Author's Note: Kurzer Prolog, also gleich das erste Kapitel hinterher. Es gibt einen kurzen Abstecher zu der Party bevor der Streich losging und meine drei Neuen sind mitten drin. Mehr gibt es nicht zu sagen, ich sage nur: Viel Spaß.
Rating: Aufgrund von Blut und Schimpfworten habe ich die Story mit einem T bewertet.
Disclaimer: Mir gehört weder die Marke Until Dawn, noch die dazu gehörenden Charaktere. Nur die Rechte meiner drei OC's liegen bei mir.
Es war nur ein Scherz
Ganz langsam schloss Maya die Tür zur Küche hinter sich. Es war stockdunkel in dem Raum. Jemand schnarchte auf, als die Tür ins Schloss fiel. Maya zuckte zusammen, atmete aber erleichtert auf, als mehr Reaktionen ausblieben. Trotz der Stille, trotz der Dunkelheit, glaubte sie noch genau die Stimmen zu hören, die hier noch vor einiger Zeit erklungen waren.
"Ex! Ex! Ex! Ex!"
Die lauten Anfeuerungsrufe trieben die beiden Kontrahenten an. Schneller und schneller leerten sich die Flaschen. Ruckartig ließ Conner seine leere Bieflasche auf die Theke knallen, sprang von seinem Barhocker auf und riss triumphierend die Arme in die Höhe.
"Buja! Nimm das, Loser!"
Chris, der ihm gegenüber saß, setzte die Flasche ab und blickte etwas enttäuscht auf den Rest seines Bieres am Flaschenboden. Die Zuschauer dieses Wetttrinkens begann zu jolen und zu brüllen. Wer hatte, riss seine Flasche oder sein Glas in die Höhe. Conner vollführte einen leicht wankenden Siegestanz, während Chris nur den Kopf schüttelte. Mit dem Flaschenhals deutete er auf den Sieger des Wetttrinkens.
"Du kämpfst unfair", beschwerte er sich leicht lallend.
"Die Leber wächst mit ihren Aufgaben", antwortete Conner breit grinsend.
Josh, der genau wie die anderen alles beobachtete, trat zwischen seine besten Freunde und hielt jedem einen Shot entgegen.
"Hier. Vertragt euch, Bro's."
Besorgt sah Maya dabei zu, wie beide Teenager mit überkreuzten Armen, wie beim Bruderschaft trinken, die Shots kippten. Sie klopften mit den leeren Gläsern auf die Theke und stimmten in das laute Gejole ihrer Freunde mit ein. Maya gefiel das gar nicht. Jemand schlug ihr mit Wucht zwischen die Schulterblätter. Erschrocken stolperte sie einen Schritt nach vorne, ehe sie sich umwandte. Breit grinsend stand Mike hinter ihr.
"Sieht aus, als bräuchte da jemand Nachschub. Dein Pegel ist noch viel zu niedrig, meine Hübsche."
Sein Grinsen war alles andere als aufmunternd. Er hielt ihr eine weitere Flasche Bier hin. Maya hob die Flasche, die sie in der Hand hielt, und schüttelte den Kopf.
"Hab noch, danke", meinte sie nur.
"Ist das immer noch deine erste Flasche?"
Mikes Frage klang ungläubig, also entschied sich Maya nicht zu antworten. Stattdessen nahm sie einen Schluck, einen ganz kleinen.
"Ist deine Freundin nicht eifersüchtig, wenn du hier mit mir redest?", fragte sie neckend.
Mike schaute etwas verwirrt.
"Freundin? Meinst du Em?"
"Wen denn sonst, du Genie."
Maya seufzte und verdrehte die Augen. Wenn ihr Zwillingsbruder Nick und Mike nicht so dicke Freunde wären, würde sie wahrscheinlich kein Wort mit ihm wechseln. Wahrscheinlich. Mike grinste nur und lehnte sich an die Säule neben ihm. Entweder um cool zu wirken oder weil er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte.
