatte damals ihre ganze Familie und fast ihren gesamten Freundes- und Bekanntenkreis eingeladen, so dass eine sehr große Hochzeitsgesellschaft zu Stande gekommen war.
Die meisten Gäste waren in Begleitung anderer erschienen. Lee hatte da zur Ausnahme gehört.
„Eric wird es verkraften", sagte Lee und zum ersten Mal an diesem Abend hatte sie Bedenken. Bedenken, ihr Plan könnte an der Weigerung Charlottes, Alkohol zu trinken, scheitern.
„Na gut", seufzte Charlotte, „Wo wir uns in den letzten Monaten doch so selten gesehen haben. Außerdem ist es schon lange her, dass ich einen so guten Elfenwein getrunken habe."
Erleichterung machte sich in Lee breit und sie begann zu erzählen.
Charlottes Augen glänzten und sie konnte einfach nicht aufhören zu lachen, als Lee ihren Zauberstab zückte und einen besonders verrückten, mehr oder weniger berühmten, Reporter des Klitterer in übertriebener Weise imitierte.
Und während der ganzen Zeit über, schenkte Lee ihrer Freundin unnachgiebig nach, ohne jedoch selbst noch etwas von dem hervorragenden Elfenwein zu trinken.
„Dann habe ich nur gesehen, wie ich schleunigst abhauen kann. Also habe ich Marc einfach weiterreden lassen und bin aus dem Raum gegangen. Ich weiß gar nicht einmal, ob er mein Fortgehen überhaupt bewusst wahrgenommen hat. Ich bezweifle es ja", sagte Lee und senkte ihren Zauberstab.
Noch immer lachte Charlotte, aber es war längst nicht mehr das Lachen einer Frau, die sich einfach nur gut amüsierte. Sie war bereits angetrunken.
Charlotte hatte noch nie mehr als zwei Gläser eines alkoholischen Getränks trinken können, ohne davon beschwipst zu werden. Deshalb vermied sie Alkohol bei Gesellschaften aller Art, auch weil ihr der Wein, so sehr sie dies auch bedauerte, doch sehr gut schmeckte.
In Lees Gegenwart hatte sie sich, dies war ihrer Freundin bewusst, jedoch sicher genug gefühlt, das Risiko, betrunken zu werden, einzugehen.
Lee wusste um Charlottes Vertrauen in ihre Person. Wie groß es tatsächlich war, hatte sie bei ihrem letzten Treffen vor einigen Monaten erkennen müssen, als Charlotte ihr kurz nach der Hochzeit mit Eric anvertraut hatte, welche Aufgabe dieser im Ministerium wirklich zu erledigen hatte.
Nun verbarg sie das Gesicht in den Händen.
„Ich glaube, mir ist schlecht", murmelte Charlotte, „Lee, du weißt doch, dass ich…"
Sie brach mitten und Satz ab und legte den Kopf in den Nacken. Lee hörte deutlich, wie Charlotte tief ein- und wieder ausatmete.
Jetzt war es soweit. Der Zeitpunkt, den sie so sehr herbeigesehnt hatte, war gekommen. Lee beugte vor.
„Charlie", fragte sie mit sanfter Stimme, „kann ich etwas für dich tun?"
„Mir ist so schlecht."
Sie legte sich die Hand auf die Brust und schloss die Augen. Lee streckte ihre Hand aus und ergriff Charlottes.
„Ich fürchte, wir haben es mit dem Feiern etwas übertrieben."
Nun musste Charlotte lächeln.
„Na ja, du bekommst ja nicht jeden Tag einen neuen Job beim Tagespropheten."
„Nein, natürlich nicht", erwiderte Lee und dachte gleichzeitig bei sich: Los Charlie, frag mich über meinen neuen Arbeitsplatz aus. Bitte, lenk du das Gespräch in die richtige Richtung.
„Weißt du schon, was du alles schreiben musst?"
„Ja", sagte Lee und musterte Charlottes Augenlider dabei, „ja."
„Was?"
Charlotte öffnete wieder ihre Augen und die Blicke der beiden Frauen trafen sich.
„Ich werde an einer Serie mitarbeiten, die davon handelt, was aus den wichtigsten Kämpfern des Phönixordens wurde."
