Als Harry am nächsten Tag erwachte, hoffte er zuerst, dass er vielleicht nur geträumt hatte und Malfoy einfach nur wie früher weiter hassen konnte. Denn als er am Abend zuvor in sein Bett gegangen war, hatte er bei seinen Grübeleien festgestellt, dass es ihm deutlich schwerer fiel, jemanden zu hassen, der ganz klar psychisch labil war. Nicht, dass ihm dieser Gedanke nicht schon früher gekommen war. Er hatte schon des öfteren überlegt, ob Malfoy vielleicht einer der Fälle von Menschen war, die scheinbar keine Gefühle hatten, weil sie mit voller Absicht aus Angst davor, verletzt zu werden, eine eiskalte äußere Erscheinung kreierten. Aber er hatte nie aus voller Überzeugung sagen können, dass er dies glaubte. Malfoy war einfach ZU kalt. Er war so überzeugend eisklotzig, dass Harry meistens dachte, das könne nicht gespielt sein. Mit einem Schlag hatte sich nun seine Meinung geändert.
Lange konnte Harry sich nicht selbst täuschen. Er musste irgendwann einsehen, dass er nicht geträumt hatte und immer noch das Problem hatte, was zum Teufel er mit Malfoy anstellen sollte. Warum musste er auch unbedingt Harrys lieblings – Rückzugszimmer benutzen, um sich die Arme zu verstümmeln! Als er sich bei diesem Gedanken ertappte, schalt Harry sich selbst. Wie kannst du nur so egoistisch sein! Soll er sich vielleicht noch umbringen? Hauptsache nicht in „deinem" Zimmer, damit du es nicht siehst, was? Und jetzt memm nicht so rum, weil du ihm helfen solltest...wenigstens hast du deshalb noch nicht das Bedürfnis, dein eigenes Blut fließen zu sehen!
Aber trotz allem...warum musste er das unbedingt sehen? Er wollte nicht in Malfoys Probleme hineingezogen werden. Doch das war er nun, weil er nun mal Harry Potter war und nicht ignorieren konnte, was geschehen war und sich jetzt verdammt noch mal für diesen )/&7()!!!!! mit verantwortlicht fühlte. Wie sehr hatte er sich immer gewünscht, Malfoy würde einfach nur wieder aus seinem Leben verschwinden. Aber nicht so. Wenn nun etwas mit ihm passierte, würde Harry sich mit die Schuld daran geben, damit würde er nicht leben können.
Wieso hatte Malfoy nicht einfach nur heulen können oder etwas in der Richtung? Das hätte die Sache sehr erleichtert. Daraus hätte sich keine Verantwortung ergeben, Harry hätte nicht ständig darüber nachdenken müssen und obendrein hätte er ihn hin und wieder mal damit aufziehen können. Harry seufzte. Vielleicht, so dachte er, waren die Tage, an denen Malfoy nur geweint hatte einfach nur schon vorbei. Bestimmt hatte es sie gegeben, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand sofort zum „harten Teil" überging, ohne vorher nicht bereits einige Zeit in einer Art sensiblen Phase gesteckt zu haben. Ha!! Sensible Phase! Das passte so gar nicht zu Draco! Wenn er es sich recht überlegte, fand Harry, dass aktive Selbstverletzung weitaus besser in sein Malfoy-Bild passte, als hilfloses Tränenvergießen. Das war auch noch eine Möglichkeit...vielleicht konnte Draco...oh mann...nun fing er schon an, ihn in Gedanken beim Vornamen zu nennen, nur weil er ihm Leid tat. Also, vielleicht konnte Draco tatsächlich nicht einfach weinen. Vielleicht war er längst über diesen Punkt hinaus, so wie man auch nach stundenlangem Hunger irgendwann keine Magenschmerzen mehr spürte. Gut möglich, dass bei ihm die Bezeichnung „rote Tränen" für seine Handlung treffender nicht sein konnte.
