Jeder Muskel seines Körpers war angespannt und sein Blick so fest und erbarmungslos auf die Straße gerichtet, dass man fast schon erwartete, sie würde gleich die Beine in die Hand nehmen und die Flucht ergreifen. Falscher Alarm, nur ein viel zu lautes Motorrad… Blake nippte kurz an seinem Cappuccino und verzog den Mund. Drek, nur weil sein Auftraggeber so geizig gewesen war, nippte er nun schon seit einer halben Stunde an dem mittlerweile erkalteten Cappuccino und konnte sich nichts anderes bestellen. Dummerweise musste er aber genau hier die Stellung halten, also machte er gute Miene zum bösen Spiel und vertrieb sich die Zeit damit, die Umgebung und die gestrandeten im Café Insel zu beobachten.
Aus dem Augenwinkel sah er gerade wieder, wie die fünf Mädchen erst auf ihn zeigten und dann kichernd die Köpfe zusammen steckten. Ganz unbewusst spitzte er die Cyberohren und konzentrierte sich auf die helle Stimme einer kleinen, etwas rundlichen Brünette, deren Körper in einem viel zu engen, pinken Hosenanzug, der dazu auch noch mit etlichen, kitschigen Schnallen verziert war, steckte. Gerade hörte er noch wie sie ihren Freundinnen zuflüsterte „… wüsste ja zu gerne, was der unter seinem Mantel hat.", ehe die fünf jungen Mädchen wieder in ihr typisches, albernes Gekicher ausbrachen, das jeden anderen bestimmt zur Weißglut gebracht hätte. Aber Blake störte das nicht weiter, schließlich kam er sich selbst reichlich albern vor. Den braunen Trenchcoat zugeknöpft bis zum Hals wirkte er, als wäre er direkt einem äußerst schlechten Krimi entsprungen. Fehlten nur noch der Hut und die absolut unauffällige Sonnenbrille… unwillkürlich musste Blake grinsen.
Aber eigentlich war ihm gar nicht nach Grinsen zumute. Er fühlte sich vielmehr als säße er mitten auf dem Präsentierteller. Sein Auftrag war, unauffällig die Stellung zu halten, aber wie sollte man denn mit zwei Pistolen und etlichen Granaten schon unauffällig bleiben? Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in dieses äußerst modische Exemplar eines Mantels zu kleiden und zu hoffen, dass niemandem seine ungewöhnliche Kleidung auffiel.
Lautes Klirren, gefolgt von einem kurzen, spitzen Frauenschrei ließ die Gäste des Cafés aufschrecken. Blakes Hand zuckte unter den Mantel und im Bruchteil einer Sekunde war er aufgesprungen, bereit, seine Waffen zu ziehen und sein Leben mit allen Mitteln zu verteidigen. Viel hätte nicht gefehlt und er hätte sich noch dazu hinter einem Tisch in Deckung geworfen. Er sah sich um, in Erwartung einer uniformierten Sicherheitsmannschaft, die mit angelegten MP's auf ihn zukämen. Stattdessen blickte er in verdutzte Gesichter. Die Gruppe junger Mädchen starrte ihn erst mit weit aufgerissenen Augen an, um dann albern kichernd die Köpfe zusammen zu stecken und über den seltsam schreckhaften Kerl zu tratschen.
Die beiden alten Ladys, offenbar mitten im Gespräch gestört, blickten ihn mit offen stehenden Mündern an. Blake bemerkte den leicht panischen Ausdruck in den Augen der pinkhaarigen Dame, nahm wie in Zeitlupe ihre Hand wahr, die aus ihrer Handtasche glitt, einen leuchtend roten Panikknopf fest umschlossen. Drek! Hatte sie etwa den Lauf seiner Pistole entdeckt? Einen Augenblick lang überlegte er, ob er der Dame ihre rosane Haarpracht rot färben sollte, natürlich nur, um der Aktivierung ihres Alarms zu entgehen, entschied sich jedoch dagegen.