Unwillkürlich tauchten Bilder vor Lees geistigem Auge auf. Bilder von Schlagzeilen, die über eine halbe Seite gingen. Sie konnte sich noch sehr gut an den Aufruhr erinnern, der damals, kurz nach dem Ende Voldemorts, in der magischen Welt geherrscht hatte.
Damals, als vieles über den Ordnen des Phönix, dessen Mitglieder ihn so lange hatte geheim halten können, bekannt geworden war.
Was würde Charlotte nun sagen?
Lee bemerkte nun, wie nervös sie doch war.
„Weißt du", sagte Charlotte und löste sich aus Lees Griff, „ich mochte meine Augen noch nie."
„Was?"
„Ja, wirklich. Da konnte mir Eric früher noch so oft erzählen, wie wundervoll er dieses komische Grün findet. Ich wollte immer blaue Augen haben. So richtig leuchtend blaue Augen. So wie deine."
„Danke", sagte Lee verwirrt.
Ihr wurde bewusst, dass ihr Gespräch mit Charlotte nicht so verlief, wie sie es erträumt, erhofft hatte. Unternahm sie innerhalb der nächsten 30 Sekunden nichts dagegen, so würde der Plan womöglich scheitern…
Aber nein! Schnell verdrängte Lee den Gedanken wieder und plapperte einfach drauflos.
„Wir werden Interviews durchführen. Mit Harry Potter, Hermine Granger und anderen."
Nun klopfte ihr Herz wie wild.
„Und auch mit Severus Snape."
Charlotte stöhnte und lehnte sich wieder zurück.
„Wenn ich in diesem Zustand nach Hause komme, wird Eric alles andere als begeistert sein."
Nein, Charlie, nein. Wieso hörst du mir denn nicht zu?
„Hast du irgendwelche Tränke auf Vorrat da?"
Tränke, das war das Stichwort und Lee wagte einen erneuten Versuch.
„Severus Snape war ein großartiger Tränkebrauer."
„Und ein Mörder", sagte Charlotte.
„Er wurde freigesprochen."
„Ja, war ja auch ein ziemlicher Skandal. Alles nur wegen dieser Erinnerung, die man in Dumbledores Denkarium gefunden hat."
Charlotte beugte sich vor.
„Ich mag diese Stacey Gardener nicht", stöhnte sie, offenbar vor Übelkeit,
Stacey Gardener war ein berühmte Reporterin des Tagespropheten, die mehrfach mit Artikeln über Snape von sich reden gemacht hatte. In ihren Berichten hatte sie stets dessen Seite ergriffen und das Bild eines armen jungen Mannes, der nach einer fürchterlichen Kindheit ohne jede Liebe, einfach keine andere Wahl gehabt hatte, als sich den Todessern anzuschließen, gezeichnet.
Nicht ohne Grund gingen täglich Dutzende Eulen mit Briefen empörter Leser beim Tagespropheten ein. Nicht wenige waren der Meinung, Stacey würde Snape, den einstigen Todesser und Mörder Dumbledores, verharmlosen und die Taten, welche er begangen hatte, entschuldigen.
„Diese Frau will doch nur seine Sympathie gewinnen, damit er ihr ein Interview gewährt."
Es wäre das Erste, das Severus Snape überhaupt geben würde.
„Ich will gar nicht wissen, was die schon so alles angestellt hat, um den zu finden."
Aber das wird sie nie schaffen, denn dein Mann und ein paar andere, wenige Eingeweihte, haben dafür gesorgt, dass Snape untertaucht.
„Wie heißt er jetzt?", fragte Lee und hielt den Atem an.
Bitte, bitte.
Charlotte legte ihre Hände auf den Schoß und starrte zu Boden.
„Ich mag deinen Boden", sagte sie, „dieses schöne Holz."
„Wie lautet der Name, den das Ministerium Snape verpasst hat. Du selbst hast mir gegenüber einmal angedeutet, dass Eric etwas damit zu tun hatte."
„Eric", murmelte Charlotte, „Eric hat ihn gehasst. Denn Snape wollte keinen neuen Namen und auch keinen besonderen magischen Schutz. Sein Leben ist ihm egal. Er hat dem Ministerium Arbeit gekostet und Energie geraubt. Eric war ja so wütend."
„Wie heißt er jetzt?"
„Kann ich dir nicht sagen, Lee. Tut mir leid."
