Es fing an mit einem Kuss.
Vielleicht auch früher. Wahrscheinlich hatte er schon immer Gefühle gehabt und sie einfach nicht wahrgenommen. Er hätte möglicherweise erkennen müssen was los war, als Cho, ihn und Hermine damals beschuldigte mehr als nur Freunde zu sein. Oder es war noch viel früher. Zu einer unschuldigeren Zeit.
Es war jedenfalls ein Kuss der Dinge verändern sollte.
Der Kuss geschah nicht bewusst. Es war ein Kuss zwischen zwei Menschen die sich ziemlich unsicher waren was sie da eigentlich taten. Es war etwas Reines und Unschuldiges, wie es nun schon seit einer lange Zeit in seinem Leben nicht mehr stattgefunden hatte. Einfach, es war eine Art sich gegenseitig Zuneigung und Gefühle zu zeigen.
Es passierte in Harrys sechstem Jahr auf der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei. Er und Ron hatten ihre Hausaufgaben wie immer bis zur letzten Minute hinausgeschoben. Hermine hatte ihre, wie immer, natürlich schon seit Tagen fertig.
Im Augenblick, versuchten Ron und Harry gerade ihre drei Rollen Pergament zum Thema „Das gefährliche und komplizierte Ritual ein Animagus zu werden" fertigzustellen.
Die drei hatten es sich auf dem Boden im Gemeinschaftsraum von Gryffindor gemütlich gemacht, wo sie ein loderndes Feuer aus dem Kamin wärmte. Harry hatte sichtlich Mühe, seine Gedanken verständlich zu formulieren. Und der Umstand, das Hermine jedes ihrer geschriebenen Worte las, half ihm auch nicht viel weiter,
Etwa um Mitternacht, gähnte Ron laut und streckte sich träge. „Fertig!" sagte er stolz, und reichte Hermine sein Aufsatz zur Inspektion.
Hermine nahm ihn, und begann diesen mit einer roten Korrekturfeder zu überlesen. „Ron, Hexen und Zauberer verwandeln sich nicht einfach in Fledermäuse! Das macht man einfach nicht!"
„Und? Es ist nur ein Beispiel. Wen kümmerts ob es wahr ist oder nicht?"
„Die Wahrheit ist das Gesetz, das jede Art von Text zusammenhält."
Ron schaute sie wütend an und nahm sein Aufsatz. „Schonmal von Fiktion gehört?"
„Das soll nicht Fiktion sein! Das ist ein AUFSATZ! Für die Schule!"
„Schon, aber es ist immer noch nur ein Beispiel! Es muss nicht wahr sein!"
„Hast du jemals von einem Zauberer oder einer Hexe gehört, die sich absichtlich in eine Fledermaus verwandelt haben?"
„Klar, schon oft."
„Nenn mir eine"
„Ich.. Ich.. Ich gehe ins Bett!" Errötend packte Ron seine Sachen zusammen, stand auf, und zog beleidigt ab.
Harry sah der ganzen Szene mit einem belustigten Gesicht zu.
„Was grinst du so blöd!" fragte Hermine erhitzt.
Harry versuchte ernst zu gucken, doch schaffte es nicht wirklich. Unbewusst, rückte er ein bisschen näher zu ihr. „Nichts." antwortete er schnell.
Sie kniff ihre Augen zusammen. „Ich will es doch hoffen."
Harry schaute sie an, und entschied das sie nicht so verärgert war, wie sie es vorzugeben versuchte. Er nickte in die Richtung, in die Ron gerade geflohen war. „Warum müsst ihr euch eigentlich immer streiten?"
Hermine versuchte einen Blickkontakt zu vermeiden und starrte in das Feuer. „Ich weiß es nicht. Es passiert einfach. Ich mache es nicht absichtlich."
Harry nickte. „Ich weiß."
„Glaubst du er wird morgen auf mich böse sein?"
„Wahrscheinlich nicht. Er ist nur aufgebracht, weil er weiß das du recht hast. Wie auch immer." Harry sah seinen eigenen unvollendeten Aufsatz und seufzte. „In der Zwischenzeit könntest du mir mit meinem Aufsatz helfen."
Hermine sah sich ihn an. „Harry, du hast gerade mal einen Absatz geschrieben."
Er seufzte frustriert, stand auf, und begann im Raum auf und ab zu laufen. „Ich glaube, ich weiß zu viel darüber. Es ist nur, jedes Mal wenn ich das Wort „Animagus" höre denke ich an-"
„Sirius?"
