Kapitel 2: Eine Handvoll Worte


THE WINTER HERE'S COLD AND BITTER

IT'S CHILLED US TO THE BONE

WE HAVEN'T SEEN THE SUN FOR WEEKS

TOO LONG TOO FAR FROM HOME

(Sarah McLachlan - Full Of Grace)

Die Wochen verstrichen und die Geschehnisse in Hogwarts überschlugen sich. Aufgrund der Tatsache, dass ihnen von Seiten des Ministeriums eine Lehrerin zur Seite gestellt wurde, die Verteidigung gegen die Dunklen Künste zwar lehren aber nicht unterrichten sollte, war Hermines rebellische Seite erwacht. Nach allem was letztes Schuljahr passiert war leugnete das Zaubereiministerium die Tatsache, dass Voldemort zurück gekehrt war. Zaubereiminister Cornelius Fudge verschloss die Augen – und zwang den Rest der magischen Gemeinschaft es ihm gleich zu tun. Das Ministerium befand daher praktischen Unterricht im Fach Verteidigung gegen die Dunklen Künste für unnötig und hatte dazu Professor Dolores Umbridge eingesetzt, um den Schülern eine vom Ministerium zensierte Theorie zu vermitteln. Da diejenigen unter den Schülern, die Harry glaubten, dass Voldemort zurückgekehrt war nicht vollkommen unvorbereitet sein wollten sobald es zu Kämpfen kam, hatte Hermine die Idee sich von jemandem unterrichten zu lassen, der sich selbst schon gegen die Dunklen Künste verteidigen musste. Harry.

Anfangs hatte sich ihr bester Freund vehement gegen die Idee gewehrt und sich geweigert, mittlerweile jedoch hatte er seine Rolle als Lehrer angenommen und ihre Gruppe war bereits auf beachtliche Ausmaße angewachsen. Durch Zufall hatten sie den Raum der Wünsche als idealen Trainingsort entdeckt und trafen sich heimlich regelmäßig, um gemeinsam zu trainieren und so viel wie möglich von Harry zu lernen. Gleichzeitig jedoch war mittlerweile bereits die achte Woche verstrichen in der Hermine bei Professor Snape zwei Mal die Woche zum Nachsitzen erschienen war. Anfangs hatte sie noch geglaubt ihre geistige Abwesenheit aufgrund des heimlichen Unterrichts wäre der Grund dafür, dass sie sich ständig Strafen einhandelte. Mittlerweile jedoch war sie misstrauisch geworden und achtete im Zaubertränkeunterricht auf jedes noch so kleine Detail das auf ein wirkliches Fehlverhalten ihrerseits schließen ließ. Egal was Hermine tat, egal wie vorbildlich sie sich verhielt, Snape fand immer einen Grund sie zum Nachsitzen zu verdonnern.

Ihr blieb keine Zeit den Grund für sein Verhalten heraus zu finden, der Unterricht und dazu die heimlichen Treffen im Raum der Wünsche zehrten an Hermines Kräften und erschöpften sie zusätzlich. Sie schlief immer weniger, verbrachte immer mehr Zeit in der Bibliothek und nutzte ihre Freizeit um Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu trainieren. Aufgrund ihres Zeitmangels begann sie das Nachsitzen bei Professor Snape zu nutzen, um das Rätsel um sein Verhalten zu lösen, doch der Mann blieb ein Mysterium. Harry hingegen war weniger neugierig als vielmehr stinksauer über Snapes Benehmen. Hermine hatte alle Hände voll zu tun ihn davon abzuhalten etwas Dummes zu tun.

Mit fahrigen Bewegungen versuchte die junge Gryffindor ihre Augenringe etwas zu kaschieren, doch sie konnte ihrem Spiegelbild den müden Gesichtsausdruck nicht austreiben. Seufzend ließ sie die Hände sinken und kehrte ihrem Spiegel den Rücken zu. Ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass es schon sehr spät war und sie sich beeilen musste, um rechtzeitig bei Professor Snape zu erscheinen. Hermine raffte ihren Umhang um ihre Schultern, fuhr noch einmal halbherzig durch ihre Haare und verließ dann den Schlafsaal der Mädchen über die Treppe nach unten in den Gemeinschaftsraum. Dort angekommen blieb sie stehen und stöhnte innerlich, weil sie gehofft hatte dieses Problem umgehen zu können. Doch natürlich wie so oft in letzter Zeit hatte sie kein Glück wenn es darum ging Ärger zu vermeiden.

