///
Standing still – Jewel
Do you want me
Like I want you?
Or am I standing still
Beneath the darkened sky
Or am I standing still
With the scenery flying by
Or am I standing still
///
1. Kapitel – Wie in einem Traum
Was brachte einen nur dazu, so oft an einen Menschen zu denken, der längst aus seinem Leben verschwunden war? Diese Frage stellte Caitlin sich nun schon seit einigen Tagen. Sie konnte sich einfach nicht erklären, weswegen sie gerade jetzt so oft an ihn dachte. Den Vater ihrer Tochter, den sie inzwischen seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte nach der Trennung nie wieder versucht, mit ihm in Kontakt zu treten und er hatte es auch nicht versucht. Die Dinge waren gut gewesen. Sie hatte sogar jemanden kennen gelernt und geheiratet. Kate liebte Tim. Das tat sie wirklich, aber in den letzten Tagen war sie einfach verwirrt.
Sophias Anblick genügte und sie musste wieder an Anthony denken. Er war ein toller Mann gewesen, der einen sofort in seinen Bann gezogen hatte. Und auch, wenn Kate diesem Charme nicht sofort verfallen war, irgendwann war es eben doch passiert. Sophia sah ihrem Vater so ähnlich. Und ihr Lachen hörte sich wie seines an. Es tat einfach weh. Sophias Vater hatte immer noch einen Platz in Caitlins Herz und das war das Schlimme. Obwohl sie Tim liebte, wusste die Anwältin, dass sie diesen anderen Mann immer mehr lieben würde. Doch das alles war nebensächlich. Anthony DiNozzo würde nie wieder in ihr Leben treten. Nie wieder.
Kate führte eine glückliche Ehe und diese würde sie wegen einigen Gedanken an einen früheren Freund nicht aufs Spiel setzen. Tim war wahnsinnig geduldig und verständnisvoll, aber sicher hatte auch das seine Grenzen. Sie war keine Frau, die ihren Mann betrog. Allerdings waren ihre Gedanken fast so etwas. Ein Teil von Kate sehnte sich nach den Berührungen des anderen Mannes. Die Erinnerung allein reichte aus und machte sie verrückt. Die gemeinsamen Momente mit ihrem Ehemann waren auch sehr schön und vor allem zärtlich, aber die beiden Männer waren so verschieden wie Tag und Nacht. Tim war der Tag und Tony die Nacht. Man konnte nicht beides auf einmal haben. Entweder Tag oder Nacht.
Es gab so viele Dinge, an die Kate sich erinnerte, obwohl sie sich nicht mehr daran erinnern wollte. Erst heute Nacht war sie schreiend aufgewacht. Nicht, weil sie einen Alptraum gehabt hätten, sondern weil es sie schockiert hatte, dass sie von diesen Dingen träumte. Dummerweise hatte sie Tim damit aufgeweckt und ihm dann erzählt, dass sie einfach nur schlecht geträumt hatte. Caitlin kam sich wie eine elende Lügnerin vor und irgendwie war sie die ja auch. Nachts, wenn ihr Mann neben ihr im Bett lag, träumte sie von einem anderen Mann!
Oh, sie erinnerte sich an viele Dinge. Und das viel zu gerne. Seufzend schloss sie ihre Augen und erinnerte sich an den Traum vergangenen Nacht.
"Einen Kaffee, bitte", sagte die braunhaarige Frau zu dem Mann hinter dem Kaffeestand. Vor wenigen Stunden hatte Kates zweites Jahr auf dem College angefangen und sie liebte es einfach. Nicht, dass sie etwas gegen ihre Eltern hatte und sie war auch nicht wie viele Mädchen auf dem College, aber dennoch liebte die junge Frau den Campus. Hier konnte man so viele Dinge beobachten und neue Leute kennen lernen. Der Verkäufer reichte ihr den Kaffee und Caitlin drückte ihm einige Scheine in die Hand und ging dann los.
