Kapitel 1 –Love is in the air
14.02.2011
Herzen. Überall. F-U-R-C-H-T-B-A-R. Furchtbar! Wer hatte sich diesen verdammten Valentinstag-Firlefanz ausgedacht? Sicher jemand, der für ein paar Wochen auf Wolke 7 schwebte, nur um dann von seiner Traumfrau – wobei, bei so viel Kitsch eher von ihrem Traummann –abserviert zu werden. Aber da war es natürlich schon viel zu spät.
„Valentinstag.", ich spuckte das Wort, als wäre es ein Schimpfwort.
Ganz so schrecklich war es dann natürlich auch wieder nicht, nur fast. Ich verstand es einfach nicht Verstand nicht, was in den Köpfen der Leute vorging, die sich an jedem 14. Februar aufführten, als wäre Jesus höchstpersönlich auf die Erde zurückgekehrt. Verrückte und Liebe überall. Wobei das eine wohl zum anderen quasi dazugehörte.
Liebe war verrückt, eindeutig.
Vor mich hin brummelnd und grummelnd bahnte ich mir meinen Weg durch die gewaltigen Menschenmassen. Wäre der Super Bowl nicht bereits vor einigen Tagen gewesen, hätte man meinen können, die ganzen Leute hier wären deswegen hier. Aber nein, sie waren es wegen Kuchen und Muffins, herzförmigen Ballons, Liebesperlen, teuren Geschenken und weiß der Himmel was noch.
Das war noch etwas, was ich nicht verstand. Warum brauchte man einen verdammten Feiertag, um seinem Partner etwas zu schenken oder ihn zum Essen auszuführen? Konnte man das nicht auch einfach so machen?
Seufzend blieb ich an einer roten Ampel stehen und wartete darauf, dass das grüne Licht anging. Ich sollte mir über den Mist nicht so viele Gedanken machen. Davon bekam man bestimmt graue Haare.
„Hey, Ed!", rief jemand hinter mir, aber ich machte mir nicht die Mühe, mich umzudrehen. Diese Stimme kannte ich. Es war Alice, eine aufgeweckte, hübsche Frau. Etwas zu aufgeweckt, für meinen Geschmack. Wir waren knapp eine Woche zusammen gewesen, dann hatte ich es nicht mehr ausgehalten und ihr gesagt, dass sie eine verdammte Nervensäge war und sich doch bitte, bitte jemand anderen suchen sollte, den sie in den Wahnsinn treiben konnte.
Ihre Reaktion hatte mich ein wenig überrascht, ich hatte eine lautstarke Szene erwartet, aber sie hatte nur leicht ihre schmalen Schultern gehoben und gesagt: „Das trifft sich gut, ich wollte dir gerade sagen, dass du nicht wirklich mein Typ bist. Ich glaub, ich steh'mehr auf texanische Gene.".
Es wäre gelogen, wenn ich gesagt hätte, dass ich in dem Moment nicht unheimlich erleichtert war.
Seitdem kamen wir wirklich gut miteinander aus, ab und zu konnte sie zwar immer noch etwas schräg und nervig sein, aber sie hielt sich mir zuliebe zurück. Und dafür war ich ihr dankbar. Das war jetzt knapp ein Jahr her. Seit vier Monaten war sie mit einem Texaner zusammen –ich denke, sie hatte schon damals ein Auge auf ihn geworfen -, Jasper hieß er und war wirklich … das genaue Gegenteil von Alice. Ruhig und besonnen, er plante gern, Alice liebte spontane Aktionen. Wenn er Country hörte, drehte Alice den Pop auf. Aß er ein saftiges Steak, pickte sie kleine Cocktailtomaten aus ihrem Salat. Und doch konnte es einen regelrecht liebeskrank machen, wenn man die beiden zusammen sah. Das war einfach Liebe pur. Gott, das klang verdammt dämlich, aber ich wüsste nicht, wie ich es anders oder besser beschreiben könnte.
Ich spürte ihre filigranen Finger, die sich auf meine Schulter legten.
„Du solltest nicht so viel nachdenken.", sie lächelte mich sanft an, dann griff sie nach meinem Handgelenk und zog mich auf die andere Straßenseite. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass die Ampel auf grün gesprungen war.