„Du musst endlich mit McGonagall reden", meinte Harry als er Hermine die Treppe herunter kommen sah. Ron stand neben ihm und musterte die Dunkelhaarige mit dem gleichen vorwurfsvollen Ausdruck im Gesicht.

„Jungs, ehrlich", erwiderte Hermine und konnte nur knapp verhindern ihre Augen zu verdrehen. Sie wusste, dass die beiden sich nur Sorgen machten. „Ich habe alles unter Kontrolle." Mit diesen Worten wollte sie an Harry und Ron vorbei, doch die beiden blockierten den Ausgang. Wütend presste Hermine ihre Lippen aufeinander, schließlich hatte sie einen gewissen Zeitdruck. Snape schätzte es gar nicht wenn man zum Nachsitzen zu spät erschien.

„Du bist total erschöpft!", ereiferte sich Ron und musterte Hermine wütend. „Snape lässt dich ungerechtfertigt nachsitzen. Er macht dich vollkommen fertig!"

„Ich weiß", antwortete Hermine heftiger als beabsichtigt. „Aber ich kann im Augenblick nichts dagegen tun. Wenn ich allerdings zu spät komme gibt ihm das genug Gründe mich noch mehr nachsitzen zu lassen, also muss ich jetzt gehen!"

Sie schälte sich an Harry und Ron vorbei und war durch das Porträt nach draußen verschwunden, bevor die beiden erneut widersprechen konnten. Hermine hetzte durch die Korridore des Schlosses in Richtung der Kerker und rannte die Treppe hinunter, durch Gänge und Flure, bis sie schließlich schwer atmend vor Snapes Büro zum Stehen kam. Sie schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln, und klopfte an die schwere Eichentür.


Die Wochen waren wie im Flug vergangen. Mittlerweile war der Winter hereingebrochen, man spürte es an dem kühlen Wind, der abermals durch das Schloss wehte, wenn ein Schüler mal wieder vergessen hatte das große Tor der Eingangshalle zu schließen. Auch anderweitig plagten Severus Snape an diesen Tagen die Umstände auf Hogwarts. Dass die Schüler ihm auf die Nerven gingen, das war nun wirklich nichts Neues. Doch mittlerweile war es sogar schon am Lehrerkollegium, ihm das Leben auf Hogwarts zur Hölle zu machen. Das Ministerium hatte es tatsächlich gewagt, sich in Dumbledores Aufgabenbereich einzumischen und hatte eine Lehrerin – selbsternannte Großinquisitorin – eingestellt.

Die Situation zwischen den Todessern spitzte sich mehr und mehr zu. Der Dunkle Lord hatte überall seine Augen und selbst seine Anhänger ließen keine Gelegenheit aus, Severus auf den Prüfstand zu nehmen. Schließlich war er damals zur Zeit der ersten Schreckensherrschaft Lord Voldemorts auf die andere Seite übergewechselt. Deswegen misstraute man ihm und obwohl der Dunkle Lord hinter Severus stand, sahen seine „Kollegen" einen Verräter in ihm. Es war Zeit sich zu bewähren, das ständige Spiel, die Rolle des kaltherzigen Todessers aufrechtzuerhalten nagte bitterlich an ihm. Die unzähligen Gespräche, die er mit Dumbledore deswegen geführt hatten, erbrachten ihm nicht den gewünschten Trost. Der Schulleiter Hogwarts zählte auf ihn, er musste dem Ganzen standhalten, konnte es sich nicht leisten zu versagen. Severus fühlte sich allein gelassen und an die Zeit zurückerinnert, als er sich schon einmal so verloren gefühlt hatte. Als Lily ermordet wurde, er auf der Seite des mächtigsten Schwarzmagiers stand und es so schien, als gäbe es keine Hoffnung mehr für ihn. Albus hatte ihn damals aufgefangen, ihm war es wohl zu verdanken, dass Severus Snape sich nicht völlig aufgegeben hatte. Er war es dem alten Narr einfach schuldig und vor allem war er es Lilly schuldig. Diese Schuld saß so tief, dass er sie niemals vergessen könnte.