"Keine Angst vor Emily, Hunde die bellen, die… ähh Dings"
Er hielt inne, scheinbar war ihm der Satz entfallen. Jetzt musste Maya lachen.
"Beißen nicht, Mike. Hunde, die bellen, beißen nicht."
"Genau."
Mike nickte nur und grinste wieder breit. Sein Blick glitt zu der Dreiergruppe Chris, Conner und Josh. Die hatten die Köpfe zusammgesteckt und lachte gerade über einen Witz. Mit Sorge sah Maya, dass Chris so aussah, als würde er von seinem Hocker fallen. Schließlich schwang sich Mike von der Säule weg und beugte sich nahe zu Maya herunter.
"Du solltest sie besser kennen lernen."
"Vielleicht, Mikey. Und jetzt husch, husch, Emily vermisst dich sicher."
Als er an ihr vorbeiging gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. Nun war sie alleine mit den drei Kampftrinkern. Josh, der auf der Theke saß, winkte sie heran.
"Maya, komm her. Iss wichtig", nuschelte er.
Sie ahnte, dass sich ihre Auffassung der Wichtigkeit dieser Sache stark von Joshs unterschied. Trotzdem ging sie zu ihm und den anderen beiden.
"Was gibt es denn so wichtiges?", fragte sie mit stark sarkastischem Unterton.
Conner kicherte wie ein kleines Mädchen. Chris knuffte ihm gegen den breiten Oberarm, kicherte selber aber auch. Maya bemühte sich das leise Gekicher zu ignorieren, sondern schaute einzig und alleine auf Josh.
"Was gibt es?"
Josh breitete weit die Arme aus. Aus seinem Glas schwappte etwas Alkohol, landete platschend auf dem Küchenboden. Keiner achtete darauf.
"Stell dir vor die Welt wäre untergegangen und du hättest mit einem von uns drei hübschen Kerlen überlebt. Mit wem würdest du am ehesten die Erde wieder bevölkern wollen?", fragte er breit grinsend.
Jetzt hielt sie nichts mehr, Conner und Chris prusteten laut los. Irgendwo in dieser Ansprache schien Maya einen Witz verpasst zu haben. Sie nahm wieder einen Schluck Bier. Mittlerweile war es warm und schmeckte seltsam. Vielleicht hätte sie die neue Flasche von Mike doch annehmen sollen. Schnell verdrängte sie das Verlangen nach einer der Flaschen auf der Theke zu greifen und entschied sich Joshs Frage zu beantworten.
"Jungs, ich mag jeden von euch, aber ganz ehrlich, da wäre es besser die Menschheit aussterben zu lassen. Euch ist klar, dass sich bei zwei lebenden Menschen unsere Kinder durch Inzest fortpflanzen müssten?"
Alle Drei schauten sie an, als hätte sie ihnen gerade offenbarte, dass der Weihnachstmann eine Erfindung von Coca Cola sei. Sie stellte die Flasche mit dem warmen Bier ab und schnappte sich eine neue, kühle von der Theke.
"Also, keiner von uns?", fragte Conner etwas verwirrt.
"Wenn wir die letzten Menschen wären, wäre es mir egal", erklärte Maya.
"Und wenn nicht?"
Jetzt grinste Conner triumphierend. Es dauerte etwas, dann hatte auch Josh und Chris begriffen was los war und grinsten ebenfalls, die Blicke erwartungsvoll auf Maya gerichtet. Kurz dachte sie nach, ließ ihren Blick über jeden der Drei schweifen.
"In dem Fall", antwortete sie, nahm einen Schluck von ihrem neuen Bier und ging in Richtung Tür.
"In dem Fall was?", rief Chris ihr hinterher.
Sie hob die Flasche Bier zum Abschied und verließ die Küche. Dabei grinste sie. Sie wäre schön doof und würde es den dreien so einfach machen. Nicht mit Maya Jones. Jetzt sollten die drei Schluckspechte erstmal diskutieren, sie würde sich da schön raushalten.
