Adventskalender 2007

Kapitel 1 – Willkommen im Advent

Die Winkelgasse wirkte düster unter den drohend aufgetürmten Wolkenbergen am winterlichen Himmel. Das Licht, dass aus den Fenstern der vielen Geschäfte auf die gewundene Gasse fiel schaffte es nicht, die vielen Schatten zu erhellen, dabei war es erst früher Nachmittag. Ein scharfer Wind blies um die Ecken und wirbelte altes Laub und Müll durch die Gasse, die sich in den Ecken und Winkeln zwischen den Häusern zu Berge auftürmten.

Die Verkäuferin, die im Schaufenster von Flourish & Blotts saß, dass sie gerade neu dekorierte, sah kopfschüttelnd nach draußen und warf hin und wieder einen skeptischen Blick zum Himmel. Es sah nach Schnee aus. Allerdings würde er bei der Temperatur, die im Augenblick in London herrschte, nicht wirklich liegen bleiben, sondern die versteckt liegende Winkelgasse eher in eine rutschige Matschlandschaft verwandeln. Das würde dann wiederum die Kunden vom kaufen abhalten, was bedeutete, dass sie heute nicht viel zu tun haben würde.

Immerhin kann ich dann in Ruhe das Schaufenster fertig dekorieren, dachte sie schulterzuckend und zog einen mittelgroßen Weihnachtsschlitten samt Rentieren, Weihnachtsmann und Geschenkesack aus einen Karton, um in vor dem großen Pappbild einer verschneiten Winterlandschaft aufzuhängen. Vor diesem Schild waren unzählige weiße Kissen aufgetürmt, zwischen denen winzige Tannenbäume standen. Ein paar Tannenzapfen lagen verstreut dazwischen und hier und da schaute ein winziges Eichhörnchen hinter einem Kissen hervor. Vor dieser hügeligen Schneelandschaft lag ein Spiegel auf dem Boden, über den die Verkäuferin leicht durchsichtigen, hellblauen Stoff gespannt hatte, um ihm den Anschein eines zugefrorenen See's zu vermitteln, auf dem sich eine ganze Horde schlittschuhlaufender Kinder tummelte.

Auf den Kissen, die die verschneiten Hügel der Umgebung darstellen sollten, lagen wiederum die Bücher, die der Chef der magischen Buchhandlung in der Vorweihnachtszeit im Schaufenster ausgelegt haben wollte. Da lagen z.B. die neusten Koch- und Backbücher, ein Bastelbuch zum Erstellen echter, fliegender Engel, mehrere Bücher mit Weihnachtsgeschichten für Kinder, die neusten Romane und Krimis für Erwachsene und ein großes Lexikon der Magie. Eigentlich sollte das aktuellste Buch eines berühmten Zauberers ebenfalls hier ausgestellt sein, aber die Verkäuferin hatte sich schlichtweg geweigert, es auch nur in die Finger zu nehmen. Es hatte eine länger andauernde Auseinandersetzung zwischen ihr und ihrem Chef gegeben, was sie den ausgerechnet gegen „Wer ich bin" von Gilderoy Lockhard haben würde, aber letztendlich hatte sie sich durchgesetzt. Seit ihrem dritten Schuljahr, als sie bei ihm Verteidigungsunterricht hatte und er sich als Betrüger entpuppte, war sie auf ihn nicht mehr sonderlich gut zu sprechen. Stattdessen hatte sie sich schließlich dazu bereit erklärt, den britisch-irischen Quidditchguide als Mittelpunkt ihrer Dekoration auszustellen. Zwar war Quidditch auch nicht mehr unbedingt ihr Lieblingsthema, seit diesem fürchterlichen Tag vor fast zehn Jahren, aber es war das kleinere Übel. Mit Quidditch konnte sie leben, wenn es denn unbedingt sein musste. Mit Lockhard nicht.

„BRRRR! Ist das ein mieses Wetter da draußen.", ertönte eine Stimme von der Eingangstür her, durch die gerade eine weitere Verkäuferin mit einem großen Karton kam. „Da soll man sich nicht wundern, wenn die Kunden ausbleiben. Bei dem Wetter geht doch keiner freiwillig vor die Tür."

„Da hast du wohl Recht.", antwortete ihre Kollegin ihr, die halb hinter der Dekoration versteckt war. „Aber so können wir hier wenigstens in Ruhe umgestalten. Hat doch auch was."

„Mag sein", erwiderte die zweite Verkäuferin und stellte den Karton mitten im Laden ab, um sich die Jacke und die Handschuhe auszuziehen. „Aber ich brauche jetzt erst einen schönen, warmen Kaffee. Diese nasskalte Luft kriecht einem ja überall hin. Soll ich dir auch einen mitbringen?"

„Ja, das wäre super. Danke."

Ein paar Minuten später war die Schaufensterdekoration fertig und beide tranken zufrieden ihren Kaffee.

