„Mummy, Mummy, Grandpa sagt, wir können mit ihm Schliehen pflücken gehen!" Hugo lief mit seinen kurzen Beinen zu Hermione und warf sich auf sie.
Sie sah einen Moment lang verwirrt aus. „Schlehen, Hugo."
Der kleine Junge sah ungeduldig zu seiner Mutter hoch. „Können wir gehen?"
„Saus los", sagte sie ihm und lächelte über den Rand ihrer Teetasse hinaus. Und weg war er. Seine Mutter blickte zu seiner Großmutter.
„Es wird ihnen hier gut gehen", sagte Judith leise. „Du weißt, wie dein Vater ist. Er wird mit ihnen so lang wie möglich draußen bleiben und bis sie wieder herein kommen, sind sie erschöpft und werden keine Fragen stellen. Mit dir hat er das auch immer gemacht."
„Er konnte mich nicht davon abhalten, Fragen zu stellen", bemerkte Hermione. „Ron beschwerte sich zeitweise darüber."
„Darüber beschwerte er sich?", fragte sie. „Liebling, Fragen zu stellen liegt dir im Blut. Das tust du einfach. Nein, lass mich korrigieren, das bist du einfach."
Hermione zuckte die Schultern. „Ich liebte ihn, Mum. Wirklich."
Judith Granger seufzte und nahm die Hand ihrer Tochter. „Ich weiß."
„Und jetzt ist es vorbei. Ich kann es noch nicht begreifen."
„Das musst du jetzt auch nicht. Du brauchst Zeit. Es wird sich schon einrenken. Du solltest dir ein paar Tage von der Arbeit frei nehmen."
Hermione lachte sanft. „Hab ich schon. Sogar das habe ich schon im Voraus geplant und meinen Sommerurlaub einkalkuliert. Ich konnte es wegen dem Transfer nicht früher machen. Darüber war er auch böse."
Sie runzelte die Stirn und legte den Kopf auf den Tisch. Sie ließ sich von ihrer Mutter die Wange streicheln und das Haar aus dem Gesicht streichen.
Er versuchte, langsamer zu gehen, aber das fiel ihm nicht leicht und ärgerte ihn sehr. Aber das Mädchen zeigte den Ehrgeiz, mit ihm mitzuhalten – sie runzelte die Stirn und ihr Gesicht war verzogen. Aber ihre Beine waren kurz, sie war noch klein und natürlich konnte sie nicht so schnell laufen.
Aber wenn sie mit ihrer Geschwindigkeit weitergingen, konnte er es vergessen, die Apotheke noch mal zu öffnen. Er blieb stehen und runzelte die Stirn – dasselbe Stirnrunzeln, das sie am Gesicht trug – und holte tief Luft, bevor er sich nach unten beugte und sie hochheben wollte. Er wollte sie tragen, das war die einzige Möglichkeit, um mit einem Kind, das noch nie appariert war, rechtzeitig zurück zu kommen. Aber ihre Augen weiteten sich und er wusste, dass sie noch immer Angst hatte.
„Ich will dich nur tragen", erklärte er langsam und versuchte, sanft zu klingen. Aber offensichtlich gelang ihm das nicht, da sie etwas zurückzuckte. „Kind, ich tu dir nicht weh", fügte er hinzu. Er war böse auf sich selbst, auf sie, auf ihre Mutter. „Merk dir das."
Sie nickte schüchtern und hob ihre kleinen Arme, während sie zwei Schritte zu ihm machte. Er rollte seine Augen und hob sie einfach hoch.
Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals ein so kleines Kind getragen zu haben, aber das Mädchen machte es ihm einfach. Sie drehte sich sofort und saß beinahe auf seiner Hüfte. Ihre Beine hatte sie um ihn und ihre Arme um seinen Nacken geschlungen. Sie hielt sich fest, aber nicht zu fest, und er hielt seinen Arm unter ihrem Po.
Sie wog fast nichts. Und sie war klein. Und sie musste baden.
„Du wirst später ein Bad nehmen", sagte er, während er schnell Richtung Winkelgasse schritt. Er wusste, dass die Leute ihn anstarren, flüstern und mit dem Finger zeigen würden. Er begab sich nur selten in diese anerkannte Straße – besonders da er sowieso die meisten Dinge in der Nockturngasse erhielt. Sein Essen, seine Kleidung, alles andere. Er wusste, sie würden starren. Er wusste, sie würden flüstern. Er wusste, was die Leute sagten, wenn er in seinem schwarzen Mantel und seinen Roben durch die Winkelgasse schritt. Er wusste es, er war es gewöhnt und es war ihm egal. Was sie sagten, spielte in seinem Leben keine Rolle, besonders – oh diese Ironie – da sie alle in seine Apotheke kamen, wenn sie etwas Besonderes brauchten. Und dann hörten sie auf zu tratschen.
