Der dunkle Ton der Türglocke erklang. Es war früher Nachmittag, eine ungewöhnliche Zeit für Kunden, zumindest in diesem Geschäft. Tom sah von dem Kelch auf, den er gerade mithilfe von Magie polierte. Eine niedere Arbeit für ihn, aber es musste sein, wollte er diese Anstellung behalten, die doch so wichtig war für seine späteren Ziele.
Ein Mann, nicht viel älter als er selbst trat ein. Eine weitere Gestalt hinter ihm, Tom konzentrierte sich auf den Mann. Sein blondes Haar war schütter, das Gesicht teigig, die Augen blickten stumpf und dennoch hatte dieser Mann ein Gebaren, als gehöre ihm dieser Laden. Keine Frage, er entstammte einer der reichen Reinblüterfamilien der englischen, magischen Welt.
Tom setzte eine kühle, jedoch nicht abweisende Miene auf, noch war er nicht mächtig genug, jenen, die sich so wichtigtaten, seine Überlegenheit zu zeigen. „Guten Tag, Sir", sagte Tom in einem charmanten, jedoch nicht kriecherischen Ton. „Wie kann ich Ihnen helfen?"
Der Mann war einen Moment überrascht, ob der ungewohnten Freundlichkeit in dieser zwielichtigen Gasse. Doch er fasste sich schnell wieder, strich sich über den scheinbar teuren Umhang und sprach mit unangenehm nasaler Stimme: „Ähm, ja, ich wünsche das hier zu verkaufen." Mit diesen Worten stellte der Mann eine kleine Kiste auf den Tisch.
Tom zückte seinen Zauberstab und prüfte kurz, ob die Schatulle verflucht war, doch es handelte sich lediglich um eine hölzerne, verzierte Kiste. Es ging also um den Inhalt. Auf einen weiteren Fluch gefasst, öffnete Tom den Deckel der Schatulle und erblickte ein paar, kleine gläserne Fläschchen, die mit Korken verschlossen waren. Prüfend zog Tom eines der Fläschchen heraus und hob es gegen das matte Licht, eine dicke, dunkelgrüne, fast schon schwarze Flüssigkeit lief zäh an der Innenwand der Flasche hinab. Erneut hob Tom seinen Zauberstab und tippte gegen das Gefäß. Der Inhalt geriet kurz in Aufruhr, dann leuchtete er grünlich auf.
„Gift", schlussfolgerte Tom laut. „Um was genau handelt es sich?" Er wusste, um was es sich handelte, doch er wusste auch, es war nicht klug, gleich alle Karten auf den Tisch zu legen.
„Es sind verschiedene Gifte", antwortete der Mann ausweichend.
Tom nickte bedächtig und untersuchte die anderen Fläschchen. Es waren nicht nur Gifte, es waren sehr starke und sehr verbotene Gifte. Dieser Mann wollte sie nicht aus Geldgründen loswerden.
„Können Sie mir sagen, zu welchem ungefähren Zeitpunk, man diese Gifte gebraut hat?"
„Nein, ich fand sie kürzlich auf unserem Anwesen. Mein Vater hätte darüber sicher Auskunft geben können, aber er verstarb vor kurzem und hinterließ mir eine… ungewöhnliche Sammlung diesartiger Kuriositäten."
Tom war klar, dass er das nicht zur Eigenverteidigung des Mannes zu hören bekam. Dieser Mann betonte seinen Wohlstand und genoss es nur zu prahlen.
Tom überging diesen Fakt und wandte sich wieder den Giften zu. Sie waren sehr viel wert, doch er bezweifelte, dass der Mann das auch wusste. es würde ein gutes Geschäft werden. „Ich kann Ihnen fünfundzwanzig Galleonen pro Fläschchen geben." Und sie dann für fünfundsiebzig Galleonen verkaufen.
Ein abfälliges Schnauben ließ Tom aufsehen. Er sah zu der zweiten Person, die den Laden betreten hatte. Es war eine junge Frau Mitte zwanzig, sie hatte dunkles Haar, helle Haut und hohe Wangenknochen. Auch sie trug einen teuren Umhang und sah ihn nun missbilligend aus ihren dunklen, fast schwarzen Augen an.
Der Mann hatte sich ebenfalls umgedreht, der Frau einen abfälligen Blick zugeworfen und wandte sich nun wieder Tom zu. „Verzeihen Sie. Meine Frau versteht nicht viel von solchen Dingen. Sie ist ja hübsch anzusehen, aber sie weiß sich leider nicht immer zu benehmen. Besondern nicht, wenn es sich ziemt, zu schweigen. Nicht wahr, meine Liebe?"
Tom sah das Feuer in den Augen der Frau aufblitzen, doch zu seiner Verwunderung sagte sie in einem demütigen Tonfall: „Verzeihung, geliebter Ehemann." Bei ihren Worten sah Tom noch einmal auf, er kannte diese Stimme.