Im Wohnzimmer entdeckte sie den Rest der Freunde. Mike unterhielt sich gerade sehr angeregt mit ihrem Zwillingsbruder Nick. Nick gestikulierte beim Reden viel, machte große Bewegungen mit den Armen und den Händen. Mike nickte nur hin und wieder mal. Ein paar Schritte entfernt von den beiden entdeckte Maya Emily, Jess und Ashley. Es schien so, als wolle Emily die schon stark angeheitert wirkende Ashley dazu überreden noch mehr zu trinken. Sofort schrillten bei Maya sämtliche Alarmglocken. Hilfesuchend schaute sie sich nach Sam um, doch diese hockte zusammen mit Hannah auf der Treppe und unterhielt sich angeregt.
Mit schnellen Schritten näherten sich Maya den drei Freundinnen. Irgendwie musste sie Emily von ihrem Plan abbringen. Sie war keine Spaßbremse, aber wenn Ashley noch mehr trank konnte das nicht gut enden. Sie vertrug leider so wenig. Aber Emily direkt ansprechen oder etwas zu Jess sagen, dafür fehlte Maya der Mut. 'Hunde, die bellen, beißen nicht', hatte Mike gesagt. 'Und wenn der Hund zubeißt, hört er auf zu bellen', schloss Maya in Gedanken. Je näher sie kam, desto nervöser wurde sie. Ein Plan musste her, schnell.
Sie täuschte an Matt anzusteuern, der gerade die Treppe herunterkam. Dabei ging sie nahe an den Freundinnen vorbei, achtete darauf so zu tun, als würde sie diese nicht bemerken. Neben Emily fuhr sie den rechten Ellenbogen aus und stieß von unten gegen die Hand mit dem Alkoholglas. Sofort ergoss sich das Getränk über die schicke Bluse von Emily. Ihr Kreischen erfüllte den Raum. Maya stolperte von ihr weg.
"Oh, Em, das tut mir so Leid", erklärte sie sofort, die Hände abwehrend erhoben.
Einer Furie gleich wirbelte Emily herum. Der Alkohol hatte einen großen Fleck auf ihrer Bluse hinterlassen, genau auf Höhe ihrer Brüste.
"Bist du noch ganz dicht?", kreischte sie hysterisch in Mayas Richtung.
Mittlerweile waren die Gespräche verstummt, alle Blicke richteten sich auf die zwei Teenager. Maya wich noch einen Schritt zurück, stieß mit dem Rücken gegen den Kamin.
"Kannst du nicht aufpassen, du Trampeltier?", keifte Emily weiter.
Jess entfernte sich ein paar Schritte von ihrer besten Freundin. Ashley schaute zwischen Maya und Emily hin und her. Begriff sie was los war? Mike und Nick näherten sich ihnen, beide etwas verdutzt.
"Ich habe dich wirklich nicht gesehen, Emily", verteidigte sich Maya und hoffte, dass Emily zu betrunken war, um ihre Lüge zu durchschauen.
"Schau dir das an!", bellte Emily und deutete auf den Fleck auf ihrer Bluse.
"Das geht bestimmt wieder raus", meinte Maya leicht grinsend.
Mittlerweile hatten Mike und Nick sie erreicht. Beruhigend legte Mike seiner Freundin die Hand auf die Schulter.
"Zieh dich doch um, Em. Ist doch nicht so wild."
"Nicht so wild?"
Entsetzt schaute Emily ihren Freund an. Schließlich raffte sie aber ihre Schultern, warf Maya einen letzten bösen Blick zu und stiefelte die Treppe hinauf. Mike folgte ihr. Erleichtert atmete Maya auf.
"Das war knapp", murmelte sie.
Sie trank einige kräftige Schlücke von ihrem Bier, zuckte dann aber zusammen und spuckte etwas davon auf den Boden.
"Bäh, die haben da was rein getan."
"Weiß du, Conner und Josh trinken das Bier nur gestreckt", nuschelte Nick neben ihr.