Aber sie wusste es nicht. Sie wurde von dem Licht geblendet und diejenigen, die ihn zuerst sahen, schnappten nach Luft, und er spürte, dass sie instinktiv ihr Gesicht an seinem Hals verbarg und ihren Griff um ihn verstärkte.
Sie hatte Angst vor ihm – aber offensichtlich hatte sie noch mehr Angst vor den anderen Leuten, die mit dem Finger auf sie zeigten. Er hob seine Augenbraue hoch, starrte böse zurück und beschleunigte seinen Schritt.
Rein, etwas aussuchen, raus und nach Hause. Und sie würde baden und ein Schläfchen machen. Das musste er auch immer mitmachen, nachdem er irgendwo mit seiner Mutter gewesen war.
„Wo gehen wir hin, Sir?", fragte sie schüchtern seinen Nacken. „Will zu Mummy."
Er wollte seine Augen schließen. Das war nicht gut. Er wollte, dass sie ihn Vater nannte – aus einem einfachen Grund. Sie war seine Tochter. Er hatte von ihr gewusst, noch bevor sie geboren war. Natürlich hatte er sie bis vor einer Woche noch nie gesehen, aber sie war seine Tochter und jeder, der zwei mehr oder weniger gute Augen im Kopf hatte, konnte das sehen. Sie sah aus wie er, mit Ausnahme der Nase, aber die konnte noch wachsen, oder? Sie hatte sein Haar, seine Augen, sogar seine Ohren, um Merlins Willen. Seine langen Finger. Und ein junges Mädchen in ihrem Alter, das in einer Apotheke in der Nockturngasse war? Dass sie ihn Vater nannte, wehrte viele Leute ab. Viele kranke, seltsame Leute, die nicht gezögert hätten ... aber nein.
Sie war seine Verpflichtung. Und sie zu beschützen war seine Pflicht. Nicht mehr, nicht weniger.
Sie war in Sicherheit, wenn sie ihn Vater nannte und jeden wissen ließ, dass sie beide dazu standen.
„Wir gehen zu Mister Vanderlego", antwortete er einfach und wusste nicht, wie er ihr sagen konnte, dass sie nie mehr zu ihrer Mutter zurück konnte. Zumindest auch nicht besser, als es dieser Idiot von Muggel in seinem idiotischen Muggel-Jugendwohlfahrszentrum konnte. „Mummy ist jetzt ein Engel." Was für eine dumme Antwort. Und zu allem Überdruss: „Du kannst jetzt bei Daddy wohnen!" Dieser muntere Tonfall – er hätte dem Muggel am liebsten den Hals umgedreht. Das Kind hatte nicht einmal gewusst, dass es einen Vater hatte, geschweige denn einen Daddy.
Das Mädchen runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
Er betrat Vanderlegos Geschäft und stellte sie mit den Beinen wieder auf den Boden. „Such dir eines aus", sagte er und zeigte zu dem Regal mit den Stofftieren.
Sie sah mit großen Augen hoch, begutachtete die Regale voll mit Bären, Drachen, Hippogreifen, Schlangen, Eulen und anderen magischen Kreaturen, und wrang ihre kleinen Hände.
„Rühr das, okay?" Sie drückte ihrer Tochter eine Teigschüssel in die Hände und nickte ihr zu. „Später gibt's Scones."
Hermione nickte und Judith wusste, wie sehr sie litt. Ihr Mädchen – es würde ihr nicht helfen, ihr zu sagen, dass sie immer schon vermutet hatte, dass so etwas einmal passiert.
Judith Granger war mit Ronald Weasley nicht so warm geworden, wie man mit einem Schwiegersohn sein sollte. Er hatte keine Manieren, aß wie ein Ferkel und behandelte Hermione wie eine Freundin, nicht wie eine Ehefrau. Er war ein guter Vater, so viel musste sie zugeben, aber sonst? Nicht viel. Er hatte immer darauf bestanden, Hermione an jedem wichtigen Feiertag mit zu seiner Familie zu nehmen. Und er – das spürte sie irgendwie – hatte sich in ihrer Gegenwart nie wohl gefühlt. Vielleicht war es, weil er immer von Hexen und Zauberern umgeben war und daher für die normale Welt keine Neugier aufbrachte, wie zum Beispiel sein Vater. Arthur (er hatte darauf bestanden, dass sie ihn so nannten) stellte eine Frage nach der anderen über Dinge, die normal für sie waren. Aber zumindest konnten die Kinder regelmäßig zu Besuch kommen.