Harry nickte, und fuhr fort im Raum herumzulaufen. „Ich kann.. Ich kann mich nicht darauf konzentrieren. Alles über was ich denken kann, ist wie viel er aufgegeben hat, und wohin ihn das gebracht hat. Ich weiß nicht, wie ich das in einen Aufsatz stecken soll. Ich weiß nicht.. Ich kann das nicht objektiv sehen. Es ist.." Seine Stimme ebbte ab und er setzte sich kopfschüttelnd wieder hin.
Er spürte wie sie näher zu ihm rückte. Zögerlich legte sie ihren Arm um seinen Rücken. „Dann schreib ihn nicht." sagte sie sanft.
Harry konnte nicht anders als ein bisschen zu lachen. „Das kannst du nicht ernst meinen.."
„Ich meine es ernst." sagte sie leise."Schau mich an, Harry"
Er sah sie an. Sie hatte Tränen in den Augen, und er war sich sehr wohl des Arms bewusst, der sich immer noch auf seinem Rücken anschmiegte. Ihr Blick war durchdringend, und ihre Augen waren voller Mitgefühl und Verständnis. Sein Herz fing an schneller zu schlagen. Sein Mund fühlte sich trocken an. Und er nahm ein leises, dumpfes Klingeln wahr. Er befeuchtete sich die Lippen.
Sie lächelte, und ihre Tränen glitzerten in ihren Augen. „Das ist es nicht wert."
„Denkst du.." Er schaute ihr weiter in die Augen, und versuchte mit den Gedanken bei der Konversation zu bleiben. „Denkst du Professor McGonagall wird es verstehen?"
„Scheiß auf Professor McGonagall." sagte sie energisch. „Das ist nur eine Note. Dann müssen wir eben doppelt so hart an den anderen Sachen arbeiten."
Mmmh... Harry blinzelte während er ihre Wörter aufnahm. Wie kam es das er nie bemerkt hatte, wie schön ihr welliges Haar ist, dass ihr Gesicht umrahmte. Oder wie ihre verklärten Augen sie verletzlich aussehen ließen. Oder wie verzweifelt er sie beschützen würde, damit sie nie wieder irgendwelcher Dunkelheit entgegentreten müsste.
Er atmete geistig einmal tief ein und aus. Hermine. Das ist Hermine. Was denkst du dir eigentlich?
Sie starrten sich gegenseitig an, die Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, bis er ihren sanften Atem auf seiner Haut kitzeln spüren konnte. Er schloss seine Augen, rückte näher und atmete ihren süßen Duft ein. Das war als sie auf einmal aufsprang. Er öffnete seine Augen, als ihn eine jähe Leere überkam.
Hermine hüpfte nervös auf ihren Fußballen auf und ab und fasste sich in die Haare. Völlig aus der Rolle, begann sie ihre Bücher zusammenzusuchen. „Sieh mal auf die Uhr." sagte sie aufgekratzt. Sie sammelte ein weiteres Buch auf, von dem sich Harry sicher war das es ihr nicht mal gehörte. „Es ist spät!" Sie entfernte nun einen imaginären Fussel von ihrem Pullover. „Ich bin müde! Sehr, sehr müde!"
Harry starrte sie in Unverständnis an, als sie weiter plapperte. Sein Verstand ging rasch durch was soeben fast geschehen wäre, und er merkte das er es nicht wirklich verstehen konnte. „Hermine!" rief er scharf und mit einer lauteren Stimme als er es beabsichtigt hatte.
Sie erschreckte sich so stark, das sie alle Bücher fallen ließ, die sie soeben noch eifrig aufgesammelt hatte. Harry konnte nicht anders als zu grinsen. Ihr Gesicht war von leichter Panik gezeichnet, und ihr sonst so ruhiges Temperament war durch eine Aufregung aus Ängstlichkeit und Nervosität ersetzt, was sie aber absolut liebenswert aussehen ließ. Ohne nachzudenken was er tat, stand er auf und eilte zu ihr. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und lehnte sich nach vorne.
Der Kuss war zögerlich, und Harry war sich seiner schwitzenden Hände und seines klopfenden Herzens bewusst. Aber die Unschuld in dem Kuss brach im fast das Herz. Er schloss seine Augen, und verlor sich in der Sanftheit ihrer Lippen und dem süßen Geschmack ihres Mundes. Er ließ sich von ihr davontragen, und für einen kurzen Moment fühlte er sich frei und sicher, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.