Als Granger zum ersten Mal in seinem Büro ihr Nachsitzen ableistete, war er zu sehr damit beschäftigt, sich um seine Aufgabe als Doppelspion zu konzentrieren. Er hatte sie kaum wahrgenommen, hatte sie wie jeden anderen Schüler behandelt, der bei ihm seine Strafarbeiten ableisten musste. Doch irgendwann nahm er erneut den Zauber ihres Wesens wahr und begann allmählich ihre Anwesenheit zu schätzen. Anfänglich war das Nachsitzen auf dem Vorfall in seinem Klassenzimmer vor etwa acht Wochen begründet, doch selbst ihm gingen irgendwann die Gründe aus. Obwohl er es sich um keinen Preis der Welt eingestehen wollte, er musste zugeben, dass er ihre Anwesenheit mehr als schätze. Während all dem Chaos in seinem Leben, all den Rollen die er zu spielen hatte, löste sie in ihm eine gewisse Ruhe aus. In den Stunden, in denen sie bei ihm war, konnte er aus irgendeinem Grund den ganzen Ballast ablegen. Still und heimlich hatte er sie immer wieder dabei beobachtet, wie sie ihren Aufgaben nachgegangen war. Beim Abfüllen der unzähligen Mixturen oder Sortieren seines umfassenden Bücherbestandes. Die junge Gryffindor hatte alles feinsäuberlich ausgeführt und insbesondere beim Büchersortieren sogar eine gewisse Leidenschaft gezeigt.

Selbst ein Severus Snape wusste dabei, dass es nicht richtig war, sie so auszunutzen. Er handelte allein aus egoistischen Gründen, die in jeglicher Hinsicht verwerflich waren. Obwohl er nicht viel Einfühlungsvermögen verstand, hatte er in den letzten „Sitzungen" doch erkennen müssen, dass Granger diese Tortur durchaus als belastend empfand. Doch er konnte sie nicht freigeben – noch nicht – zu sehr hing er an diesen Stunden der Ruhe, ließen sie ihn doch in einer scheinbar friedlichen Welt leben. Sobald sie jedes Mal wieder ging fühlte er sich mehr und mehr leer. Er wusste, dass er bald schon wieder aufbrechen und den Monstern gegenübertreten musste, die ihn auch des Nachts verfolgten. Mörder, Schänder, Todesser, der Dunkle Lord höchstpersönlich….und er selbst war das größte Monster, gepeinigt und zerschlagen von Selbsthass.

Die große Standuhr schlug 20 Uhr, als der griesgrämige Zaubertränkeprofessor ungeduldig hinter seinem Schreibtisch saß und in ein kleines Notizbuch verwirrende Zaubersprüche niederschrieb. Dies tat er oft, wenn er sich mit irgendetwas ablenken wollte und so auch heute an diesem Abend. Normalerweise erschien die junge Gryffindor ein paar Minuten vor der vereinbarten Zeit, doch heute verspätete sie sich ungemein, was normalerweise nicht in ihrer Natur lag. Kurz nach dem Abendessen hatte Severus noch mit Albus eine hitzige Diskussion geführt. Er hatte beabsichtigt, den Schulleiter davon zu überzeugen, dass es von großer Bedeutung war die neue Schulinquisitorin aus Hogwarts zu vertreiben. Snape hätte schon seine Mittel und Wege gefunden, die unbeliebte Umbridge loszuwerden, doch Albus hatte sich vehement dagegen gestellt. Für Severus Snape stand mehr auf dem Spiel was Umbridge betraf, schließlich hatte seit ihrer Ankunft auf Hogwarts das Ministerium überall seine Augen. Die Arbeit als Doppelspion war nun wesentlich schwieriger für Severus geworden. Doch Albus sah es als gefährlich an, den Minister noch weiter zu reizen.

Irgendwann riss ihn ein Klopfen aus seinen Gedanken. Die Uhr zeigte zwei Minuten nach 20 Uhr an. „Sie können eintreten!" Als die junge Schülerin schließlich eintrat, erhob er sich augenblicklich. Er wollte zu einer Schimpftirade ansetzen, doch als er ihren erschöpften Gesichtsausdruck wahrnahm, hielt er inne. Sie wirkte, als hätten sie die letzten Tage schwer zu kämpfen gehabt. Irgendetwas war vorgefallen, dass der junge Granger schwer zugesetzt haben musste. Severus runzelte etwas irritiert die Stirn. War er mit ihr tatsächlich so schwer ins Gericht gegangen? War er etwa zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen, um gar nicht zu bemerken, wie schlecht es ihr erging? Und vor allem; seit wann kümmert sich die alte, mürrische Fledermaus um eine kleine Gryffindor? Der Gedanke erschreckte ihn und so verdrängte er ihn wieder tief in die hintersten Ecken seines Bewusstseins. „Wie können Sie sich entschuldigen, Miss Granger?" Seine Worte waren barsch und doch fehlte es ihnen an der gewohnten Härte.


Wie können Sie sich entschuldigen, Miss Granger?"