Am Frühstückstisch versuchte Harry, so zu tun, als sei alles in bester Ordnung. Nur Hermine, die ihn unauffällig zu beobachten versuchte merkte, dass seine Augen immer wieder zum Tisch der Slytherins hinüberglitten. Immer nur kurz.
„Sag mal, was ist denn heute so besonderes bei den Slytherins?" fragte sie ihn leise. Mit einem Ruck drehte Harry sich zu ihr hin. „Äääh...nichts, wieso?" Er sah ein wenig ertappt aus, fand Hermine. Also hatte es etwas mit „denen" zu tun. Aber was konnte es nur sein? Ron saß währenddessen auf seinem Platz und widmete sich voll und ganz seinem Essen. Das war wohl sein größtes Hobby. Wenn er Berge von Essen auf den Tischen sah, leuchteten seine Augen. „Harry, willst du denn gar nichts essen? Ich sage dir, diese Würstchen...die sind...ich hab gar kein Wort dafür! Und die Eier...ich hätte nie gedacht, dass jemand sie besser hinkriegt als meine Mum!" Gerade schaufelte Ron sich den zweiten Teller voll. Schlagartig wurde Harry klar, dass er die ganze Zeit über nur in seinem Essen herumgestochert hatte. OK, er konnte Rons Leidenschaft für Würstchen schon am frühen Morgen nicht teilen, aber er liebte Bohnen auf Toast. Sein Toast und die Bohnen waren inzwischen schon nicht mehr identifizierbar. Durch Harrys Gematsche lag nur noch ein seltsam aussehender Brei auf seinem Teller. Als er zur Seite sah, blickte er direkt in Hermines Augen, die ihn wirklich durchdringend ansahen. Er schluckte und beeilte sich, zu essen, bevor sie wieder Fragen stellte.
Draco...oder doch lieber noch Malfoy, solange er das noch durchhielt, sah unbestreitbar schlecht aus. Normalerweise wäre es Harry nie aufgefallen. Erstens sah Malfoy immer etwas krank aus, weil er so furchtbar blass war, zweitens war er nicht berühmt für seine überschäumende gute Laune und drittens hätte Harry sich normalerweise auch nicht dazu herabgelassen, ihn genauer anzusehen. Eher, noch wegzusehen. Vielleicht interpretierte er auch zu viel herum. Vielleicht sah Malfoy eigentlich nicht schlecht aus. Ein schneller Blick – doch, er sah wirklich schlecht aus. Seine Arroganz war ungebrochen, er saß am Tisch der Slytherins wie ein Prinz. Es war auch nicht so, dass er schwach aussah. Er war nicht schweigsam, er redete ununterbrochen. Harry konnte nicht genau sagen, was anders war. Aber er ging davon aus, dass es der Blick in seinen Augen war. Jedenfalls sagten Mädchen so etwas immer. Nein, Harry wusste es nicht. Er spürte es mehr.
„Kommst du jetzt mit, oder willst du den ganzen Tag hier sitzen bleiben?" Ron stand hinter Harry. Er wartete ungeduldig. „Ich komme", nuschelte Harry, sprang auf und machte sich mit Ron auf den Weg zum Unterricht. Hoffentlich konnte er wenigstens in diesen paar Stunden, die er Malfoy jetzt nicht sehen würde, an etwas anderes denken. Muggelkunde hatte Harry mit Ron zusammen belegt. Das brachte für sie beide Vorteile. Harry wusste sowieso schon das meiste, und Ron konnte alles einfach abschreiben. So hatten sie zumindest eine gute Note auf ihrem Zeugnis sicher.
Hermine hatte sich natürlich geweigert, Muggelkunde mitzumachen. Für sie bot sich kein Reiz darin dar, ein Fach zu belegen, worin sie so oder so schon alles wusste. Nicht einmal die Sicherheit, dass sie ohne Mühe eine Eins haben würde lockte sie. Typisch Hermine, sie wollte sich ihre Noten wirklich hart erarbeiten. Statt Dinge zu lernen, die sie besser wusste als die Lehrkraft, wollte sie viel lieber eine neue Herausforderung. So trennten sich die Wege der drei, als Hermine aus dem Speisesaal zum Arithmantikunterricht ging. Ein schnelles „Tschüß, bis später!" und weg war sie. Harry sah ihr nach. Hermine hatte Arithmantik gemeinsam mit Malfoy. Scheinbar hatte sie gemerkt, dass er der Grund für Harrys seltsame Stimmung sein könnte. Er fragte sich, ob sie wohl bemerken würde, dass mit Draco etwas nicht stimmte.