„Wow! Das hast du wieder mal super hinbekommen, Caitlin.", lobte die andere Verkäuferin ihre Kollegin. „Wie machst du das bloß immer? Wenn ich so was mache, sieht es immer so gewollt und nicht gekonnt aus."

„Keine Ahnung.", erwiderte die, die mit Caitlin angesprochen wurde. „Scheint irgendwie ein angeborenes Talent zu sein. Meine Freunde haben mich das auch schon immer gefragt. Wahrscheinlich habe ich einfach viel zu viel Phantasie, die irgendwie raus muß."

„Das wäre immerhin eine Erklärung."

„Sag mal Chloe, was ist eigentlich in dem Karton, den wir extra bei der Eulenpost abholen mussten?"

„Ich habe beim besten Willen keine Ahnung.", gestand Chloe schulterzuckend. „Aber es muß was ziemlich wertvolles sein, wenn man nach den ganzen Dokumenten geht, die ich unterschreiben musste, um es zu bekommen."

„So viel?", fragte Caitlin verwirrt und warf dem Karton einen neugierigen Blick zu. „Bist du sicher, dass die dir nicht heimlich ein Jahresabo für Hot Wizards angedreht haben?"

„Brauch ich nicht.", grinste Chloe verschmitzt, als ihre Kollegin auf die magische Variante des Playboys zu sprechen kam. „Das habe ich schon."

Caitlin lachte laut auf und verschluckte sich dabei an ihrem Kaffee.

„Warum wundert mich das jetzt nicht?", grinste sie.

„Weil du mich kennst.", antwortete Chloe ungerührt. „Komm, wir sehen einfach mal nach, was der Big Boss da wieder mal ausgebrütet hat."

Zehn Minuten später sahen sich die Zwei vollkommen verwirrt an. Der Karton war voller Autogrammkarten sämtlicher Puddlemerespieler, Werbegeschenke wie Schreibfedern und Anstecker mit Vereinslogo und allen sieben Spielern aus Pappe zum aufstellen. Und das in Lebensgröße.

„Bist du sicher, dass du den richtigen Karton mitbekommen hast?", fragte Caitlin und sah Chloe zweifelnd an. „Das sieht mir eher so aus, als würde das zu Qualität für Quidditch gehören."

Chloe klappte den Karton noch einmal halb zu, um auf den Adressaufkleber zu sehen.

„Hier steht groß und deutlich: Buchhandlung Flourish & Blotts, Winkelgasse 37, London.", las sie vor. „Das muß für uns sein. Ich frage mich nur, was wir mit dem ganzen Zeug sollen."

„Das frage ich mich allerdings auch", erwiderte Caitlin und klappte dann rigoros den Karton zu. „Wir sollten dass mit dem Big Boss abklären und das ganze solange im Karton stehen lassen. Vielleicht ist das ganze wirklich ein Versehen und geht uns gar nichts an."

„Gute Idee.", stimmte Chloe ihr zu. „Der wird schon wissen, was das soll."

Allerdings entging ihr nicht das leichte Zittern in der Stimme ihrer Kollegin und auch nicht die verkrampften Hände, die sich fest um den Kaffeebecher pressten. Sie konnte es ihr nicht verübeln. Sie an ihrer Stelle würde wahrscheinlich genauso reagieren, wenn ihr das passiert wäre, was ihrer Kollegin vor fast zehn Jahren passiert war.

Die beiden Verkäuferinnen warteten an diesem Nachmittag allerdings vergeblich auf ihren Chef, denn dieser ließ sich nicht mehr blicken. Er schickte nur eine Eule, um ihnen zu sagen, dass er leider unerwarteter Weise verhindert wäre, dass er aber vollstes Vertrauen darin hatte, dass seine Angestellten den Laden auch ohne ihn führen konnten. Viel hatten sie allerdings an diesem Nachmittag nicht mehr zu tun. Der Großteil der Zaubererwelt hatte wohl beschlossen zu Hause an den warmen Kaminfeuern zu bleiben und sich nicht durch die nasskalte, sturmdurchpeitschte Winkelgasse von Laden zu Laden zu kämpfen.

Caitlin und Chloe hatten aber so wenigstens alle Zeit der Welt, den Buchladen in eine Weihnachts-Winter-Wunder-Welt zu verwandeln. Den Hauptteil der Arbeit hatte dabei Caitlin, die dies allerdings nicht als Arbeit ansah, sondern unheimlich viel Spaß dabei hatte, den Laden umzugestalten. Chloe reichte ihr die Dinge, die sie brauchte, versorgte sie beide regelmäßig mit frischem Kaffee und bediente die wenigen Kunden, die sich trotz des schlechten Wetters noch in die Winkelgasse verirrt hatten. Und um diese wenigen Kunden ganz besonders dafür zu belohnen, dass die immerhin etwas Geld in die Kasse brachten, gab es zu jedem Einkauf gratis einen warmen Kaffe dazu. Nach und nach schafften die Beiden so eine weihnachtliche Märchenwelt und als Caitlin sich am Abend noch einmal umsah, bevor sie die Ladentür für heute schloss, wußte sie mit Sicherheit, dass ihr Chef am Montag mehr als nur zufrieden sein würde.

