Missmutig stocherte ich in meinen Nudeln herum. Diese Bekloppten hatten mir doch tatsächlich den ganzen Tag verdorben! Ich fühlte mich furchtbar müde und so ließ ich den Teller in der Spüle stehen, dann kauerte ich mich in meinem Lieblingsschlafanzug vor den Fernseher in meinem Schlafzimmer, um einer dämlichen Kinderpsychologin bei Ratschlägen über Kindererziehung zu zuhören. Die Sonne tauchte als Abschiedsgeschenk den Abendhimmel in Blutrot und fesselte meinen Blick.
Als ich wieder aufwachte, stand der Mond am Firmament und warf sein fahles Mondlicht durch das offenstehende Schlafzimmerfenster. Gerade wollte ich wieder versuchen einzuschlafen, als ich zusammenzuckte. Das Fenster war fest geschlossen gewesen, als ich den Sonnenuntergang beobachtet hatte, da war ich mir sicher! Und ins Bett gekrabbelt, war ich auch nicht – ich war doch vor dem laufenden Fernseher, der auf wundersame Weise ausgeschaltet war, ins Reich der Träume gesunken. Plötzlich hellwach, schnappte ich mir meine Brille und sah mich nach eventuellen Einbrechern um .Kein Laut war zu hören, völlige Stille. Meine Nackenhärchen stellten sich beunruhigt auf. Unmöglich , jetzt wieder einzuschlafen !
Die kalte Nachtluft drang durch den dünnen Schlafanzug, doch ich bemerkte es kaum. Etwas hatte in der Küche geklirrt – ich war auf der Hut. Darauf bedacht, mich durch kein Geräusch zu verraten, rutschte ich vom Bett und lief auf Zehenspitzen an der Wand entlang .Vorsichtig spähte ich um die Ecke – und mir stockte vor lauter Empörung der Atem. Das durfte doch nicht wahr sein!
Mr. Und Mrs. Seltsam von heute Morgen hatten es sich in MEINER winzigen Küche bequem gemacht und sogar noch Freunde mitgebracht! Eine kleine Blonde lehnte am Kühlschrank und ein weiterer Mann hatte , mir den Rücken zugewandt, sich an der Spüle platziert und betrachtete wohl die Fotos von der letzten Strandparty, die an meinem Geburtstag gefeiert worden war . Ich hatte sämtliche Scheu verloren – diesen Eingriff in meine Privatsphäre konnte ich nicht mehr dulden! In meinem Zorn dachte ich noch nicht mal daran, dass die vier bewaffnet sein könnten, sondern stemmte meine Hände in die Hüften und stellte mich in den Türrahmen.
„ Verschwindet- sofort- aus – meiner-Küche !"
Alle sahen auf und guckten mich völlig erstaunt an, dann fing der rothaarige Mann an laut zu lachen. Seine Begleiterin aus dem Laden lächelte nur amüsiert, während die blonde Frau mich mit unverhohlener Neugier inspizierte. Der zweite Mann fuhr erschrocken herum und blickte mich direkt an.
Er war schön- wenn man das bei einem Mann so sagen kann. Groß und ebenso durchtrainiert wie Mrs. Seltsam, mit dunkelbraunem, relativ kurz geschnittenen Haar und liebevollen Augen .
Und ehe ich reagieren konnte, hatte er mich in den Arm genommen und presste mich gegen seinen Oberkörper . Ich ging ihm nur bis zur Schulter und sein kratziger Pullover nahm mir die Luft zum Atmen.
„ Ich hab dich so vermisst, Katie."
„Äh…", ich versuchte, seinen Griff etwas zu locken, „ Da liegt wohl eine Verwechslung vor- ich bin nicht Katie."
Langsam ließ er von mir ab . In seinen haselnussbraunen Augen konnte man unendliche Trauer erkennen . Mann, beneidete ich diese Katie, die von so einem Traumtypen geliebt wurde . Erneut versperrten mir Arme die Luftzufuhr, noch jemand begrüßte mich so überschwänglich.
„ Oh mein Gott, Katie ! Du glaubst gar nicht, wie lange wir dich gesucht haben ! Bin ich froh, dass es dir gut geht! Es geht dir doch gut?"
„ Ja, aber ich bin Charlie! Charlie, nicht Katie !"
Die Wiedersehensfreude der blonden Frau verpuffte augenblicklich.
„ Du erkennst mich nicht? Oder Oliver?"
Ich schüttelte den Kopf. Aufwachen, Charlene, gleich würde der Wecker läuten …
„ Ich bin es doch." Sie hörte sich ungläubig an, schockiert. „ Alicia. Alicia Spinett."
„ Al, Leanne hat ganze Arbeit geleistet. Sie weiß NICHTS mehr.", mischte sich der rothaarige Mann ein, „ Und den ´Schlüssel´ zu ihren Erinnerungen hat sie mit ins Grab genommen."
