Kaeleer
„Mutter, ich werde mich selbst darum kümmern", meinte Gemma ungehalten und warf einen wütenden Blick über die Schulter. Sie war volljährig und brachte schon lägst keinen, der ihr beim Anziehen half.
„Wage es nicht diesen Ton einzuschlagen, Mädchen", warnte die Frau. „Ich weis besser was gut für dich ist. Dieses Kleid ist es ebenfalls nicht." Gemma trat einen Schritt von ihrer Mutter zurück und warf einen Blick in den Spiegel. Sie mochte das Kleid. Es war hellgrün und betonte ihre dunkle Haut. Die goldenen Stickereien am Kragen passten auch auch zu ihren Augen. Zudem war es schlicht aber elegant geschnitten und – das war die Hauptsache – sie fühlte sich wohl darin.
„Ich behalte es an!", beharrte die junge Frau. Die Mutter verdrehte die Augen.
„Warum willst du verbergen, was die Dunkelheit dir gegeben hat? Warum ziehst du nicht etwas an, was deine Vorzüge mehr betont?" Aus dem geräumigen Kleiderschrank schwebte ein dunkelrotes Kleid herbei.
„Das hier, zum Beispiel! Du wirst umwerfend aussehen!" Gemma warf einen überraschten Blick auf das Kleid. Es war…. aufreizend. Auf den ersten Blick glaubte sie kaum, dass sie da rein passen würde und selbst wenn, würde sie bestimmt nicht viel Platz zum atmen haben.
„Wann hast du das machen lassen? Ich kenne das Kleid gar nicht!" Die ältere Frau winkte ab.
„Letzte Woche, als du bei deiner Tante warst. Ich habe mit deinen Kleiderschrank angesehen und …. Gemma, du bist jung! Warum versteckst du dich in diesen… Kutten."
„Ich mag meine Kleider, Mutter!" Resigniert gab die Frau auf.
„Von mir aus!", sie stand auf, und verließ, ganz offensichtlich gekränkt, das Zimmer. Gemma ließ sich erschöpft auf den Stuhl sinken, auf dem vorhin ihre Mutter gesessen hatte. Dies war eine Auseinandersetzung, die sie mit ihrer Mutter schon öfter hatte. Während Gemma sich lieber zurückzog um sich den Büchern oder ihrem Garten zu widmen, war ihre Mutter der Meinung sie sollte lieber auf ein Fest gehen oder sich in der Stadt mit anderen jungen Leuten treffen. Dass sie sich um eine Einstellung bemüht hatte, war ein Kompromiss. Als ausgebildete Heilerin hatte Gemma zwar nicht die schlechteste Stellung in der Gesellschaft, aber da das Dorf zurzeit keine weitere Heilerin benötigte, entschloss sich Gemma nach einer Arbeit umzuschauen, um dem ständigen Druck ihrer Mutter zu entkommen. Als sie gehört hatte, dass der Kriegerprinz von Ebon Rih nach einer Gesellschafterin für seine Frau suchte, beschloss sie es zu versuchen. Sie erkundigte sich genauer nach den Aufgaben, die auf sie kommen würden und beschloss es sich am Hof des Kriegerprinzen vorzustellen. Zu diesem Zweck hatte sie sich auch ein Kleid ausgesucht und war, wie schon so oft, mit ihrer Mutter aufeinander geraten.
Ebon Rih
Sie verließ das Haus und nahm den Opalwind, der sie nach Ebon Rih brachte. Der Hort machte auf den ersten Blick einen düsteren Eindruck, aber je mehr Gemma es betrachtete, desto mehr gefiel es ihr. Es hatte eine Seele, würde ihr Vater sagen. Es war nicht nur ein Haus, es war ein Heim, ein Zuhause. Es war von einem blühenden Garten umgeben, der offensichtlich sorgsam gepflegt und gehegt wurde. Der wurde anscheinend von einem Meister angelegt, von jemand, der sein Handwerk verstand. Versunken in ihre Beobachtungen bemerkte sie den Kriegerprinzen vor ihr erst als sie gegen seine Brust prallte. Erschrocken wich sie zurück, ihr Herz pochte schmerzhaft gegen ihre Brust. Der Zorn in den goldenen Augen des Eyriers, lies sie erstarren. Mutter der Nacht! Das schwarzgraue Juwel ließ keine Zweifel zu – vor ihr stand der Prinz von Ebon Rih. Und sie hatte ihn gerade beinah umgerannt! Obwohl es mehr als ein junges Mädchen nötig war ihn umzurennen, überlegte Gemma. Als sie wieder hoch blickte, war der Zorn in den Goldenen Augen einer gedämpften Belustigung gewichen.