Sie war keine zehn Meter gelaufen, als jemand in sie rannte. Kate war darauf nicht gefasst gewesen und der heiße Kaffee verteilte sich auf ihr und dem Fremden, der in sie gelaufen war. Verdammter Idiot! Es gab viele tolle Leute auf dem Campus, aber genauso viele, die einfach nicht hierher gehörten. Mit funkelnden Augen blickte die Braunhaarige auf und erstarrte dann. Dieser Anblick war zu schön um wahr zu sein. Nicht irgendjemand war in sie gerannt, sondern Tony DiNozzo. Frauenschwarm und Witzbold Nummer 1. Oh super. So toll er aussah, er hatte sicher nicht viel im Kopf. Abgesehen einmal von Frauen und Sex.
„Kannst du nicht aufpassen?", fauchte sie nun und kniff ihre Augen gefährlich zusammen. Der heiße Kaffee war vergessen. Ein Teil davon war auf DiNozzos Hose gelandet und Kates Bluse hatte auch einiges abbekommen. Als die Studentin das Grinsen des Mannes sah, verstand sie die Welt nicht mehr. Dann jedoch, sah sie an sich hinunter und ihr wurde klar, dass sie heute eine weiße, fast durchsichtige Bluse angezogen hatte. Starrte er auf ihren Busen? Viel wurde ja nicht mehr verdeckt. Ohne eine Sekunde zu zögern, hob sie ihre Hand und verpasste Tony eine gepfefferte Ohrfeige. „Schwein!", rief sie, ließ den leeren Kaffeebecher einfach liegen und lief dampfend davon.
DiNozzo aber folgte ihr. Auf einmal hielt sie jemand am Arm fest und sie hörte eine Stimme, die sie bisher noch nie aus der Nähe gehört hatte. „Lass mich dich auf einen Kaffee oder so einladen. Ich bin immerhin daran schuld, dass dein Kaffee nun auf dem Boden liegt", hauchte er und drehte sie zu sich herum. Die Wut stand der Studentin ins Gesicht geschrieben und am liebsten würde sie ihm noch einmal eine verpassen. Allerdings schienen sie sich inzwischen sowieso schon im Zentrum der Aufmerksamkeit zu befinden.
„Ich soll einen Kaffee trinken? Mit dir?", fragte Caitlin verblüfft und wütend zugleich. Glaubte er wirklich, dass sie wie seine anderen Freundinnen war? DiNozzos Ruf eilte ihm voraus. Feste Beziehungen hatte er nicht und so etwa jeden Tag eine neue Freundin. In dieses Schema passte sie nun wirklich nicht. Die Studentin kniff ihre Lippen zu einem dünnen Strich und schüttelte dann ihren Kopf. Oder so… natürlich. Er dachte gar nicht an Kaffee. „Glaubst du, dass ich so dumm bin? Lieber sterbe ich alt und einsam, als das ich jemals mit dir schlafe", fauchte sie leise, so das nur Tony es hören konnte. Mit diesen Worten verschwand sie und diesmal blieb sie auch allein.
Caitlin erinnerte sich sehr gut an dieses Jahr. Eigentlich hatte sie ihre Worte bezüglich Tony sehr ernst gemeint. Sie hatte niemals mit ihm schlafen wollen, aber am Ende war sie seinem Charme doch verfallen. Vor allem, weil er sich ihr gegenüber vollkommen anders verhalten hatte und nett gewesen war. Einige Monate nach dieser Begegnung waren die beiden tatsächlich ein Paar geworden. Man konnte seinem Herz eben nicht diktieren, in wen man sich verliebte. Es passierte einfach und Kate hatte sich schnell in Anthony verliebt.
