Chapter 2 – A new home and new shes
Godric's Hollow war ein sehr kleines, abgelegenes Dorf, umringt von tiefen Wäldern. Jimá brachte sie als erstes wie versprochen zum Friedhof, auf dem die Gräber seiner Eltern lagen.
Um Harry nicht zu stören, hatten sie ihn alle alleine an den Gräbern seiner Eltern gelassen und blieben stattdessen vor dem Friedhof stehen. Schweigend. Hermine, Ron und Ginny saßen auf den Bänken, Jimá und Brian dagegen standen etwas Abseits und sahen sich aufmerksam um, als ob sie dennoch jeden Moment einen Angriff erwarten würden.
Im Friedhof kniete sich Harry zu beiden Gräbern nieder und legte langsam die Blumen auf die Grabsteine hinab. Sie waren sehr gepflegt und es lagen bereits auf beiden Gräbern weitere frische, weiße Rosen mit rot-goldenen Bändern. Es wurde sich also um ihre Gräber gekümmert, stellte er irgendwie erleichtert fest. Es war das erste Mal, dass er hier erschien und auch wenn er Angst davor hatte, nun wo er hier stand, fühlte es sich seltsam anders an. War es dumm zu glauben, dass er hier irgendwie auf seine Eltern treffen würde? Sie auf irgendeine Weise wiedertraf oder sich ihnen näher fühlen würde? Dass er just ein Abend bevor er hier erschien von ihnen träumte war vielleicht nur Zufall oder ein inniger Wunsch. Das einzige Mal, dass er direkt mit ihnen irgendwie kommunizierte, war als er gegen Voldemort kämpfte und sie durch einen Zauber aus dem Zauberstab seines Gegners erschienen waren. Prori Incantatem. Seit Sirius' Tod sehnte er sich mehr denn je nach einer erneuten Begegnung mit ihnen. Es war als hätte er alles an Familie verloren, was er besaß und obwohl er seine Freunde hatte und die Familie Weasley für ihn eine Ersatzfamilie geworden war, konnten sie die Leere in ihm nicht füllen, die der Tod seiner Eltern in ihm hinterlassen hatte. Sirius konnte es – bis auch er starb. Harry seufzte, strich über den Grabstein seines Vaters und versuchte die Tränen, die sich langsam in seinem Augenwinkeln stauten, zurückzuhalten.
„Sorry, dass ich euch erst jetzt besuche," sagte er so leise wie er konnte, damit auch wirklich niemand sonst ihn hörte. „Mum, Dad. Ich komme vielleicht schon bald zu euch. Dann können wir endlich richtig miteinander sprechen..."
Es war nichts als die Wahrheit. Wenn er diesen Kampf gegen Voldemort nicht überlebte, so wie es die Prophezeiung verkündete, dann hatte er wenigstens dies, worauf er sich freuen konnte. Seine Eltern. Er atmete tief ein, um sich wieder zu fangen, dann erhob er sich und wollte zu seinen Freunden zurück schreiten, blieb jedoch stehen als er den Grabstein neben denen seiner Eltern sah.
Sirius Black
Für immer in unseren Herzen. Die Welt hat einen Helden verloren.
Ein Kloß war in seinem Hals aufgetaucht. Sirius hatte hier ein Grabmal? Niemand hatte ihm etwas davon erzählt. Weder Dumbledore, noch Lupin? Es musste von ihnen kommen, denn wer hätte ihm sonst ein Grabstein neben seinen Eltern gesetzt? Harry kniete sich zu ihm nieder und starrte die Worte mit gemischten Gefühlen an. Dieser Grabstein machte etwas, das all die Jahre unwirklich wirkte, fest. Sirius war tot. Er würde nie wieder zurückkehren. Harry schluckte hart, dann nahm er aus den Blumen seiner Eltern je eine weiße Rose heraus und legte sie auch auf das gepflegte Grabmal seines Paten. So unzufrieden und verärgert er auch manchmal mit Lupin und Dumbledore war. Für dieses Tun empfand er große Dankbarkeit.
Harry ging schließlich langsam zu seinen Freunden zurück, seine Gedanken kreisten noch immer um seine Eltern und seinen Paten.
„Okay, ich bin bereit," sagte er ein wenig zu überzeugend als dass es aufrichtig klang. Ginny schlang ihre Hand in seine und drückte sie unterstützend, wissend, dass dieser Gang eines der schwersten überhaupt für ihn gewesen war. Er lächelte dankbar, dann schritten sie Jimá nach die Straße hinab.
„Wusstet ihr, dass das Dorf nach Godric Gryffindor benannt wurde? Dem großen Zauberer, der einer der vier Gründer Hogwarts war?"
Harry und Ginny sahen verwirrt aus, Brian gelangweilt, Ron uninteressiert und Hermine dafür überinteressiert, denn sie hing sehr neugierig an Jimás Lippen.
„Ja, das hab ich gelesen. Er soll selber in diesem Dorf groß geworden sein."
„Und hier war übrigens früher auch das Zuhause von Albus Dumbledore," teilte Jimá vor allen Dingen Harry mit, der auch überrascht von dieser Information war und wesentlich mehr Interesse zeigte als an der vorherigen.
„Ja, als Kind. Er hat zwar ein eigenes Haus in London, indem er wohnte, aber in Godric's Hollow lebte er mit seiner Familie bis seine Mutter starb. Da ist auch die Pfarkirche St. Clementine."
Sie zeigte auf eine hübsche, kleine Kirche unweit vom Friedhof, aus dem sie gerade gekommen waren.
Ginny und Harry sahen es erneut verwirrt an, Hermine nach wie vor viel zu interessiert, Ron das genaue Gegenteil, Brian dagegen blieb auf einmal starr stehen. Jimá und Harry hatten seine Reaktion sehr schnell bemerkt und waren als erstes ebenfalls stehen geblieben. Während Letzterer den Freund verwirrt betrachtete, sah man bei Jimá sehr viel Mitgefühl im Gesicht.
„Hier war es also..." murmelte Brian in Gedankenversunken. „Es ist gar nicht weit weg... Wer hätte gedacht... wenn nur … und trotzdem..."
Harry versuchte Jimá mit einen Blick zu fragen, was hier gerade geschah, sie aber schüttelte ihm gegenüber den Kopf als Zeichen, dass dies nicht der Zeitpunkt war, um darüber zu reden.
„Lasst uns weitergehen," sagte Brian nachdem er den Gedanken wieder verworfen hatte und ging mit grimmigem Blick voraus. Harry hatte diesen finsteren Ausdruck bei dem Freund noch nie gesehen, verstand nun aber, dass die Heiterkeit, die er sonst immer mit sich trug, offenbar nur das schreckliche verdecken sollte, was der Freund womöglich in der Vergangeheit durchmachen musste. Diese Erkenntnis machte Tonk's Bruder nur noch um ein vielfaches sympathischer für ihn als er ohnehin schon gewesen war. Bei Gelegenheit, so merkte er es sich jedenfalls innerlich vor, würde er Tonks danach fragen, was mit ihrem Bruder hier passiert war.
Sie schritten weiter bis Jimá stehen blieb und zur Seite blickte. Da stand ein sehr altes, bereits von Moos bedecktes Haus, aber obwohl es windstill war, bewegten sich die Vorhänge am offenen Fenster.
„Das ist das Haus der Dumbledore's," teilte sie ihnen vorsichtig mit. Harry hatte sein Auge darauf geworfen und einen Moment lang beobachtet. Es war wirklich alt und ließ kein Zweifel daran, dass hier sehr lange keiner mehr auch nur ein Fuß in das Haus gesteckt hatte. Je genauer er jedoch hinsah, umso sicherer wurde er sich, dass sich jemand in dem Haus befand. War es?!
„Dumbledore?!" Er war plötzlich auf den Eingang zugestürzt, noch bevor einer seiner Freunde ihn aufhalten konnte.
„Harry, warte!" rief Hermine schockiert. „Du kommst da doch gar nicht hinein!"
Sie liefen ihm alle sofort nach.
„Harry, das ist das Haus der Dumbledores!" rief Hermine weiter als sie ihn an der Tür endlich aufgeholt hatten, doch er hatte bereits seine Hand auf dem Türknauf gelegt und – Klick – tatsächlich ging sie auf. Alle blieben entsetzt auf der Stelle stehen, Harry aber lächelte erleichtert.
„Ich wusste es irgendwie," sagte er und schritt in das Haus hinein. Die anderen tauschten merkwürdige Blicke aus, beschlossen aber den Freund nicht alleine zu lassen und ihm stattdessen dicht auf den Fersen zu bleiben.
„Man sagt, es spuckt auf dem Anwesen," gab Jimá vorsichtig von sich als sie wieder auf seiner Höhe mitlief. „Es gibt den Glauben, dass Zauberer und Hexen, wenn sie gestorben sind, an bestimmten wichtigen Plätzen ihres Lebens, ein Abbild von sich hinterlassen, wenn sie mit etwas nicht abschließen konnten. Vielleicht hast du das Abbild von Albus Dumbledore hier gesehen?"
„Ja, vielleicht," erwiderte er nachdenklich, schritt jedoch weiter durch die verstaubten Möbel hindurch. Er sah sich die Bilder an den Wänden an, welche zwar größtenteils unter einer dicken Staubschicht verschwunden waren, dennoch sehr wage die Personen zeigten, die sich dahinter verbargen. Er erkannte einen sehr jungen Albus Dumbledore auf den Bildern. Offenbar hatte er einen Bruder. Das konnte Harry zumindest aus den Bildern erkennen.
