Emergency Room
Abby Lockhart betrat mit Dave den Behandlungsraum ihres Patienten, als Dave plötzlich einen heftigen Lachanfall bekam.
Kent Horner, der 25-jährige Mann hatte einen Kürbis auf dem Kopf.
„Hallo? Dr. Lockhart? Sind sie das?", fragte Kent und seine Stimme klang durch die Isolierung des Kürbisses ziemlich merkwürdig, was Dave noch mehr zum lachen brachte.
Abby versuchte ihren Kollegen zur Ruhe zu bringen, doch das war bei Dave wirklich schwer möglich. „Ähm, ja, ich bin es!"
„Endlich, ich dachte schon, sie hätten mich vergessen!"
Wieder kicherte Dave darauf los. „Klar, einen Kerl mit einem riesigen, orangenen Kürbis auf dem Kopf, den vergißt man halt schnell!"
Selbst Abby mußte wirklich ein wenig darüber lachen, doch sie verpasste Dave einen Stoß in die Seite, um ihn zur Räson zu bringen.
„Wer war das?", fragte Kent. „Ist hier noch jemand mit ihnen, Doktor Lockhart?"
Abby kam näher und legte dem Mann beruhigend ihre Hand auf die Schulter. „Mr Horner, ich hab ihnen, doch erzählt, dass ich einen Kollegen holen wollte, Dr. Dave Malucci!"
„Sehr angenehm, freut mich ihre Bekanntschaft zu machen, Doktor Malucci.", entgegnete Kent und streckte seine Hand einfach in den leeren Raum, in der Hoffnung, Dave würde irgendwo vor ihm stehen.
Dave fing schon wieder an zu grinsen und ergriff dann die Hand des zwangsblinden Kent Horner. „Freut mich auch, Mr Horner."
Haleh, eine der älteren Schwestern, stand neben Carter und assistierte ihm bei einem einfachen Armbruch.
Der junge Mann saß mit seiner Freundin auf der Liege und ließ sich von den tüchtigen Händen des jungen Arztes einen Gipsverband mit Haleh´s Hilfe anlegen.
„Wenn ich's dir doch sage, Haleh! Kerry hat von einer neuen Ärztin geredet!"
Die füllige, schwarze Frau sah aus ihren schokoladenfarbenen Augen interessiert zu Carter auf. „Ehrlich?"
Carter nickte und legte eine weitere Schicht Gips um den Unterarm des Mannes. „Sie soll heute anfangen. Kerry hat nicht gesagt, wie sie heißt, oder wie sie aussieht. Wir wissen also praktisch gar nichts über diese Neue."
„Das glaube ich nicht. Du willst mich doch sicher nur verarschen, John!"
Unschuldig dreinblickend schüttelte Carter seinen Kopf. „Haleh, ich bitte dich. Ich schwöre bei meiner Seele, dass ...", wollte er sagen, als Chuni, eine weitere Schwester in den Raum stürzte und in Carter´s Richtung sah.
„Carter, wir brauchen dich. Ein besoffener Autofahrer ist in eine Fußgängerzone gerast. In fünf Minuten kommen zwei Verletzte."
Sofort ließ er den Mann und seine Freundin zurück und verließ hastig den Raum, um Chuni zu folgen. Haleh blieb alleine zurück und kümmerte sich weiter um den Mann mit seinem gebrochenen Arm.
Abby kam neben Malucci aus dem Behandlungsraum, als sie auf Carter trafen.
„Was zur Hölle ist denn los?", fragte Abby und nahm von Carol einen sterilen Kittel entgegen.
„Jetzt ist Showtime!", sagte Malucci und ging neben Carter zu den Schwingtüren am Eingang der Notaufnahme, als diese aufsprangen und die erste Trage von zwei Sanitätern hinein geschoben wurde.
Kerry war neben ihnen aufgetaucht und kümmerte sich mit Malucci um die erste Frau, die von den Sanitätern in Richtung des ersten Traumaraumes geschoben wurde.
Carter stand neben Abby und beide warteten auf die nächste Trage, die sofort danach hinein gebracht wurde.
Ein kleiner Junge lag auf der Bahre und wurde von den zwei Sanitätern durch den Korridor der Notaufnahme auf einen Traumaraum zugeschoben. Sein Schreien war schrecklich.