Die fehlende Härte in seinen Worten nahm Hermine im ersten Augenblick nicht wahr, zu vernebelt waren ihre Gedanken. Sie schalt sich selbst für ihr Zuspätkommen und war darüber persönlich untröstlich, doch sie würde Snape gegenüber nicht zugeben, was der Grund dafür gewesen war. Schweigen konnte sie jedoch auch nicht, denn sie wusste, dass er darüber noch ungehaltener reagieren würde als wenn sie ihm eine Lüge auftischte. Hermine hasste es zu lügen, doch in diesem Fall blieb ihr nichts anderes übrig. Zudem kam es ihr vielleicht zu Gute wenn er ob des in seinen Augen grundlosen Zuspätkommens ihrerseits noch wütender auf sie wurde. Um keinen Preis der Welt würde sie es irgendjemandem gegenüber zugeben, doch Hermine genoss die Zeit, die sie bei Snape verbrachte. Nicht weil er eine so herzerwärmende Gesellschaft war, ganz im Gegenteil. Er sprach kaum eine Handvoll Worte mit ihr, störte sie nicht in ihrer Konzentration und überlies sie ganz ihrer Arbeit. In ihrer ganzen bisherigen Schulzeit war sie nie so ungestört gewesen, selbst in der Bibliothek wurde sie oft von ihren Mitschülern mit Fragen gelöchert. Es war allgemein bekannt, dass Hermine alles wusste.

Nach einer Weile hatte sie sogar begonnen ihn heimlich zu beobachten. Seine Art zu Arbeiten hatte etwas Beruhigendes, war Snape doch der einzige den sie kannte, der fast die gleiche Arbeitsweise besaß wie sie selbst. Das Chaos der anderen war ihr unerträglich und so war es angenehm ein wenig Abwechslung zu haben. Doch da war noch etwas anderes an ihm, das Hermine bisher jedoch noch nicht bestimmen konnte. Es war nicht greifbar, schien allerdings in irgendeiner Verbindung mit den fadenscheinigen Gründen zu stehen, für die er sie nachsitzen ließ. Egal wie lange und intensiv sie ihn beobachtete und sich mit ihm auseinandersetzte, es wollte einfach nicht zusammen passen.

„Ich war in der Bibliothek und habe die Zeit vergessen", erwiderte Hermine ohne Zögern auf seine Frage. „Bitte entschuldigen Sie, Professor. Es wird nicht wieder vorkommen."

Als Gryffindor war es ihr zuwider jemanden anzulügen, sogar wenn es sich dabei um Snape handelte, doch als Teil des Goldenen Trios war ihre Fähigkeit zu Lügen mittlerweile so gut ausgeprägt, dass man ihr einfach glauben musste. Hermine befürchtete eine Eskalation zwischen Harry und Snape, also würde sie alles dafür tun, um das zu verhindern. Sie vertröstete ihren besten Freund jeden Tag aufs Neue, der sie dazu drängte mit Professor McGonagall über Snapes unfaire Behandlung zu sprechen, doch eigentlich tat sie dies, um zu verhindern, dass man ihr das Nachsitzen mit Snape wegnehmen konnte. Mittlerweile wurde es schwierig Ausreden zu erfinden, um Harry zufrieden zu stimmen und wenn Hermine aufgrund dieser Streitereien öfter zu spät erschien, würde auch Snape keine Ruhe mehr geben. So stand sie da, sah ihn schweigend an und wartete auf die Schimpftirade, die sie sich verdient hatte, hoffend, dass er sie nicht wegschicken würde. Die einzige Strafe, die ihr wirklich etwas ausmachen würde.


Als die junge Schülerin so vor ihm stand, kam er nicht umhin, sie von Kopf bis Fuß zu mustern. Aus der Nervensäge war tatsächlich eine junge Frau geworden, es war nicht zu fassen! Auch wenn ihr Anblick seine Gedanken für einen kurzen Moment in eine andere Richtung lenkte, so konzentrierte er sich dennoch auf das Hier und Jetzt. Granger war zu spät gekommen und so etwas würde er niemals, wirklich niemals dulden! „Soso, Bibliothek also. Und sie glauben tatsächlich, das wäre eine rechtfertigende Begründung für ihr Zuspätkommen?" Die rhetorische Frage bestärkte er zusätzlich indem er eine Augenbraue skeptisch nach oben zog. „15 Punkte Abzug für Gryffindor…!", schloss er ab, ehe er erneut einen Blick auf die Arbeitsfläche seines Schreibtisches warf. „Sie können ihren Umhang anbehalten. Wir werden heute nach draußen gehen!" Mit diesen Worten klappte er eines seines Notizbücher zu, ehe er es in der Tasche seiner Robe verschwinden ließ und nach seinem Umhang griff.