Die Zeit mit ihm war sehr schön gewesen, dennoch war er immer noch ein sehr spezieller Mann gewesen. Tony schien nicht wirklich erwachsen werden zu wollen und wahrscheinlich war es heute noch genauso. Kate konnte sich gut vorstellen, dass er sich immer noch wie ein junger Mann auf dem College verhielt. Dass seitdem gute zehn Jahre vergangen waren, interessierte Anthony DiNozzo bestimmt nicht. Kate kannte ihn besser, als er es vielleicht für möglich hielt. Zumindest war das früher so gewesen.
Wieso konnte Kate nicht endlich aufhören, ständig an ihn zu denken? Es war zum verrückt werden. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es bald Mittag war. Sie könnte Tim zum Mittagessen abholen. Die beiden hatten schon so lange nicht mehr zusammen Mittag gegessen. Caitlin kannte den Weg zum NCIS und Sophia würde noch einige Stunden in der Schule sein. Und Ablenkung konnte sie nun wirklich dringend gebrauchen. Kate schnappte sich ihren Mantel und ihre Handtasche und verschwand dann nach draußen.
Es war Dezember und nur noch wenige Wochen bis Weihnachten. Derzeit war in Washington entsprechend kalt. Geschneit hatte es noch nicht. Kate mochte Schnee und die Weihnachtszeit, allerdings wollte in diesem Jahr noch keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Vor dem Haus sah sie sich kurz um und erkannte, dass die meisten Nachbarn ihre Häuser schon geschmückt hatten. Eigentlich überladen. Die meisten Amerikaner neigten dazu, ihre Häuser in Weihnachtsdekoration einzupacken und das sah nicht immer schön aus.
Etwa eine halbe Stunde später fand Kate sich im Aufzug zum Büro ihres Mannes wieder und versuchte nicht an all die anderen Dinge zu denken. Caitlin hatte keine Ahnung, wieso sie ausgerechnet jetzt so oft an ihn denken musste. Sophia sah ihrem Vater natürlich immer ähnlicher, aber deswegen musste sie doch nicht gleich öfter an ihn denken. Die Fahrstuhltüren öffneten sich mit einem leisen ‚Pling' und die Frau trat in das warme Büro. Auf einmal erschienen ihr Mantel und der Schal fiel zu warm.
Suchend sah sie sich um, konnte Tim allerdings noch nicht entdecken. Hier war aber auf jeden Fall das Büro von seinem Team. Ganz gewiss sogar. Die dunkelhaarige Frau ging weiter und blickte sich dabei im Büro um. Sie wandte sich nur halb an einen der Agents und sah ihn dabei nicht einmal sonderlich genau an. „Entschuldigung. Ich bin auf der Suche nach Timothy McGee. Wo kann ich ihn finden?", nach dieser Frage blickte sie sich erneut um, aber ihr Ehemann war nirgends zu entdecken.
Dass der braunhaarige Agent sie interessiert und erstaunt zugleich musterte, fiel ihr bis dahin nicht auf. Die Augen der Frau suchten immer noch das Büro ab. „Caitlin Todd?", fragte der Agent auf einmal und Kate erstarrte in ihrer Bewegung. Dieser Agent kannte ihren Namen? Er kannte ihren Mädchennamen, was hieß, dass er sie seit einigen Jahren nicht gesehen hatte. Kannte sie außer Tim jemanden beim NCIS? Nicht, dass sie wüsste.
Bedacht drehte Kate sich nun herum und richtete ihren Blick auf den Agent. Wenn sie zuvor sprachlos gewesen war, dann war sie es jetzt erstrecht. Das konnte doch nicht wahr sein? Das hier musste ein Traum sein. Anders ließ sich das nicht erklären. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck und sie öffnete ihren Mund, brachte allerdings kein einziges Wort heraus. Saß dort wirklich Anthony DiNozzo? Nein, nein. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Tims Kollege war… nein! Ohne weiter auf den Special Agent zu achten, kniff sie sich in ihren Arm und verzog dann ihr Gesicht. Kein Traum.