„Mummy!", schrie der Junge und versuchte sich ständig einen der provisorisch angelegten Zugänge aus seinem Arm zu reißen.
Abby und Carter begleiteten die Trage und hörten sich an, was die Sanitäter zu sagen hatten.
„Das ist Sammy McCormick, das da vorne ist seine Mutter." Die Sanitäter nickten auf die Trage, die vor ihnen von Dave und Kerry begleitet wurde. „Der Wagen hat die beiden getroffen. Sammy will uns nicht sagen wo es weh tut, aber es scheint, als hätte er Probleme beim atmen. Ich denke er hat sich einige Rippen gebrochen. Verdacht auf innere Blutungen, ..."
Mit einem Ruck packten die Sanitäter die blutende Frau auf den Behandlungstisch und Carol schloß sie an einen Herzmonitor an.
„Ellen McCormick. Sie hat es am schlimmsten erwischt. 36-jährige Frau, wurde vom Auto frontal gerammt. Offene Femurfraktur und Ruptur der Arteria femoralis, mehrere Rippenbrüche und Verdacht auf Pneumothorax, außerdem noch unzählige Schürf- und Platzwunden.", sagte die Sanitäterin zog sich langsam wieder zurück, als Kerry und Dave die Kontrolle übernahmen. „Vor Ort war sie schon nicht mehr bei Bewußtsein und zyanotisch. Pupillen reagieren beidseitig."
„Okay, Carol, Kreuzblut für zehn, ruf einen Chirurgen, und dann brauche ich das mobile Röntgengerät, schnell.", befahl Kerry.
„Wieviele Verletzte könnt ihr noch aufnehmen?", fragte der zweite Sanitäter und hielt die Tür für seine Partnerin offen.
„Vielleicht noch vier Leichtverletzte, mehr nicht, ihr seht ja, was heute hier los ist, schickt sie ins Mercy." Und dann war Kerry ganz in ihrem Element.
Abby entfernte den provisorischen Zugang und legte einen neuen, während Chuni den kleinen Jungen an den Monitor anschloss.
„Mummy! Mummy! Mummy!", schrie Sammy wie ein Besessener. „Wo ist meine Mum!" Seine Stimme wurde schon ganz heiser und sein Gesicht lief rot an.
Carter konnte ihm ansehen, dass er Schwierigkeiten beim atmen hatte. „Hey, ich bin Doktor Carter und das ist Abby ...", sagte Carter gut hörbar und schob das Röntgengerät näher an den Jungen heran. „ ... wir werden jetzt mal ganz schnell eine Foto von deiner Brust machen, damit wir wissen, ob du dir wehgetan hast, okay?"
„Mum!", schrie Sammy aus vollen Lungen und versuchte seinen Kopf zu drehen, der noch immer in einer Halskrause steckte. „Mum! MUM!"
Abby sah mit einem besorgten Gesicht zu Carter. Sie mussten den Jungen beruhigen.
„Ich will zu meiner Mum! MUM!"
„Ganz ruhig, Sammy. Um deine Mummy kümmern sich ganz tolle Ärzte, aber jetzt ist es wichtig, dass wir uns erstmal um dich kümmern, Kleiner, okay? Alles wir wieder gut."
Sammy sah Abby mit tränennassen Augen unsicher an und jappste nach Luft, bevor er dann zaghaft nickte.
„Sehr gut. Und jetzt sag mir mal, ob es dir irgendwo weh tut!", versuchte es Abby wieder.
Sammy nickte und deutete auf seinen Brustkorb.
„Okay, ich gehe jetzt mal sehen wie es deiner Mummy geht und John macht ein tolles Foto von deiner Brust, hm?"
Unsicher sah Sammy in Carter´s Richtung, nickte aber dann auch, während Abby schon im nächsten Raum verschwand.
Ein großer Schwall hellroten Blutes spritze direkt in Malucci´s Richtung, als er die Druckmanschette um den Oberschenkel der Frau löste, während Kerry gerade dabei war, sie zu intubieren. „Wow!", rief Malucci erschreckt und drückte die Manschette wieder zu. „Starke Blutung aus dem offenen Bruch. Der gesplitterte Knochen scheint für die Perforierung der Femoralarterie verantwortlich zu sein."
