Art der Geschichte: Mehrteiler

Genre: Drama

Autor: Josephine

Betaleserin: Shelley

Titel: Expecto Patronum


Mit den Gedanken ganz woanders stapelte der dunkelhaarige Professor für Verteidigung gegen die Dunklen Künste die Pergamente der letzten Klasse zu einem großen Stapel. Rau fühlte sich das Papier unter seinen Fingern an. Die ganze Stunde über hatte er an Severus Snape denken müssen. Was war es nur, was diesem Jungen das Leben so schwer machte? Welches Leid verbarg sich hinter diesen schwarzen Augen, die schon in so jungen Jahren so kalt, so leer waren?

Normalerweise mischte der Professor sich nicht in das Leben der Schüler ein, schon alleine aus dem Grund nicht, da er keiner der Hauslehrer war, doch nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob er den Posten, den man ihm vor drei Jahren angeboten hatte, nicht besser hätte annehmen sollen. Horace Slughorn war noch nicht lange Hauslehrer von Slytherin und es war unüblich, einem neuen Lehrer diese Stelle zu geben, doch Albus Dumbledore hatte sie ihm angeboten, vor drei Jahren, als er nach Hogwarts gekommen war. Hauslehrer von Slytherin, er! Natürlich hatte Professor Keriann das Angebot abgelehnt, dankend zwar, aber dennoch mit dem Gefühl, richtig gehandelt zu haben. Er war gerade neu gewesen, hatte die Regeln der Schule noch nicht gekannt und sowohl die Schüler, als auch die Lehrer waren ihm fremd gewesen.

Jedenfalls hatte er eine Zeit lang geglaubt, richtig gehandelt zu haben, doch besonders in den letzten Monaten schlich sich immer wieder der Gedanke in seinen Kopf, dass er den Posten besser angenommen hätte. Als Hauslehrer von Slytherin könnte er sich viel besser den Problemen der Schüler widmen können und besonders ein schwarzhaariger, magerer Junge wäre jetzt nicht ganz so alleine.

Horace Slughorn mochte als einfacher Lehrer akzeptabel sein, doch als Hauslehrer versagte er auf ganzer Stecke, daran bestand für Professor Keriann kein Zweifel! Noch gestern hatte er sich mit Minerva McGonagall und Pomona Sprout, die beide Hauslehrer waren, darüber unterhalten.

Gerade die Slytherins waren ein Haus, das jemanden brauchte, der für sie da war, sich mit ihnen befasste und sie nicht gleich der dunklen Seite zuordnete, wie es alle anderen taten. So wenig man es glauben mochte, doch der Professor war sich fast sicher, dass gerade die Slytherins am meisten Schutz brauchten, besonders in der letzten Zeit…

Gerüchte kursierten umher, Geflüster wurde laut und immer düsterer schienen die Nächte zu werden. Man sprach von einem dunklen Zauberer, der irgendwo im Verborgenen darauf lauerte, die Welt der Zauberei in Angst und Schrecken zu versetzen und immer wieder verschwanden Hexen und Magier auf unerklärliche Weise. Die Fälle häuften sich und das Ministerium hatte alle Hände voll damit zu tun, der Bevölkerung zu versichern, dass es sich bei dem Verschwinden der Leute um puren Zufall handelte.

Doch insgeheim wusste jeder, dass dem nicht so war. Da draußen gab es etwas, das nur darauf wartete, aus den Schatten treten zu können und der Professor hätte seine rechte Hand darauf verwettet, dass diese Zeit schon sehr bald gekommen sein würde.

Das zu Beginn noch leise, vorsichtige Geflüster wurde zu Gerüchten, die Gerüchte zu Tatsachen.

Zu Beginn des neuen Schuljahres hatte der Direktor sie alle in einer großen Konferenz darauf hingewiesen, dass die gesamte Zaubererwelt vor einer ungewissen Zukunft stand und nun schien es, als sei diese Zukunft mit dem kalten Hauch des Winters gekommen. Nicht nur über die Landschaft hatte sich eine eisige Decke gelegt, auch um die Herzen der Menschen schien es kalt zu werden. Eine erdrückende, tödliche Kälte, die immer stärker wurde und die auch dem Professor immer mehr die Luft zum Atmen nahm.