Mit dem Handrücken wischte Maya sich über die Zunge, schüttelte sich und schaute zu ihrem Bruder. Seine Nase war leicht rot, was sich mit seiner Haarfarbe biss. Er grinste schief. Maya richtete sich wieder auf.
"Du hattest heute auch schon genug, Brüderchen."
"Spaßbremse."
"Gehört zum Standardpaket der großen Schwester."
Nick streckte ihr Zunge raus und ging zu Matt, der etwas verdutzt am Fußende der Treppe stand. Maya schüttelte nur den Kopf. Wenn Nick nicht wäre. Oder Conner. Sie wollte diesen Gedanken nicht weiter führen, wandte sich um und ging in Richtung Haustür. Sie musste an die frische Luft.
Wie lange war sie weg gewesen? Maya ließ ihren Blick durch die dunkel Küche wandern. Ihre Augen gewöhnten sich langsam an das spärliche Licht. Sie erkannte Conner, der vor der Theke auf dem Boden saß, der Kopf auf die Brust gesunken und mit beiden Hände eine Flasche Bier fest umklammernd, anschneinend schlafend. An der Theke, aneinander gegenüber, saßen Chris und Josh. Beide die Köpfe auf den Armen abgelegt, ebenfalls schlafend. Alle drei ausgeknockt vom Alkohol. Maya musste schmunzeln. Es war ja schon irgendwie süß. Auf eine seltsame Art und Weise.
Sie hockte sich vor Conner und nahm ihm die Bierflasche ab. Sofort schnarchte er auf. Mit einem Finger schob sie ihm die Brille wieder richtig auf die Nase und zog die Mütze etwas nach unten, ehe sie aufstand und die Flasche Bier auf einer der Arbeitsplatten abstellte. Auf leisen Sohlen schlich sie zur Theke. Vorsichtig nahm sie Chris die schief hängende Brille von der Nase und legte sie zusammengeklappt neben ihn. Josh drohte halb vom Stuhl zu fallen. Schnell packte sie ihn an den Schultern und setzte ihn wieder richtig hin.
"Bedankt euch so später, Jungs", murmelte sie und schlug Josh kurz gegen den Oberarm, sodass er aufbrummte und sich im Schlaf etwas bewegte.
Maya schüttelte nur den Kopf und seufzte. Durch die Doppeltür zum Wohnzimmer erklangen Stimmen. Anscheinend hatte sich der Rest der Party hierhin verzogen. Mit möglichst leisen Schritten ging Maya zur Tür, zog sie auf und schlüpfte durch den Spalt nach draußen.
"Die Sache ist klar, Mike ist mein Mann", hörte sie Emily sagen.
"Em, ich bin niemandes Mann", antwortete Mike leise.
Maya schloss die Tür und wandte sich um. Sie entdeckte die anderen etwas hinter sich. Als Jess sie entdeckte, strahlte sie und kam auf sie zu.
"Hey, Maya, willst du dich uns anschließen? Wir spielen unserer lieben Hannah einen kleinen Streich."
"Kleiner Streich?", wiederholte Maya etwas ungläubig und schaute fragend zu Sam. Sie war Hannahs beste Freundin. Einen Streich würde sie nicht zulassen.
"Ihr übertreibt. Es ist nicht ihre Schuld", meinte Sam in ihrer ruhigen Art.
"Wenn Beth euch erwischt, macht sie euch die Hölle heiß", schloss Maya an.
"Darum kümmert sich dein lieber Bruder", konterte Emily und grinste.
Zuerst war Maya erschrocken, dann wurde sie wütend.
"Ihr zieht meinen kleine Bruder da mit rein?", zischte sie ärgerlich, bleckte dabei die Zähne. "Ihr zieht Nickie da mit rein?"
Bis auf Sam kicherten alle bei der Erwähnung von Nicks Spitznamen. Maya atmete tief durch, schaute hilfesuchend zu Sam. Doch sie sah ebenso hilflos aus wie Maya sich fühlte. Da keine Reaktion mehr kam, ging alle bis auf die zwei Freundinnen in Richtung des Gästezimmers im Erdgeschoss. Sam trat an Maya heran.