Rosie und Hugo waren wunderbar. Rose war so sehr wie Hermione in diesem Alter. Sie wollte immer mehr erfahren, Sachen herausfinden, und Judith Granger hoffte, dass Rosie nicht auch diese Phase haben würde, in der sie im Garten tote Nagetiere einsammelte, sie verbrannte und später die übrig gebliebenen Knochen untersuchen würde. Nein, sie hoffte wirklich, dass Rosie nie diese Phase haben würde. Es war einfach ekelerregend gewesen und sie musste die kleine Hermione immer trösten, wenn die Knochen später weg waren (und sie konnte nicht erklären, dass die Katze der Wilsons von nebenan tote, verrottende Nagetiere lieber mochte als frische).
Hugo – Hugo war lustig und lebhaft und neugierig und mutig. Sehr mutig. Und er handelte, bevor er nachdachte, und hier saß er immer am Dreirad (Hermione erlaubte ihm nie, seinen kleinen Besen im Haus zu fliegen – zu viele Muggel), das war seine Waffe, er war schnell und achtete nie darauf, wohin er fuhr. Und dann lief er zu Mummy oder Grandma, wenn er sich weh getan hatte und seine pummeligen kleinen Knie bluteten oder er sich den Ellenbogen aufgeschrammt hatte. Andererseits spielte er gerne mit den Utensilien in der Zahnarztpraxis (und ja, sie hatte ihn einmal dabei erwischt, wie er mit dem Bohrer ein Loch in einen Sessel gebohrt hatte).
Sie musste wohl einige Termine absagen oder ihrem Mann sagen, er solle sie übernehmen. Obwohl sie nicht mehr so viel arbeitete, denn sie wollte bei ihrer Tochter und ihren Enkelkindern sein und sie unterstützen.
Sie verstand ihren Schmerz, das Weinen und ihren Kummer. Sie verstand es und Hermione war schließlich ihr kleines Mädchen, trotz allem, was gesagt und getan war, all das Drama, all die Tränen nach dem Krieg, die Schlachten, die sie geschlagen hatte. Ihr kleines Mädchen brauchte sie nun.
„Du weißt, du kannst bleiben, solang du willst", sagte sie sanft und umarmte Hermione von hinten. Sie roch ihr Haar und ihr kleines Mädchen und war froh, dass sie sie zu Hause hatte. So lang, bis sie wieder bereit war, auf eigenen Beinen hinauszugehen, eine Wohnung zu finden und ein neues Leben aufzubauen. Aber es war noch zu früh. Zu früh.
Jonathan Granger sah seine Enkelkinder mit einem liebevollen Lächeln im Gesicht an. Es kam selten vor, dass er sie so für sich selbst hatte. Aber er fühlte mit seinem Mädchen und diesen Kindern mit.
Besonders die nächsten paar Tage würden hart werden. Er wusste zwar, dass Hermione normalerweise zu ihm kam, aber er wusste auch, dass seine Frau besser trösten konnte in der Familie. So war es schon immer gewesen. Hermione lief weinend zu Mummy, und wenn sie eine Lösung für ein Problem brauchte, zu Daddy. Er zweifelte nicht daran, dass es diesmal wieder so ablaufen würde.
Sein Mädchen würde schließlich zu ihm kommen und sich mit ihm unterhalten, wenn sie dies brauchte.
Er war nicht überrascht gewesen, als sie tags zuvor angerufen hatte. Sie und Ron – dieses Paar war nicht gerade für einander bestimmt. Dieses Paar hatte – er war sich nicht sicher, was es an sich hatte. Diese zwei hatten sich ohne Zweifel irgendwie geliebt, aber es war nicht genug gewesen.
Oh, er hatte gehofft, dass sie für immer zusammen blieben, aber er zweifelte, ob es jemanden gab, der seine Tochter besser kannte als er selbst. Er beobachtete sie, wenn sie es nicht bemerkte. Er hatte sie beobachtet, seit sie geboren worden war, und Hermione funktionierte auf eine ganz besondere Weise. Sie mochte es, nachzudenken. Sie mochte es, zu lesen. Sie mochte es, etwas zu wissen.
„Rosie, Hugo, geht dort hinüber, dort sind ein paar Chrysanthemen, die ihr für eure Mutter pflücken könnt", rief er zu seinen Enkelkindern.