Ein brennender Schmerz an seiner rechten Hand ließ ihn zusammen zucken und aus seinen düsteren Gedanken aufschrecken. Er hatte sich an einem der Pergamente, die er nun bestimmt schon zum dritten Mal von der oberen linken in die obere rechte Ecke seines großen Schreibtisches geschoben hatte, geschnitten. Die Wunde war nicht groß, aber tief, und dunkelrotes Blut tropfte auf das alte Holz des Tisches.

Professor Kiriann beobachtete die dunklen Tropfen, wie sie seinen Finger hinab liefen, eine rote Spur hinterließen und schließlich nach unten tropften. Wieder drifteten seine Gedanken ab zu einem schwarzhaarigen Jungen, der im Moment wahrscheinlich irgendwo alleine saß, ein Buch in den Händen und die abgetragene Schulrobe eng um die mageren Schultern geschlungen.

Er hatte sie gesehen. Durch Zufall war vor einigen Tagen der viel zu kurze Ärmel seiner Robe ein wenig nach hinten gerutscht und der Professor hatte einen kurzen Blick auf den dünnen, blassen Arm des Slytherins werfen können. Da hatte er sie zum ersten Mal gesehen. Feine, weiße Linien, manche länger, manche kürzer, aber immer ein eindeutiges Zeichen. Ein Mahnmal, ein Symbol, dass es vielleicht schon zu spät war. Zu spät, um den einsamen Jungen zu retten.

Natürlich hatte er sich nichts anmerken lassen dürfen, doch ein kurzes Zusammenzucken hatte Professor Kiriann nicht verhindern können. Es waren so viele gewesen, so entsetzlich viele. Sah der andere Arm etwa auch so aus? Wie viel Schmerz, wie viel Leid und wie viel Einsamkeit mussten gewütet haben, um solche Linien zu erschaffen?

Er hatte nicht gewusst, ob er mit Horace oder sogar mit Albus darüber sprechen sollte und so hatte er geschwiegen. Und nachgedacht. Verdammt viel nachgedacht.

Severus Snape war ihm schon an seinem ersten Abend hier in Hogwarts aufgefallen. Verloren hatte er zwischen den anderen gewirkt, die zusammen mit ihm darauf gewartet hatten, dass der Sprechende Hut ihnen sagen würde, in welches der vier Häuser sie die nächsten sieben Jahre gehen würden. Schon damals hatte der Professor direkt erkannt, dass dieser schwarzhaarige Junge, der sich von den anderen unterschied wie die Nacht vom Tag, es schwer haben würde, doch schon bald waren seine Gedanken in andere Richtungen gegangen und er hatte die schwarzen Augen vergessen, die damals schon so leer in die Welt gesehen hatten.

Er hatte seine eigenen Augen verschlossen, wie ihm nun klar wurde und damit vielleicht einen fatalen Fehler begangen. Aber, bei Merlin, er war nicht der Hauslehrer der Slytherins! Wieso konnte Horace Slughorn seine Aufgabe nicht besser erfüllen? Plötzlich spürte er eine brennende Wut auf den dicklichen Professor, der seine Augen scheinbar mit aller Macht vor der Realität verschloss. Diese Narben auf Severus Snapes Armen sprachen eine deutlichere Sprache, als alle Worte es jemals hätten tun können und doch, so wusste er, würden sie den Jungen verlieren! Er hatte nicht die geringste Ahnung, woher er diese schreckliche Gewissheit nahm, aber die Zeit war ihnen voraus und es würde ihnen nicht mehr gelingen, den gebrochenen Jungen zu retten!

„Und dennoch gibt es Hoffnung!", flüsterte eine leise Stimme in seinem Kopf und focht einen erbitterten Kampf gegen brennende Wut und Hoffnungslosigkeit. Die Hände des Professors begannen zu zittern und ein roter Schleier legte sich vor seinen Geist, verklärte seine Sinne und blockierte seinen Verstand. Es war so ungerecht, so verdammt ungerecht! Dieser Junge hatte niemandem etwas getan! Wieso hatten sie alle ihre Augen so verschlossen und wieso war die Zeit in ihren Händen zerronnen wie Sand? Wieso???