Sich nicht über die Rüge, sondern über die Dummheit ihres Mannes ärgernd, versuchte Isabelle sich zusammen zu reißen. Sie sah den jungen Mann an, der hinter der Theke stand. Es war der gleiche Mann, wie auch bei ihrem letzten Besuch her. Er sah gut aus, hatte dunkles Haar, einen angenehm blassen Teint und kluge, dunkle Augen. Mit diesem Aussehen, dem Charme, den er an den Tag legte und der wohl nicht zu verachtenden Intelligenz passte er nicht in diesen schäbigen Laden. Zumal Isabelle sich zu erinnern meinte, dass er Schulsprecher gewesen war, als sie in der dritten Klasse war. Es war lange her und sie war sich nicht absolut sicher, doch soweit sie wusste, war er in Slytherin gewesen und hatte eine starke Schwärmerei bei den älteren Mädchen ausgelöst. Er war beliebt gewesen. Isabelle konnte ihn sich deutlich besser in der Politik vorstellen. Sie dachte an den Handel von ihrem letzten Besuch, er war stark gewesen, hatte Macht versprüht. Es hatte Spaß gemacht, da sie lange keinen so interessanten Kontrahenten mehr gehabt hatte. Schade nur, dass er nicht aus einer der hohen Familie stammte. Seine abgetragene Kleidung bewies ihr das zu genüge, er war nicht direkt schäbig, schien aber auch nicht in Galleonen zu schwimmen.
Ein Blick in die Augen des Mannes, verriet ihr, dass er auch sie erkannt hatte. Zu ihrer Erleichterung, aber nicht unbedingt zu ihrer Überraschung, zeigte die Miene des Mannes jedoch keine Regung. Er wandte sich wieder ihrem Ehemann Alton zu und gab charmant, jedoch fadenscheinige Begründungen von sich, warum die Gifte so viel wert seien. Alle Anwesenden außer Alton wussten, dass die Gifte deutlich mehr wert waren. Doch Isabelles Ehemann merkte nichts davon und ließ sich gnadenlos über den Tisch ziehen in der steifen Behauptung, er sei der Dominate in diese Konversation. Dabei war er doch genauso schwach, wie er es immer war. Schwach und Verweichlicht.
Einmal mehr verfluchte Isabelle ihre Vorfahren, dass sie ihr ganzes Geld hatten ausgeben müssen und ihr Vater gezwungen worden war seine Kinder an reiche, aber schwache Familien zu verschachern. Im Gegensatz zu ihrem älteren Bruder Lion, der ein Mädchen, welches zwar aus einer neureichen Familie stammte und mindestens zwei Muggel in der näheren Verwandtschaft hatte, hatte heiraten müssen, hatte Isabella noch Glück gehabt. Sie hatte immerhin einen Erstgeborenen aus einer reichen, alten und vor allem reinblütigen Familie bekommen. Dass er charakterlich schwach war, wie auch dumm und wenig talentiert, darüber konnte Isabelle im Zweifelsfall noch hinwegsehen, zumindest solange sie die Kontrolle über ihn hatte.
Gelangweilt betrachtete Isabelle ein paar ausgestellte Edelsteine, sie war schlau genug sie nicht anzufassen. Sie schimmerten unnatürlich hell und waren zu rein für echte, oder zumindest für nicht verhexte Steine. Vielleicht sollte sie ihren Mann bitten einen von ihnen zu kaufen. Mit einem Schulterblick zu Alton zog Isabella ihren Zauberstab und führte ihn mit gezielten Bewegungen über die Steine. Ein unangenehmes Prickeln breitete sich in ihren Arm aus, ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit machte sich in ihrem Herzen breit. Isabelle zog den Zauberstab zurück, diese Steine versprachen einen langsamen und qualvollen Tod. Sollte sie sie ihrem Ehemann geben? Sie wäre ihn los.
Isabelle war versucht, doch sie entschied sich dagegen. Ihr Schwiegervater war erst einen Monat unter der Erde, ihr Mann war nun der Besitzer des gesamten Selwyn-Vermögens. Es wäre wohl zu auffällig, verstarb er allzu bald nach diesem Ereignis. Der Verdacht würde auf Isabelle fallen. Sie mussten diesen Krötenschleim von einem Ehemann wohl noch einige Jahre ertragen, ehe sie ihn beseitigen konnte.
„Frau. Fass das nicht an!", ertönte der Krötenschleim.
Isabelle setzte eine reumütige Miene auf und hauchte entschuldigend: „Verzeihung!" Während sie zurück zu Alton trat. Wie sie diese Demütigung hasste, doch es musste sein. War es einfacher ihn zu lenken, wenn sie sich demütig gab. Ein Mann, der so wenig imposant war, so kriecherisch, den freute es, wenn er zumindest seine Ehefrau scheinbar beherrschte.
Ihm fiel es schwer nicht die Stirn zu runzeln. Tom hatte sehr wohl gesehen, wie die Hexe die Edelsteine untersucht hatte. Es hatte fachkundig gewirkt. Das war widersprüchlich. Schien sie doch für eine Hexe ein angemessenes Talent zu haben und doch beugte sie sich ihrem unscheinbaren Ehemann, war nahezu demütig ihm gegenüber. War das eine Rolle die sie spielte? Tom war sich nicht sicher, sie spielte gut, wenn es so war. Oder war es vielleicht doch ganz anders und der Ehemann hatte etwas gegen seine Frau in der Hand? Mächtiger oder begabter als sie war er keinesfalls, sonst hätte er sich nicht so gnadenlos von Tom ausnehmen lassen.
Mit einem charmanten Lächeln, das Tom aufsetzte, verabschiedete er den Mann. Seiner Frau warf er ein ebenso charmantes Lächeln zu, das sie aber nicht zu bemerken schien.
Er hörte nicht, was genau der Mann beim Hinausgehen zu der Frau sagte, doch der Tonfall entsprach der einer Rüge. Sie senkte erneut nur den Kopf. Was für ein merkwürdiges Paar.