Mit hochgezogenen Schultern bahnte ich mir meinen Weg durch die Menge. Die Straßen waren vollends überfüllt, wie nicht anders zu erwarten am Valentinstag. Seufzend beobachtete ich die wenigen Schneeflocken, die sich ihren Platz auf dem Gehweg suchten und versuchten, die zermatschten und zertrampelten Gesichter ihrer Geschwister aufzuhellen. Aber an einem Tag wie heute war das ein hoffnungsloses Unterfangen. Kaum auf dem Boden angekommen stampften Stiefel in jedweder Ausführung –schwere Arbeitsstiefel, elegante eng anliegende, mit Pelz verzierte Stiefel, schlichte Lederstiefel – die unschuldigen Flocken nieder und erstickten ihren Auftrag im Keim. Dabei gab es kaum etwas magischeres, als eine unberührte Schneedecke, die alles bedeckte und einen für eine Weile in eine Welt entführte, in der Frösche sich in Prinzen verwandelten und man nach 100 Jahren Schlaf keinen Tag gealtert war.
Ich blieb vor einem großen Schaufenster stehen –ein Schuhgeschäft. Man sollte doch meinen, dass Schuhe relativ wenig –geradezu gar nichts – mit dem Valentinstag zu tun haben. Trotzdem (oder gerade deswegen?) war auch dieser Laden mit Liebe zur Liebe dekoriert. Die Schuhe in der Auslage hatte man auf herzförmige Kissen in schwarz, weiß und rot gebettet. Neben der Kasse, die man von der Straße aus nur halb sehen konnte, stand eine Engelsfigur mit großen weißen Flügeln und einem Pfeil mit herzförmiger Spitze in der Hand.
Solche und ähnliche Sachen konnte man schon seit Tagen überall sehen. Wie bei allen Feiertagen ging der Hype schon Tage, teilweise sogar Wochen, vorher los. Konsumgesellschaft sei Dank.
Ich schüttelte den Kopf, zog die Schultern noch ein Stück weiter nach oben –dafür, dass es schon Februar war, war es wirklich verdammt kalt –und lief weiter Richtung Universität. Und wie schon so oft verfluchte ich mich dabei dafür, mir ausgerechnet diese Wohnung ausgesucht zu haben. Sie war nicht weit genug weg von der Uni, als dass sich die U-Bahn lohnen würde, aber dafür musste ich jeden Tag durch diese verfluchte Einkaufsmeile laufen. Manchmal war es gar nicht so schlimm, unter der Woche zwischen acht und elf Uhr war nicht wirklich viel Betrieb, da die meisten Leute zu der Zeit schon auf der Arbeit oder in der Schule waren. Ab halb zwölf ging es dann los –haufenweise Menschen, die über die Mittagspause nach Hause gingen, sich in einem der unzähligen Cafés etwas zu Essen und einen Kaffee holten oder einfach nur einen kleinen Schaufensterbummel machen wollten.
Ich freute mich also über jeden Tag, an dem ich nicht erst mittags Vorlesungen hatte, sondern morgens in Ruhe zur Uni laufen konnte.
Erneut seufzend richtete ich meinen Blick kurz nach oben um festzustellen, welche Farbe die Ampel für Fußgänger wie mich gerade zeigte. Da grün war, aber der Strom an Menschen, die die Straße überquerten schon langsam abebbte, schloss ich, dass sie bald wieder auf rot springen würde. Obwohl ich eigentlich noch genügend Zeit hatte, beschleunigte ich meine Schritte und hastete gerade über das letzte Stück Straße, als laut quietschende Reifen ihren fahrbaren Untersatz ankündigten, der viel zu schnell und viel zu schlingernd geradewegs auf mich zukam. Mit weit aufgerissenen Augen und starr, als hätte ich mich in der Kälte zu einer Eisstatue verwandelt, stand ich da und starrte den schwarzen Porsche an, der - das war so sicher wie das Amen in der Kirche - mein vorzeitiges Ende herbeiführen würde.
„Fuck!", stieß ich automatisch aus, als ich sah wie der Irre in einem mörderischen Tempo auf die junge Frau zuraste, die mitten auf der Straße stand.
Ich dachte nicht eine Sekunde nach. Bevor mein Gehirn überhaupt registrierte, was ich tat, war ich auf die Straße gerannt und hatte mich mit meinem vollen Gewicht auf die Frau geworfen. Zusammen landeten wir knappe 2 Zentimeter neben den Reifen, die einfach an uns vorbeirasten.
So ein verdammter Idiot!