Mit schnellen Schritten, kaum dass die junge Schülerin ihm folgen konnte, schritt er die langen Gänge des Schlosses entlang in Richtung Eingangshalle. Die Dunkelheit war mittlerweile hereingebrochen. Die meisten Schüler waren schon in ihren Gemeinschaftsräume und so fand man nur vereinzelte Schüler in den Gängen, die sogleich Snapes finsteren Blick auffingen. Sicherlich würde es heute ein langer Abend für Miss Granger werden und dennoch dachte der Professor nicht im Entferntesten daran, ihr den Abend einfach freizustellen. Neben dem, dass er so sehr nach ihrer Anwesenheit lechzte, würde sie ihm bei seiner Arbeit durchaus auch behilflich sein können. Sie würde keine dummen Fragen stellen, warum und weshalb – obwohl, wenn er genau darüber nachdachte, würde sie dies höchstwahrscheinlich doch! Hatte er tatsächlich vergessen, dass Hermine Granger zwar die intelligenteste aber auch neugierigste Schülerin Hogwarts war? Wie dem auch sei, Granger würde fragen, aber er musste ihr dennoch keine Antwort darauf geben. Würde er jemanden aus dem Lehrerkollegium um Hilfe bitten, wäre er diesem Rechenschaft schuldig. Noch dazu müsste er um Hilfe bitten! Das kam definitiv nicht in Frage.

Die junge Schülerin dagegen war ihm hörig. Von ihr würde er sich nicht an der Nase herumführen lassen. Dort draußen, wo er sie hinführen würde, würde sie sich wohl fast in die Hosen machen vor Angst. Dort draußen, wäre sie auf ihn angewiesen, MÜSSTE sie ihm vertrauen….wie schön dieser Gedanke doch war!


Seine musternden Blicke entgingen ihr gänzlich, fürchtete sie doch noch immer, dass seine Wut so groß war, dass er sie entließ. Der Punktabzug tat weh, doch im Augenblick spürte sie dennoch Erleichterung. Die Verwirrung in ihrem Inneren wuchs auf Grund dieses Gefühls erneut an, denn wer verspürte schon Erleichterung nach einem Abzug von Hauspunkten? Speziell eine Gryffindor, die dies von einem Slytherin erdulden musste? Hermine versuchte sich zu sammeln und vor Snape keinesfalls eine Regung zu zeigen, das würde ihm nur noch mehr Genugtuung verschaffen als es seine Strafe gerade getan hatte.

Sie können Ihren Umhang anbehalten. Wir werden heute nach draußen gehen!"

Verwundert ob dieser Aussage beobachtete Hermine wie Snape sein Notizbuch in seine Robe gleiten ließ und nach seinem Umhang griff, nur um dann forschen Schrittes sein Büro zu verlassen. Es kümmerte ihn augenscheinlich nicht, ob sie es schaffte mit ihm Schritt zu halten und so schloss Hermine für einen kurzen Moment die Augen. Die junge Gryffindor atmete tief durch und sammelte ihre Kräfte, die sie ganz offensichtlich heute Nacht brauchen würde. Viele Reserven hatte sie nicht mehr, die sie noch mobilisieren konnte, doch ihr Stolz verbot es ihr vor Snape Schwäche zu zeigen. Also würden ihre Kräfte entweder ausreichen oder sie würde scheitern. In beiden Fällen jedoch würde sie alles geben was sie hatte.

Hermine folgte Snape schließlich in Richtung Haupteingang des Schlosses. In Gedanken ging sie die Möglichkeiten durch, wo er sie wohl hinführen würde. Einerseits war es unheimlich sich ausgerechnet ganz in die Hände des allseits gefürchteten Snape zu begeben, andererseits verspürte Hermine auch ein ihr bislang unbekanntes Gefühl der Aufregung. Sie war vollkommen auf ihn angewiesen, musste ihm fast blind folgen, egal wohin er ging. Auch wenn Hermine schon ahnte wohin Snape sie führte.