Als sie sich wieder trennten, waren ihre Augen geschlossen und seine Hände hielten immer noch ihr Gesicht. Sie verharrten regungslos, sprachlos für ein paar Minuten. Er benutzte die Ruhe des Moments und sah sie sich an. Dann fing er an, ihre Backen in einer kreisförmigen Bewegung mit den Ballen seiner Daumen zu streicheln, die weiche Haut unter seinen Fingern genießend.
Er lehnte sich wieder nach vorne, und küsste sie sanft auf ihre Stirn. Sie öffnete ihre Augen und fiel in seinen liebenden und intensiven Blick. „Harry..." flüsterte sie, ihr Hals furchtbar trocken.
Er grinste nur. „Ja?" sagte er träge.
Sie merkte, wie sie zurück grinste. „Du hast gerade.. wir haben.. du und ich.. wir haben uns gerade.."
„Ja" sagte wieder, in dem gleichen unverbindlichen Ton.
Sie schlug ihm auf die Schulter. „Hör auf damit!"
Er guckte verletzt und rieb sich wehleidig die Schulter. „Womit?"
„Du weißt was ich meine!" sie gestikulierte mit ihrer Hand. "Das geht nicht.. du kannst das nicht einfach machen!"
„Warum nicht?" Sein Ton war tief und gefährlich, aber sie konnte klar den Schmerz in seinen Augen sehen. Mit versteiftem Körper begann er die Anfänge seines Aufsatzes zusammen zu suchen.
„Ich denke du hattest Recht, es ist spät."
„Harry!" seufzte sie frustriert. Sie packte in am Arm und hielt ihn solange fest bis er sie ansah. „Ich habe es nicht so gemeint... Ich war nur überrascht. Ich meine... Harry, das wird vieles verändern."
Harry schüttelte ihren Arm ab und hielt nicht davon ab seine Sachen zusammen zu sammeln. „Ich weiß nicht worüber du redest. Ich gehe schlafen."
„Harry, Bitte."
Er hielt inne, als er bemerkte das er sich wie ein Dummkopf benahm. Eine Welle des Ärgers überkam ihn als er sie ansah. Er hatte sich selber verletzlich gemacht. Und sie hatte es einfach ignoriert.
„Was werden wir Ron erzählen?" fragte sie, ihre Stimme bittend und ein bisschen verloren.
Die Welle des Ärgers verstärkte sich. „Warum hat Ron eigentlich mit allem zu tun?" fragte Harry harsch.
„Er muss es wissen... Wir können es ihm nicht einfach nicht erzählen! Das wird ihn verletzen. Du weißt wie er ist.."
Harry nahm seine Federn und sein Pergament und warf sie zusammen. „Genau. Das war meine erste Sorge. Wie würde Ron reagieren. Warum haben wir das nicht zuerst besprochen?" Erschüttert, wollte er nichts anderes als sich irgendwohin zu verziehen um alleine sein. Er drehte sich um. „Ich gehe ins Bett."
„Harry!" vernahm er ihre Stimme und er hörte ein leises Schluchzen ihren Lippen entfliehen. Er ging weiter und hörte wie sie versuchte ihre Schreie mit ihrer Hand zu dämpfen. Sie sank auf den Boden, und ihre Hände vermochten nicht weiter das Geräusch ihres Weinens zurück zu halten. Bei der Tür zum Schlafsaal der Jungen hielt er inne.
Er drehte sich um und seine Augen wurden augenblicklich weich beim Anblick wie sie auf dem Boden saß. Ihre Beine an die Brust gezogen, und Tränen aus ihren Augen strömend. Der verletzte Blick den sie ihm gab, ließ ihn sich leicht übel fühlen.
Er fühlte wie der Ärger in ihm erlosch. Er ließ seine Sachen auf den Boden fallen, und lief zu ihr.
"Ach, scheiße. Hermine, es tut mir so Leid." Er hockte sich neben sie. „Ich habe mich wie ein Idiot verhalten. Es tut mir Leid."
Sie fuhr fort zu schluchzen und weigerte sich ihn anzuschauen. Zögerlich streckte er seine Hand aus und schob eine ihrer Locken hinter ihr Ohr. „Bitte Hermine. Es tut mir wirklich Leid. Wir werden eine Lösung finden. Ich rede auch mit Ron, wenn du willst."