"Wir sollten Hannah suchen", flüsterte sie.
Maya nickte. "Und Beth."
Vielleicht lag es an der Tatsache, dass sie selbst ein Zwilling war, doch Maya hatte in all den Jahren ihrer Freundschaft immer das Gefühl gehabt eine besondere Verbindung zu den Washingtonschwestern zu haben. Beth achtete immer ein bisschen auf Nick und Maya dafür auf Hannah. Auch wenn dabei verdreht wurde wer älter war. Maya war es egal. Hannah war gutgläubig und vielleicht etwas zu naiv. Maya würde nicht zulassen, dass ihr ein fieser Streich gespielt wurde.
"Ich habe sie das letzte Mal oben gesehen", meinte Sam und ging auf die Treppe zu.
Maya folgte ihr.
"Was soll dieser Mist?", fragte sie schließlich.
"Du weißt doch, dass Hannah.."
"Voll auf Mike steht, ja."
Maya seufzte und senkte leicht traurig den Blick. Sam beschleunigte ihre Schritte.
"Es geht nur darum. Dieser ganze Streich geht nur darum. Wir müssen sie warnen."
Endlich erreichten sie das obere Geschoss. Sam stieß die Tür auf, beide Freundinnen stürmten ins Innere.
"Hannah?", rief Sam fragend.
"Hannah, wo bist du?", rief Maya.
Keine Antwort. Sam und Maya warfen sich vielsagende Blicke zu, sie ahnten nichts Gutes. Sie gingen zurück zu den Treppen, traten an das Geländer heran. Gerade noch rechtzeitig um zu sehen, wie Hannah in einem der Räume verschwand.
"Shit", murmelte Sam und rannte die Treppen herunter. Maya klemmte sich an ihre Fersen. Das durfte einfach nicht passieren, das war nicht richtig. Gelächter drang ihnen entgegen, als sie auf die Tür zuliefen. Sam riss die Tür auf, Maya duckte sich unter dem ausgestreckten Arm hinweg. Vor ihr offenbarte sich eines der Gästezimmer des Lodge. Hannah stand vor Mike. Vor einem Schrank stand Matt, seine Smarphone erhoben. Ashley neben ihm. Links und rechts vom Doppelbett standen Jess und Emily, beide lauthals am Lachen. Hannah stolperte gerade erschrocken zurück, ehe sie an Maya und Sam vorbeistürmte.
"Ihr seid Idioten, wisst ihr das", zischte Sam den Streichspielern entgegen.
Maya rannte Hannah hinterher, sah jedoch nur noch, wie diese durch die Haustür nach draußen stürmte.
"Hannah, warte doch!", rief Maya und folgte ihr nach draußen.
Kalter Wind schlug ihr entgegen. Abwehrend hob sie die Hände vor ihr Gesicht, blieb stehen und versuchte gegen den starken Wind etwas zu sehen.
"Hannah!"
Sie senkte die Hände wieder, doch von der Verschwundenen fehlte jede Spur. Nach und nach kamen auch die anderen nach draußen.
"Hannah!", rief Sam gegen den Wind.
"Komm schon, Han, es war nur ein Scherz!", rief Emily.
Maya verdrehte die Augen. Wieder erklangen schnelle Schritte. Beth tauchte in der Mitte der Gruppe auf, schaute sich etwas verwirrt um. Anders als der Rest der Gruppe trug sie ihre dicke Winterjacke.
"Was ist passiert? Wo ist Hannah hin?"
Jess winkte abwertend ab.
"Sie versteht einfach keinen Spaß."
"Was habt ihr getan?", fragte Beth und schaute ihre Freund entrüstet an.
"Wir haben nur einen kleinen Spaß gemacht, das ist alles", versuchte Mike die Situation zu beschwichtigen.