„Du wusstest, dass dich das Haus herein lassen würde, nicht wahr?" fuhr Jimá sanft fort. Harry nickte.
„Irgendwie hatte ich das Gefühl als ob Dumbledore wollte, dass ich hier her finde."
„Und du hattest offenbar recht," sagte sie zustimmend. „Sonst hätte das Haus dich nicht hereingelassen, wenn Dumbledore das nicht veranlasst hätte."
Er musterte Jimá eine Zeit lang, während sie wie auch alle anderen neugierig und vorsichtig alles beäugten.
„Kanntest du ihn gut? Dumbledore, mein ich."
Sie hatte einen betrübten Ausdruck als sie sich ihm zuwandte.
„Meine Eltern standen ihm sehr nahe," erzählte sie geknickt. „Deswegen hat er sich nach ihrem Tod auch sehr um mich gekümmert. Sorgte dafür, dass ich einen Platz in der Beauxbatons Akademie bekam und selbst als ich dort lernte, blieben wir in Kontakt. Er nahm sich die Zeit zu antworten, auch wenn es mal länger dauerte. Sein Tod ging mir sehr nahe."
„Deine Eltern sind tot?" fragte er traurig. Jimá nickte bekümmert.
„Voldemort hat sie getötet."
Es war ihm nicht entgangen, dass sie Voldemort beim Namen nannte und hätte es die Situation zugelassen, wäre er vielleicht auch darauf eingegangen. Aber das war nicht die Zeit für so unwichtige Bemerkungen.
„Tut mir leid," sagte er schnell. Sie lächelte traurig.
„Ich lebe seitdem bei meinem Adoptivvater, einer meiner Patentonkeln, bin also keine Waise. Aber was er meiner Familie angetan hat... all meinen Freunden...Das werde ich ihm niemals verzeihen und wenn ich könnte, würde ich ihn auf der Stelle dafür zur Rechenschaft ziehen und ihm seiner gerechten Strafe zuführen."
Zum ersten Mal sah Harry unbrechbaren Kampfgeist in ihren braunen Augen aufblitzen und es zeigte ihm nun ebenfalls, warum auch sie und Brian Mitglieder im Orden des Phönix waren.
„Harry, sieh mal!" rief Hermine ihm zu und deutete auf einen Schreibtisch in einem Zimmer, dessen Tür offen gestanden hatte. Darauf befand sich ein Brief, welcher so gar kein Staub trug und aussah als ob er erst frisch vor einiger Zeit dort abgelegt worden war. Bei diesem Brief befanden sich zusätzlich fünf kleine Phiolen mit einer klaren Flüssigkeit in der jeweils ein silberner Faden schwamm. Er öffnete den Brief nachdem er sah, dass sein Name auf dem Umschlag stand.
Lieber Harry,
Schön, dass du her gefunden hast. Diese Erinnerungen sind für dich bestimmt. Ich bin mir sicher, sie werden dir sehr hilfreich sein.
Mit den besten Grüßen,
Albus Dumbledore
Harry zog eine komische Schnute und reichte sie an Jimá weiter, da Hermine und Ron ohnehin direkt bei ihm gestanden und mitgelesen hatten.
„Das ist komisch," bemerkte Ron grübelnd. „Wann hat er das bitte sehr geschrieben und hier abgelegt?"
Brian grinste belustigt, während Jimá ihn argwöhnisch musterte.
„Was?" fragte er unschuldig und zuckte vor ihr zurück. „Nun komm. Albus Dumbledore ist nicht gerade das, was man normal nennt."
„Du musst es ja wissen," kommentierte sie augenrollend, faltete den Brief wieder zusammen und gab ihn an Harry zurück.
„Soll ich die mir etwa jetzt und hier ansehen?" fragte Harry verdutzt. „Hat er hier etwa ein Denkarium versteckt?"
„Nimm die Erinnerungen mit und schau sie dir an, wenn du Zeit dafür findest," schlug Jimá umsichtig vor.
„Ich hab kein Denkarium," entgegnete er jedoch mit kritischem Blick. „Ich bezweifle, dass Mrs Weasley eins bei sich herum liegen hat?"
Ron gluckste.
„Vielleicht benutzt du einfach den in Hogwarts?" schlug er vor, aber Hermine warf ihm einen dämlichen Blick zu.
„Du meinst, den, der sich im Büro von der jetzigen Professorin White befindet?"
„Ach, stimmt ja!" plärrte Ron als sei ihm das wirklich erst jetzt aufgefallen. Harry zuckte nur mit dem Mundwinkel, steckte die Phiolen ein und schritt wieder nach draußen.
„Vielleicht ist hier ja ein Denkarium."
„Wenn du Professor White fragst, wird sie dir das sicher gestatten das Denkarium dort zu nutzen," sagte Jimá und meinte das offenbar sogar ernst. Harry verzog eine schräge Grimasse. Er kannte Jimá und Brian nicht gut genug, um mit ihnen zu teilen, was er über White wusste. Auch wenn er sie mochte, so hatten ihn die letzten Jahre gelernt, besser Vorsicht walten zu lassen, als zu schnell zu vertrauen.
„Nah, glaub ich nicht. Professor White und Ich sind – uhm – sagen wir alles andere als gut aufeinander zu sprechen."
„Wirklich?" rutschte es sowohl aus Jimá wie auch aus Brian gleichzeitig und gleich überrascht heraus. Harry war so überrumpelt von dieser Reaktion, er sah beide argwöhnisch an, doch die beiden lächelte das Ganze unangenehm wieder weg. Ihm fiel erst jetzt ein, dass sie darauf im Auto, als er sie damals gefragt hatte, nicht geantwortet hatten.
„Kennt ihr beide Professor White nun näher oder nicht?"
„Nein."
„Nö."
Diese Antworten kamen ihm eindeutig zu schnell und zu gleichgültig als dass er es einfach so hinnehmen hätte können. Für ihn hieß es, dass beide sie sehr wohl näher kannten, ihm aber einfach nichts sagen wollten. Dasselbe vermutete er bereits bei Lupin und irgendetwas sagte ihm, dass er eine solche Antwort auch von Mr und Mrs Weasley bekäme, wenn er sie auf diese Hexe ansprach. Was war los? Wieso versuchten alle um ihn herum ihn daran zu hindern mehr über die neue Direktorin von Hogwarts herauszufinden?
„Ist sie ein Todesser?!" fragte er geradewegs heraus, zum großen Teil auch, weil er es satt hatte auf der Stelle zu treten. Brian und Jimá erstarrten beide als ob sie ein Blitz getroffen hätten, tauschten erneut Blicke aus und wieder versuchten sie das ganze ungewöhnlich schnell zu verstecken.
„Professor White?" fragte Jimá und versuchte offenbar möglichst sicher zu klingen. „Unsinn, Harry. Wäre sie das, würde das Zaubereiministerium sie nicht als Direktorin von Hogwarts einsetzen. Der Zaubereiminister war früher Leiter der Aurorenzentrale und er würde das doch wissen, wenn dem so wäre."
„Professor White ist sehr gut," stimmte Brian der Freundin zu und hatte Harry überzeugend angesehen. „Sie ist bestimmt für den Posten geeignet. Abgesehen davon – Sie ist Direktorin. Keine Lehrerin. Ist nicht so, dass du sonderlich viel mit ihr zutun haben wirst, richtig? Gut, ich hatte verhältnismäßig viel mit meinem Direktor zutun. Dumbledore. Wurde immer zu ihm bestellt, weil McGonagall und meine anderen Lehrer fanden, es sei absolut nicht angebracht den Kopf eines Mitschülers in ein Streuselkuchen zu verwandeln, selbst wenn derjenige ein Reinblutvernarrtes, arrogantes Rindvieh ist."
Harry hatte überlegt zu sagen, dass Professor White ihm das dunkle Mal gezeigt hatte, ließ es jedoch bleiben. Das ganze letzte Jahr hatte ihm gezeigt, dass seine Freunde seine Bedenken gewöhnlicherweise nie teilten und immer irgendwelche Erklärungen fanden, die ein Verhalten weniger verdächtig machten. Brian und Jimá schienen da keine Ausnahme zu machen und außerdem war es ohnehin gefährlich jemanden zu sehr auf White anzusetzen, wenn sie wirklich so gefährlich war, wie sie sich ihm gegenüber gab.
Er wollte sich die Mühe ab jetzt an sparen, damit er sich seine Nerven für Wichtigeres aufsparen konnte. Er hatte das Gefühl, dass er noch sehr viel davon brauchen würde, sobald er in Hogwarts auf den Todesser traf.
„Du gingst nach Hogwarts?" sagte Hermine überrascht, denn Brian war nur gering älter als sie alle und sie konnte sich nicht daran erinnern ihn in Hogwarts in den ersten Jahren mal gesehen zu haben.
„Yap," sagte Brian, ging jedoch nicht auf ihre Überraschung ein. „Ich glaube nicht, dass hier ein Denkarium ist, Leute. Die sind normal selten und auch nur im Besitz von wirklich großen und starken Zauberern – oder Hexen," fügte er mit Blick auf Hermine hinzu, die fast schon den Mund geöffnet hatte. „Wenn Dumbledore eins hatte, dann wohl eher in seiner Wohnung in Londin. Aber ich kann dir eins besorgen. Eines von vielen Vorteilen eines Fluchbrechers. Beziehungen."