Es war kalt, der Winter war mit aller Macht hereingebrochen, mit Nebel und Regen und Kälte, und heute war einer dieser kalten, trockenen Tage. Er war froh, dass er mit den Kindern ein bisschen nach draußen gehen konnte. Hermione hatte nur mit Mühe die Tränen zurückgedrängt und Judith tendierte in solchen Situationen immer dazu, sie zu umarmen und zum Weinen zu bringen. Und wahrscheinlich war es am besten, wenn die Kleinen nicht mit ihnen drinnen waren.
Außerdem war schon der erste Frost gewesen und die Schlehen waren bereit, um geerntet zu werden. Und er sagte niemals nein zu ein wenig Schlehenbranntwein.
Er würde sowieso alles erfahren. Judith erzählte es ihm immer. Früher oder später.
Sie war von all den Plüschis da oben fasziniert. So viele Tiere, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Eines war zur Hälfte ein Pferd, zur Hälfte ein Vogel. Aber ihr Blick war auf einen Hund gefallen. Mit drei Köpfen! Er war klein und eingeklemmt zwischen einer Schlange und etwas, das aussah wie eines dieser Tiere in den Märchenbüchern, die Mummy ihr einmal gegeben hatte, als sie sie zu Madame Sylvie gebracht hatte, weil Mummy wieder arbeiten musste. Mummy hat so viel gearbeitet. Und sie roch seltsam, wenn sie zurück nach Hause gekommen war.
Aber Mummy war nicht mehr hier und tja, sie vermisste sie auch nicht. Manchmal hatte Mummy dieses seltsam riechende Zeugs getrunken, das eine goldene Farbe hatte, und dann war Mummy nicht nett gewesen. Sie hatte sie eine Bürde genannt (und sie wusste nicht, was das bedeutete) und gesagt, dass ihr ein schweres Schicksal bevorstehen würde (und sie wusste auch nicht, was das bedeutete).
Außerdem hatte Mummy sie immer Fiffi genannt. Und sie mochte diesen Namen nicht. Er klang wie ein Name für einen Hund. Oder irgendwas. Aber dann ist Mummy weggegangen und ja, sie war ein wenig traurig, weil der Mann, der wollte, dass sie Vater zu ihm sagte, war furchteinflößend. Obwohl, er hatte sie hochgehoben und Mummy hatte das schon die längste Zeit nicht mehr getan. Und das Essen im Haus des Sirs war auch besser – obwohl sie das Ganze nicht verstand, den Stock und die seltsame Kleidung und die Gerüche und die ganzen Dinge in den Glasgefäßen. Aber dann hatte der Sir gesagt, dass er sie unmöglich Fiffi nennen konnte, und er hatte ihr gesagt, dass sie von nun an Ophelia hieß. Und sie mochte diesen Namen.
Ophelia klang wichtig. Ophelia hörte sich wunderschön an.
Aber Mummy hatte immer gesagt, dass sie wie ihr Vater aussah und dass er kein schöner Mensch war und dass sie nie hübsch sein würde. Und es war wahr. Sie sah wirklich wie der Sir aus. Und er hatte sie hochgehoben.
Und sie durfte baden. Und sie hatte ein warmes Bett.
Obwohl das alles angsterregend war.
Aber – er sah nun zu ihr hinab und machte wieder dieses gruselige Gesicht.
„Sir?", fragte sie kleinlaut und sah zu ihm hoch.
„Hast du dir einen ausgesucht?", fragte er und es hörte sich ziemlich nett an. Er hatte eine nette Stimme, wenn er so mit ihr sprach.
„Den da, bitte." Sie zeigte auf den kleinen dreiköpfigen Hund. Sie konnte jedem der Köpfe einen Namen geben und hatte denn drei Plüschis. Drei! Sie hatte noch nie eines gehabt. Nur eine Decke, aber die Tante, die sie von Madame Sylvie abgeholt hatte, nachdem Mummy nicht mehr gekommen war, hat sie ihr weggenommen und gesagt, sie solle tapfer sein, weil Mummy jetzt ein Engel war. Sie verstand das nicht. Und sie war sich nicht ganz sicher, was ein Engel war.
„Der Höllenhund. Aber du wirst ihn nicht Fluffy nennen, oder?"
Sie schüttelte den Kopf, dann nickte sie. Dann schüttelte sie wieder den Kopf. „Ein Kopf heißt Fluffy."
Sie lächelte. Zum ersten Mal lächelte sie. Sie umarmte den Höllenhund fest und lächelte schüchtern zu ihm hoch.
Es war ein seltsames Gefühl.