„Du bist bestimmt wegen der Stelle hier?", fragte er.
„Ja. Mein Name ist Gemma", antwortete sie und beglückwünschte sich dafür, dass sie die Herrin ihrer Stimme geblieben ist. Der Mann trat ein Schritt zur Seite und deutete auf die Tür hinter sich.
„Komm rein, Gemma."
Als Marian zum dritten Mal schwanger wurde und somit die Kunst nicht anwenden konnte, wuchs ihr die Arbeit regelrecht über den Kopf. Zwar kamen zwei Mal die Woche Frauen aus dem Dorf, um Marian zu helfen, doch sie waren eher hinderlich, als hilfreich. Jedes Mädchen versuchte ihr Bestes, was darin mündete, dass Marian in ihrem eigenen Heim zu einer untätigen Zuschauerin wurde. Doch ohne Hilfe, ging es nicht. Es gab zu viel Arbeit, die erledig werden sollte und selbst mit Tavians Hilfe war es noch zu viel. Natürlich halfen Daemonar und er so weit sie konnten, doch, als Kriegerprinz von Ebon Rih hatte er einiges an Pflichten, die ebenfalls nicht vernachlässig werden durften. Nach dem er erst mit Daemon und mit seinem Vater geredet hatte, hat sich eine Lösung abgezeichnet. Eine Gesellschafterin. Eine Frau, die in dem Horst leben würde und Marian bei der täglichen Arbeit helfen würde, ohne ihr das Gefühl zu geben Gast im eigenen Haus zu sein. Eine Frau, die Marian nicht nur bei der Arbeit helfen würde, sondern ihr auch Gesellsacht leisten konnte, während er zusammen mit Daemonar in ganz Ebon Rih unterwegs waren und Tavian in der Schule war. Marian schien von der Idee zwar nicht begeistert zu sein, aber sie stimmte endlich zu es zumindest zu versuchen. Denn die Alternative bedeutete, eine Dislozierung in die Burg.
Lucivar hatte bereits dutzende Gespräche geführt. Die meisten Mädchen scheiterten bereits an der Vorstellung einen schwarzgrauen Kriegerprinzen ständig in ihrer Nähe zu haben. Die anderen fanden die Vorstellung für eine Haushexe zu arbeiten unerträglich. Gemma war die erste, die Lucivar ins Haus bat.
Gemma schritt am dem Kriegerprinzen vorbei. Dabei wunderte sie sich über die eigene Furchtlosigkeit. Der Mann ließ ein genervtes Knurren von sich und folgte ihr ins Haus. In der Küche erwartete sie eine hübsche Eyrierin, die mit einer Hand liebevoll ihren Babybauch streichelte, während sie mit der anderen Hand Inhalt eines Topfes umrührte.
„Marian, dass ist Gemma, sie ist wegen der Stelle hier. Gemma, dass ich meine Frau Marian", stellte der Mann die Freuen gegenseitig vor. Gemma verbeugte sich höfflich. Marian lächelte ihr zu, dann warf sie ihrem Mann einen vernichtenden Blick zu. Er zuckte lediglich mit den Schultern.
„Bedank dich bei dem Höllenfürsten, es war schließlich seine Idee", meinte er gelassen. Das war zwar eine glatte Lüge, aber er hatte nicht vor es Marian zu erzählen. Dann blickte er zur Gemma, die jegliche Farbe verloren hatte. Höllenfürst? Dann waren die Gescheiten also war? Prinz Yaslana war tatsächlich mit den Prinzen der Dunkelheit verwandt.
„Ist das ein Problem?", fragte eine gefährlich sanfte Stimme. Gemma schüttelte den Kopf.
„Nein, nur eine…. ungewöhnliche Tatsache", meinte sie wahrheitsgemäß. Sie hatte noch nie etwas über den Höllenfürsten gehört, was ihn in ihren Augen wie ein Monster erscheinen ließ. Er war ein Mann denn sie immer bewundert hatte.
„Du machst das Mädchen ja ganz nervös", meinte Marian besorg, drückte Lucivar den Löffel in die Hand und zog Gemma in den Salon, wo sie in ein tiefes, bequemes Sessel gesetzt wurde.
„Angeblich habe ich diese Wirkung auf Frauen", ertönte die belustigte Stimme des Eyriers aus der Küche. Er steckte den Löffel in den Topf und ließ ihn den Inhalt weiter rühren. Währenddessen kümmerte er sich um die Getränke. Kurz darauf kam er mit einem Tablett mit Erfrischungen herein.
