Kapitel 2 – Hermine

Hermine entdeckte den Brief im gleichen Augenblick, in dem sie den Raum betrat. Sie vernahm den Hauch eines quälend vertrauten Geruchs – Zitrone und Gewürz. Wer war hier gewesen?

Sie hob die Nachricht auf und untersuchte sie sorgfältig. Es war cremefarbenes Pergament, sehr gute Qualität. Es war willkürlich zusammengefaltet worden. Sie faltete es auseinander und las die kurzen Zeilen. Die Handschrift war ihr ebenfalls vertraut, aber nicht sofort zuzuordnen.

Da stand: H. Granger. Diener des Dunklen Lords kommen morgen, um deine Eltern zu töten. Der Krieg gegen Harry Potter hat begonnen. Missachte diese Warnung auf eigene Gefahr.

Der Brief war nicht unterzeichnet.

Sie verspürte eine Wucht von Angst. Wer auch immer in ihrem Haus gewesen war, hatte sich leicht Zugang verschaffen können. Wäre es eine Durchsuchung von Todessern gewesen, wären ihre Eltern schon längst vor ihrer Ankunft tot gewesen. Sie hatte einen Umgebungsalarmzauber eingerichtet, sowohl an der Vorder- als auch an der Hintertür, doch sie hatte niemals wirklich damit gerechnet, dass ihre Eltern in Gefahr sein würden. Sie waren niemand für die Zaubereigesellschaft. Nutzlose Muggle. Warum würden sie irgendjemanden kümmern? Der Krieg gegen Harry Potter hat begonnen.

Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen und legte ihn zurück auf den Schreibtisch. Die Grangers zu töten würde Hermine tief treffen und somit auch Harry verletzen. Wenn sie ihre Familie aus dem Weg räumen würden, wäre niemand, der auch nur im Entferntesten mit Harry zutun hatte, sicher. Gesichter huschten durch ihre Gedanken: Neville Longbottom und seine Großmutter, Luna Lovegood, die anderen Mitglieder des Gryffindor Quidditch Teams – Dean Thomas, Angelina... Wie weit würden sie gehen?

Sie kaute auf einem Fingernagel herum, während sie sich fragte, wer die Warnung geschrieben hat. Wer würde über einen Angriff der Todesser bescheid wissen? Offensichtlich nur ein Todesser oder jemand, der ihnen nahe stand. Ein Familienmitglied? Zwei Menschen kamen ihr sofort in den Sinn, aber die Logik zwang sie, sie wieder aufzugeben. Severus Snape und Draco Malfoy. Snape hatte Dumbledore kaltblütig ermordet. Wenn er schon dafür bösartig genug war – das beständige Vertrauen Dumbledores zu verraten – dann würde auch kein belangloses Gefühl der Reue aufkommen. Warum sollte er denn versuchen, ein paar Muggle zu retten, nachdem er eigenhändig den größten Zauberer umgebracht hatte?

Und Malfoy? Er hatte die ganze Angelegenheit in die Wege geleitet. Harry glaubte nicht, dass Draco Dumbledore getötet hätte – er habe Malfoy seinen Zauberstab senken sehen, aber das konnte nur heißen... ja was? Dass er ein Tyrann war, aber kein Mörder? Dass er einen Mord planen konnte, aber seine Hände nicht mit der Tat selbst beschmutzen wollte?

Sie holte tief Luft und versuchte, ihre Wut in den Griff zu bekommen. Wegen Draco Malfoy war Dumbledore tot. Dieser Gedanke brachte noch immer einen Anflug von Schmerz mit sich. Und Ron war beinahe aus Versehen umgebracht worden – doch das hätte den Reinblut- Bastard nicht im Geringsten gestört. Sie schnaubte. Nein. Draco Malfoy würde niemals ein wertloses Schlammblut wie sie warnen. Es war wahrscheinlicher, dass er als erster in der Schlange stünde, wenn es darum ging, ihr den Cruciatus Fluch zu verpassen.

Die Tür unten öffnete sich und sie hörte ihre Eltern hereinkommen. Ein Glück, dass sie an diesem Abend zum Essen ausgegangen waren, andernfalls wäre ihr mysteriöser Briefschreiber vielleicht nicht gekommen. Sie schob die Frage nach seiner – oder ihrer – Identität vorläufig beiseite. Dennoch nahm sie die Nachricht und schob sie in die Tasche ihres Umhangs. Es wäre ein Todesurteil, sollte ein Todesser darüber stolpern. Der Notiz zufolge würden sie schon morgen kommen.