Er blitzte Harry vielsagend an und nickte schließlich Richtung Tür.
„Wir sollten nicht zu viel Zeit hier verbringen. Sobald es dunkel ist, wird es schwerer euch sicher wieder zurück zum Fuchsbau zu bringen und du wolltest noch in das Haus deiner Eltern."
Einstimmig verließen sie das Haus wieder und machten sich stattdessen auf dem Weg die Straße hinauf hinter Jimá zum Haus der Potters.
Sie stoppten als sie an ein Haus kamen, bei dem die rechte obere Seite zerstört war. Der Rest stand zwar noch, aber zeigte genug Spuren der Zeit und auch, dass dieses Haus ebenfalls seit Jahren keiner mehr betreten hatte. Es war das Haus von Lilli und James Potter. Harry schluckte und war auf einmal wie erstarrt. Hier war es also passiert. Hier hatte Voldemort seine Eltern ermordet.
„Wie kommt es, dass es noch steht?" fragte er an Jimá gewandt, welche direkt neben ihm stehen geblieben war.
„Nach ihrem Tod und deinem Überleben, hat Albus Dumbledore es mit der Zustimmung der damaligen Zaubereiministerin schützen lassen. Jeder Muggel, der hier vorbei käme, würde nicht mal merken, dass hier etwas steht und auch nie das Grundstück betreten können. Allein Zauberer und Hexen können das Haus sehen, nicht aber betreten. Das dürfen weiterhin nur diejenigen, denen m -" Sie stoppte plötzlich als ob sie sich verschluckt hätte. „Sorry.," sagte sie sofort abwinkend und beendete den Satz schließlich gefasster. „Denen man Zugang gewährt hat. Also ihren Freunden, Familie und nahen Vertrauten. Deine Geschichte ist jedoch überall bekannt und jeder in der Zauberwelt weiß, wem dieses Haus hier gehörte und was hier passiert ist."
Harry nickte als Zeichen, dass er sie gehört hatte, dann schritt er zur Haustür und fasste den Knauf mit zitternden Händen an. Dies war schlimmer als zuvor das Haus von Dumbledore zu betreten. Würde er auch hier auf Abbilder seiner Eltern treffen? Insgeheim wünschte er sich das, aber er wusste auch, wie enttäuscht und niedergeschlagen er sein würde, wenn es nicht zutraf und einfach nur ein leeres, verlassenes Haus blieb.
„Wenn du dich alleine in einem Zimmer aufhältst," flüsterte Jimá plötzlich hinter ihm und zwar so leise, dass wirklich nur er sie hören konnte. „Dann kannst du sie sehr kurz sehen."
Harry sah sie verblüfft an, obgleich sie ihn lediglich sanft anlächelte und zuversichtlich zunickte als Zeichen, dass er es ruhig wagen sollte. Er drückte den Türknauf. Sie ging mit einem Klick auf und quietschte als er die Tür aufdrückte. Sie alle schritten hinein und es war nicht anders zu erwarten als das überall eine meterhohe Staubschicht lag, welche mit jedem Schritt eines jeden aufgewirbelt wurde.
Sein Blick fiel auf den zerstörten Teil des Hauses. Er ging die Stufen nach oben und fand sich dort alleine vor. Jimá hatte offenbar alle anderen davon abgehalten ihm zu folgen und stattdessen alle gebeten ihm etwas Privatsphäre zu geben. Er betrat die obere Etage mit Vorsicht, da es sich auch alles andere als sicher anfühlte, eher so als ob es jeden Moment bei zu festem Auftreten in sich zusammenbrechen würde.
„Man, Harry's Eltern mussten echt Kohle gehabt haben," hörte er Ron erstaunt unten das Haus bewundern. Obwohl alles unter Staubschichten lag, sah es bis auf den weggesprengten Teil immer noch massiver und eher nach einem großen Haus aus, als der Fuchsbau.
„Harry's Vater war James Potter," hörte er Brian erwidern. „Natürlich hatten die Kohle. Die Potters gehörten zu den wohlhabendsten, reinblütigen Zaubererfamilien überhaupt. Sogar sehr viel wohlhabender als die Malfoys, die bekanntlich mit ihrem Reichtum und Villen prahlen. Auch wenn das für Harry's Mutter nicht galt, sein Vater war es und zwar sehr wohlhabend."
„Was heißt sehr wohlhabend?" fragte Ron zurück.
„Sagen wir's mal so: Harry müsste nicht arbeiten nach seinem Abschluss und könnte von seinem Geld leben. Harry, seine Frau, seine Kinder, deren Kinder und selbst noch seine Urenkeln."
„Wow!"
„Hört auf über Geld zu sprechen, Jungs," mahnte Jimá die beiden und Harry beschloss in das Zimmer zu schreiten, um seine Freunde nicht länger zuzuhören. Er mochte es ebenfalls nicht über Geld zu sprechen, auch wenn ihn Brian's Vergleich des Vermögen seiner Eltern, was in Gringotts lagerte, durchaus beeindruckt hatte. Das hatte selbst er nicht von seinen Eltern erwartet. Viel Gedanken hatte er sich darum allerdings auch nie gemacht.
Er atmete tief durch, hoffend, dass sich etwas rühren würde, aber nichts tat sich. Traurig senkte er den Kopf und beschloss wieder zu gehen. Es befand sich ohnehin nicht viel in diesem Raum, da der Großteil weggesprengt war. Gerade als er zur Tür raus schritt, hörte er jedoch ein Geräusch und hatte sich blitzschnell wieder umgedreht. Ein Foto war auf den Boden gefallen.
Harry schritt vorsichtig rüber und hob das Foto auf, um es wieder an die Wand zu hängen, nicht jedoch ohne den Staub mit seinem Ärmel abzuwischen und sich das Bild anzusehen. Auf dem sich bewegendem schwarz-weiß Foto waren die 21jährige Lilli und James, sowie er als kleines Baby, sicher und fest in Lilli's Armen, sowie – Harry runzelte verwirrt die Stirn - ein seltsames Licht. Es war hell und beleuchtete ein großen Teil des Bildes. Für ein Augenblick hatte Harry das Gefühl ein weiteres kleines etwa 3 oder 4jähriges Mädchen auf James' Armen zu erkennen, aber schon im nächsten Moment wurde es wieder zu dem hellen Licht, was diesen Teil des Bildes reflektieren ließ. Er hing das Bild nicht wieder auf, sondern schritt stattdessen damit aus dem Zimmer. Er wollte gerade die Tür zu ziehen, da blieb er jedoch stehen und betrachtete die andere Seite des Ganges. Es gab 2 weitere offene Türen. In einem sah er ein großes Doppelbett und alles in dem Zimmer zeigte, dass hier seine Eltern geschlafen hatten. Das andere Zimmer dagegen – war ähnlich eingerichtet wie das, was er gerade verlassen hatte. Überall lagen verstaubte Spielsachen, jedoch für Mädchen, Anziehsachen, eindeutig für ein kleines Mädchen, ein pinkfarbenes Bett, gemacht für ein kleines Kind.
Vorher glaubte er, dass es nur ein Zufall war und das Mädchen auf dem Bild seiner Fantasie entsprang. Nun aber war er sich sicher, dass mehr dahinter steckte. Der Traum, den er hatte... Das war kein Zufall mehr. Hier hatte noch jemand gelebt, außer er und seine Eltern. Ein Mädchen. Es musste ein Zauber auf dem Foto sein, dass es versteckte. In diesem Zimmer befanden sich keine Bilder, genauso wenig im Zimmer seiner Eltern und als er zurück in sein Kinderzimmer schritt, fand er gleichfalls keine weiteren Bilder vor. Das einzige befand sich nun in seiner Hand.
„Nichte?" schlug Ron vor als Harry nach einer gefühlten Ewigkeit zu ihnen herunter kam und von seiner Entdeckung oben erzählte.
„Harry's Mutter hatte doch nur eine Schwester und die haben nur einen Sohn," entgegnete Hermine ihm.
„Väterlicherseits?" versuchte er es erneut.
Harry dachte nach, aber die Wahrheit war, dass keiner je mehr über seine Eltern sprach als nötig. Von jedem hörte er dies und jenes über ihren Charakter, dass sie gute, freundliche und mutige Menschen waren. Nie hatte ihnen jemand jedoch näher über die Familie seines Vaters erzählt und Harry hatte nie danach gefragt. Wen hätte er auch wie danach fragen sollen? Bis heute wusste er nicht mal, dass sein Vater so reich war, wenn Brian das nicht ausgeführt hätte.
„Remus müsste es wissen, oder?" sagte er nach einer Weile in die Runde. „Er und mein Vater waren beste Freunde."
„Stimmt," sagte Ron. „Oder, Brian? Du kennst die Familie Potter doch? Jedenfalls wusstest du, dass sie viel Geld hatten?"
Jimá und Brian hatten sich bis dahin an den Mutmaßungen nicht beteiligt und erst nachdem sie adressiert wurden, sahen sie aufmerksam auf.