„Warum willst du hier arbeiten, Gemma?", wollte er wissen, nachdem er die Frauen mit frischer Limonade versorgt hatte.
„Du trägst Opal und bist eine Heilerin. Warum also suchst du nach einer Einstellung?" Gemma zuckte mit den Schultern.
„In meinem Dorf gibt es bereits eine Heilerin und sie hat ihre Töchter, die ihr zur Hilfe stehen. Auch in den Nachbarsdörfern ist zurzeit kein Mangel an Heilerinnen."
„Wo wurdest du denn ausgebildet?", fragte Marian.
„Von meiner Mutter. Sie meinte dass eine Gabe nicht verschwendet werden darf."
„Da hat sie Recht", murmelte Lucivar. Das Mädchen hatte etwas an sich. Zwar fühlte sie sich unwohl, aber das lag weder an Marian noch an ihm, sie war schlichtweg schüchtern.
„Ich wollte etwas tun. Etwas mit meiner Zeit anfangen", erzählte Gemma weiter. „Also habe ich mich nach einer Arbeit umgesehen, nach etwas, was mir vielleicht neue Erfahrungen und neue Wegen öffnen würde. Und als ich gehört habe…". sie zögerte. „Ich wollte von meiner Mutter etwas Abstand gewinnen", gab sie ehrlich zu. „Sie liebt mich, aber manchmal erdrückt mich ihre Liebe. Ich will versuchen auf eigenen Beinen zu stehen."
Auch wenn sie immer noch vor Aufregung zitterte, entdeckte Lucivar etwas Neues in dieser jungen Frau. Unter der Schüchternheit verbarg sich eine echte Kämpferin, eine Starke und selbstbewusste Person.
„Ich verstehe", meinte Marian. „Und du würdest gerne hier…. arbeiten?"
„Ja. Das würde ich."
„Hast du Vorstellungen davon, was auf dich zukommt?", fragte Lucivar mit Belustigung in der Stimme, doch sein Blick bleib ernst.
„Ich bin mit dem Protokoll vertraut", antwortete Gemma ruhig. „Ich wurde geschult mit den Männern des Blutes umzugehen. Ich weiß, zumindest theoretisch, wie ich mit einem Mann im Blutrausch umgehen soll." Sie blickte fest in die Augen des Mannes vor sich.
„Ich kann mich verteidigen, wenn es sein muss." Lucivar hob die Augenbrauen.
„Du kannst kämpfen?"
„Mein Vater meinte, dass ich für meine… hm…. Für meine Unversehrtheit ab einem bestimmten Zeitpunkt selbst verantwortlich sein sollte. Deswegen hatte er mich trainiert seit ich sieben bin." Der Kriegerprinz nickte anerkennend. Marian, die sich nur zu gut daran erinnerte, wie Lucivar ihr das Kämpfen beibrachte, freute sich für das Mädchen, das nicht ganz unvorbereitet in Lucivars Hände geraten war.
„Ist dir Bewusst, dass du von Zeit zur Zeit dieses Haus mit zwei Kriegerprinzen teilen wirst?", fragte Lucivar. War diesem Kind bewusst, was es bedeutete? Gemma schüttelte sich, als ob sie plötzlich in die Kälte geraten war.
„Ich verbrachte drei Wochen meines Praktikums in einem Lazarett. Zeitweise war ich mit einem Dutzend Kriegerprinzen auf engstem Raum eingesperrt. Ich bezweifle, dass es etwas Schlimmeres gibt, als ein riesiger Haufen verwundeter Kriegerprinzen, die nur unter Vollnarkose aufhören gereizt zu knurren." Marian musste das Lachen unterdrücken. Lucivar öffnete den Mund, schluss es wieder und nickte nur.
„Ich würde mich über deine Hilfe freuen, Gemma. Wenn du magst, kannst du noch heute einziehen", meinte Marian. Sie hatte eingesehen, dass der Gedanke eine Hilfe im Haus zu haben doch nicht so abwegig war. Jemanden, der ihr zu Hand ging, wenn es um kochen, waschen und aufräumen ging. Jemand der ausgebildet war zu helfen, sollte es Schwierigkeiten geben. Jemand der ihr Gesellschaft leistete, wenn Lucivar und Daemonar auf der Rundreise durch die Dörfer waren. Außerdem würde Gemma auch für Tavian eine Hilfe sein, da das Mädchen gerade in ihrer Ausbildung als Heilerin steckte. Gemma nickte freudig.
„Das wäre mir eine Freude!"