Anthony legte seinen Kopf etwas schief und stand dann schließlich aus. Unwillkürlich ließ Caitlin ihren Blick über seinen Körper schweifen und seufzte innerlich auf. Ihre Erinnerung war hervorragend. Er sah immer noch so gut aus. Sogar etwas besser, wenn man ihn sich genau ansah. Tony sah erwachsener aus, aber vermutlich trog dieses Bild. Tony DiNozzo hatte sein Leben zu sehr geliebt. „Sie sind doch Caitlin Todd, oder? Verwechsle ich Sie vielleicht mit jemandem?", fragte er nun und sah sie dabei fast etwas besorgt an.
Langsam musste Kate wohl etwas sagen. Aber das war nun wirklich nicht so leicht. Vor ihr stand der Vater ihrer Tochter! Was war das nur für ein Tag? Was hatte das Schicksal sich nur dabei gedacht? Zuerst wurde Tim nach Washington DC versetzt und nun schien DiNozzo sein Arbeitskollege zu sein. Die Anwältin seufzte leise und sah ihren Ex-Freund dann wieder an. „McGee", sagte sie, „Ich bin Tims Ehefrau…", erklärte sie. Sicher würde sich selbst Anthony denken können, wie sie das meinte.
Mit diesen Worten schien Kate Tony sprachlos gemacht zu haben. Der Agent sah so aus, als hätte er einen Schlaganfall oder etwas in der Art. Und dann fing er zu lachen an. „Du bist McGees Ehefrau, Kate? Ist das dein Ernst?", fragte er immer noch lachend und grinste sie dann an.
Caitlin lachte nicht. Scheinbar war Tony immer noch derselbe. Er hatte sich kein Stück verändert. Wut kroch in ihr hoch und sie kniff ihre Augen zusammen. Das alles erinnerte sie sehr an die erste Begegnung mit ihm. Damals hatte sie ihn nicht ausstehen können und nun war es wieder genauso. „Ich bin Tims Ehefrau. Wenn es um so etwas geht, mache ich keine Witze. Und eine Kopie unserer Heiratsurkunde habe ich leider nicht dabei, DiNozzo", fauchte sie leise und sah sich dann wieder im Büro um.
„Wo ist Tim? Ich wollte ihn zum Mittagessen abholen." Dabei achtete sie nicht weiter auf Tony, der immer noch etwas lachte. Was sollte daran schon so witzig sein? Aber er war eben schon immer sehr schwer zu verstehen gewesen und daran hatte sich nun natürlich nichts verändert. Wahrscheinlich war Tony nun sogar noch unreifer als vor einigen Jahren.
„McGee ist nicht hier. Er ist an irgendeinem Tatort und macht, was er immer macht. Er kommt sicher erst in einigen Stunden wieder, aber du könntest mit mir Mittagessen gehen", sagte er und trat etwas näher an die Seite seiner Ex-Freundin.
Kate seufzte leise. Dann war sie also vollkommen umsonst hergekommen. Tim war nicht hier und würde auch nicht so schnell wieder kommen. DiNozzos nächste Worte waren schon eher lachhaft. „Nein. Ich gehe nicht mit dir Mittagessen, Tony., meinte sie und schüttelte dabei ihren Kopf. Hätte sie doch nur immer nein gesagt. Caitlin liebte ihre Tochter, aber ohne Tony wäre vieles einfacher gewesen.
„Wieso nicht? Du bist mit jemanden wie McGee verheiratet, willst aber nicht mit mir essen gehen? Es ist nur ein Mittagessen", betonte er grinsend.
Kate wurde wieder etwas wütender. „Es ist bei dir nie nur ein essen, Tony!", fauchte sie so leise wie möglich. „Und lass diese abfälligen Bemerkungen über Tim. Er ist Tausend Mal besser als du", fügte sie sauer hinzu. Wenn DiNozzo nicht aufpasste, würde sie ihm gleich wieder eine Ohrfeige verpassen und Kate war sich nicht so sicher, ob das hier gut sein würde. War das dann nicht streng genommen Angriff auf einen Bundesagenten? Im Endeffekt war es ihr aber auch egal. Anthony schaffte es eben, einen bis zur Weißglut zu treiben.