„Geht es ihnen gut? Sind sie verletzt?", riss mich die Stimme der Frau unter mir aus meinen Gedanken.
„Oh, ja sicher. Und ihnen?".
„Mir geht es auch gut, danke. Könnten sie nur vielleicht…?", sie beendete den Satz nicht, aber es war offensichtlich, dass ich wohl etwas schwer für sie war.
Mit entschuldigend stand ich auf, reichte ihr meine Hand und half ihr beim Aufstehen.
„Vielen Dank. Wirklich. Sie haben mir grade das Leben gerettet.".
Sie lächelte mich dankbar an und ich konnte nicht umhin, ihre wunderbaren Augen zu… Halt, Stop! Ihr wunderbaren Augen? Hatte mich dieser ganze Valentinstag-Mist am Ende doch noch angesteckt?
Ehe ich etwas erwidern konnte, kam allerdings Alice laut und schrill „Edward! Edward!" kreischend auf uns zugerannt. Ich hatte genau 5 Sekunden, um mich innerlich gegen eine Schimpftirade á la Alice zu wappnen.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen? Was zum Teufel sollte das?! Willst du dich umbringen? Ich mein, ich bin froh, dass du sie gerettet hast, aber … Himmel! Das war verdammt heldenhaft und noch tausendmal dämlicher! Was. Hast. Du. Dir. Dabei. Gedacht?!".
Bei ihrem letzten Satz tippte sie mir bei jedem Wort mit ihrem Zeigefinger energisch gegen die Brust.
Ich zuckte lediglich mit den Schultern und antwortete gelassen: „Ich hab mir gar nichts gedacht.".
So ruhig und beherrscht meine Stimme auch klang –in meinem Innern tobte gerade ein Hurricane Stufe 10. Ich konnte überhaupt nicht einordnen, was in mir vorging. Es musste am Adrenalin liegen. Vielleicht hatte ich auch einen Schock.
Alice seufzte theatralisch.
„Das sieht dir ähnlich. Wann denkst du überhaupt mal nach, bevor du irgendwas machst? Idiot…", brummelte und umarmte mich mit einer erstaunlichen Kraft.
„Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist.", schluchzte sie.
Sie…weinte? Oh Gott. Wenn es etwas gab, mit dem ich überhaupt nicht zurecht kam, dann waren es weinende Frauen. Ich wusste einfach nicht, was ich dann tun sollte. Man musste so höllisch aufpassen, dass man nichts sagte, was das Ganze noch verschlimmerte. Männer waren da viel unkomplizierter. Sie weinten einfach nicht.
Etwas hilflos tätschelte ich Alice den Rücken und warf einen Blick zu der Frau, die ich gerettet hatte … und die nicht mehr da stand, wo sie eben noch war. Wow. Sehr toll –da setzte ich mein Leben aufs Spiel um eine Wildfremde zu retten, und die machte sich einfach aus dem Staub. Was war nur los mit den Menschen?
Atemlos blieb ich vor meiner Wohnungstür stehen und versuchte mit zitternden Händen, den Schlüssel ins Schloss zu bekommen. Nach gefühlten unzähligen Versuchen schaffte ich es endlich und mit einem leisen ‚Klick'schwang die Tür auf.
Ich trat ein, schloss die Tür hinter mir und ließ mich sofort daran auf den Boden sinken. Oh Gott.
Was hatte ich getan? Er hatte mir das Leben gerettet, obwohl er mich gar nicht kannte, und ich rannte einfach weg. Wenigstens hatte ich mich bedankt…das war ja auch noch das Mindeste.
Ich beschloss, mir erst mal einen Tee gegen den Schock zu machen und dann meine beste Freundin anzurufen. Ich musste unbedingt mit jemandem reden. Und vielleicht konnte sie mir ja auch sagen, warum ich so aufgewühlt war. Klar –ich wäre gerade beinah überfahren worden, aber da war noch etwas anderes, das ich nicht beschreiben konnte.
Nervös lief ich vor dem Wasserkocher auf und ab, das Telefon in der Hand und wählte immer wieder die gleiche Nummer. Auf dem Tisch stand schon eine Tasse mit einem Teebeutel bereit.
Fehlten also nur noch das heiße Wasser und, dass meine Freundin endlich mal an ihr Handy gehen würde. Soweit ich mich erinnerte, hatte sie heute keine Vorlesungen – oder zumindest keine, die sie als so wichtig einstufte, um hinzugehen.