Mit einem plötzlichen Gefühl von Hilflosigkeit tönte ein lauter Schrei durch das leere Klassenzimmer, die so ordentlich gestapelten Pergamente flogen auf den Boden und mit einem lauten Krachen landete der schwere Schreibtisch umgestoßen und halb zersplittert auf dem Boden.

Der rote Schleier war verschwunden und hatte einem grauen Platz gemacht, der alles unter sich erstickte und wie ein eisig kaltes Leichentuch auf seiner Seele ruhte.

oOo

Dunkelheit umfing ihn. Dunkelheit und eine eisige Kälte, die seine Lungen zusammenquetschte und ihm jegliche Luft zum Atmen nahm. Sein ganzer Körper war durchzogen von einem entsetzlichen Schmerz und sein Kopf pochte, als würde er jeden Moment auseinander brechen. Und doch waren diese Schmerzen es, die ihm Gewissheit gaben. Die schreckliche Gewissheit, dass er noch lebte. Dass er es wieder nicht geschafft hatte den endgültigen Schritt zu gehen und dass dieses irdische Leben, das nur Leid und Kummer für ihn bedeutete, seine sterblichen Klauen immer noch nach ihm ausstreckte.

Langsam fand Severus Snapes' Geist wieder zurück in die Gegenwart. Geräusche wurden deutlicher und allmählich begann er sich zu erinnern. Die Verteidigungsstunde bei Professor Keriann, der Patronus-Zauber, die Jungen-Toilette und schließlich die erlösende Dunkelheit, die ihn nun wieder verbannt hatte.

Severus spürte harten, kalten Stein unter seinen Fingerspitzen, irgendwo tropfte Wasser und ein kalter, leicht modriger Luftzug strich über sein Gesicht.

Er wollte nicht hier sein. Er wollte die Augen nicht öffnen.

Warum nur gönnte man ihm die Ruhe nicht, nach der er sich so sehr sehnte? Warum musste dieses elende Leben ihn nur so festhalten?

Severus lag mit dem Gesicht seitlich auf dem kalten Stein und als die Kälte in seiner rechten Wange zu brennen begann, seufzte er leise. Er musste aufstehen, es half alles nichts! Was brachte es ihm, wenn er jetzt hier liegen blieb, die Welt drehte sich auch so weiter und blieb wegen ihm nicht einfach stehen! Da konnte er genau so gut aufstehen und sich der Tortur erneut zur Verfügung stellen.

„Irgendwie grenzt das ja schon fast an Masochismus…", erklärte die leise Stimme in seinem Kopf und Severus hätte diese am liebsten gegen die nächstbeste Wand geklatscht. Aber im Moment fühlte er sich außer Stande, überhaupt seine Augen öffnen zu können, geschweige denn sich aufzurichten, also musste die Wand wohl oder übel erst einmal warten.

Langsam öffnete er zuerst das linke, dann das rechte Auge und bereute diese wahnwitzige Tat direkt. War es hier drin auch schon so hell gewesen, als er nach der Unterrichtsstunde hier her geflüchtet war? Das Licht brannte entsetzlich in seinen Augen und Severus bemühte sich, diese so schnell wie möglich wieder zu schließen.

„Super, wirklich grandios! Und jetzt?"

Wie war das noch gleich mit der Wand?

Mit einem eigenartigen Laut, der sowohl ein erzürntes Brummen, als auch ein unterdrücktes Schluchzen hätte sein können, zwang er seine Lider schließlich dazu, das schmerzende Licht an seine Augen zu lassen und zuerst sah er nur verschwommene Schemen. Es dauerte einige Sekunden, bis seine Sicht sich geklärt hatte und er die Kraft fand, sich langsam an der rauen Kabinenwand hinauf zu arbeiten. Sein ganzer Körper zitterte und seine Beine fühlten sich an, als wären sie aus einer zähflüssigen Masse, die man dazu bringen wollte, ohne Zauber senkrecht zu stehen.

Als Severus halbwegs gerade gegen die Wand lehnte und versuchte, den Schwindel in seinem Kopf zu ignorieren, konzentrierte er sich auf seine Umgebung. Wie lange mochte er hier gelegen haben? War der Unterricht bereits vorbei? Wenn nicht, in welcher Stunde hätte er eigentlich gerade sitzen müssen?