Sie lächelte trotz ihrer Tränen. Zufrieden das er endlich voran kam fing er an ihren Rücken, in einer was er hoffte beruhigenden Bewegung, zu reiben. Das schien es zu tun. Sie lehnte sich an ihn und presste ihr Gesicht an seine Brust. Er fühlte wie ihre Tränen sein Hemd durchnässten und seine Haut darunter nass machten. Und er fuhr fort ihren Rücken zu reiben und ihre Haare zu streicheln.
„Schhh, es ist in Ordnung Hermine. Es ist in Ordnung. Nur bitte hör auf zu weinen... Bitte hör auf zu weinen." Er versuchte beruhigend zu klingen, doch konnte nicht die bittende Note die sich durch seinen Ton schlich, verhindern.
Sie lachte leise, schaffte es aber irgendwie währenddessen immer noch zu schluchzen. Er fühlte sich sehr befreit als sie ein paar Minuten später begann sich zu beruhigen. Sie lehnte sich immer noch gegen ihn, was Harry eigentlich gar nicht so schlecht fand. Sie rieb sich mitleiderregend die Augen und lächelte verlegen. Mit tränenerstickter Stimme sagte sie: „Du denkst jetzt bestimmt ich sentimental."
Harry schüttelte seinen Kopf und rieb ihr, mit den Daumen, die Tränen aus dem Gesicht. „Ich denke nur, dass ich mich wohl sehr schlecht verhalten haben muss, dass ich dich so leicht aus der Fassung bringen konnte. Es tut mir wirklich sehr Leid." bot er ihr an.
Sie gab im ein tränendes Lächeln. „Ich weiß. Und es tut mir auch Leid. So wollte ich nicht reagieren. Ich war wohl nur überrascht. Und auch ein bisschen verängstigt. Ich habe nie.. naja, du weißt schon, mit jemandem zuvor."
„Nicht mal mit Viktor?" Harry hatte Krum vollkommen vergessen. Die Erinnerung, jedenfalls, ließ seinen Magen einen unangenehmen Purzelbaum schlagen.
„Nein... Wir sind nie so weit gegangen." Hermine verfiel in Schweigen. „Harry, ich denke das Ich.."
Harry sah ihr in die Augen, überrascht von den Gefühlen die er wieder erlebte. Ihre Tränen erinnerten ihn wieder daran wie verwundbar Hermine wirklich war. Er wusste das sie ihm Macht gab, Macht die es ihm erlaubte sie zu verletzen. Und andersherum genauso. Eine Antwort gebend sagte er. „Ich weiß, ich auch."
„Was werden wir Ron erzählen?" flüsterte sie wieder, ein bisschen verloren klingend.
Harry fühlte einen Anfall von Ärger bei der Erwähnung des Namens seines Freundes, aber unterdrückte ihn. Er nickte. „Das wird nicht einfach."
„Wir erzählens im zusammen."
„Okay, in Ordnung."
Sie fielen wieder in Schweigen. Schließlich sagte Hermine: „Du bist ziemlich gut darin, weißt du."
„Gut in was?"
„Aufgelöste Frauen zu beruhigen."
Harry lachte. „Du wirst es kaum glauben, aber das war das erste Mal."
„Ich weiß wirklich nicht was über mich kam, ehrlich."
„Ich habe dich verletzt." hauchte er.
Hermine legte einen Finger auf seine Lippen. „Schhh. Das ist jetzt egal. Mir geht's gut."
Harry sagte nichts, aber seine Augen glitzerten vergnügt. Hermine realisierte das ihre Finger immer noch auf seinen Lippen lagen, und zog sie verlegen weg. Harry gähnte weit, und fühlte sich plötzlich hundemüde. „Vielleicht sollten wir zu Bett gehen." sagte er weitergähnend.
„Gut." Sie stand auf und streckte sich. Er stand auch auf, sah sieh sich an und rekapitulierte was nun alles geschehen war.
Sie hatte Recht. Es würden sich viele Dinge ändern.
„Ich werde heute Nacht nicht viel schlafen." teilte sie mit.
„Ich auch nicht."
Sie umarmten und wünschten sich gute Nacht. Harry wollte sie gerne noch einmal küssen. Aber er konnte sich ehrlich gesagt nicht mehr wirklich daran erinnern, wie er es genau das erste Mal getan hatte. Er streifte die Ansätze ihrer Haare bevor er sich von ihr entfernte. Er sah ihr noch beim Verlassen zu, um sicher zu gehen das sie sicher in ihrem Schlafsaal ankommen würde, bevor er sich umdrehte um zu seinem zu gehen.