Sie holte noch einmal tief Luft und bereitete sich darauf vor, ihren Eltern die Neuigkeiten beizubringen. Sie würden es nicht gut aufnehmen.


Als Hermine zum Grimmauldplatz 12 zurückkehrte, dämmerte gerade erst der Morgen. Erschöpft sank sie in einen Stuhl, sobald sie in der Küche angekommen war.

„Hermine!", rief Molly Weasley aus. "Wir wollten gerade eine Suchtruppe nach dir losschicken! Ron ist sehr aufgebracht!"

Ron platzte in diesem Moment in den Raum und raste zur ihr, um sie fest in seine Arme zu schließen.

„Tu das verdammt noch mal nie wieder!", brüllte er. „Du hast gesagt, du gehst nur mal nach deinen Eltern sehen, aber keiner von uns weiß, wo sie wohnen! Was, wenn es Probleme gegeben hätte?"

Hermine versteifte sich. Wie hatten die Todesser herausgefunden, wo ihre Eltern lebten, wenn selbst ihre engsten Freunde es nicht wussten? Natürlich. Snape. Er war ein Lehrer. Er würde Zugang zu allen Schulunterlagen haben. Es schien ganz so, als ob sein Verrat noch mehr schlechte Nachrichten mit sich brächte.

„Was ist los?", fragte Ron, während er sich neben ihr niederließ. Er nahm ihre eine Hand in seine. Sie lächelte ihn matt an und trank einen Schluck von dem heißen Tee, denn Mrs. Weasley vor ihr hingestellt hatte. Sie setzte die Tasse ab und zog den Brief aus ihrer Tasche.

Während Ron und Molly ihn lasen, erklärte Hermine, was geschehen war. Sie war die ganze Nacht mit ihren entsetzten Eltern aufgeblieben. Sie hatte ihnen die momentane Situation in der Zaubererwelt beschrieben. Es war eine lange Geschichte gewesen, die bei ihrem ersten Jahr in Hogwarts ihren Anfang fand. Sie hatte noch nie mit ihnen über ihre Abenteuer mit Harry Potter gesprochen. Um sie zu beschützen, so hatte sie sich eingeredet. Um sie vor dem Verrücktwerden zu beschützen und um zu verhindern, dass sie ihr verboten, nach Hogwarts zurückzukehren. Was sie sicher getan hätten.

Tatsächlich waren sie mehr als erschüttert gewesen. Quirrells Tod, tote Einhörner, besessene Tagebücher, Versteinerung durch einen Basilisken, Dementoren, einen Werwolf als Professor, einen psychotischen Mörder, der vorgibt ein Lehrer zu sein, Cedrics Tod, Voldemorts Rückkehr, Prophezeiungen und Horkruxe, Dumbledores Tod, Snapes Verrat; und alles begann und endete mit Harry Potter.

Es hatte Tränen und Schuldzuweisungen, Geschrei und Drohungen gegeben, aber schließlich hatten ihren Eltern sich bereit erklärt unterzutauchen und bei ihrer Tante in London zu bleiben, zumindest für eine Weile. Beide waren sie doch professionelle Leute. Sie würden sich nicht für immer verstecken. Wie lange konnte sie sie beschützen? Zum ersten Mal wünschte sie sich, sie wäre keine Muggle- Geborene. Wenn ihre Eltern Zauberer wären, wären sie zumindest in der Lage sich selbst zu verteidigen. Sie seufzte. Nicht dass Fähigkeit immer etwas ausmachte. Man sieht sich nur die Longbottoms an. Oder die Potters.

„Ich brauche ein wenig Schlaf. Ihr könnt ja jemanden zum Haus von meinen Eltern schicken, später. Lasst sie aber nicht zu auffällig sein. Wir wollen den Todessern doch nicht den Eindruck vermitteln, sie hätten einen Verräter in ihrer Mitte. Wir brauchen wirklich alle Hilfe, die wir bekommen können." Sie gab ihnen die Adresse, trank ihren Tee aus und stolperte die Treppe hinauf, um sich ihren verdienten Schlaf zu holen.