Nahtlos glitt sein Blick weiter, fixierte die junge, attraktive Bedienung, die in der Hocke auf dem Boden saß, vor sich die Überreste eines zerbrochenen Cognacglases. Für einen winzigen Moment trafen sich ihre Blicke. Ihre linke Augenbraue zuckte nach oben und zauberte einem skeptischen Ausdruck auf ihre schmalen Züge. Langsam, kaum wahrnehmbar, schüttelte sie missbilligend den Kopf. Ihre kleine, gerade Nase kräuselte sich und bevor sie den Blickkontakt abrupt abbrach, meinte Blake kurz etwas in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Es erinnerte ihn an den Ausdruck im Gesicht eines Chummers bei seinem ersten Run und schien geradezu heraus zu brüllen: Anfänger!
Drek! Drek! Drek! Wie zu Hölle konnte mir das passieren! Ich bin schon lange kein Anfänger mehr. Seit wann bin ich so ein gottverdammtes Nervenbündel!
Er zog die Hand langsam unter dem braunen Trenchcoat hervor und hob sie in einer entschuldigenden Geste. „Sorry, bin wohl etwas nervös." Er schaffte es, ein verschmitztes Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern, doch ein nervöses Hüsteln konnte er sich nicht verkneifen.
Hoffentlich hat die Alte die Waffe unter meinem Mantel nicht gesehen. Obwohl… auch egal. Ich werds ja gleich merken, wenn mich ein Security-Team zu nem Soykaf einladen kommt.
Blake strich sich mit der linken Hand über die kurzen Stoppeln auf seinem Kopf. An die würde er sich wohl so schnell nicht gewöhnen. Schlimmer noch: Er fühlte sich regelrecht nackt, ohne die widerspenstigen Haarsträhnen, die ihm früher immer in die Stirn gefallen waren. Doch sein Haar hatte ihm so ein verfraggter Feenmagier während seines letzten Runs vom Kopf gebrannt. Glücklicherweise war ein guter Chummer mit einem Gartenschlauch zur Stelle gewesen, sonst hätte ihn die süße Maus hinter der Theke bestimmt nicht so freundlich angelächelt. Natürlich hatte er sich für den Verlust seiner Haare fürchterlich an der Zauberschleuder gerächt. Hat es nicht überlebt, Blake lächelte bitter. Der Ärmste! Dummerweise war er nur zu früh gestorben, um das flammende Schicksal seines eigenen Skalps noch mitzuerleben. Schade, trotzdem war es ein sehr befriedigendes Gefühl gewesen.
Während Blakes Aufmerksamkeit wieder auf die Straße gerichtet war, begann ein penetrantes Piepen seinen Gehörgang zu malträtieren. Mit einer unauffälligen Bewegung verschwand die linke Hand unter dem Mantel, aktivierte einen kleinen Schalter und legte sich dann wieder wie zufällig auf den Tisch, direkt neben die weiße Porzellanuntertasse.
„Danke Drekhead!" Die Stimme eines jungen Mannes ertönte in seinem Ohr und klang wirklich ungehalten. „Schön dass du auch mal gedenkst, den Empfänger einzuschalten."
Blake schlug den Kragen des Trenchcoats so weit hoch, dass die Bewegungen seiner Lippen nicht zu sehen waren. „Kein Problem, Googie. Brauchst dich doch net zu bedanken, für dich würd ich doch fast alles tun." Ein breites Grinsen stahl sich auf seine Züge. Wenn ich nun noch eins draufsetze, kann ich mich nach dem Job noch mit einer kleinen Schlägerei abkühlen.
„Fresse, Blake, sonst setzts was." Jeah, Treffer! Mitten ins Schwarze.
„Ach Googie, ich hab dich doch auch lieb." Blake konnte es sich einfach nicht verkneifen.