An diesem Morgen beeilte Hermine sich noch mehr als sonst, um pünktlich im Klassenzimmer zu sein. Sie wollte sich noch etwas hinsetzen und nachdenken. Sie hatte einen leisen Verdacht, in welche Richtung Harrys...nun ja...konnte sie wagen, vorauszusetzen dass es ein Problem war? Nach kurzer Analyse von Harrys Verhalten – geistige Abwesenheit, nicht die bestgelaunteste Erscheinung, Beobachtung der Slytherins...- entschied sie sich für „Ja". Sie hatte also einen leisen Verdacht, in welche Richtung Harrys Problem ging. Keiner der Slytherins war für Harry interessant. Abgesehen von Draco Malfoy. OK, interessant war nicht die treffendste Bezeichnung für Malfoy. Aber wenigstens spielte er hin und wieder mit kleinen Auftritten mal eine Rolle in Harrys Leben. Jetzt musste sie herausfinden, was zwischen den beiden vorgefallen war. Was konnte das sein, dass Harry es ihr nicht erzählen wollte? Und wieso beschäftigte es ihn so sehr? Hermine konnte sich nichts vorstellen. Aber sie beschloss, Malfoy die nächste Zeit mehr Beachtung zu schenken. Möglicherweise brachte das Klarheit in die Sache.
Nach kurzer Zeit schon bekam sie die Möglichkeit, mit ihrem Vorhaben zu beginnen. Kaum später als sie selbst stolzierte Malfoy in den Raum, strich sich mit einer arroganten Geste über seine perfekt gestylten Haare, sah sie mit einem abfälligen Blick an und setzte sich auf einen Platz...weit, weit weg von ihr. In diesem Moment ärgerte Hermine sich gewaltig über Harry. Ständig musste er ihr Probleme bereiten. Nun musste sie dieses arrogante Subjekt...nein, Arschloch, sie wollte ehrlich zu sich selbst sein, beobachten, nur weil Harry sich zierte und nicht einfach sagen konnte, was los war. Eigentlich bist du selbst schuld , dachte sie. Du könntest auch einfach akzeptieren, dass er dir nicht alles erzählen will. Aber du musst ja so neugierig sein . Zum Glück begann in diesem Moment endlich der Unterricht, so dass sie diesen Gedanken zur Seite schieben konnte. ---21.06.---
Natürlich war Hermine in Arithmantik eine genau so gute Schülerin wie in allen anderen Fächern. Aber sie musste zugeben, dass es ihr schwerer fiel. Zahlen waren nicht ihre größte Leidenschaft. Dazu kam, dass Arithmantik in viele Teilgebiete unterteilt wurde und die Schüler jedes einzelne beherrschen sollten. Ein Glück, dass die meisten Schüler durch die Anforderungen schon von vorneherein abgeschreckt wurden und das Fach erst gar nicht belegten. So war der Arithmantikkurs eine angenehm kleine Gruppe von nur sechs Schülern. Das erleichterte das Lernen.
„Liebe Schüler und Schülerinnen, ich habe mir für Sie etwas überlegt", begann Professor Vektor den Unterricht. Hermine richtete sich auf ihrem Stuhl gerade auf. Das klang nach Abwechslung! „Ich verstehe, dass es für Sie eine schwere Aufgabe darstellt, alle verschiedenen Anwendungen von Arithmantik zu verstehen. Auch wenn Sie eine kleine Gruppe sind, denke ich, dass es nicht schaden könnte, wenn sie sich noch weiter aufteilen und gezielter lernen". Hieß das Partnerarbeit? Hermine hätte nie gedacht, dass einmal der Tag kommen würde, an dem sie hoffte, mit Malfoy eine Partnerarbeit erledigen zu dürfen. Der größte Teil in ihr sträubte sich dagegen und hoffte inständig, es möge keine Partnerarbeit geben, doch andererseits wollte sie unbedingt wissen, was mit Harry und Malfoy war. Eine bessere Gelegenheit, ihn sich näher anzusehen konnte sie nicht bekommen.