Dick in Mantel, Schal, Handschuhe und Mütze gehüllt lief sie schließlich durch die Winkelgasse auf den einzigen Laden zu, in dem noch Licht brannte. Die Glocke bimmelte an der Ladentür, als sie diese aufmachte und sich in die wohlige Wärme von Weasleys zauberhafte Zauberscherze flüchtete.

„Brr! Meine Güte. Ist das ein mieses Wetter da draußen.", bibberte sie und schüttelte sich, dass der Schneeregen nur so von ihrem Mantel flog und sich im Eingang des Scherzartikelladens zu einer großen Matschpfütze sammelte.

„He, benehmen Sie sich gefälligst Mrs. Callahan.", ertönte die Stimme von Fred Weasley, der hinter der Ladentheke stand und die Abrechnung machte. „Sonst können Sie sich gleich den Wischmop schnappen und aufwischen. Ich habe hier schließlich nicht umsonst den ganzen Tag gewischt."

„Hör nicht auf ihn, Katie", unterbrach George Weasley seinen Bruder grinsend. „Er hat heute den Wischmop nicht mal angesehen. Den mußte ich heute ständig schwingen."

„Verräter.", grummelte Fred und warf George einen finsteren Blick zu, während Katie in Gelächter ausbrach.

„Ich glaube euch zwei Chaoten ehrlich gesagt beide nicht, dass ihr eigenhändig gewischt habt. Ihr habt höchstens den Wischmop eigenhändig verzaubert, damit er es selber erledigt.", antwortete die junge Buchverkäuferin, die bei ihren Kollegen als Caitlin und bei den Kunden als Mrs. Callahan bekannt war, bei ihren Freunden allerdings immer Katie Bell bleiben würde. Egal, ob sie zwischenzeitlich durch Heirat ihren Namen geändert hatte oder nicht.

Fred und George sahen sich verdutzt an und dann beleidigt zu Katie rüber.

„Wieso glaubst du uns eigentlich nie?", fragte Fred sie schließlich.

„Weil ich euch seit 20 Jahren kenne und weiß, dass ihr, was Hausarbeit angeht, nicht wirklich die großen Helden seid.", antwortete Katie.

„OK, du mußt zugeben, Fred, dass das ein überzeugendes Argument ist.", meinte George.

„Yep", nickte Fred. „Da habe ich nichts hinzu zu fügen."

„Braucht ihr noch lange?", fragte Katie die beiden schließlich.

„Nein, wir sind gleich soweit.", meinte George und schloß die Ladentür ab. „Dann können wir zusammen nach Hause flohen."

„OK!"

Knapp zehn Minuten später wirbelten Fred, George und Katie durch das Flohnetzwerk vom Laden der Weasleys zum Haus der Weasleys, wo Katie ihre kleine Tochter abholte und kurz darauf mit ihr in ihre eigene Wohnung nach Hause flohte. Angelina, die nur halbtags im Zaubereiministerium arbeitete, seit sie und Fred glückliche Eltern zweier aufgeweckter Kinder waren, paßte am Nachmittag sowohl auf Katies Tochter auf, wenn diese aus der Muggelschule nach Hause kam, wie auch auf Georges und Alicias Sohn, während Alicia ihrem Job als Heilerin im St. Mungos nachging. Katie war ihrer Freundin ziemlich dankbar dafür, auch wenn es ihr oft genug recht unangenehm war, diese Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, da ihre Tochter manchmal ein ganz schön anstrengendes Kind sein konnte. Aber dann sagte sie sich, dass, wenn Angelina es mit Fred und George unter einem Dach aushielt, ihre Tochter auch nicht mehr viel zusätzliches Chaos anrichten konnte. Und was hatte sie schließlich für eine Wahl? Als alleinerziehende Mutter konnte sie nicht einfach halbtags arbeiten, wie Angelina oder ganz zu Hause bleiben, wie viele andere Mütter. Schließlich brauchten sie das Geld, dass sie bei Flourish & Blotts verdiente, um sich und ihre Tochter versorgen zu können. Und es waren ja nur noch knapp 2 Jahre, bis ihre Tochter den Brief aus Hogwarts bekommen würde und Angelina von dieser Pflicht entbunden war. So lange würde es noch so gehen müssen. Und irgendwann würde sie sich mal richtig groß bei ihren Freunden für diese Hilfe bedanken. Das schwor sie sich jeden Abend wieder, nachdem sie ihre Tochter ins Bett gebracht und ihr einen Gute-Nacht-Kuß auf die Stirn gedrückt hatte.