„Fresse! Beide!", brüllte eine weibliche Stimme so laut aus dem Knopf in Blakes Ohr, dass er sich den kleinen Empfänger fast aus dem Ohr gerissen hätte. Sein Gesichtsausdruck machte jedoch mehr als nur deutlich, was er nun gerne mit dieser charmanten Dame getan hätte, wäre sie in seiner Nähe. „Ihr benehmt euch wie zwei keifende Orkweiber. Wir hatten Funkstille angeordnet."
„Sonst noch Wünsche, Don? Dachte, es intressiert euch, dass die Zielperson gerade den Ortseingang passiert hat.", bemerkte die leicht amüsiert klingende Stimme Googies mit dem unüberhörbaren, spanischen Akzent.
„Warum sagste das nicht gleich!", keifte Don in ihr Mikro.
„Ihr habt ja nicht gefragt." Blake konnte Googies Grinsen förmlich vor sich sehen. „Und wenn ihr jetzt ganz lieb bitte, bitte sagt, erzähl ich euch noch was über die Bewachung."
„Machs Maul auf, Arschloch." Dons Stimme klang, als würde sie Googie liebend gerne ihre Krallen in den Hals rammen.
„Soka. Ist ja in Ordnung. Krieg dich wieder ein."
„Spucks endlich aus.", mischte sich Blake wieder ein. Zwar war er grundsätzlich dafür, die beiden ihre Streitigkeiten allein austragen zu lassen, aber nicht während eines Jobs. Die konnten sich später noch gegenseitig die Augen auskratzen. Wenn von Googie überhaupt noch etwas übrig ist, nachdem ich mit ihm fertig bin.
„Drei schwarze Wagen, selbstverständlich abgedunkelte Scheiben und alle schwer gepanzert. Eben ne fette Limousine, von zwei unscheinbareren Kombis in die Mitte genommen.", informierte der junge Mann Blake und Don, nun wieder völlig ruhig und professionell.
"Folglich können wir uns das Scharfschützen-Spielen sparen." Für einige Momente herrschte betretene Stille. „Dann spielt eben unser kleiner Blake den Helden. Du weißt was du zu tun hast?" Dons Stimme klang angespannt. Ihr war es offensichtlich unangenehm, den Hauptteil der Verantwortung an Blake abgeben zu müssen.
„Soka. Erstmal abwarten, ob wir richtig informiert wurden. Ich meld mich wieder, wenn ich über mein weiteres Vorgehen entschieden habe. Bleibt in der Nähe und haltet euch bereit." Tiefe Falten legten sich auf Blakes Stirn und seine Augenbrauen zogen sich über einem finsteren Blick zusammen. Wird wohl doch kein so leichter Auftrag, wie angenommen. Aber wie sagte ein guter Chummer immer: „Leicht ist langweilig. Je anspruchsvoller, desto spaßiger." Dafür betrachtete sich dieser Chummer nun aber auch die Kanaldeckel von unten. Blake jedoch war noch da. "Fragt sich nur, wie lange noch…", fügte er in Gedanken hinzu und zwang sich nun, seine Aufmerksamkeit wieder nach draußen zu lenken und ließ nur noch den Auftrag in seinen Gedanken zu.
Äußerlich war er die Ruhe selbst, in seinem Inneren hüpfte jedoch das kleine, aufgeregte Kind herum, das kurz vor jedem Run aufs Neue erwachte. Es war ein Gefühl, wie er es in früher immer am Abend vor Weihnachten gehabt hatte. Die Unruhe, bevor man endlich das sorgfältig ausgewählte Papier aufreißen durfte und die Spannung, was denn unter der immer wieder gleichen Hülle zum Vorschein käme, ob es denn am Ende auch das Gewünschte sein würde. Er liebte dieses Gefühl und das war wohl auch einer der Gründe, weshalb er seinen Beruf, trotz des enormen Risikos, so sehr schätzte.