„In einer größeren Gruppe hätte ich Sie Expertengruppen bilden lassen, doch mit nur sechs Schülern erscheint mir das unmöglich". Hermine wartete ungeduldig. „Also habe ich beschlossen..."...ja? Ja? JA?..."dass jede und jeder von ihnen ein Thema in Einzelarbeit ausarbeiten wird"...nein. Hermine wusste nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert war. „Im Anschluss daran..."... Werden Sie der Gruppe mit einem Referat Ihr Thema vorstellen und erklären , dachte sie. „Werden Sie rotieren". Hä? Was sollte das genau bedeuten? Als sie sich in der Klasse umsah, stellte Hermine fest, dass sie nicht die einzige war, die nicht genau verstand, was der Sinn dieser Aktion sein sollte. Die anderen Schüler sahen nicht schlauer aus als sie selbst.
„Ich sehe, Sie haben scheinbar noch nicht genau verstanden, was ich meine. Wenn Sie Ihre Einzelausarbeitung beendet haben, werden Sie jedem einzelnen Schüler des Kurses erklären, was Sie herausgefunden haben. So müssen Sie erst selbstständig eine Ausarbeitung machen, erfahren von den anderen, was sie zu ihren Themen herausgefunden haben und müssen selber Ihr eigenes Thema mehrmals wiederholen. Sie werden es so oft erklären, dass Sie es nicht so schnell wieder vergessen werden. So können Sie sicher sein, dass Sie zumindest in einem Gebiet zu einem Experten werden, das ist so gut wie ausreichend, um die Prüfungen zu bestehen. Wenn Sie sich Mühe geben, sich wenigstens teilweise einzuprägen, was Ihnen Ihre Mitschüler erklären, werden Sie umso besser abschneiden".
Aha! Das war noch besser! So musste Hermine Malfoy nicht beim Lernen ertragen, bekam aber trotzdem ihre Gelegenheit, ihn in nächster Zeit einmal aus der Nähe zu betrachten. „Sie können sich jetzt Ihre Themen bei mir abholen. Miss Abbott, bitte kommen Sie einmal nach vorne". Geduldig wartete Hermine, bis sie aufgerufen wurde. Sie eilte ans Pult und nahm den Zettel entgegen, auf dem ihr Thema und einige Aufgaben standen. „Arithmomantie. Zusammenhänge mit der magischen Arithmantik und ihre Durchführung (kurze Einführung in das hebräische Alphabet, Orakel, Quersummenbildung)". Hermine lächelte. Das war leicht. Arithmomantie, allgemein Nummerologie, hatte sie – im Gegensatz zu normaler Mathematik – bereits interessiert, bevor sie wusste, dass sie eine Hexe war. Sie hatte oft mit ihren Muggelfreundinnen Namensorakel gespielt. Ihre Namen wurden nach Tabellen in Zahlen umgeschrieben, aus denen sie Quersummen bildeten. Dasselbe taten sie mit den Namen von Jungen. In den Tabellen stand genau, welche Namenszahlen zueinander passten. Hermines Zahl hatte exakt mit der des nervigen großen Bruders ihrer Freundin Charlene harmoniert. Ihre Freundinnen hatten sie wochenlang damit aufgezogen. Natürlich sagte dieses Namensorakel überhaupt nichts aus, es war ja auch nur eine sehr primitive Form der Nummerologie, aber trotzdem. Mit diesen schönen Erinnerungen im Kopf machte Hermine sich an die Arbeit.