„Er ist nicht dein Typ, Kate. Wieso hast du ihn geheiratet? Es ist doch so gar nicht, der Typ Mann, auf den du sonst stehst", meinte der Agent nun und Caitlin glaubte nicht, was sie da hörte? Wieso mischte er sich in diese Dinge ein? Es ging Tony nichts an und sowieso konnte er mit diesen Worten nichts bewirken. Kates Wut stieg dadurch jedoch etwas mehr an.
„Was fällt dir eigentlich ein? Das alles geht dich nichts an. Und wenn du es unbedingt wissen willst, ich habe Tim geheiratet, weil er ein toller Kerl ist und ich ihn liebe. Du hast doch keine Ahnung, wer mein Typ ist", antwortete Caitlin und kniff ihre Augen noch etwas mehr zusammen. DiNozzo war wirklich noch wie auf dem College. Verdammt stur und wollte immer das haben, was er nicht haben konnte. Wieso sonst sollte er sich nun in diese Dinge einmischen?
„Er ist viel zu lieb für dich", murmelte DiNozzo und legte seinen Kopf schief.
Caitlin lachte leise und schüttelte dann ihren Kopf. „Was willst du mir damit sagen? Das du eher mein Typ bist? Dem ist aber nicht so, Tony. Ich habe mich damals von dir getrennt und es war sehr gut so. Du bist… kindisch und kannst nicht einmal Verantwortung für einen Goldfisch übernehmen! Rede nicht so über Tim", zischte Kate.
Anthony nickte. „Ich bin auf jeden Fall viel eher dein Typ als McGee, Kate. Ich kenne dich. Auch, wenn du das nicht gerne hörst, aber ich kannte dich zumindest früher sehr gut und Männer wie McGee haben dich nie auf diese Weiße angesprochen. Du fandest sie nett, aber nicht sexuell anziehend", sprach DiNozzo und schien sehr von seiner Meinung überzeugt zu sein.
Kate schüttelte nur ihren Kopf. Tony kannte sie nicht im Geringsten. Vielleicht waren Männer wie Tim früher nicht ihr Typ gewesen, aber mit dem Alter wurde man einfach erwachsener. Kate hatte allein wegen Sophia erwachsen werden müssen. Und man war ja nicht nur mit jemanden zusammen, weil er sein Typ war, sondern weil man jemanden liebte und eben das war bei Tim so. Caitlin liebte ihn. Sie hatte ihn von der ersten Sekunde an sehr nett gefunden und sich dann in ihn verliebt. Tim war ein guter Vater für Sophia. Sie brauchte ihren Erzeuger nicht und er würde niemals etwas von seiner Tochter erfahren. Diese Begegnung hatte Kate zumindest bei diesem Entschluss verholfen. DiNozzo war unreif und er würde für Sophia nicht gut sein.
„Wie auch immer. Hat mich nicht gefreut, dich wieder zu sehen. Ich hoffe, wir sehen uns nie wieder", sagte Kate und rauschte dann zum Aufzug davon und drückte eilig den Knopf. Die Türen öffneten sich und Kate schlüpfte hinein. Allerdings folgte DiNozzo ihr, bevor die Türen sich schlossen. „Verschwinde! Ich will nicht mit dir reden!", schrie Kate nun und funkelte den Agenten an.