„Uhm," machte der Zauberer unangenehm. „Sorry. Das war alles was ich wusste, was man sich in der Zaubererschaft eben erzählt. Hab deine Eltern nie kenngelernt, Harry."
„Deine Eltern hatten doch bestimmt viele Freunde?" sagte Jimá und sah ihn zuversichtlich an. „Ich bin mir sicher, dass sie dir alle mit Freuden die Fragen beantworten würden."
„Jaah," erwiderte Harry nachdenklich und steckte das Bild ein. „War nur komisch... Okay."
„Jedenfalls sollten wir langsam zurückkehren oder wir apparieren noch bei Dunkelheit herum."
Alle warfen Harry einen fragenden Blick zu und entschieden damit, dass dies seine Entscheidung sein sollte. Er nickte müde und folgte ihnen nach draußen. Gerade als er die Tür schließen wollte, hielt er inne. Die anderen waren alle schon vorausgegangen und hatten nicht bemerkt, dass er stehen geblieben war. Er sah zurück und erkannte auf der Couch das Abbild seiner Eltern. Sein Herz machte ein aufgeregten Hüpfer als er erkannte, dass sie genauso aussahen wie in seinem Traum. Er fragte sich für einen Moment, ob er sich dies gerade nur einbildete, dann aber sahen seine Eltern plötzlich zu ihm rüber und beide lächelten ihn liebevoll an. Er wollte länger stehen bleiben, aber als Brian's laute Stimme nach ihm rief, hatte er sich erschrocken und sich reflexartig zu den Freunden gedreht. Als er wieder zurück in das Wohnzimmer sah, waren die Abbilder verschwunden. Traurig schloss er die Tür und stieß zu seinen Freunden dazu. Sie apparierten über einen anderen Weg zurück zum Fuchsbau und kamen kurz vor Anbruch der Dunkelheit an. Bevor sie zurück in das Haus schritten, hatte Brian noch mal das Wort an sie gerichtet.
„Harry, wenn du möchtest, könnten wir dir auch deine Wohnung zeigen, die jetzt dir gehört? Ich hab das Gefühl, das wird dir gefallen."
Wenn er ehrlich war, dann war Wohnungsbesichtigung das letzte, was Harry im Sinn hatte, erst recht nach den Ereignissen des heutigen Tages. Brian aber hatte gar nicht erst auf eine Antwort gewartet.
„Jimá und Ich kommen morgen vorbei und bringen euch zu der Wohnung. Wir müssen nicht so oft apparieren, also reicht 10 Uhr. Ron kippt uns sonst unterwegs noch weg."
Er lachte wieder bellend, schlug dem Weasley Sohn freundschaftlich auf die Schulter und apparierte nach einem Zwinker an Harry mit einem höllisch lauten BANG. Jimá schnaubte genervt und winkte allen freundlich.
„Bis morgen – Es sei denn ich trete Brian vorher gehörig in den Hintern so dass ihm Hören und Sehen vergeht, dieser doofe Clown!"
Plopp. Jimá war ebenfalls appariert.
Mrs Weasley hatte ihnen Abendessen gekocht und zwar reichlich. Harry bekam nicht wirklich ein Bissen runter, woraufhin sie ihn sogar noch mehr auf seinen Teller legte mit den Worten, er müsse mehr essen, um bei Kräften zu bleiben. Als er Ginny's besorgten Blick traf, konnte er nicht anders als sich zum Essen zu zwingen, damit sich der traurige Blick endlich wieder aufhellte. Das tat er dann auch tatsächlich und sie drückte unter dem Tisch liebevoll seine Hand.
Mr oder Mrs Weasley nach dem Mädchen auf dem Bild zu fragen erschien Harry als unsinnig, zumal er glaubte, dass sie seine Eltern womöglich gar nicht gekannt haben. Zumindest gab es nie Anzeichen dafür. Er hätte Lupin schreiben können, aber so wie dieser sich in der letzten Zeit verhielt, war es wahrscheinlicher von einem Fremden auf der Straße mehr Informationen über seine Eltern zu bekommen als von ihm.
An diesem Abend lag er wie an jedem anderen Abend seitdem er im Fuchsbau lebte auch von Angesicht zu Angesicht mit Ginny in seinem Bett. Es war weit nach Mitternacht und sie waren sicher gegangen, dass ihre Eltern bereits im Bett waren, bevor sie sich zu ihm ins Zimmer schlich.
„Willst du wissen, was ich denke?" fragte sie nach einer Weile. Draußen war es dunkel und alles was man hörte waren die Zirpen hier und da. Er sah sie sanft an und nickte.
„Klar."
„Ich glaube, deine Eltern waren sehr gute Menschen," flüsterte sie sanft, bedacht darauf den Blickkontakt zu halten, damit er verstand, wie ernst sie jedes ihrer Worte meinte. „Sie wollten dich beschützen, selbst als es ihnen ihr Leben kostete. Sie waren für Gerechtigkeit, deswegen waren sie Mitglieder im Orden des Phönix. Sie waren offenbar alles andere als traditionsgebunden oder konservativ. Dein Vater war reinblütig und hat dennoch deine Mutter geheiratet, eine muggelstämmige Hexe.
Wer immer dieses Mädchen auf dem Foto auch ist, es gab bestimmt Gründe, weshalb sie bei ihnen lebte."
„Es ist nur... meine Eltern sind tot und ich nicht. Was ist mit ihr? Ist sie auch getötet worden? Ist sie meine Schwester? Wenn ja, wieso konnte ich nicht bei ihr leben, wegen dem Schutz meiner Mutter? Oder ist sie auch tot? Wenn sie meine Schwester ist... muss ich das wissen."
Und er erinnerte sich wieder an seinen Traum. Sie. Meinten seine Eltern das Mädchen damit? War es womöglich gar kein Traum, sondern eine Erinnerung, die irgendwo in ihm verborgen war? Hatte er eine Schwester? Brauchte sie vielleicht sogar seine Hilfe und deswegen fand er genau jetzt das Foto?
„Niemand hatte auch nur erwähnt, dass da noch jemand mit uns lebte. Dumbledore nicht, Sirius nicht und Lupin auch nicht. Wann immer sie über meine Eltern sprachen – kam das nie zu Wort."
„Nun, zwei kannst du nicht mehr fragen. Den letzten aber schon."
„Nur dass er auf keinen meiner Briefe antwortet. Hagrid hatte mir mal ein Buch mit Fotos meiner Eltern geschenkt. Da ist sie auch auf keinem drauf gewesen und dieses Foto wurde offenbar verändert. Jemand war es also wichtig, es zu tun und – Es könnte nichts sein, aber -"
„Vielleicht ist es auch alles," flüsterte sie seinen Satz zu Ende und lächelte verständnisvoll.
„Weißt du, dein Vater war doch Mitglied des Orden damals und wenn Lupin dir nicht antwortet, vielleicht solltest du dich dann an jemand anderen wenden? Zum Beispiel Mad-Eye? Er war doch auch damals Mitglied?"
Harry lächelte. Sie hatte recht und das war es, was er heute Abend gebraucht hatte. Jemand, der ihm zuhörte und half und nicht versuchte seine Fragen beiseite zu schieben. Sie fand irgendwie immer die richtigen Worte, damit alles nicht mehr so dunkel und vergeblich wirkte. Harry legte seine Hand um ihre Hüfte und zog sie zärtlich an sich ran.
„Ich wüsste nicht was ich ohne dich täte, weißt du das?" flüsterte er ehrlich. Ginny kicherte und strich zärtlich über seine Wange.
„Ich schwärme für dich seitdem ich dich kenne, Harry. Glaubst du wirklich, dass du mich überhaupt wieder los wirst?"
Er lachte nun ebenfalls und beide strahlten einander an. Ginny war danach sehr schnell in seinen Armen eingeschlafen, aber Harry fand nicht wirklich die Ruhe dazu. Voldemort war draußen, vielleicht sogar näher als ihnen überhaupt bewusst war. Seine Todesser hatten einen Angriff auf der Hochzeit gewagt und dann einen weiteren als sie aus der Winkelgasse kamen. Es war nur eine Frage der Zeit bis der nächste Angriff kam und der würde vielleicht nicht mehr so glimpflich ausgehen.
Voldemort wollte ihn. Tot oder lebendig. Er war mit seiner Suche nach den Horkruxen noch kein bisschen weiter gekommen und befand sich auf der selben verlorenen Stelle wie schon am Tag von Dumbledore's Beerdigung. Und nun auch noch all diese neuen Fragen, die ihn beschäftigten und seine Konzentration von seiner eigentlichen Aufgabe ablenkten. Er fühlte sich richtig schwach und am Abgrund. Und er musste irgendetwas dagegen tun. Morgen, würde er es ändern. Morgen...
Um Punkt 9.55 Uhr klingelte es an der Tür und Mrs Weasley öffnete die Tür für Brian, Jimá und – zu Harry's Verwunderung – Tonks.
„Überraschung!" trällerte sie fröhlich und wirkte mit ihren knall pinken Haaren und dem beißend orange farbigem Umhang ziemlich auffallend.
„Hi, Tonks," sagte er verwirrt als sie breit strahlend herein schritt. Brian und Jimá hinter ihr her.
„Du bist heute auch dabei?"