„ George, das ist nicht dein Ernst." Der Mann namens Oliver sank auf einen meiner Plastikstühle und fuhr sich durch das Haar. „ 3 Jahre. 3 Jahre habe ich ganz England nach ihr abgeklappert und jetzt war alles umsonst! Was sollen wir den jetzt tun?"
Fest davon überzeugt, in einem Albtraum festzustecken, meldete ich mich leise zu Wort:
„ Kann ich mich wieder hinlegen? Mir ist schwindelig, glaube ich."
Gleichzeitig drehten sich die Köpfe von Mrs. Seltsam und Alicia zu mir: „ Ich bringe dich ins Bett."
„ Okay.", resignierte ich und wurde links und rechts in mein Schlafzimmer bugsiert, wo mich die Schwarzhaarige sogar zudeckte, als wäre ich ihre Tochter.
„ Schlaf schön, Katie." Besänftigend strich mir Angelina eine Strähne aus meinem Gesicht und nahm mir die Brille ab.
„ Nicht Katie, sondern Charlie.", war das letzte, was mir über die Lippen kam, als ich schließlich einschlief.
Und kurz darauf wieder unsanft aufschreckte. Kurz darauf war vielleicht etwas untertrieben – das Morgenlicht riss mich schließlich aus dem Schlaf - , aber nach den Erlebnissen der vorangegangenen Nacht war ich immer noch hundemüde .Ich wollte mich aufrichten , um nach meiner Brille Ausschau zu halten, aber ein
muskulöser Arm um meine Taille hielt mich unabsichtlich zurück . Ich kniff meine Augen zusammen und versuchte in meiner mir nur verschwommene vorkommende Umgebung mehr zu erkennen.
„ Bleib liegen, Katie.", flüsterte derjenige neben mir.
Ich schluckte .Du meine Güte. Ein Fremder, der meinen Namen nicht wahrhaben wollte, lag direkt neben mir nur mit – das konnte ich erkennen – Boxershorts bekleidet. Ich senkte meinen Kopf wieder auf das Kopfkissen, unfähig, mich zu regen. Es war einfach zu warm, zu angenehm hier neben ihm zu sein – so verlockend, die Lider wieder zu schließen und sich an ihn zu schmiegen …
„ Wo zum Teufel bin ich?"
Er hob seine Augenbrauen, die Augen immer noch geschlossen.
„ In einem Bett."
„ In wessen Bett ?"
„ In meinem Bett."
Ich biss mir auf die Unterlippe.
„ Du heißt Oliver, stimmt´s?"
„ Du hast mich tatsächlich vergessen?"
Seine Hand streichelte meine Wange.
„ Ich kann niemanden vergessen, den ich niemals vorher gekannt habe."
Seine Finger erstarrten in ihrer Bewegung. Nach einer schier endlos langen Pause, sprach er wieder.
„ Wir haben uns das erste Mal getroffen, als du als Neue an deinem dritten Tag in Hogwarts in den Gryffindoraufenthaltsraum wolltest. Du hattest das Passwort vergessen und ich hab es dir gesagt .Und dann-", er lachte heiser auf, „ – sagtest du freches Ding, dass ich einen Gefallen bei dir gut hätte. Ich hab nur völlig verdattert geguckt, weil du so selbstbewusst warst."
Ich spürte die Hoffnung in seinem fragenden Blick und es tat mir weh, ihn zu enttäuschen.
„ Was ist Hogwarts? Eine Schule ?"
„ Schon okay."
„ Sag mir, wo dein Bett genau steht."
„ In meinem Schlafzimmer." Oliver grinste mir zu, wurde aber, als ich die Augen verdrehte, wieder ernst. „ London, Griffonstreet 23.Was hältst du davon, wenn wir zu den anderen runter gehen?"
„ Ich will zurück nach Hause." Ich hörte mich kindisch an, trotzig.
„ Das geht nicht, Katie. Wir-"
„ Ich bin nicht Katie!"
„ Doch", widersprach er mir, stand abrupt auf und streifte sich ein weißes Hemd über, „ Du bist Katie Bell."
Pure Verzweiflung keimte in mir auf. Mochte er noch so sexy und die anderen so nett sein – das waren Verrückte, die mich verwechselt hatten, und mich jetzt entführten.
„ Wenn ich jetzt sage, dass ich-" Ich verzog das Gesicht. „Diese Katie ist – lasst ihr mich dann gehen? Nach Hause , nach Dansington Beach ?"
„ Das ist dein zuhause. Du bist meine Verlobte, hier sind deine Freunde! Es gibt keinen anderen Ort, wo du hinkannst, wo du hingehörst-"
„ Das ist nicht wahr!"
Ungewollt war ich lauter geworden, ich konnte das Blut in meinen Ohren rauschen hören.
Ich zog die Decke enger an mich. Ob es wohl an seinem frostigen Gesichtsausdruck lag, dass die Raumtemperatur gerade über dem Nullpunkt schwebte, wie es mir vorkam?
„ Ich gehe nach unten. Komm einfach nach."
„ Warte, Oliver! Ich wollte dich nicht verletzen! Es tut mir Leid!"