Der Aufzug setzte sich in Bewegung und hielt dann an. Die Lichter gingen fast vollständig aus und die Türen blieben geschlossen. Da erkannte Kate, dass Tony den Stopp-Knopf gedrückt hatte. Was dachte dieser Mann sich nur dabei? Er war scheinbar immer noch genauso stur wie vor zehn Jahren. „Ich will mit dir reden, Kate", meinte Tony sehr gelassen und lehnte sich dann an die Türen. Er verschränkte seine Arme vor der Brust und sah seine ehemalige Freundin dabei genau an. „Wieso hast du damals Schluss gemacht? Habe ich dir irgendetwas getan? Du hast mich ohne irgendeinen Grund von einem auf den anderen Tag verlassen", sagte er und klang gekränkt.
Wahrscheinlich aber ging es ihm hier nur um sein Ego. Er wollte wissen, warum sie ihn verlassen hatte. Warum sein ach so toller DiNozzo-Charme bei ihr nicht länger gewirkt hatte. Dieser wirkte im Grunde ja noch immer, aber das war etwas, was er sicher nie erfahren würde. Genauso wenig wie die Wahrheit. Anthony würde nicht erfahren, dass sie ihn verlassen hatte, weil sie schwanger gewesen war. Caitlin hatte sich damals entschieden und sie stand zu ihrer Entscheidung. Tony war nicht reif genug für diese Dinge. Er konnte sich nicht um ein 9-jähriges Kind kümmern.
„Kannst du es nicht einfach sein lassen, Tony? Das ist so lange her und es ist nicht mehr wichtig…", murmelte Caitlin und schloss ihre Augen. Es war nicht gut, dass sie Tony wieder so nahe war. Sie konnte seinen wunderbaren Duft riechen und das erinnerte sie noch an ganz andere Dinge. Ja, es war nun sogar so, als könnte sie seine Lippen auf ihrer Haut spüren. Die Erinnerung konnte zum größten Feind werden. Und bei Kate traf das im Moment wirklich zu.
„Nein, ich werde dieses Thema nicht einfach fallen lassen. Ich habe dich damals gehen lassen, aber das war nicht leicht… Kate, ich wollte jeden Tag zu dir fahren und dich zur Rede stellen. Ich habe dich geliebt. Gab es dafür irgendeinen Zweifel?", wollte der Agent verzweifelt wissen. Seine Worte beunruhigten Kate sogar noch mehr. Das er sie nicht aufgesucht hatte, war gut, denn sonst hätte er ja von der Schwangerschaft erfahren. Was Caitlin aber mehr Angst machte war, dass es ihm scheinbar nicht um sein verletztes Ego ging, sondern um etwas ganz anderes… hatte sie ihm etwa sein Herz gebrochen?
Oh, das war doch vollkommen unmöglich. Ja, Tony hatte ihr damals oft gesagt, wie sehr er sie liebte und sie hatte seine Gefühle erwidert, aber das es ihm so ernst gewesen zu sein schien, überraschte Kate. Caitlin antwortete nicht. Es gab keine gute Antwort. Und er würde die Wahrheit ja sowieso nicht erfahren. Kate war an erster Stelle Mutter und sie würde ihre Tochter beschützen. Tony mochte ihr leiblicher Vater sein, aber mehr war er einfach nicht. Bei diesem Gedanken schrie das Herz der Anwältin laut auf. Anthony DiNozzo würde für sie immer mehr sein, aber das konnte sie sich so einfach nicht eingestehen.
„Tony!", schrie Kate und schüttelte ihren Kopf. „Lass es bitte. Daran gab es bestimmt keine Zweifel, aber ich habe eben erkannt, dass du nicht der Richtige für mich warst. Deswegen habe ich mich von dir getrennt. Du wärst doch niemals erwachsen geworden. Sieh dich nur an… du bist nicht mehr auf dem College. Werde Erwachsen. Aber das würde auch nichts ändern. Ich liebe Tim", versicherte sie dem Agent.
Ohne ein Wort zu sagen, ging der Agent die paar Schritte auf seine Ex-Freundin zu und legte dann beide Hände an ihre Wangen. Der Kontakt brachte Caitlins Haut zum glühen und ihr Herz zum schneller schlagen. Seine Berührungen, mochten sie noch so unscheinbar sein, hatten immer noch dieselbe Wirkung auf sie. Die Hitze schoss durch Kates Körper und verbündete sich mit dem Eis. Zugleich war das aber gar nicht gut. Das er sie nun so ansah und seine Hände dabei an ihre Wangen legte, war kein gutes Zeichen.