Auf den Gängen schien es leer zu sein, jedenfalls hörte er keine Schritte und keine Gesprächsfetzen und allzu früh am Tag konnte es auch nicht mehr sein, denn jetzt, wo seine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, erkannte er, dass es draußen mittlerweile dämmerte. Es musste bereits später Nachmittag oder früher Abend sein und das bedeutete, dass er fast drei Stunden hier auf dem Boden gelegen haben musste. Unbemerkt. Nicht vermisst.

Ein Stich durchzog aufgrund dieser Tatsache seine Brust, doch wieder zwang Severus sich, dieses Gefühl zu ignorieren. Was hatte er auch anderes erwartet? Dass sie kommen würden und nach ihm suchten? Dass sie sich Sorgen machten? – Wohl kaum. Wahrscheinlich hatten sie es noch nicht einmal wirklich gemerkt, dass er fehlte. Wahrscheinlich saßen sie gerade alle beim Abendessen und waren dabei, die Neuigkeiten des Tages untereinander auszutauschen… ohne ihn…

Wieder spürte er dieses verdammte Brennen in den Augen, welches er so sehr hasste. Verdammt sollten sie sein, sie alle! Irgendwann würde er sich rächen! Irgendwann würde seine Zeit gekommen sein und dann würde sie bezahlen für alles, was sie ihm angetan hatten!

Severus schüttelte den Kopf, presste die Augen zu, bis es weh tat und schlug mit der Faust gegen die raue Kabinenwand. Nein! Er durfte nicht so denken! Nicht so! Es war nicht recht, er musste damit aufhören!

Mit einem lauten Schluchzen stieß er die Tür auf, stolperte hinaus und verließ die Toilette. Er musste aus diesem verdammten Schloss raus! Endlich raus aus diesen Gängen, wo die Wände immer näher zu kommen schienen und ihm die Luft zum Atmen raubten! Wo er ihre Gesichter überall sah und ihre Stimmen überall hörte, wie sie ihn auslachten und verspotteten…

Raus, er musste raus hier! Nur weg!

oOo

Dicke, schwere Schneeflocken fielen bereits den ganzen Tag und die ganze Nacht vom Himmel. Das Land war versteckt unter einer weißen Schicht, die wie ein blendendes Leichentuch wirkte und alles Leben unter sich begrub. Der Wind war eisig, pfiff durch die Gänge des uralten Schlosses und klapperte mit den alten Scharnieren der Bleiglasfenster.

Der Unterricht war für den heutigen Tag beendet und die Schüler verließen ihre warmen Gemeinschaftsräume nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Die Gänge des Schlosses waren kalt und überall zog der Wind. Rüstungen klapperten, der Wind heulte und der Himmel wurde immer dunkler. Ein Unwetter zog herauf. Von den nahe gelegenen Bergen kam es hinab ins Tal und verschlang das letzte Licht des Tages mir beängstigender Schnelligkeit. Schon sehr bald würde die Nacht herein brechen und ein schwerer, grauer Himmel würde Mond und Sterne verbergen.

oOo

Die hohen, schweren Holzpforten des Schlosses flogen mit einem lauten Quietschen auf, eine dunkle Gestalt schlüpfte hindurch und wirbelte den Schnee auf, der bis dahin völlig unberührt auf den breiten Steinstufen gelegen hatte, die zum Portal hinauf führten. Auf eine schnelle Handbewegung der Gestalt hin schlossen sich die Pforten wieder und nichts außer schnell verwehenden Fußspuren erinnerte daran, dass jemand das Schloss um diese Zeit verlassen hatte.

Die Gestalt war nicht mehr als eine gebeugte, dunkle Silhouette im wirbelnden Weiß des Schneesturmes und die Lichter aus der Großen Halle erleuchteten das Land nur wenige Meter weit. Schon sehr bald wurde die Gestalt von Dunkelheit umschlossen und verschwand in der bitter kalten Umarmung des Winters.

oOo

Der eisige Schnee brannte entsetzlich auf seiner Haut und die Dornenbüsche, durch die er lief, rissen tiefe Wunde in die kalte Haut, aber dennoch blieb Severus Snape nicht stehen. Sein ganzer Körper zitterte vor Kälte und Schwäche, aber er verwehrte ihm die Ruhe und die Wärme, nach der er sich verzehrte. Schmerz war immer noch besser als gar kein Gefühl. So oft schon hatte er sich selbst gefragt, ob man verlernen konnte zu fühlen. Zu spüren. Dann war es nur der Schmerz, der ihm sagte, dass er durchaus noch empfinden konnte und der ihn daran erinnerte, dass er noch nicht tot war. Noch nicht.