In der Eingangshalle hatte die junge Schülerin ihren Lehrer schließlich eingeholt, wo er augenscheinlich gerade ein paar Schüler unerlaubterweise außerhalb ihres Gemeinschaftsraumes erwischt hatte. Zu gern hätte Hermine ihnen geholfen, doch wo Snape sie nun schon entdeckt hatte, wäre ein Ablenkungsmanöver ihrerseits sinnlos. So seufzte sie leise während sie den Dunkelhaarigen dabei beobachtete, wie er die beiden Schüler schalt, ihnen Punkte abzog und sie in ihren Gemeinschaftsraum schickte. Als er fertig war trat sie näher an ihn heran, abwartend wo er sie nun hinführen würde.

Der Duft von herben Kräutern stieg Hermine in die Nase als sie nun so nah bei ihm stand. Ihr war zuvor in seinem Büro nicht aufgefallen, wie er roch, immerhin war sein Büro voll von Kräutern und anderen Zutaten, die ihren Geruch verströmten und alles andere überdeckten. Auch im Unterricht hatte sie inmitten all dieser Ingredienzen nie bemerkt, wie Snape eigentlich roch – nicht, dass es sie je interessiert hätte. Doch nun sog sie all diese Aromen in sich auf und konnte sogar noch andere Nuancen erkennen, die gemeinsam seinen ungeahnt unvergleichlichen Geruch ausmachten. Es war für Hermine nicht zu fassen, doch Snape roch tatsächlich einzigartig gut! Die junge Gryffindor musterte seinen Rücken, den er ihr noch immer zuwandte und kam ins Grübeln. Konnte das wirklich sein...?


Als der dunkle Zaubertränkeprofessor mit einer kurzen Zauberstabbewegung das große Tor der Eingangshalle aufdrückte und die beiden nach Draußen schritten, lag eine sternenklare Nacht vor ihnen. Ein kalter Wind durchfegte die Ländereien Hogwarts, die vor ihnen in der Dunkelheit lagen. Im Licht des Mondes konnte man den See spiegeln sehen, Rauch quoll aus der Hütte des Wildhüters und dichter Nebel hing über den Bäumen des Verbotenen Waldes. Dorthin würde für heute Nacht die Reise gehen, Severus hatte einiges zu besorgen, ehe er wieder den Rückweg zum Schloss antreten konnte. Er hoffte inständig darauf, dass Granger ihm ein wenig Arbeit abnehmen würde.

Zielsicher setzte Severus einen Fuß vor den anderen, um schnellstmöglich hinunter zu den Wäldern zu gelangen. Nachdem er das Büro verlassen hatte, hatte er augenblicklich einen Wärmezauber über seinen Körper gesprochen, sonst konnte man diese Kälte die im Hohen Schottland im Winter herrschte, kaum aushalten. Trotzdem zog er seinen Umhang enger um den Körper, während er mit der leuchtenden Lumos-Spitze seines Zauberstabes den Weg ansteuerte. Irgendwann erreichten sie den Waldrand und der Zaubertränkeprofessor wandte sich noch einmal kurz um zum Schloss. In den Gemeinschaftsräumen der Schüler und den Privatgemächern der Lehrer brennte noch Licht, ansonsten herrschte auch im Schloss ausnahmslose Dunkelheit. Schließlich wandte er sich mit ernstem Blick an seine Schülerin. „Sie sind im fünften Jahrgang, Miss Granger. Über die Gefahren des Verbotenen Waldes muss ich Sie sicherlich nicht erneut aufklären. Doch sei Ihnen gesagt, bleiben Sie stets in meiner Nähe. Sonst kann ich nicht für Ihre Sicherheit garantieren! Haben Sie mich verstanden, Miss Granger?" Starr blickte er sie an, wollte sicher gehen, dass sie seine Worte auch verstanden und aufgenommen hatte, ehe er sich abrupt von ihr abwandte. Ihr liebliches Gesicht wirkte so unschuldig, so süß in dieser furchteinflößenden Gegend hier. Der Mond warf dunkle Schatten und ließ diesen Ort noch gruseliger wirken. Der Nebel hing dicht zwischen den Bäumen und versperrte die Sicht auf Gefährliches. Dies hier war sicherlich kein Ort für ein kleines, nettes Gryffindor-Mädchen. Schon jetzt bereute es der Professor, dass er sie hier mitgenommen hatte. Sich nicht eingestehen zu wollen, dass er sich nur so sehr nach ihrer Nähe sehnte und immer wieder Gründe suchte, sie bei sich zu halten…