Caitlin konnte sich aber auch nicht rühren. Tonys Blick in ihre Augen fesselte sie und erneut musste sie an die vielen gemeinsamen Stunden denken. Die Zeit mit Tony war keine Verschwendete gewesen. Nein, dafür hatte sie diese Zeit immer viel zu sehr genossen, aber am Ende war er eben nicht der Richtige gewesen. Zumindest hatte Kate sich das eingeredet. Anthony war ein toller Liebhaber, aber ob er auch ein guter Vater geworden wäre? Kate hatte es nicht herausfinden wollen. Sie hatte sich nach langem Überlegen für die Möglichkeit entschieden, die schmerzhafter war.
Das Tonys Gesicht sich ihrem nun immer mehr näherte, war wirklich übel. Hatte er vor sie zu küssen? Das konnte er einfach nicht wagen. Tony wusste doch, dass sie verheiratet war, aber wenn sich an seiner Einstellung wirklich nichts geändert hatte, würde ihn das vermutlich nicht so viel ausmachen. Ein weiterer Punkt war die gemeinsame Vergangenheit, die nun allerdings nicht mehr zählen sollte. „Du bedeutest mir immer noch sehr viel, Kate. Ich habe dich nie vergessen", hauchte er an ihre Lippen. Caitlins Gedanken rasten, bevor sie aber ernsthaft über diese Worte nachdenken konnte, legten sich die Lippen des Agents auf ihre und zogen sie in einen sanften Kuss.
Jegliche Vernunft sprach dagegen, diesen Kuss nun zu erwidern. Nicht nur, weil sie verheiratet war, sondern auch, weil Tony Vergangenheit war und das alles hier einfach falsch war. Wenn sie ihm wirklich noch so viel bedeutete, wie er sagte, dann würde er damit nur seine eigenen Gefühle verletzen. Aber konnte Kate seine Gefühle noch mehr verletzen? Falls er sie damals wirklich geliebt hatte, ging das wohl nicht mehr.
Während Caitlins Kopf dagegen war, schien ihr Herz es für eine gute Idee zu halten. Ohne es selbst wirklich zu merken, fing sie an den Kuss zu erwidern und schlang ihre Arme dabei um DiNozzos Hals. Wenige Sekunden später schaltete sich jedoch der Kopf der Anwältin wieder ein und ihr wurde bewusst, was sie hier gerade machte. Die ganzen Erinnerungen und Träume waren nicht schlimm. Damit hinterging sie Tim nicht, aber ein Kuss, war eine ganz andere Sache. Ein Kuss war Betrug genug. Sie musste es nicht noch auf mehr ankommen lassen.
Schwerfällig trennte sie ihre Lippen von Anthonys und stieß ihn dann von sich. Die Wut war wieder zurückgekehrt und diesmal würde Kate sie sicherlich nicht unterdrücken. Warum musste Tony auch immer so etwas machen? Er brachte nicht nur seine Gefühle durcheinander, sondern auch die der anderen. Caitlin hasste sich für diesen Kuss. Sie liebte Tim doch und sie hatte daran nie gezweifelt. Das tat sie auch jetzt nicht, aber sie war doch ziemlich verwirrt. Wegen Tony würde sie ihre Familie nicht auf den Spieltisch legen. Und würde sie erneut zulassen, dass es zu einem Kuss kam, würde genau das passieren.