Am Ende der ersten Stunde klatschte Professor Vektor in die Hände. „So! Ich bitte Sie, den Punkt, an dem Sie gerade arbeiten, zu Ende zu bringen. Mir ist klar, dass Sie nicht alles geschafft haben" – die entsetzten Gesichter der Schüler waren zu komisch gewesen! „In der nächsten Stunde erklären Sie Ihren Mitschülern, was Sie in Erfahrung gebracht haben. Dann ist es nicht so viel auf einmal. Morgen machen Sie dann da weiter, wo Sie nun aufhören". Erleichterung schlich sich in die Gesichter. Auch Hermine war erschrocken, einen Moment lang hatte sie befürchtet, die Aufgabe tatsächlich nicht geschafft zu haben.
„Hallo Hermine", sagte Hannah fröhlich, als sie sich mit ihr zusammensetzte. „Anstrengend, was? Aber du stehst ja auf so schwierige Aufgaben". „Ja, es ist wirklich ziemlich anstrengend. Na ja, man muss halt was für seine Noten tun. Lass uns besser anfangen. Willst du oder soll ich?"
Hannah streckte sich. „Lass mich anfangen, dann habe ich es hinter mir. Außerdem vergesse ich sonst vielleicht die Hälfte wieder. Du bestimmt nicht". „Gut, dann mal los!" Hermine versuchte, sich so bequem wie möglich hinzusetzen, während sie zuhörte. Sie suchte sich eine Position, von der aus sie Malfoy beobachten konnte, ohne dass es auffiel. Ihr Herz schlug ein wenig schneller, als sie daran dachte, dass sie sich noch in dieser Stunde mit ihm alleine zusammensetzen würde. Er saß gemeinsam mit Neville Longbottom in einer Ecke des Klassenzimmers und sah furchtbar genervt aus. Der arme Neville , dachte Hermine. Er stirbt bestimmt tausend Tode, alleine in einer Ecke mit Malfoy, und dann noch erklären müssen!
Sie wusste, dass der schüchterne Junge es hasste, wenn er lange reden musste. Und dann noch ausgerechnet mit Malfoy, der ihn fertig machte, wann immer es nur ging. Aber, so dachte sie, immerhin hatte Neville dann sofort das Schlimmste überstanden. Und er war gut in Arithmantik, zu aller Überraschung. Also musste er nur seine Nervosität überwinden.
„Hörst du mir zu?", fragte Hannah irritiert. „Natürlich tue ich das!" erwiderte Hermine, ohne ihren Blick von dem ungleichen Paar zu nehmen. „Mach nur weiter, ich sitze so nur bequemer".
Irgendetwas störte sie an Malfoy. So sehr sie auch versuchte zu erkennen, was es war, sie kam nicht darauf. Aber immerhin war sie sich nun sicher, dass er es gewesen sein musste, der beim Frühstück Harrys Aufmerksamkeit auf den Slytherintisch gezogen hatte.
Nach ein paar Minuten war Hannah fertig mit ihren Erklärungen. „Hast du noch Fragen?" wollte sie wissen. „Nein", erwiderte Hermine. Sie hatte tatsächlich überhaupt nicht zugehört. Sie war erschrocken über sich selbst, als sie es erkannte. Aber zugeben würde sie es nicht. Lieber holte sie alles selbstständig nach, was sie verpasst hatte und noch verpassen würde, wenn sie so weiter machte! Wenn es sein musste, auch nachts. „Dann bist du jetzt dran". Hannah streckte sich wieder, legte ihre Notizen zur Seite und setzte sich etwas bequemer hin.
In der Position, in der sie gerade saß, konnte Hermine sich unmöglich konzentrieren, also machte sie sich daran, sich eine bessere zu suchen. So, nun saß sie so, dass sie Malfoy nicht mehr sehen konnte, wenn sie sich nicht den Hals verrenkte. Sie nahm ihre Aufzeichnungen in die Hand, holte noch einmal tief Luft und begann, Hannah das Prinzip des hebräischen Alphabetes zu erklären.