„Ja, je mehr desto lustiger," sagte sie vielsagend und strahlte immer noch wie ein Honigkuchenpferd. Harry konnte sich das so überhaupt nicht erklären, denn während sie im letzten Jahr sehr traurig wirkte und stets unscheinbar mit mausbraunen Haaren auftrat, so wirkte sie heute wieder kunterbunt und auffällig wie eh und je.
„Na dann, viel Spaß, ihr Lieben," trällerte Mrs Weasley und winkte allen fröhlich zu. Tonks dagegen nahm sie liebevoll und sehr herzlich in die Arme und Harry hätte schwören können zu hören wie Mrs Weasley „Herzlichen Glückwunsch" zu Tonks flüsterte.
Herzlichen Glückwunsch wozu?! Dachte er sich irritiert, schritt dann aber zu allen anderen nach draußen und apparierte mit ihnen zu seiner neuen Wohnung im Herzen von London. Sie waren kaum durch die Tür geschritten, da erkannte Harry einen Priester in der Wohnung stehen und direkt in seiner Nähe Lupin und ein fremdes Ehepaar.
„Was geht denn hier vor?" fragte Ron verwirrt, denn Lupin trug mal kein zerrissenen Umhang und sah im Gegenteil sogar sehr festlich aus. Harry fiel auch jetzt erst auf, wie elegant (trotz der leuchtend orangenen Farbe) Tonks aussah als sie sich zu Lupin stellte.
„Überraschung!" jubelte sie heiter. „Remus und Ich werden hier und jetzt heiraten."
Ron war die Kinnlade herabgefallen und Harry, Hermine und Ginny tauschten freudig überraschte Blicke aus.
„Was jetzt, echt?" fragte Harry als Remus sich neben ihn stellte und väterlich ansah.
„Ja, echt," antwortete er umsichtig. „Harry, ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass wir euch so damit überfallen. Alles ging sehr schnell, aber wir sind nun alle hier. Ich würde mich freuen, wenn du mein Trauzeuge bist."
„Klar!" sagte er sofort. Er war zwar überrumpelt von allem, aber nie im Leben hätte er diese Bitte abgelehnt. Neben Sirius war Remus für ihn ebenfalls zu einem sehr wichtigen Menschen geworden und nach Sirius' Tod war Remus der Einzige, dem sich Harry nahe genug fühlte, um ihn ab und zu über seine Eltern auszufragen. Nun erklärte ihm das auch das Ehepaar im Raum. Tonks stellte ihm ihre Eltern vor und Harry und die anderen schüttelten Andromeda und Tod Tonks freundlich die Hände.
Lupin hatte Harry mit sich in das Zimmer neben an gezogen, während Brian seine Eltern begrüßte.
„Wirklich, Kleiner. Du und Nyphadora solltet euch viel öfter zu Hause blicken lassen. Wir machen uns große Sorgen, wenn ihr euch so selten meldet."
„Ja, Mum," sagte Brian brav während seine Mutter ihm den Umhang zurecht zupfte.
Kaum im anderen Zimmer angekommen, fand sich mitten im sonst leeren Zimmer eine Schale aus Stein – Ein Denkarium? Harry's Herz machte ein großen erfreuten Hüpfer.
„Brian hat mir von deinem Fund gestern in Godric's Hollow erzählt. Wir haben daraufhin mit der neuen Direktorin von Hogwarts gesprochen und solange du ihn nur benutzt, um die neu gewonnenen Erinnerungen zu sehen, hat sie sich einverstanden erklärt ihn dir dafür zu leihen."
„Hat sie?" rutschte ihm vollkommen überrascht heraus. Remus lächelte sanft.
„Sie vertraut darauf, dass du dir keine Erinnerungen aneignest, die nicht für dich bestimmt sind, nachdem wir es ihr versichert haben. Das Denkarium beherbergt sehr viele Erinnerungen von vorherigen Schulleitern und ist damit ein großer Schatz an Geschichten. Es ist sehr großzügig von ihr, versteht aber, dass du das im Moment dringend benötigst."
Harry wollte gerade seine Irritation zum Ausdruck bringen, wurde aber durch den Priester gehindert, der zwischen Tür und Angel aufgetaucht war.
„Wenn nun alle anwesend sind, können wir mit der Zeremonie beginnen," sagte der Priester, aber Remus und Tonks hatten beide gleichzeitig protestiert.
„Es fehlt noch jemand," fügte Remus hinzu und war zurück zu den anderen geschritten. Harry hatte keine andere Wahl als zu stöhnen und zu folgen. Hätte der Priester nicht eine Minute später erscheinen können?
Remus sah enttäuscht zur Tür, die sich einfach nicht noch mal öffnen wollte.
„Wer denn?" fragte Harry interessiert, aber Lupin hatte ihn nicht mal wirklich wahrgenommen als er nebensächlich antwortete „Jemand."
Sie warteten fast eine weitere Stunde, aber es kam niemand. Harry und Ginny hatten sich seine neue Wohnung etwas genauer angesehen und fanden es eigentlich ganz nett für die ersten eigenen vier Wänden. Ginny fand es niedlich, dass man in einem Teil des Schlafzimmers farbige Handabdrücke eines Kleinkindes an der Wand vorfand.
„Süß! Die Vorbesitzer hatten bestimmt Kinder," schwärmte Ginny begeistert.
„Der Vorbesitzer war Remus," entgegnete Brian amüsiert. „Die Fingerabdrücke sind von der Besitzerin davor und die kriegt man nicht weg. Selbst neue Farbe haftet nicht. Sorry, Harry. Musst damit in deiner Wohnung klar kommen."
„Du bist doch Fluchbrecher?" wandte Ron ein, aber Brian lachte laut.
„Ja, Fluchbrecher. Kein Alles-Weg-Macher."
Lupin hatte indes seinen Patronus losgeschickt und hoffte auf eine Antwort, aber eine weitere Stunde verging, Ron's Magen knurrte unheilverkündend, und es kam dennoch keine Antwort zurück.
„Wir... Wir können es auch verschieben?" flüsterte Tonks auf seinen tief niedergeschlagenen Blick hin. Lupin saß mittlerweile eingefallen auf einem Stuhl und sah traurig zu ihr auf. Er schüttelte den Kopf, nahm ihre Hand in seine und stand wieder auf. Er schien seine Gefühle hinter einem Lächeln zu verstecken und zog seine Verlobte zu allen Freunden zurück.
„Wir können anfangen," sagte er zum Priester und fügte niedergeschlagen hinzu. „Es kommt niemand mehr..."
Dass er sehr enttäuscht war konnte jeder sehen, aber sie alle strengten sich an ihn wieder aufzumuntern. Eine Hochzeit war schließlich etwas fröhliches und Lupin liebte Tonks zu sehr, um ihr diesen Tag durch sein Missmut zu verderben.
Harry fand die Zeremonie sehr schön, vor allen Dingen aber sehr einfach und viel vertrauter als die Hochzeit von Bill und Fleur, wo es viel zu viele Gäste waren, die er größtenteils nicht mal kannte und was daher auch viel förmlicher war, da auch sehr viele der Gäste aus der Arbeit der beiden gekommen waren.
Er und Ginny tauschten einen tiefen Blick als sich Lupin und Tonks gegenseitig die Ringe ansteckten und er wusste, eines Tages, wenn er dieses Jahr überlebte, würde er sie ebenfalls fragen und sie würden gleichfalls nur im kleinen Kreis den Bund fürs Leben eingehen.
Die Feier wurde danach nicht größer, sondern blieb bei denen, die sich in dem Raum befanden. Der Gast, den Remus noch erwartet hatte, kam nicht mehr und es blieb beim vertrauten Essen der kleinen Gruppe. Harry fand Tonks und Brian's Eltern sehr nett, überließ das Reden dann aber doch lieber Ginny und Hermine. Brian kam eindeutig eher nach seiner Mutter, zumindest vom Aussehen her. Was den Charakter anging, konnte er keine Ähnlichkeiten zu beiden Elternteilen ausmachen. Ted und Andromeda Tonks waren beides eher zurückhaltend und höflich und machten eigentlich kaum Scherze.
Als er Remus in einem nachdenklichen Moment erwischte, packte er die Gelegenheit beim Schopf, um endlich zu reden und da er keine Ahnung hatte, wie er das anders ansprechen sollte, schob er dem Freund einfach das gefundene Foto von seiner Familie rüber. Lupin zuckte überrumpelt zurück und hatte sich Harry mit einem halb entsetztem, halb ertappten Blick zugewandt.
„Wir waren gestern in Godric's Hollow. Das Haus meiner Eltern aufsuchen. Da hab ich das Foto gefunden."
Lupin sagte nichts.
„Da ist ein helles Licht bei meinem Vater. Ich hätte schwören können, dass ich da gestern für einen Moment ein kleines Mädchen drauf erkannt hätte. Vielleicht... 2 oder 3... oder 4 Jahre alt..."
Jeder noch so große Idiot hätte gesehen, dass sein Freund verzweifelt versuchte eine Ausrede zu finden, um nicht die Wahrheit zu sagen, die er ganz offensichtlich kannte und Harry wusste nur ein Weg ihn daran zu hindern sich herauszureden.
„Bin ich mit ihr verwandt? Väterlicherseits, vielleicht? Und wieso wurde dieses Foto so manipuliert, um sie zu verstecken?"
„Harry -" versuchte Lupin ihn zu stoppen, aber er schien immer noch keine Worte zu finden und das zeigte ihm, dass er recht hatte.