Beth schüttelte nur den Kopf.
"Wusstest du davon?", fuhr sie Nick an, der im Türrahmen stand.
"Naja…", fing dieser an, schwieg dann aber und senkte den Blick.
"Ihr seid Idioten. Alle!", brüllte Beth und rannte ihrer Schwester hinterher.
"Sollten wir ihr nach?", fragte Mike.
Sam schüttelte nur den Kopf.
"Ich glaube, du bist der Letzte, den sie sehen will."
Nacheinander gingen die Freunde wieder zurück in die Hütte. Maya hielt neben ihrem Bruder, der sich in den Schatten der Tür geflüchtet hatte, an und schaute anklagend zu ihm hoch. Er hielt nie lange den Blickkontakt, sondern entwickelte mit jeder Minute mehr und mehr Interesse an seinen Schuhen.
"Ich habe es nicht gewusst", murmelte er schließlich.
Maya atmete tief durch, entschied sich aber nichts zu sagen. Sie wandte ihrem Bruder den Rücken zu und ging zurücks ins Wohnzimmer. Dort setzte sie sich neben Sam auf das Sofa.
"Sie kommen schon wieder", versuchte ihre Freundin sie zu beruhigen.
Maya nickte nur. Sie hoffte es, dass die Zwillinge wieder auftauchen würden. Die anderen hatten die Köpfe zusammengesteckt, tuschelten miteinander.
"Seid ihr jetzt zufrieden?", polterte Maya schließlich los.
"Es war nur ein Scherz", verteidigte Jess sich und die anderen.
"Das war kein Scherz! Ein Scherz ist, wenn alle lachen! Und, siehst du jemanden lachen?"
Maya war außer sich. Sie sprang von ihrem Platz auf und brüllte. Die Freunde spielten sich gerne Streiche. Am Ende lachten alle darüber. Doch das hier war anders. Das war kein Streich. Maya bebte, knetete die Hände. Sam packte sie schließlich an ihrer Jeans und zog sie wieder neben sich. Kurz tauschten die Freundinnen Blicke aus. Maya beugte sich vor und begann ihre Hände zu kneten. Sie hörte nur, wie sich die Gruppe nach und nach auflöste. Die Treppe knarschte jedes Mal, wenn jemand nach oben stieg. Nach einer Weile war es still. Das Sofa senkte sich zwischen Maya und Sam leicht, sodass Maya wieder aufschaute. Nick hatte sich zwischen sie gesetzt. Nervös knippelte er mit dem Daumennagel am Etikett seiner Bierflasche.
"Ich wusste das nicht", murmelte er wieder. "Wollte nur mit Beth reden. Wenn ich es gewusst hätte…"
"Nick, sei einfach leise", hauchte Sam.
Nick schwieg, knibbelte weiter am Etikett. Es wurde immer später, doch die Zwillinge tauchten nicht wieder auf. Nachdem er fertig damit war das Etikett der Bierflasche abzuknibbeln, stand Nick immer wieder auf und ging nervös zwischen Sofa und Haustür hin und her. Sein Blick glitt durch die Scheibe in der Tür nach draußen. Maya und Sam tauschten Blicke aus, jedes Mal wurden sie nervöser. Und müde, immer müder.
Nach einer Weile, als Nick wiedereinmal aufstehen wollte, packte Maya ihren Bruder am Arm und zog ihn zurück auf das Sofa. Er ließ sich wieder zurück fallen, lehnte sich an die Rückenlehne. Seine Schwester legte den Kopf auf seinen Schoß, den Blick auf die Tür gerichtet. Nick ließeine Hand auf ihrer Schulter ruhen, den anderen Arm angewinkelt hinter seinem Kopf. Kurz wanderte sein Blick zu Sam. Sie rutschte etwas an ihn heran, lehnte sich gegen ihn. So musste Nick seine Wanderungen zwischen Tür und Sofa einstellen.
Das Rattern von Hubschraubern weckte die Drei am nächsten Morgen.