Das Wasser kochte, das Gerät ging automatisch aus und ich goss Wasser in die Tasse. Ich nahm die Tasse und das Telefon, dann setzte ich mich mit den beiden Sachen auf meine Couch, zog die Beine an und versuchte, mich zu beruhigen und etwas Ordnung in mein Gedankenchaos zu bringen.
Als mir das halbwegs gelungen und der Tee eine trinkbare Temperatur hatte, wählte ich erneut Jessicas Nummer.
Nach ein paar Mal Klingeln kam tatsächlich ein verschlafenes „Hallo" durch den Hörer.
„Jess? Endlich, ich versuche schon ewig dich zu erreichen!", rief ich erleichtert.
„Wasn los? Du klingst so aufgeregt … ist der Osterhase bei dir eingebrochen?".
Unwillkürlich rollte ich mit den Augen. Was war denn das bitte für eine Frage?
„Klar doch, und sein Komplize war der Weihnachtsmann höchstpersönlich. Ernsthaft Jess, hast du bis gerade geschlafen?", antwortete ich.
„Ja, was dagegen? Latscht ja nicht jeder so wie du zu jeder Vorlesung.", brummelte sie mir ins Ohr.
„Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt. Von mir aus kannst du den ganzen Tag schlafen, wenn es dir Spaß macht. Beschwer dich dann nachher nur nicht bei mir, wenn du es nicht durch die Prüfungen schaffst.", meinte ich und grinste sogar ein wenig. Der erste Schock war wohl vorüber.
„Was auch immer .. was ist denn jetzt passiert, dass du so verzweifelt mit mir reden willst?"
„Ich war vorhin grad auf dem Weg zu einer Vorlesung, da kam so ein Irrer auf mich zugerast und hätte mich fast überfahren, wenn…", fing ich an, doch Jess unterbrach mich –natürlich -, bevor ich meinen Satz beenden konnte.
„Oh mein Gott, geht es dir gut? Bist du verletzt? Hast du dir sein Kennzeichen gemerkt? Soll ich mit dir zur Polizei gehen?!", schallte es mir aufgeregt entgegen.
„Ganz ruhig, entspann dich. Ich war ja noch gar nicht fertig. Mir geht es gut. Ich wäre jetzt wahrscheinlich tot, wenn da nicht dieser Typ gewesen wäre. Der hat sich einfach auf mich geworfen und das Auto ist nur ganz knapp an uns vorbeigefahren. Das war echt mutig.", beendete ich meine Geschichte.
„Wow …", antwortete sie, dann schwiegen wir uns eine Weile an.
„War er heiß?"
„Jess!", rief ich empört –das war wieder so typisch. Aber wenn ich so darüber nachdachte…
„Ja, ziemlich sogar.".
„Hat er dir seine Nummer gegeben? Oder wenigstens seinen Namen?", fragte sie.
„Nein und nein. Ich … uhm … ich hab mich bedankt und dann bin ich weggerannt.", nuschelte ich verlegen.
„Du bist einfach weggelaufen? Himmel, Bells, warum denn das? Da hättest du einen coolen Typen an der Angel, der gut aussieht und mutig ist, und du läufst einfach weg. Langsam wundert es mich nicht mehr, dass du keine Dates hast.", antwortete sie aufgebracht.
Mein nicht vorhandenes Liebesleben war Jessica ein echter Dorn im Auge. Weiß der Himmel warum, vermutlich weil sie im Gegensatz zu mir einfach viel zu viele Männer hatte.
„Ich weiß es nicht … keine Ahnung…", murmelte ich.
Damit ließen wir das Thema fallen und redeten noch eine Weile über dies und jenes – den Valentinstag, Jessicas neueste Flamme, Vorlesungen, Professoren, Kleider usw., bevor wir uns verabschiedeten, weil ich beschlossen hatte, wenigstens zu den restlichen Vorlesungen heute zu gehen. Die erste hatte ich jetzt natürlich verpasst und diesmal würde ich mich beim Straße überqueren nicht so abhetzen. Da kam ich lieber ein paar Minuten zu spät, als so einen Schock noch einmal zu erleben. Und ein zweites Mal wäre vielleicht niemand da, der so schnell reagierte.
In Gedanken bei meinem namenlosen Helden machte ich mich wieder auf den Weg zur Universität.