Kerry nickte und sah sich ihren besudelten Angestellten schnell einmal an. „Verdammt, wo bleibt denn der Chirurg?", fragte sie nervös und blickte auf den Herzmonitor, als sie den Tubus eingeführt hatte.
Genau in diesem Moment betrat Abby den Raum. „Hey, wie sieht es aus?"
„Naja, nicht gerade rosig, aber wir tun unser bestes!", antwortete Malucci und sah zu Kerry, die versuchte den Tubus in die Luftröhre der Frau zu bekommen. „Wieso fragst du?"
„Nun ja, wir haben den Sohn dieser Frau da drüben. Carter röntgt gerade seinen Brustkorb."
„Sie wird bradykat, Kerry!", rief Carol, die neben dem Monitor stand und eifrig dabei war mehrere Zugänge in die Venen der Frau zu legen, um ihr Kochsalzinfusionen verabreichen zu können.
„Verdammt, sie verblutet uns noch!", fauchte die harmlos wirkende Chefin der Notaufnahme und sah wieder auf die Uhr. „Chuni, ruf noch mal einen Chirurgen und einen Gefäßspezialisten schnell! Carol, gib ihr 30ml Adrenalin IV. Wir müssen ihren Kreislauf wieder in Schwung bringen." Endlich, der Tubus war drin. Kerry wich zurück und stellte sich auf die andere Seite des Behandlungstisches, auf dem die junge Frau lag. „Malucci, wie steht's mit dem Bein?"
„Na ja, ich würde sagen, nicht ganz so gut!", antwortete der junge Mann und sah mit seinem blutbespritzten Gesicht in die Richtung von Kerry.
Genau im selben Moment kam Elizabeth Corday, die stellvertretende Leiterin der Chirurgie, zur Tür herein und gesellte sich zu Dave und Kerry. „Ich hab schon gehört was hier wieder los ist. Wie geht es der Frau?" Der 1, 70 m große, britische Import strich sich eine widerspenstige, karottenrote Haarsträhne aus der Stirn und kam auf den Tisch zu.
„Na endlich!", sagte Kerry und sah der anderen Frau in die Augen. „Offene Fraktur am Bein, Ruptur der Arterie, mindestens 3/8 Verlust des gesamten Blutvolumens. Sie muss sofort in den OP."
Elizabeth nickte. Sie sah, dass die Lage ernst war. „Gut, ist sie stabil?"
Dave nickte und warf noch schnell einen Blick auf den Monitor. „Ich denke schon. Je schneller sie operiert wird, desto besser. Ein Gefäßchirurg ist auch schon auf den Weg in den OP!"
„Gut!", wiederholte Elizabeth und sah auf die Uhr. 8. 45 Uhr. Der Tag war noch lang und sie hatten ganz sicher noch nicht den Höhepunkt erreicht. Sie atmete einmal ein und aus und begann dann mit einigen Ärzten die Trage der Frau in Richtung Aufzüge zu schieben. Sie durfte keine Zeit verlieren. Auf dem Weg aus dem Behandlungsraum hinaus sah sie sich noch kurz zu Carol um und fragte: „Ist Marc schon hier?"
Carol schüttelte ihren Kopf. „Seine Schicht beginnt erst um 12."
Abby ging zurück zu dem kleinen Sammy neben dem jetzt auch Doktor Benton, ein weiterer Chirurg stand. Mit einem besorgten Gesicht sah Abby zu John und fragte ihn mit den Augen, ob es innere Blutungen gab.
Carter schüttelte den Kopf, während Benton den Brustkorb des jungen vorsichtig abtastete.
„Okay, Sammy, du hast Glück. Nur ein paar Rippen sind gebrochen. Wir machen dir einen tollen Verband und dann ist alles wieder okay.", sagte der afroamerikanische Arzt mit seiner tiefen Stimme.
Vorsichtig nickte Sammy und sah dann erwartungsvoll zu Abby. „Was ist mit meiner Mum?"
Benton und Carter sahen ebenfalls in ihre Richtung.
Abby streichelte dem Jungen über das blonde Haar seiner Stirn. „Sie wird jetzt operiert, Sammy. Ihr Bein ist gebrochen und die Ärzte machen es wieder fertig."