„Wieso hat mir keiner von euch je etwas über die Familie meines Vaters erzählt? Sie -"
„Du."
„Uhm?"
„Du bist jetzt 17 und mein Trauzeuge. Es ist Du."
„Err – okay. Du... Du, Sirius, Dumbledore? Ihr kanntet meine Eltern doch so gut?"
Zu spät bemerkte er, dass er die letzten Aussagen lauter ausgesprochen hatte als beabsichtigt und dass die beiden nun jeder andere im Raum ansah. Harry und Remus verfielen in peinliches schweigen, Andromeda und Ted Tonks aber räusperten sich und standen dann auf.
„Ich glaube, es wird Zeit," sagte Erstere und verabschiedete sich mit ihrem Mann von Tochter und Schwiegersohn. Harry war das Ganze zwar unangenehm gewesen, aber zumindest wusste er nun, dass er bei Remus nicht mehr auf Granit stieß. Dieser konnte nicht weiter so tun als wüsste er von nichts und er konnte ihm auch nicht weiter aus dem Weg gehen. Heute Abend würde er ihn konfrontieren – auch wenn es nicht nett war, dies an seinem Hochzeitstag zu tun. Er wartete, dass Tonks Eltern verschwanden und er wieder zurück kam, doch als die Tür geschlossen wurde, kam lediglich Tonks wieder zu ihnen zurück.
„Für heute ist Schluss, ihr Lieben," sagte sie und vermied eindeutig den Blick mit Harry. „Jimá, Brian und Ich bringen euch wieder zurück zum Fuchsbau."
Harry ahnte, dass Remus das Weite gesucht hatte, um nicht auf ihn eingehen zu müssen. Er hätte natürlich darauf beharren können hier zu bleiben, da dies schließlich seine Wohnung war, glaubte jedoch, dass dies von wenig Erfolg gekrönt wäre. Lupin würde womöglich gar nicht hier her zurückkehren, denn es waren kaum noch Möbel in der Wohnung und Tonks hatte ihm schon vorher gesagt, dass Lupin und sie vor einigen Wochen eine gemeinsame Wohnung bezogen hatten.
Mit finsterem Blick folgte er ihnen somit zurück zum Fuchsbau, wo sich Tonks und Brian schnell wieder verabschiedet hatten. Jimá aber apparierte nicht sofort, sondern hatte sich kurz mit mitfühlendem Blick an Harry und seine Freunde gewandt.
„Weißt du, Harry, Remus und du, ihr steht euch doch sehr nahe. Ich glaube nicht, dass er dir irgendetwas vorenthalten würde, wenn es nicht unbedingt sein müsste. Ich will damit nur sagen, wenn er es nicht sagen will, hat er womöglich seine Gründe. Gute Gründe. Vielleicht solltest du ihm einfach vertrauen. Man vertraut doch denjenigen, die man Freunde nennt? Wenn die Zeit reif ist, wird er bestimmt auf dich zukommen und alles erzählen."
Er sah sie irritiert an, nicht wütend oder zornig, weil sie sich einmischte, einfach nur verwirrt. Er fand es nett, weil sie sich im Gegensatz zu Tonks und ihrem Bruder Zeit nahm, um sich damit zu beschäftigen. Irgendwie zeigte sie ihm damit, dass sie Verständnis für sein Verhalten aufbrachte und dass er von ihr gehört wurde. Sie lächelte fürsorglich, dann winkte sie und apparierte ebenfalls.
In Absprache mit Mrs und Mr Weasley würde Harry die restlichen Ferien in seiner Wohnung in London verbringen, nachdem er ihnen versicherte, dass er auf sich aufpassen würde. Da er bereits 17 und damit volljährig in der Zauberwelt war, konnten ihn die beiden das auch nicht verbieten. Sie hätte wohl noch länger auf ihn eingeredet, wenn er ihnen nicht versprochen hätte regelmäßig zum Essen vorbeizuschauen oder von sich hören zu lassen, damit sie wussten, dass es ihm gut ging.
Ron und Hermine wollten den restlichen Sommer ebenfalls bei Harry bleiben und auch das konnten Ron's Eltern nicht verhindern. Ginny aber ließ Mrs Weasley unter keinen Umständen in London übernachten und spielte hier auch all ihre Karten als Mutter und Erziehungsberechtigte aus. Da half alles stampfen, fauchen, bitten und betteln nichts. Abgesehen davon, dass die beiden noch nichts von Harry's und Ginny's Beziehung wussten, wollten sie ihre Eltern auch nicht unnötig provozieren. Irgendwie hatte sich bisher keine gute Gelegenheit ergeben ihnen das mitzuteilen.
So fanden sich die drei am nächsten Tag mit Mr Weasley in Harry's neuer Wohnung ein, welcher darauf bestand sie dorthin zu begleiten. Erst als sie sicher in der Wohnung waren, verließ er sie wieder und ging weiter zur Arbeit.
Die Wohnung war noch relativ leer, aber Harry war es nicht wichtig sich groß einzurichten. Er wollte hier bleiben, weil sich das Denkarium hier befand.
„Und du willst hier wirklich schlafen?" fragte Hermine unsicher.
„Klar," antwortete Harry ohne Umschweife und ging sofort mit den Erinnerungen ins Nebenzimmer. Er wollte keine Zeit mehr verschwenden und sich die Erinnerungen ansehen. Die Phiolen waren nicht nummeriert, also nahm er eine beliebige Phiole und goss alles in die Schale hinein. Er war dabei sich wieder hinein zu bücken als er sich wieder zurückbeugte. Hermine und Ron hatten sich nämlich nicht gerührt.
„Weißt du echt, was du da tust, Mann?" fragte Ron unsicher und auch Hermine sah aus als ob sie lieber das Weite gesucht hätte.
„Ihr müsst nicht mit rein kommen," sagte Harry sofort. Er hatte keine Probleme das alleine zu tun und wandte sich wieder der Schale zu.
„Nein, wir – wir kommen schon," sagte Hermine und hatte sich sehr zögerlich zu seiner anderen Seite an der Schale hingestellt. Ron sah aus als ob er wieder auf Aragog, der Riesenspinne, zugehen müsste als er sich schließlich ebenfalls zwischen ihnen beiden auf der noch freien Seite befand.
„Bereit?" fragte Harry.
„Bereit," sagte Hermine und nickte entschlossen.
„Bereit," sagte auch Ron, wenn auch eher zittrig.
Damit beugten sie sich alle drei über die Flüssigkeit und tauchten in die Erinnerung ein.
Sie kamen in Hogsmeade auf. Harry fest auf den Beinen, Hermine wackelnd auf den Beinen und Ron auf seinem Hintern. Harry und Hermine halfen ihm auf.
Es war Dumbledore, welcher auf den Eberkopf zuging.
„Wir müssen ihm folgen," sagte Harry und alle drei gingen dem alten Zauberer nach. Die Bar war leer, allein der Wirt stand hinter dem Tresen und hatte von seinen schmutzigen Gläsern aufgesehen als der alte Zauberer herein schritt. Die beiden starrten sich gegenseitig an, als sich Dumbledore zum Tresen begab und sich auf einen Hocker setzte.
„Guten Abend, Aberforth," sagte er höflich. Der Wirt brummte etwas missverständliches. Hermine, Ron und Harry hatten sich auf die übrigen freien Hocker gesetzt und beide beobachtet.
„Aberforth..." wiederholte Hermine tief in Gedanken versunken.
„Er war auch bei der Beerdigung," sagte Harry.
„Er ist Dumbledore's Bruder," sagte Hermine dann jedoch und beide Jungs blickten überrascht auf.
„Wie jetzt, echt?" sagte Ron verdutzt.
„Ganz sicher," erwiderte Hermine.
„Die beiden sehen sich irgendwie so überhaupt nicht ähnlich," bemerkte Ron und wippte mit dem Kopf hin und her. „Dafür dass sie Brüder sind, mein ich. Aber gut, wir haben auch alle nichts gemein mit Percy, diesem Großtrottel."
„Stimmt," sagte Hermine, der es erst jetzt wieder eingefallen war. „Er war gar nicht auf Bill und Fleur's Hochzeit?"
„Bill hat ihn eingeladen, aber er hat ganz formal abgesagt, dieser Blödmann!"
Hermine und Harry tauschten betretene Blicke, wandten dann ihre Aufmerksamkeit aber wieder dem Geschehen zu. Aberforth hatte begonnen den Tresen zu wischen und den einzigen Menschen außer ihm in diesem Raum zu ignorieren. Anhand der verbrannten Hand wusste Harry, dass dieser Vorfall irgendwann im letzten Jahr gewesen sein muss.
„Ich habe mich gefragt, ob du von ihr gehört hast," sprach Dumbledore sanft, aber der Wirt putzte fast ein wenig fanatisch weiter ohne darauf einzugehen.
„Ich habe versucht sie zu finden, aber es hat sich alles als äußerst uneffektiv herausgestellt. Ob nun von ihr beabsichtigt oder nicht."
Harry setzte seine Stirn in Falten und blickte die beiden Männer Stirnrunzelnd an. Selbst der Wirt hatte aufgehört zu wischen und schnaubte stattdessen auf, bevor er sich endlich dem Gast zuwandte.
„Kannst du immer noch nicht aufgeben?" brummte er grimmig.