Charlotte wollte sich erheben, sank jedoch sofort wieder auf dem Sessel nieder.
„Soll ich dir behilflich sein?", fragte Lee.
Noch gebe ich nicht auf.
„Warum willst du unbedingt wissen, wie Snape jetzt heißt? Willst du ihn finden?"
„Es würde meiner Karriere jedenfalls nicht schaden, wenn ich ihn zu einem Interview überreden könnte."
„Hmm", gab Charlotte von sich und begann plötzlich vor sich hinzusummen.
„Charlie", sagte Lee, „soll ich dir helfen aufzustehen?"
„Wenn du unbedingt willst."
Lee erhob sich und trat auf ihr Gegenüber zu. Sie streckte ihre Hand aus.
„Stacey hat es herausgefunden, Charlie. Seinen neuen Namen. Sie ist mir zuvorgekommen."
Charlotte sah erst Lees ausgestreckte Hand an, dann blickte sie ihr mitten ins Gesicht.
„Aber das ist komplett unmöglich", sagte sie nur.
„Leider nicht, Charlie."
„Wie ist er? Der Name? Was hat sie gesagt?"
„Ich weiß es nicht. Ich kam gerade aus dem Büro des Chefredakteurs, überglücklich wegen des soeben abgeschlossenen Vertrags, als Stacey…"
„Idiotin", fauchte Charlotte, „was für eine dumme Pute."
Lee verschränkte die Arme vor der Brust. Dann beugte sie sich hinab, kniete sich neben Charlottes Sessel.
„Ich muss es wissen. Wirklich. Allein schon, um Stacey zuvor zu kommen!"
Ihre Stimme klang eindringlich, sehr eindringlich.
Charlotte legte die Stirn in Falten und schien nachzudenken.
„Stacey kann gar nichts wissen. Sie hat den falschen Mann."
„Wie kann du dir da so sicher sein?", fragte Lee, auf das Schlimmste gefasst.
„Weil ich es war, die damals die neuen Daten zu Protokoll nahm. Eric hätte mir sonst doch nichts erzählt. Überhaupt erzählt er mir nie etwas."
Frustration schwang nun in ihrer Stimme mit.
„Er lebt auch nur für seine Arbeit. In unserer Freizeit, da machen wir nie etwas zusammen. Wir haben uns nichts mehr zu sagen."
Sie begann zu weinen.
Nein, dachte Lee, auch das noch.
Nicht, dass ihr Charlotte nicht leid tat. Aber Lee kannte Eric und zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass er und seine Frau ihre Probleme wieder in den Griff bekommen würden.
„Hey, das wird schon", sagte Lee und legte ihre Hand in Charlottes Nacken, die nun laut schluchzte.
„Wir haben unsere ganze Energie an diesen Mann verschwendet", stieß sie hervor.
Snape? Eric?
„Er wollte einfach keinen Schutz. Ich weiß nicht warum. Aber trotzdem mussten wir für seine Sicherheit garantieren, weil da immer noch ein paar Typen sind, die sich an ihm rächen wollen."
Lee verkrampfte sich innerlich.
„Nur ich allein kann seinen neuen Namen und seine Adresse aussprechen. Alles wegen seiner Sicherheit. Aber Perseus Piton schert sich einen Dreck um seine Sicherheit."
Charlotte schlug sich mit der Hand auf den Mund, während Lee auf den Boden starrte.
Perseus Piton.
„Was habe ich getan?", flüsterte Charlotte.
„Nichts", erwiderte Lee, „du hast einen schönen Abend mit einer Freundin verbracht, ein wenig zu viel Alkohol getrunken und mir Snapes neuen Namen verraten."
„Ich bin eine Versagerin."
Charlottes verbarg das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Dann brachen alle Sorgen, die sie wegen ihrer Ehe und beruflichen Sorgen gequälten, aus ihr heraus.
Wahrscheinlich hatten sie sich schon lange in ihr angestaut, ohne dass Charlotte die Möglichkeit gehabt hatte, mit jemanden darüber zu reden.
Lee blieb lange neben dem Sessel hocken, hielt Charlottes Hand, sagte hier und da ein tröstendes Wort und hörte ihrer Freundin doch nicht wirklich zu, denn ihre Gedanken waren woanders.
Perseus Piton.
Endlich.