Trotzdem schritt er weiter, nun jedoch wesentlicher langsamer, darauf bedacht jede Regung des Waldes wahrzunehmen, um auf eventuell bevorstehende Gefahren rechtzeitig reagieren zu können. Die Minuten verstrichen zu einer halben Stunde, ehe Severus schließlich an einer Lichtung zum Stehen kam und das kleine Notizbüchlein aus seinem Umhang nahm. „Das hier brauchen wir. Insbesondere an dieser Lichtung werden Sie die meisten der Pflanzen und Kräuter wider finden…und sei Ihnen noch einmal gesagt; bleiben Sie in meiner Nähe!" Er riss ein Blatt des Notizbuches heraus und reichte es seiner Schülerin. In feinsäuberlicher Handschrift waren dort verschiedenste Pflanzenarten aufgelistet, die insbesondere für die Zubereitung von speziellen Heiltränken geeignet waren, Heiltränke die insbesondere schwarzmagischen Verletzungen heilen konnten. Severus wusste nur zu gut, dass Granger keine dumme Hexe war. Sie würde innerhalb weniger Sekunden, mit einem einzigen Blick auf das Notizbuch erkennen, dass es sich um besagte Zaubertränke handelte. Schwarze Magie….warum sollte ihr Professor solche Tränke benötigen. Doch Granger hatte nicht das Recht darauf, einfach neugierige Fragen zu stellen!


Er ließ ihr keine Zeit weiter darüber nachzudenken, denn schon stieß er auf magische Weise das gewaltige Schlosstor auf und ließ den eisigen Wind herein, der draußen sein Unwesen trieb. Der Wind fuhr durch Hermines offenes Haar, das lockig ihre müden Züge umspielte. Ihre Gedanken waren zu umnebelt, als dass sie daran dachte einen Wärmezauber über ihren Körper zu legen. Dennoch musste sie zugeben, dass die frostige Nachtluft sie ein wenig wachrüttelte und zumindest ein paar ihrer Lebensgeister zurück brachte. Die Gryffindor verharrte in der weit offen stehenden Eingangstür und beobachtete den Slytherin, wie er forschen Schrittes den Weg in Richtung des Verbotenen Waldes einschlug. Sie hatte geahnt wo er hin wollte, fragte sich jedoch was er damit bezweckte. Hermine war sich sicher, dass Snape schlicht neue Vorräte brauchte, doch die gesamte Lehrerschaft – Hagrid einmal ausgenommen – vermied es tunlichst Schüler in den Wald mitzunehmen. Es war einfach zu gefährlich und selbst die Professoren konnten nicht für die Sicherheit ihrer Schutzbefohlenen garantieren. Also überschätzte Snape sich entweder maßlos oder der Gedanke seiner in seinen Augen unerträglich neunmalklugen Schülerin Angst einzujagen sorgte dafür, dass er seine Moral über Bord warf.

Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes sorgte sie dafür, dass sich das Schlosstor hinter ihr schloss, während sie ihrem Lehrer in Richtung Wald folgte. Er hatte einen gewissen Vorsprung, doch ebenso war sie ihm einen Schritt voraus. Snape konnte es nicht wissen und hätte er es gewusst hätte er vermutlich schon längst dafür gesorgt, dass sie von der Schule flog, denn Hermine ging heute nicht zum ersten Mal in den Verbotenen Wald. Sie wusste nur zu genau was dort alles lauerte und sie wusste nur zu genau, dass der Wald seinen Namen verdiente. Viel zu oft war sie mit Harry und Ron dort gewesen und auch Hagrid hatte seine Kompetenzen was das betraf gefährlich oft überstrapaziert. Doch wenn sie jetzt so darüber nachdachte konnte sie fast dankbar sein, dass sie jetzt nicht vollkommen unvorbereitet dem gefährlichen Zaubertränkemeister hinterherstolpern musste.

Sie sind im fünften Jahrgang, Miss Granger. Über die Gefahren des Verbotenen Waldes muss ich Sie sicherlich nicht erneut aufklären. Doch sei Ihnen gesagt, bleiben Sie stets in meiner Nähe. Sonst kann ich nicht für Ihre Sicherheit garantieren! Haben Sie mich verstanden, Miss Granger?"