„Sie hassen dich! Sie alle hassen dich! Niemand würde dich vermissen!"

Gedanken, die er hasste. Aber die dennoch so wahr waren. Die ihn schon oft bis an den Abgrund getrieben hatten, vor dem er aber immer wieder zurück schreckte. Es wäre ganz einfach, ganz leicht. Nur ein einziger Schritt hatte ihn schon so oft von der erlösenden Ruhe getrennt, nach der sich sein Körper und seine Seele so sehnten, aber er war ihn nie gegangen. Irgendetwas hatte ihn immer zurück gehalten. War es Hoffnung? Die irrsinnige, wahnsinnige Hoffnung auf Rettung? Auf eine bessere Zeit? Darauf, dass sich etwas ändern würde?

Wenn es wirklich das war, was ihn jedes Mal vom Abgrund weg zerrte und daran hinderte, den letzten Schritt zu tun, dann war er ein Narr. Für Hoffnung war schon lange kein Platz mehr in seinem Leben und wenn sie wirklich das Einzige war, was ihn hier hielt, dann war er verdammt! Verdammt dazu, ein Dasein in einer Welt zu fristen, die für ihn keinen Platz hatte, die ihn nicht wollte!

„Ein Narr bist du, nichts weiter! Du hättest dem allen schon längst ein Ende setzen können, aber du hast es nicht. Ein Narr bist du… und ein Feigling!"

„Nein!", schrie er mit verzweifelter Stimme in die graue Dunkelheit der Nacht hinaus. „Nein! Schweig endlich still!"

Diese verdammte Stimme machte ihn noch wahnsinnig! Sie sollte schweigen, endlich schweigen! Was wusste sie schon von seinem Leid? Was wusste sie schon von seinem Schmerz?

Er war es, den die Menschen verspotteten, den sie verachteten und den sie ausgrenzten. Er war es, den niemand haben wollte, der immer einsam sein würde und ewig auf der Suche! Er ganz allein!

Ein brennender Schmerz in seinem Bein ließ ihn schließlich taumeln und mit einem erstickten Schrei landete er im eisigen Schnee. Bis dahin hatte er gar nicht darauf geachtet, in welche Richtung er überhaupt gelaufen war und auch die Dornenbüschen, die seine abgetragene Robe zerrissen und die Haut darunter verletzt hatten, waren nicht wirklich bis in sein Bewusstsein gedrungen. Er hatte sie gespürt, ja, aber es war nur ein einziger Schmerz unter vielen.

Jetzt erst merkte Severus, dass er am Verbotenen Wald entlang gelaufen sein musste, hinab zum See, am Ufer vorbei und schließlich auf die Wiesen, die von den höchsten Türmen des Schlosses zu sehen waren. So weit war er gelaufen, ohne es wirklich realisiert zu haben?

Der Schmerz in seinem rechten Bein pochte erneut und Severus zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. Was war geschehen? War er über etwas gestolpert, was der Schnee verborgen hatte? Oder hatten seine Kräfte einfach nur nachgelassen und es waren die Dornenwunden, die er jetzt so intensiv spürte?

Mit zitternden, bläulich angelaufenen Fingern tastete der schwarzhaarige Slytherin nach seinem Bein. Schwarze Robenfetzen und Eis waren ihm im Weg, bis er schließlich sah, was diesen entsetzlichen Schmerz verursachte. Er musste an einem besonders niedrigen Dornenbusch mit der Hose hängen geblieben sein und der Stoff seiner Hose war weggerissen, genau wie einiges der Haut darunter. Er wusste, dass es am Waldrand einige magische Pflanzen gab, die man ihrer Größe wegen nicht in den Gewächshäusern unterbringen konnte, doch an welche Büsche er hier geraten war, konnte er sich im Moment nicht erklären. Die Dornen mussten riesig gewesen sein, wenn sie sein Fleisch so hatten aufreißen können!