„Leider nicht. Nein," sagte Dumbledore nach wie vor gelassen und hatte auch keine düstere Miene verzogen, so wie es sein Gegenüber tat.
„Was hast du denn erwartet?" grummelte dieser finster weiter und sah auch sehr aufgebracht aus. „Dachtest du, nach all dem was passiert ist, würde sie hier bleiben? Natürlich ist sie untergetaucht. Keiner findet sie, wenn sie's nicht selber will. Hätte ich ihr damals nicht angeboten jedes Mal hier aufzutauchen, sie wäre doch niemals auf deiner Schule geblieben! Sie wäre schon früher für immer weggerannt, wenn es nach ihr ginge. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben was dich betrifft, aber das mit ihr ging zu weit! Was passiert ist, ist deine Schuld!"
Obgleich sein Bruder laut geworden war und unverkennbar seinem Ärger Luft machte, war Dumbledore ruhig sitzen geblieben. Sein Gesicht aber zierte große Sorge – und ebenfalls große Schuldgefühle.
„Ich muss sie finden, Aberforth," sagte er immer noch höflich als ob sein Bruder nicht an ihm explodiert wäre und sie ein ganz normales, freundschaftliches Gespräch führen würden.
„Ich glaube durchaus, dass ein Teil von ihr noch der ist, den wir kennen und nicht alles in ihr verloren ist."
„Ach? Und dann kommst du zu mir? Ich hab sie an dem Tag verloren an dem ich dir geholfen habe," fauchte er verbittert und hatte das staubige Tuch beiseite geschmissen. „Sie ist nur deswegen solange geblieben, weil sie einen Grund hatte. Ihre Freunde und ihn. Ich weiß nicht mal, ob sie überhaupt noch lebt. Glaubst du, ich habe nicht versucht sie zu finden oder zu erreichen? Aber sie ist nicht mehr sie selbst. Ich weiß nicht, ob noch etwas von ihr überlebt hat. Pah."
Er schnappte sich wieder das Tuch und begann erneut fanatisch über ein und dieselbe Stelle zu wischen. Nicht, dass es dadurch sauberer wurde.
„Black Heart, Phowlyris, pah! Alles Blödsinn! Alles schlecht! Du hättest das verhindern müssen. Du hast gesagt, du kannst das. Nur deswegen hab ich sie dazu überredet, deinem Orden beizutreten!"
Dumbledore zeigte zum ersten Mal Anzeichen von Trauer und Reue.
„Ich glaube, dass sie deine Eulen zumindest annimmt," sagte er behutsam ohne auf die Vorwürfe eingegangen zu sein und da Aberforth plötzlich aufhörte zu putzen, wurde allen klar, dass der Zauberer mit seiner Vermutung recht behalten hatte. Er nahm ein Brief aus seiner Tasche und legte ihn auf den Tresen.
„Ich möchte dich bitte, diesen an sie weiterzureichen."
„Wenn sie nichts von dir hören will, wieso sollte ich sie dazu zwingen?" brummte Aberforth missmutig.
„Sie wird es wissen wollen," antwortete Dumbledore ruhig, dann erhob er sich wieder. „Ich weiß, was ich tat ist unverzeihlich und ich habe das akzeptiert. Es geht hier aber nicht um mich. Es geht um Menschen, denen sie nach wie vor wichtig ist und die ihr wichtig sind. Ein Teil von ihr wird es wissen wollen. Ich bin zuversichtlich, dass sie noch existiert und nicht – vollständig vergangen ist.
Ich bitte dich um den Gefallen, den Brief an sie weiterzureichen. Alles, was danach passiert, liegt dann nicht mehr in meiner Macht. Ich konnte es jedoch nicht unversucht lassen, diesen einen Strohhalm noch zu ergreifen, wenn auch nur die kleinste Möglichkeit besteht, dass etwas in ihr überlebt hat.
Glaube mir, ich bin mir sehr wohl meiner Fehler bewusst. Genauso aber bin ich der Überzeugung, dass dies der einzige verbleibende Weg ist. Ich kenne dich außerdem gut genug, um zu wissen, dass du ihn ihr geben wirst, was mich ebenfalls beruhigt. So ist die Möglichkeit ihrer Rückkehr, so klein wie sie auch ist, nicht verschwindend gering. Du kannst mir glauben, dass mir durchaus bewusst ist, was eine Rückkehr bedeuten kann und was für Gefahren dies mit sich bringt. Für alle Beteiligten ist dies dennoch sehr wichtig. Sie wird gebraucht."
Der Wirt schnaubte missmutig und begann wieder den Tresen zu putzen. Damit war das Gespräch für beide beendet und Dumbledore erhob sich wieder.
„Einen schönen Abend dir noch, Aberforth. Danke für deine Mühen."
Mit einem freundlichen Blick schritt er schließlich zur Tür hinaus, Harry, Hermine und Ron hinter ihm her. Sie starrten einen sehr traurigen Dumbledore an, welcher sich nicht mehr bewegte. Die Erinnerung war beendet und Harry half Hermine und Ron wieder aufzutauchen.
Die drei Freunde saßen in Harry's leerer Wohnung auf der Couch, die noch von der Hochzeit da gelassen wurde und grübelten über die gerade betrachtete Erinnerung.
„Wer ist sie?" fragte Ron als Erstes, da alle anderen mehr für sich alleine vor sich hin gegrübelt hatten. „Eine Frau?"
„Ein Mann ist es bestimmt nicht," sagte Hermine dämlich von der Seite. „Und offenbar wollte er, dass sie zurückkommt, um zu helfen."
„Es war auf jeden Fall letztes Jahr," sagte Harry nachdenklich. „Seine verbrannte Hand. Wenn er aber wollte, dass ich diese Erinnerung sehe, vielleicht heißt das, dass ich diese Frau finden muss? Er hat ihr offenbar geschrieben und glaubt, dass sie wieder zurückkehrt – von wo auch immer."
„Und wer auch immer sie ist?" sagte Ron genauso dämlich wie Hermine vorher. „Hätte er kein Namen nennen können?"
„Vielleicht ist es in einer der anderen Erinnerungen?" sagte Harry grübelnd.
„Oder er konnte ihren Namen nicht sagen, um niemanden auf ihre Fährte zu bringen?" schlug Hermine dagegen sehr umsichtig vor. Ron und Harry wandten sich ihr sofort interessiert zu.
„Vielleicht befürchtete er, dass auch jemand Fremdes an diese Erinnerungen kommen könnte und sie sich aneignet. Sie ist offenbar untergetaucht und keiner taucht unter, wenn es niemanden gibt, vor dem er sich versteckt.
Und ich kann mir vorstellen, dass diese Frau, wer immer sie ist, es tun musste. Sie erwähnten nämlich Phowlyris."
Harry und Ron sahen einander unangenehm an, was Hermine zeigte, dass sie mal wieder keine Ahnung davon hatten. Genervt rollte sie die Augen.
„Phowlyris sind höhere Wesen und eine ausgestorbene Art. Sie haben zwar menschliche Gestalt, sind es aber nicht. Bis vor 20 Jahren lebten sie noch auf ihrer eigenen Ebene, parallel zu unserer Welt, standen aber mit einigen wenigen Zauberern, zum Beispiel Dumbledore, jedenfalls wurde es so in den Geschichtsbüchern weitergegeben, in Kontakt. Im letzten Krieg dann, starben sie aus. Angeblich existiert keiner mehr von ihnen, außer – und das ist wahrscheinlich das, worauf in der Erinnerung angespielt wurde – eine. Sie nannte sich selbst die ewige Phowlyris."
„Ewige Phowlyris?" wiederholte Ron verdutzt.
„Laut dem Buch Aufstieg und Niedergang der dunklen Künste, stand sie auf Voldemort's Seite. Was jedoch aus ihr geworden ist, ob es sie überhaupt noch gibt, wird darin jedoch nicht ausgeführt. Es wird jedoch gemutmaßt, dass sie nach dem damaligen Fall von Voldemort untergetaucht ist."
„Also lebt sie?"
„Das ist der Punkt," fuhr Hermine ernst fort. „Eine Phowlyris kann man nicht töten. Wenn du sie tötest, wird sie zu einer gefallenen Phowlyris und lebt für immer. Es heißt, die ewige Phowlyris ist nicht getötet worden."
„Wieso dann ewig, wenn sie nur für immer leben, wenn sie getötet werden? Das heißt doch, dass sie durchaus irgendwann von selbst sterben?"
„Normal schon. Sie aber soll königlichen Blutes von ihrem Volk sein und die können wohl tatsächlich viel länger als üblich leben. Es soll mal eine Königin gegeben haben, die sich erst nach 500 Jahren entschlossen hatte zu sterben."
Ron und Harry sahen einander verwirrt an.
„Ich glaube auch, dass Dumbledore dir die Erinnerung gezeigt hat, weil er will, dass du sie findest. Vielleicht ist sie jemand, die es mit dieser ewigen Phowlyris aufnehmen kann? Offenbar hat Voldemort diese ewige Phowlyris auch noch nicht gefunden. Zumindest ist sie bisher nicht auf der Bildfläche aufgetaucht und ich bezweifle, dass er so jemanden nicht zeigen würde, wenn er sie auf seiner Seite hätte. Und laut dem Buch ist sie untergetaucht als er verschwand."