War das Enttäuschung in seinem Blick? Hermine konnte es nicht sagen, es gab wohl keinen Menschen der so schwer zu lesen war wie Snape. Doch ihre gelassene Miene und ihr schlichtes Nicken schienen seinen Spaß zu dämpfen, lieferte sie doch nicht die gewünschte Reaktion. Auch wenn sie die Gefahren kannte, sie hatte auch Wesen kennen gelernt, die sich im Nachhinein als Gefährten herausgestellt hatten. Der Verbotene Wald machte ihr längst keine Angst mehr. Bei Snape jedoch war sie sich noch immer nicht sicher, was sie nun tatsächlich denken sollte. Harry und Ron hielten ihn seit jeher für gefährlich und sie wussten, dass er ein Todesser war, der angeblich nur eine Rolle spielte, um Voldemort an der Nase herumzuführen. Als er ihr nun den Zettel mit den Zutaten reichte, die er benötigte, dauerte es nicht lange bis sie erkannte, um was für Heiltränke es sich handelte. Vertraute Snape ihr auf einmal etwa genug, um sie an für ihn so wichtigen Tränken zu beteiligen oder wollte er unangenehme Fragen ihrerseits provozieren, damit er sie noch mehr bestrafen konnte? Oder war er etwa tatsächlich ein Todesser in den Diensten Voldemorts und führte in Wirklichkeit Dumbledore an der Nase herum? Dieser Mann brachte es fertig die junge Frau noch mehr zu verwirren als er es ohnehin schon tat.

Das hier brauchen wir. Insbesondere an dieser Lichtung werden Sie die meisten der Pflanzen und Kräuter wieder finden…und sei Ihnen noch einmal gesagt; bleiben Sie in meiner Nähe!"

Hermine entschied sich dafür seine Erwartungen zu enttäuschen und so antwortete sie ihm nur mit einem „Ja, Sir", nur um sich dann sofort an die Arbeit zu machen. Es war zwar schwierig in dem diffusen Licht ihrer Zauberstäbe auf Anhieb die richtigen Pflanzen zu finden, doch die Gryffindor kannte sie alle mehr als gut. Zaubertränke war schon immer ihre geheime Leidenschaft gewesen und sie hatte gehofft Snape würde sich irgendwann dazu bereit erklären ihr mehr beizubringen als das was er auch den Banausen im Unterricht beibrachte. Doch alles was er sah war ein neugieriges Mädchen, das ihn mit zu vielen Fragen nervte. Vielleicht konnte sie ihm jetzt endlich das Gegenteil beweisen?


Keine nervigen Fragen, die ihn versuchten an die Wand zu fahren? Kein neumalkluges Verhalten seitens Hermine Granger, das ihn immer wieder zur Weißglut brachte? Nein – einfach nur ein „Ja, Sir", ansonsten ausnahmslos Schweigen. Während auch der Professor seiner Arbeit nachging und nach den speziellen Pflanzen suchte, beobachtete er aus den Augenwinkeln heraus immer wieder die junge Schülerin, die sich nur wenige Meter entfernt hinunter zu den Pflanzen beugte. Geschickt ließ sie vorsichtig ihre zarten Hände über die Gräser wandern, um abzutasten, ob sich nicht doch noch ein kleines Pflänzchen unter den Anderen versteckte. Von der Seite her, sah sie noch jünger aus, noch unschuldiger und Severus Snape fragte sich zum zweiten Mal an diesem Abend, warum er sich überhaupt dazu hinreißen hatte lassen, sie einfach so mit in den Verbotenen Wald zu nehmen. Es war gefährlich hier, auch wenn es andernorts noch viel gefährlicher war. Immer wieder war Hermine Granger mit dem ach so berühmten Potter aufgebrochen und war ins Abenteuer gestürzt, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was überhaupt hätte passieren können. Snape erinnerte sich nur zu gut, als er das Trio vor Sirius Black und insbesondere vor Lupin, als ausgewachsenen Werwolf, beschützen musste. Granger war doch klug, doch warum hatte sie keine Minute daran gezweifelt, vielleicht doch erst einmal darüber nachzudenken, was sie da überhaupt taten?

Die Zeit strich an ihnen vorbei, während beide ihrer Arbeit nachgingen. Immer wieder warf Severus seiner jungen Schülerin verstohlene Blicke zu, um daraufhin wieder sämtliche Gedanken an Granger in die hinterste Ecke seines Verstandes zu verdrängen. Was war nur los mit ihm? Was für ein Scheißkerl von einem Lehrer machte sich plötzlich über seine Schülerin Gedanken? Der Selbsthass stieg, jedoch konnte er nicht verhindern, dass er abermals in ihre Richtung blickte, nur um sicher zu gehen, dass sie noch da war….oder aus welchen Gründen auch immer.

Plötzlich vernahm Severus ein Geräusch, im Schatten der Bäume war irgendein Getier zu ihnen gestoßen. Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit und den Blick dorthin, wo er das Geräusch vernommen hatte. Zwei bedrohlich wirkende Augenpaare starrten die beiden an, noch nicht gewillt aus seinem Versteck zu kommen…