Dafür, dass die Schüler eine ganze Schulstunde an den Ausarbeitungen gesessen hatten, hatten sie es erstaunlich gut gemeistert, die wichtigsten Punkte kompakt und relativ verständlich darzustellen. Schon nach 10 Minuten begannen Hermine und Hannah, sich umzusehen, ob schon ein anderes Paar fertig war. Malfoy hatte scheinbar keine große Lust gehabt, Neville viel zu erklären, denn die beiden saßen nicht mehr zusammen in ihrer Ecke, sondern warteten jeder auf seinem Platz darauf, dass sich neue Partner für sie ergaben. Blaise Zabini und Mandy Brocklehurst schienen ein sehr interessantes Thema zu haben, denn sie diskutierten offensichtlich lebhaft, wenn auch leise.
Hermine schluckte. Sollte sie freiwillig zu Malfoy gehen? Das konnte sie nicht. Doch viel Zeit zum Überlegen hatte sie nicht, da Hannah ihr die Entscheidung abnahm. Sie blickte von Malfoy zu Neville...und wieder zu Hermine. Kurz schien sie zu überlegen, aber dann stand sie schnell auf. „Sorry Herm", sagte sie mit einem entschuldigenden Blick, „aber ich kann dieses Ekel jetzt noch nicht ertragen. Darauf muss ich mich seelisch länger vorbereiten". Und weg war sie, mit schnellen Schritten stand sie an Nevilles Platz. Dort drehte sie sich noch einmal um. In ihrem Blick lag immer noch diese deutliche Bitte um Entschuldigung, der noch dadurch verstärkt wurde, das sie eine Schulter hochzog und vorsichtig lächelte. „Wenn du ihn jetzt nicht abkriegst, dann sowieso gleich". Mit diesen Worten ging Hermine an ihr vorbei zu Malfoy.
Er sah nicht einmal auf, als sie sich ihm gegenüber setzte. ---22.06.---
Eigentlich saß er in einer Malfoy-untypischen Pose. Normalerweise verbrachte er nicht viel Zeit damit, die Tischplatte zu studieren. Er wusste ja, das es nicht besonders beeindruckend aussah, wenn man sich hängenließ.
Hermine begann zu zweifeln, ob er sie überhaupt bemerkt hatte. Wenn nicht, musste er mit seinen Gedanken wirklich weit weg sein, schließlich saß sie direkt vor seiner Nase. Aber sie hatte wenig Lust darauf, ihn anzusprechen. Das war doch ein einzigartiger Moment, mit Malfoy an einem Tisch zu sitzen, ohne dass er sie beschimpfte. So nutzte sie die Gelegenheit lieber, ihn vorsichtig zu mustern. Ja, er saß ein fast unmerkliches bisschen schlapper als sonst da. Aber es musste noch etwas anderes sein, was sie irritierte. Hermine konnte es einfach nicht benennen. Er hatte einfach...eine bedrückende Aura. Leider brachte sie diese Erkenntnis nicht wirklich viel weiter.
Harry war komisch, Malfoy war komisch, beides schien einen Zusammenhang zu haben, aber was konnte es sein? Es musste von Malfoy ausgehen, so viel war klar. Denn der würde sich niemals von etwas herunterziehen lassen, was Harry bedrückte. Und Hermine kannte Harry mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass der umgekehrt sich sehr wohl etwas aus den Schicksalen aller machte. Aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass Malfoy sie so einfach erfahren lassen würde, welches Problem er hatte, das Harry so beschäftigte. Woher wusste Harry überhaupt, was er hatte? Sie hatten sich bestimmt nicht zusammengesetzt und geredet.
So saß Hermine ihm einige Minuten stumm gegenüber. Sie wusste, dass sie wertvolle Zeit vertrödelte. Schon bei Hannah hatte sie nicht zugehört, jetzt saß sie hier und fing gar nicht erst mit dem Unterrichtsstoff an. Das bedeutete für Hermine eine schlaflose Nacht, es sei denn, sie lernte im Bett noch ein wenig. Bei der Vorstellung seufzte sie. Auch wenn sie gerne lernte, nachts wollte sie lieber schlafen oder höchstens ein unterhaltsames Buch lesen.