Für einen Moment schloss Caitlin ihre Augen und versuchte sich voll zu konzentrieren. Tony zu küssen war noch so gut wie vor einigen Jahren. Besser sogar, aber das kam ihr vermutlich nur so vor, weil sie ihn solange nicht geküsst hatte. Sowieso war das alles falsch. Vollkommen falsch. Kate öffnete ihre Augen wieder und funkelte Anthony an. „Mach das nie wieder. Es ändert nichts. Ich bin mit Tim verheiratet und ich liebe ihn", flüsterte Kate. Wirklich überzeugend klang es im Moment nicht. Das war ihr selbst wohl auch bewusst. Ohne weiter auf Tony zu achten, legte sie den Knopf wieder um und der Fahrstuhl setzte sich wieder in Bewegung.
Als die Türen des Fahrstuhls sich öffneten, rauschte Kate nach draußen und drehte sich dabei kein einziges Mal nach DiNozzo um. Er war ihr im Moment wirklich egal. Sie wollte nur noch weg. Was hatte sie eben nur gemacht? Sie hatte sich von Tony küssen lassen und den Kuss dann auch noch erwidert. Wie konnte sie Tim so etwas nur antun? Er war doch so ein wunderbarer Vater für Sophia und er liebte sie ebenfalls. Das alles konnte sie ihm einfach nicht antun. Anthony war zudem einer seiner Kollegen. Was hatte Caitlin sich dabei nur gedacht?
Die viel wichtigere Frage war wohl, was sie nun machen würde. Ihr hatte der Kuss gefallen. Dieser Kuss hatte Kate viel zu gut gefallen. Bei dem Gedanken an die wenigen Sekunden mit DiNozzo im Fahrstuhl, überschlug ihr Herz sich fast. Was sollte sie nun machen? Es Tim beichten und ihn um Gnade anflehen. So wie sie ihren Ehemann kannte, würde er ihr verdammt schnell verzeihen. Allerdings hatte sich so etwas in ihrer Ehe bisher auch noch nicht ereignet. Weder Kate noch Tim hatten andere Leute geküsst. Sie würde es für sich behalten und Tony nicht mehr nahe kommen. So weit das eben ging.
Caitlin wusste nicht, ob Tony so leicht aufgeben würde. Vermutlich reizte ihn das vor allem, weil Kate nicht mehr so einfach zu haben war. Ja, war das nicht auch vor über zehn Jahren sein Antrieb gewesen? Auf dem College hatte Kate sich nicht wie fast alle anderen Mädchen verhalten. Im Klartext hieß das, dass sie sich nicht an seinen Hals geworfen hatte und ihn gewollt hatte. Zunächst hatte sie keinerlei Interesse an dem Italiener gezeigt. Doch wenige Monate später hatte sich das geändert. Heute würde ihr das nicht mehr passieren.
Als nächstes würde sie diese Weihnachtsfeier beim NCIS hinter sich bringen müssen. Kate hoffte einfach nur, dass Tony sich anständig verhalten würde. Tim war so ein guter Mann und er verdiente so etwas nicht. Ein Teil von Kate wollte ihm wirklich alles beichten, aber damit würde er auch alles andere erfahren. Nicht einmal Tim wusste, wer der wirkliche Vater von Sophia war. Wenn es um dieses Thema ging, redete Kate gar nicht gerne. Nein, sie umging das Thema und falls es jemand ansprach, gab sie kaum Antworten.
Mit irgendjemandem musste Caitlin doch einfach reden. Das Problem war nur, dass sie in Washington bisher keine Freundinnen gefunden hatte und sie sich kaum denken konnte, dass ein ihrer anderen Freundinnen das ganze verstehen würde. Alle ihre Freundinnen waren glücklich verheiratet und hatten solche Probleme nicht. Es war wirklich zum verrückt werden.
In ihrer Eile bemerkte Kate nicht, dass sie direkt in jemanden lief. Diese Person kannte sie jedoch nicht. „Tut mir wirklich leid. Ist alles in Ordnung bei Ihnen?", fragte sie und betrachtete die schwarzhaarige Frau genauer. Sie sah nicht...gewöhnlich aus.