„Wann darf ich denn zu ihr?"
„Erst wenn du deinen tollen Verband hast!", erinnerte ihn Abby und lächelte. „Und in der Zwischenzeit kannst du mir ja mal erzählen, ob wir deinen Daddy anrufen können oder nicht, hm?"
Sammy nickte.
„Also, Dr. Weaver, wie ist sie denn so? Wo kommt sie her?", hakte Malucci nach, als er einem Mann einen garstigen Schnitt am Arm vernähte, den er sich bei diesem Autounfall zugezogen hatte.
Kerry sah ihn unbeteiligt an und kümmerte sich um das Bein des Patienten, das sich ausgekugelt hatte. Zusammen mit Carter, der ihr half, renkten sie es wieder ein. Mit einem mahlenden Geräusch sprang das Gelenk wieder in die Pfanne.
Jeder im Raum sah angespannt zu Kerry Weaver, denn mittlerweile war das Gerücht, dass es eine neue Ärztin geben würde, schon durch die ganze Notaufnahme gegangen.
„Ich werde dazu nichts sagen, und jetzt macht schon weiter. Wir sind nicht hier, um uns zu unterhalten. Außerdem ist sie nicht von hier und deshalb kann ich auch gar nichts näheres über sie sagen!"
Malucci´s Augen funkelten auf. „Nicht von hier? Meinen sie, nicht aus Chicago? Nicht aus Illinois? Oder wie?"
„Dr. Malucci!", fauchte Kerry und ließ die Trage des Mannes in einen anderen Raum transportieren. „Ich glaube, ich habe mich klar ausgedrückt, oder?"
Dann verließ sie den Raum und ging in den nächsten, wo sich Doktor Kovac um ein Kind kümmerte, dessen Arm unnatürlich verbogen war.
„Du brauchst keine Angst haben, Kleines. Es wird gar nicht weh tun!" Die sanfte Stimme des ausländischen Arztes hallte durch den kleinen Raum.
„Ehrlich?"
Luca nickte und streichelte dem Kind beruhigend über den Rücken. „Ehrenwort!"
Dann betrat Kerry den Raum. „Brauchen sie Hilfe? Oder ist alles okay, Luca?", fragte sie und stellte sich hinter den geheimnisvoll wirkenden Kroaten, der dem Kind gerade die Knochen richtete.
„Sicher ist alles okay, Kerry."
Kerry nickte und lächelte das Kind dann ermunternd an. Dann verließ sie auch diesen Raum.
Aus dem anderen Raum hatten Malucci, Carter und Carol das Gespräch zwischen Kerry und Luca beobachtet.
„Ich bin mir sicher, dass Kovac weiß, wer diese geheimnisvolle Ärztin ist!", sagte Malucci verschwörerisch und nickte in Richtung des Doktors.
Carol zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe. „Das glaube ich nicht." Und tatsächlich konnte sie sich das wirklich nicht vorstellen. Luca hätte ihr ganz sicher davon erzählt. Oder?
Malucci zuckte mit den Schultern. „Hey, warum nicht? Ich meine, er ist doch auch nicht von hier! Vielleicht kommt die neue Ärztin auch aus Kroatien? Oder irgendwo anders her? Und Doc Kovac soll sie mal unter seine Fittiche nehmen."
Carter verzog die Mundwinkel. „Ach quatsch!" Malucci und seine verrückten Ideen.
„Hey, das sind doch alles nur Vermutungen, Leute. Thesen, unbewiesene Behauptungen! Wenn wir wissen wollen, ob sie stimmen, dann brauchen wir jemanden, der Kovac aushorcht!" Malucci´s Blick viel natürlich auf Carol.
„Ich? Wieso ich?"
Malucci zuckte mir den Schultern. „Keine Ahnung! Komm schon, Carol!"
Carol sah wieder zu Luca und seufzte dann. „Okay, ich mach's." Sie war neugierig. Und zwar wirklich neugierig. Und deshalb musste sie herausfinden, was Luca wusste.
„Klasse, du sagst uns aber Bescheid, wenn du was weißt, oder?", fragte Dave und zog Carter an seinem weißen Kittel aus dem Raum, als Carol zu Dr. Kovac trat.