Malfoy schien ihr Seufzen gehört zu haben, denn endlich kam Leben in ihn. Er blickte hoch. „Was seufzt du herum, Schlammblut? Und glotz mich nicht so an!"
Obwohl sie es gewohnt war, von Malfoy beschimpft zu werden, erschrak Hermine. Die paar Minuten waren so ruhig verlaufen, dass sie das Wort nun mit voller Wucht traf. Sie schluckte, und hatte zum ersten mal keine passende Antwort. „Wir...sollten anfangen", schlug sie vor. Malfoy schnaubte. „Rede nicht in der Wir-Form", zischte er. „ICH fange an, oder DU fängst an...aber nicht WIR". Hermine wusste nicht, warum sie sich immer noch so überrumpelt fühlte. Vermutlich, weil sie gerade angefangen hatte, Malfoy als Menschen mit einer Seele zu betrachten, und nicht nur als Widerling. Und nun wieder so etwas! Um nicht so zu wirken, wie sie sich fühlte, ordnete sie ihre Notizen neu. Dabei vermied sie jeden Blick über den Tisch hinweg.
„OK...dann fange ich jetzt an". Malfoy rollte die Augen. „Nur zu, Schlammblut". Während Hermine redete, sah er sie nicht an. Er drehte seinen Kopf etwas nach links und starrte auf einen Punkt in der Luft, der irgendwo über ihren Köpfen sein musste. Hermine hatte das starke Gefühl, dass er mit seinen Gedanken wieder überall war, nur nicht bei dem, was sie ihm erzählte. Trotzdem redete sie weiter. Ihr war es egal, ob er zuhörte. War doch nicht ihr Problem wenn er sich seine Note versauen wollte! Wenn sie ehrlich war, gab sie sich auch nicht wirklich Mühe, informativ zu sein. Da Malfoy jetzt wieder schwieg, hatte sie wieder angefangen, ihn zu beobachten.
Wieso musste sie so neugierig sein? Es nervte sie selber. Sie wollte sich nicht für Malfoy interessieren. Außerdem tat er nichts interessantes. Er saß nur da, starrte Löcher in die Luft und versuchte arrogant zu wirken.
Das einzige, was Hermine in diesem Moment als interessant bezeichnen konnte, war sein Aussehen. Sie wollte es nie zugeben, aber natürlich konnte Malfoy es sich leisten, eingebildet zu sein. Es war eine Lüge, wenn jemand behauptete, Malfoy sähe nicht gut aus. Allerdings fiel es Hermine oft nicht auf, weil sie ihn die meiste Zeit nur hasste. Nur wenn sie gerade nicht daran dachte, schlich sich der Gedanke in ihr Gehirn, dass er eigentlich der bestaussehendste Junge war, den sie in Hogwarts kannte. Er war weitaus filigraner als sie selbst. Von ihnen beiden – so hätte man sagen können – wäre er das hübschere (und in dem Fall auch wohl femininere) Mädchen gewesen. Hermine war tough. Und auch wenn sie nun nicht stämmig war, so war sie doch kein typisches zartes Mädchen. Im Prinzip war ihr das egal, doch es gab auch Tage, an denen sie die Mädchen beneideten, die richtig zart waren und beinahe feenhaft wirkten.
Wie sie nun Malfoy beobachtete, überkam sie wieder so ein Anflug von Neid. Nirgends kantige Knochen, alles war harmonisch, wirkte geradezu geschliffen. Nicht einmal Pickel hatte er, seine Haut war überall rein. Und seine Haare...Hermine wünschte sich, ihre Haare hätten eine richtig definierbare Farbe. Sie wusste nicht, wie sie ihre nennen sollte. Richtig braun waren sie nicht, rot aber auch nicht. Seine Haare...na ja, das war klar. Abgesehen davon hasste sie es, dass ihre Haare so kraus waren. Egal was sie tat, nie lagen sie richtig, während seine perfekt nach hinten gekämmt waren.
Hermine wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Malfoy sich durch die Haare strich. Nicht dass das etwas besonderes war. Er tat das ständig, auch wenn sie alle auf ihrem Platz lagen und keine einzige Strähne ihn stören konnte. Aber sie glaubte, etwas gesehen zu haben, was ihr einiges klarer machte. Konnte das sein?