„Mr Weasley sagte, dass Voldemort gerade etwas Wichtigeres tun würde," sagte Harry nachdenklich. „Das könnte es sein, nicht wahr? Er sucht nach seiner stärksten Verbündeten?"
Hermine nickte ernst.
„Vielleicht sprichst du mal mit dem Wirt vom Eberkopf? Dumbledore hat nicht erwähnt, wen du suchen sollst, aber sein Bruder weiß es bestimmt."
Bevor Harry jedoch eine blöde Bemerkung machen konnte, da er kaum glaubte, dass dieser ihm einfach so frei heraus alles brühwarm weitergab, klingelte es an der Haustür. Alle drei tauschten merkwürdige Blicke zumal sie niemanden erwarteten als plötzlich eine laute Stimme von unten ertönte.
„Mr. Potter?! Hier ist der Möbellieferant Fix-Einrichten-Im-Nu! Ihre Möbel sind da!"
„Möbel?" fragte er zu Ron und Hermine, aber beide sahen nicht weniger ratlos aus als der Freund. Sie stürzten alle drei zum Fenster und lugten hinaus, wo man eindeutig ein Lieferwagen, beladen mit Möbel sowie zwei Männer mit Zauberstäben, wovon einer ein Bett in der Luft hielt und der andere ein Schrank.
„Ich hab doch gar keine Möbel bestellt?!" rief Harry hinab und erst dann sah der Mann, der gerufen hatte, zu ihm hinauf.
„Die Möbel sind geordert und bezahlt worden und sollen an einem Mr. H. J. Potter geliefert werden !" rief er immer noch laut hinauf. „Es dauert nicht lange, Sir! In 10 Minuten haben wir alles eingerichtet."
„Vielleicht gehört das ja zu Remus' Geschenk dazu?" sagte Hermine und so zuckte Harry mit den Schultern und ließ die Möbellieferanten herein. Sie hatten tatsächlich in 10 Minuten Wohnzimmergarnitur, Schlafzimmer, Küche und Bad mit Möbeln ausgeschmückt.
„Auf Wiedersehen, Mr. Potter. Wir hoffen ihnen gefallen die Möbel. Empfehlen sie uns weiter. Fix-Einrichten-Im-Nu wünscht ihnen noch einen schönen Tag."
Plopp. Beide Männer waren wieder verschwunden. Ron hatte sich sofort auf eine Couch niedergeworfen und sich darin gewälzt.
„Man, die Möbel sind echt klasse! Die Couch ist weicher als mein Bett!"
„Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass die Möbel wirklich von Remus bezahlt worden sind," sagte Harry und setzte sich wie Hermine auch auf eine weitere Couch, die tatsächlich sehr bequem und weich war.
„Ich mein, er konnte sich früher nicht mal neue Umhänge leisten?"
„Andererseits trug er gestern bei seiner Trauung einen sehr guten neuen Umhang," entgegnete Hermine, was Harry auch erst jetzt wieder einfiel.
„Stimmt."
„Vielleicht hat er jetzt ja Geld," fuhr sie grüblerisch fort. Sie holten sich Pizza vom Restaurant in der selben Straße und erfreuten sich an den gemütlichen Möbeln für eine Weile, bevor sie später Abends die zweite Erinnerung ansehen würden.
„Das hat gut getan," schwärmte Ron und Harry und Hermine grinsten.
„Okay, auf zur nächsten Erinnerung," sagte Harry und holte die zweite Phiole gerade vom Fenstersims, da blieb er stehen und starrte zum Himmel. Kamen da wirklich gerade Eulen auf ihn zu?! Tatsächlich! Mit einem Griff öffnete er das Fenster und alle drei Eulen kamen hereingeflattert. Sie ließen sich auf dem Couchtisch nieder und während zwei der drei Eulen jeweils Hermine und Ron das Bein entgegen streckten, tat es die dritte Eule bei Harry.
„Hogwarts Post zu dieser Zeit?" sagte Harry argwöhnisch.
„So viel Chaos wie die letzten Wochen herrschte ist es irgendwie verständlich," sagte Hermine jedoch und hatte ihre Eule wieder wegfliegen lassen. Ron's folgte nur Sekunden später und Harry's Eule flog als drittes davon. Harry blickte besorgt den Eulen nach. Hedwig war bisher noch nicht wieder zurückgekehrt... Sie war nun schon über ein Monat weg...
„Professor White ist schließlich auch erst seit kurzem zur Direktorin ernannt worden," sagte Hermine weiter. „Na, besser als nie. Ich hab mich schon gefragt, wann die Briefe kommen würden."
„Hey! Ich bin wieder Vertrauensschüler!" sagte Ron freudig.
„Ist man es einmal, ist man es bis zum letzten Schultag in Hogwarts," entgegnete Hermine und hatte Ron mit dem Kommentar erneut mit der Bratpfanne ins Gesicht geschlagen. So fand es jedenfalls Harry und fragte sich, ob die beiden es eigentlich jemals unterlassen würden sich gegenseitig so zu triezen. „Es ist noch nie geschehen, dass man mal Vertrauensschüler war und im nächsten Jahr nicht mehr. Genauso wie mit dem Quidditch Kapitän einer Mannschaft. Ist man es einmal, bleibt man das bis man Hogwarts beendet. Harry, du bist also bestimmt auch dieses Jahr Kapitän der Gryffindor Quidditch Mannschaft."
Er zuckte gleichgültig die Schultern.
„Was aber durchaus vorkommt ist, dass man vorher noch kein Vertrauensschüler war und im darauffolgenden Jahr aber zu einem wird, weil der Vertrauensschüler vom vorherigen Jahr Schulsprecher wurde – Hey! Ich bin Schulsprecherin!"
Hermine hatte glücklich das Abzeichen hochgehalten. Ron rollte mit den Augen, aber Harry gab ihr ein kleines Lächeln. Wäre ihre gesamte Lage nicht so düster gewesen, er hätte sich wesentlich mehr mit seinen Freunden gefreut. Der Gedanke jedoch in kürze nach Hogwarts zurückzukehren und einen Schulalltag zu durchleben als wäre nichts geschehen und die Welt draußen wäre nicht in größter Gefahr vor Voldemort, das kam ihm irgendwie abwegig und komplett wahnsinnig vor.
„Wer ist wohl die Birne, die Schulsprecher wird," warf Ron mit Seitenblick auf Hermine ein. „Bestimmt irgendein Besserwisser aus Hufflepuff. Oder ein Möchtegern Schlauberger aus Rawenclaw. Hoffentlich wird es kein Slytherin Schwein. Wenn es Crabbe oder Goyle sind, verlass ich Hogwarts! Ist es schon mal passiert dass beide aus demselben Haus sind? Dann wette ich, wird es Dean Thomas, der Volltrottel. Irgendeine doofe Leberwurst wird es bestimmt."
„Es gabs schon mal, dass beide Schulsprecher aus einem Haus sind," sagte Hermine, die Harry's Brief für ihn geöffnet hatte, da er diesen einfach beiseite geworfen hatte. „Harry's Eltern waren beides Schulsprecher im selben Jahr und aus Gryffindor. Und scheint als ob er diese Tradition fort führt – Glückwunsch, Harry! Du bist die doofe Leberwurst."
Belustigt hielt sie sein silbernes Abzeichen des Schulsprechers vor den Augen der Jungs und grinste von einem Ohr zum anderen. Ron und Harry fiel beiden die Kinnlade herab und froren auf der Stelle schockiert ein.
Hermine wartete geduldig (jedoch mit sehr viel Genugtuung) bis beide Jungs ihre Stimme wiederfanden.
„Was denkt die sich dabei?" schnauzte Harry aufgebracht.
„Nun ja," versuchte Hermine ihn zu beschwichtigen, da Ron länger entsetzt und sprachlos blieb als erwartet.
„Vielleicht hast du Professor White ja nur falsch verstanden und sie ist eigentlich begeistert von dir?"
„Begeistert?" wiederholte er irre. „Unmögliche Aufgaben! Das wohl eher. Sie will mich nur mit Arbeit zumüllen, damit ich mich nicht gegen Voldemort stellen kann."
„Wenn das der Fall ist, dann geht ihr Versuch aber nach hinten los."
„Hä?" machten Harry und Ron gleichzeitig. Hermine aber sah ihn vielsagend an.
„Na, Schulsprecher haben nicht nur viel Verantwortung, sondern auch viel Freiheiten. Die verbotene Abteilung in der Bücherei ist für Schulsprecher nicht mehr verboten. Außerhalb der Ausgangssperre dürfen sich Schulsprecher durchaus überall auf dem Schulgelände aufhalten – auch außerhalb der Schule."
Erst jetzt sah auch Harry dem positiver entgegen. Wenn White also dachte, sie hätte ihm damit ein Stein in den Weg gelegt, wird sie sich noch gründlich täuschen. Hermine hatte recht. Er musste das ausnützen.
Durch diesen Vorfall war er viel zu kaputt, um die Konzentration für eine weitere Erinnerung zu finden und so gingen sie nach einer längeren Unterhaltung über alles, was vorgefallen war, schließlich doch ins Bett. Hermine schlief auf dem neuen Bett im Schlafzimmer während es sich Harry und Ron auf der Couch gemütlich machten. Diese war so bequem, die beiden Jungs waren binnen kürzester Zeit in den Tiefschlaf geglitten.