Blut floss aus den Wunden und färbte den Schnee und das Eis um ihn herum dunkelrot. Das Bild vor seinen Augen verschwamm immer mehr und Severus spürte, wie auch die letzte Kraft aus seinem Körper wich. Er hatte ihm alles abverlangt und nun zahlte er den Preis. Seine Hände zitterten mittlerweile so stark, dass er es nicht schaffte mit ihnen nach seinem Zauberstab zu greifen und schließlich gab er es auf. So müde. Es war so kalt und er war so entsetzlich müde.

Mit einem leisen Seufzen ließ Severus sich nach hinten fallen, kurz realisierend, dass der Schnee an seinen Schläfen brannte. Wie lange würde es wohl dauern, bis er hier draußen erfroren war? Würden sie nach ihm suchen? Ihn finden?

„Mach dir nichts vor, niemand wird nach dir suchen!"

Wahrscheinlich hatte die Stimme Recht und das erste Mal in seinem Leben glaubte Severus, dass es ihm nichts mehr ausmachte. Er würde hier draußen erfrieren und vielleicht endlich die Ruhe finden, nach der er sich schon so lange sehnte. Er hatte schon lange mit dieser Welt abgeschlossen und dass es nun zu Ende sein sollte, war irgendwie, auf banale Weise, ein Trost. Endlich würde es vorbei sein! Die ewigen Hänseleien, der Spott, die Verachtung. Endlich würde er morgens nicht mehr aufwachen und wissen, dass ihm ein weiterer Tag voller Qualen bevor stand… Diese Tatsache war auf ihre Weise erschreckend beruhigend.

Severus schaute nach oben in den grauen Himmel, wo weiße Flocken einen wilden Tanz miteinander führten und sich in schnellen Wirbeln über ihn hinweg drehten. Wie schön wäre es gewesen, die Sterne und den Mond zu sehen…!

Das gefrorene Gras um ihn herum flüsterte leise und schien mit ihm zu sprechen.

„Komm", flüsterte es und streichelte fast zärtlich seine bläuliche Wange, „komm, Severus. Schließe die Augen und schlaf. Wir passen auf dich auf!"

Seine Lippen formten ein lautloses „Ja…" und er merkte kaum noch, wie seine Augen sich langsam schlossen.

„Ja", hauchte er noch ein letztes Mal, „ich komme…"

oOo

Schwarze Lederstiefel durchbrachen das Eis. Der Schnee knirschte laut unter ihnen und irgendwo in weiter Ferne heulte ein Wolf. Er musste sich beeilen, das spürte er.

Seine Hände fassten den dicken Stoff der dunklen Robe noch enger, doch die entsetzliche Kälte dieser Nacht fand ihren Weg auch durch dieses Kleidungsstück. Diese Kälte war nicht normal. Etwas Düsteres war hier am Werk, etwas Tödliches. Und es kam näher…

Er beschleunigte seine Schritte noch einmal, hielt den Zauberstab hoch erhoben vor sich und versuchte im blass-blauen Licht etwas zu erkennen. Er musste am Waldrand vorbei gelaufen sein, hinunter zum See. Hoffentlich kam er nicht zu spät…

Ein erneutes Heulen ließ ihn kurz den Kopf zur Seite drehen, doch schon nach wenigen Metern sah er nichts als alles verschlingende Dunkelheit. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und es wurde immer schwieriger, zu wissen, wohin man lief. Alles sah gleich aus, ein weiß-grauer Wirbel aus Eis.

„Severus", flüsterte er leise und betete zu allen ihm bekannten Mächten, dass er noch rechtzeitig sein würde. Die Zeit lief ihm davon und es waren nicht nur Eis und Schnee, die ihm den Weg versperrten…

To be continued…


Ein ganz liebes Dankeschön an alle Reviewer! Ich hätte nicht gedacht, dass die Geschichte Anklang findet, doch scheinbar scheint sie zu gefallen freu. Eigentlich war das Ganze ja zuerst als kurze Sequenz geplant, doch irgendwie macht hier jeder was er will wirft ihren Figruen einen grimmigen Blick zu und der Plot macht sich mehr oder weniger selbstständig seufz...furchtbar...;-)))