Sie konnte sich nicht geirrt haben. Schließlich hatte sie gerade Malfoys Haare bewundert, als er den Arm dorthin gehoben hatte. Und die roten Striche sprangen auf Malfoys weißer Haut geradezu ins Auge.
Das war es also. Ja, es passte zu Harry, sich über derartige Dinge Gedanken zu machen. Wenn er das auch gesehen hatte, war klar, was ihn beschäftigte. --23.06.— Die Wunden waren offenbar noch nicht besonders alt, denn so kurz sie auch nur zu sehen gewesen waren, hatte Hermine doch erkennen können, dass sie noch einen deutlichen roten Schimmer gehabt hatten. Ältere Krusten waren dunkler. Inzwischen lag Malfoys Arm wieder auf seinem Tisch, die verräterischen Stellen von seinem Umhang bedeckt. Eine leise Spur von Mitleid wallte in Hermine auf. Sicher, Malfoy war alles andere als ein netter Mitschüler, aber genau wie Harry ertrug auch Hermine das Leid anderer nicht. Sofort sah sie ihn in einem anderen Licht. Sie konnte ihm nicht verzeihen, dass er sie für ihre Herkunft hasste. Aber irgendwie erleichterte es sie, dass Malfoy scheinbar doch nicht einfach gefühlskalt war und einfach alles wegsteckte. Hermine schämte sich fast ein bisschen dafür, dass sie sich daran erfreute, bei ihm Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass er sich selbst doch nicht so toll fand, wie er immer vorgab. Doch es war ja nicht das Leid, das sie freute, sondern die Hoffnung, die sich daraus ergab. Die Hoffnung, dass Malfoy erkannt hatte, dass in seinem Leben einiges schief ging. Von seiner eigenen Arroganz und seiner rassistischen Einstellung zu nicht reinblütigen Zauberern, bis hin zu den Dingen, die vermutlich in Malfoy Manor vor sich gingen...Hermine mochte sich gar nicht vorstellen, welche Gehirnwäsche Draco wohl schon hatte ertragen müssen. Ob er schon in den dunklen Künsten unterrichtet wurde? Sollte Malfoy erkannt haben, was in seinem Leben alles nicht in Ordnung war, dann gab es auch noch Hoffnung für ihn. Aber freu dich nicht zu früh , dachte Hermine. Noch weißt du nicht, was genau ihn dazu gebracht hat. Vielleicht hat es ganz andere Gründe .
„Mister Malfoy, Miss Granger, sind Sie fertig?" Professor Vektor war an ihren Platz getreten. „Äh..nein, Professor", erwiderte Hermine. „Ich bin fertig, aber Malfoy war noch nicht dran". „Dann erwarte ich, dass Sie jetzt weiterarbeiten!" Hermine nickte schnell.
„Ich kann für mich selbst reden, Schlammblut!" Malfoy war wieder aus seiner Starre erwacht. „Dann tu es doch, statt nur dumm herumzusitzen und in die Luft zu glotzen! Ich habe nur auf eine Frage geantwortet!", motzte Hermine zurück. „Vielleicht fängst du jetzt endlich mit deinem Teil an!"
Malfoy sah sie mit einem gehässigen Blick an. Kurz schien er darüber nachzudenken, ob er antworten sollte. Aber dann las er ab, was er auf seinen Zettel geschrieben hatte. Es war nicht viel, und nach nicht einmal einer Minute war er fertig. „Noch Fragen, Granger?" „Ja, ist das ALLES? Mehr hast du in einer ganzen Stunde nicht geschafft?" „Ich habe keine Lust auf diesen Scheiß, verstehst du? Ich weiß nicht, warum ich mir alles selber beibringen soll, und es dann noch Schlammblütern wie dir erklären".
Hermine stand auf. „Na dann...es ist ja deine Note, die du kaputtmachst". Sie sah sich um und ging hinüber zu Terry Boot.
