Kapitel 2
Am nächsten Morgen kannte Lisa vor allem ein Ziel: Jürgen. Sie musste mit ihm sprechen und zwar dringend. Der Vorfall im Fahrstuhl vom Vortag musste ausgewertet und ein weiteres Vorgehen besprochen werden. Lisa riss förmlich die Tür auf. Die kleine Glocke darüber bimmelte wild, als Lisa auf Jürgen zu stürmte.
"Lisa, gut dass du da bist, ich muss dringend mit dir reden! Weißt du, ich glaube, dass-"
"Nee, ICH muss DIR was wichtiges erzählen."
"Lisa, bitte, es ist dringend."
Er sah sie flehend an und zog sie zum Zeitschriftenregal, um dort ungestörter mit ihr reden zu können. Lisa seufzte resignierend und folgte ihm.
"Also, pass auf: ich werde Vater."
"Was!"
"Schrei nicht so. Ja... also, es ist gut möglich, dass ich Vater werde. Und deswegen musst du mit Sabrina reden."
"Mit Sabrina, aber... was hat die denn damit zu tun?"
"Sie ist die Mutter. Aber sie will nicht mit mir darüber reden."
Lisa sah Jürgen mit großen Augen an. "Wie bitte!"
In dem Moment ging die Tür zum Kiosk auf und beide blickten sich kurz um, um zu sehen, wer da den Laden betreten hatte. Lisa drehte sich schnell wieder um, denn ER sollte nicht sehen, dass sie rot anlief, nur weil ER den Kiosk betreten hatte.
"Ach, Morgen, Rokko, bin gleich da", begrüßte ihn Jürgen und wandte sich dann wieer an Lisa. "Kannst du vielleicht mal mit ihr reden?"
"W.. Was? Ich? Aber Jürgen, sie mag mich nicht!"
"Und du sie nicht."
"Mmmpf. Okay. Ich mach's."
"Dank, du bist die beste!" Jürgen umarmte sie und ging dann zum Tresen, um Rokko zu bedienen.
Lisa sah ihm kurz nach, sah kurz zu Rokko, der aber nicht zu ihr sah und verließ den Kiosk. Draußen lief sie neben der Tür auf und ab und wartete darauf, dass er wieder rauskam. Als sie die Türglocke hörte, drehte Lisa sich um und ergriff seine Hand. Sie zog den überraschten Rokko um die Ecke und stellte sich vor ihn.
"Wir müssen reden!"
"Erst mal: Guten Morgen, Frau Plenske. Wie geht es Ihnen denn?"
"Ich - was? Guten Morgen. Und mir geht's gut. A-"
"Das ist ja wirklich schön. Wollen wir vielleicht einen Kaffee trinken gehen?"
"Nein!"
Rokko schmunzelte nur und sagte nichts darauf.
"Nein, ich möchte NICHT mit Ihnen Kaffee trinken gehen. Ich möchte wissen, was das gestern war."
"Na ja, Frau Plenske", begann er ernst, doch verzog sich sein Mund schon wieder zu einem Grinsen, "das war, was man gemeinhin als Kuss bezeichnet."
"Ach ja?"
"Ja."
Lisas Augen funkelten ihn an und Rokko hatte große Mühe, nicht zu sehr grinsen zu müssen. Lisa wollte sich das nicht mehr bieten lassen. Sie drehte sich auf der Stelle um und machte ein paar schnelle Schritte in Richtung Kerima. Doch nach wenigen Metern schon wurde sie langsamer und drehte sich dann doch wieder zu ihm. Rokko hatte ihr hinterher gesehen und sah ihr direkt in die Augen. Lisa ging wieder zurück. Sie musste ihm klar machen, dass es so nicht weiter gehen konnte, wenn sie gut zusammen arbeiten wollten. Einfach so die Chefin küssen - was bildete er sich eingentlich ein? Während sie noch auf ihn zu ging, begann sie mit ihrer kleinen Ansprache.
"Herr Kowalski, so geht das n-"
Weiter kam sie nicht. Denn kaum hatte sie wieder vor ihm gestanden, waren Rokkos Lippen wieder auf ihren und ihre Arme fanden den Weg um seinen Hals sehr schnell. Rokko zog sie näher an sich. Nach wenigen Augenblicken jedoch kam Lisa wieder zur Besinnung und drückte ihn von sich weg. Sie sah ihn mit großen Augen an und schüttelte nur den Kopf, während Rokko sie sanft anlächelte. Dann verschwand sie so schnell es ging um die Ecke. Sie würde heute nicht zu Kerima laufen. Sie würde den Bus nehmen, um Rokko Kowalski aus dem Weg zu gehen.
Als sie im Bus saß, raste die Szene von eben durch ihren Kopf. Als sie daran dachte, klopfte ihr Herz wie wild und Lisa fuhr langsam mit ihren Fingern über ihre Lippen. Rokko hatte sie schon zum zweiten Mal geküsst. Warum? Was veranlasste ihn dazu? Lisa wollte nicht darüber nachdenken und versuchte verzweifelt etwas zu finden, was sie von ihren Gedanken abzulenken vermochte. David. Denk einfach an David. Der hat doch schon immer alle anderen Gedanken verbannt. David. So. Geht doch... Aber warum hat mich Rokko geküsst? Argh! DAVID.
Lisa gab ihre Versuche, nicht an den Kuss zu denken auf und stieg an der Haltestelle vor dem Kerima-gebäude aus. Sie würde schon irgendwie durch den Tag kommen. Und vielleicht müsste sie ja nicht so oft mit Rokko Kowalski zusammenarbeiten.
