Zuerst landete eine Hose, dann ein dicker Pullover auf Temperance' Bett, wo sich bereits andere Klamotten türmten. Auf dem Boden ihres Schlafzimmers lag ein aufgeklappter Koffer, indem bereits ein Laptop und ein Stapel Bücher Platz gefunden hatten. Temperance fuhr sich unentschlossen durch die Haare. Sie stand vor einem heillosen Durcheinander und sah auf missmutig auf den Wäscheberg auf ihrem Bett, den sie in den Koffer packen wollte. Das letzte Mal, dass sie nicht in Urlaub gefahren war, um irgendwelche Überreste zu identifizieren, sondern um wirklich zu entspannen, war ein Familienurlaub gewesen. Seit dem Verschwinden ihrer Eltern hatte sie sich quasi in Arbeit vergraben, egal ob sie Urlaub hatte oder es ein Feiertag war. Russ' Vorschlag, zusammen auf eine Berghütte zu fahren, hatte sie bereitwillig zugestimmt, doch sie hatte keine Ahnung, was sie dort genau erwarten würde, geschweige denn was sie den ganzen Tag tun sollte. Booth war nicht gerade begeistert gewesen, als sie ihm von ihren Plänen berichtet hatte, doch er hatte letztendlich auch eingesehen, dass sie eine Auszeit bitter nötig hatte. Sie war nach den Ereignissen und neuen Erkenntnissen, die sie nach dem Auffinden der Knochen ihrer Mutter regelrecht überrumpelten, nervlich am Ende. Es fehlte nur noch ein winziger Tropfen, der das Fass zum überlaufen brächte und Temperance stünde kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

„ Na, was macht das packen?" Booth erschien in der Tür mit 2 Gläsern Eistee in den Händen. „ Wow," rief er, als er das Chaos auf dem Bett sah. Temperance sah ihn mit einem warnenden Blick an. „Du fährst nicht oft n die Berge, was?" sagte er mit einem Lächeln.

Temperance verschränkte die Arme vor der Brust. „Na ja, in der Regel fahre ich weg, um zu arbeiten und in den Bergen finden sich statistisch gesehen weniger Überreste als in den Städten oder sogar in der Wüste. Je nachdem werden die Leichen in den Bergen sogar den Winter über eingefroren und tauen erst im Sommer wieder auf. Das hängt jedoch von der Höhenlage ab, in der sich die Überreste befinden; ob, und wenn ja, wie tief die Knochen in der Erde vergraben wurden und..."

„Okeeee, hab schon verstanden!" unterbrach Booth sie, wofür er von Temperance mit einem irritiertem Blick bedankt wurde. Er reichte ihr eines der Gläser und ging einmal um ihren Koffer. Sein Gesichtsausdruck wechselte dabei von amüsiert zu verständnisvoll und schließlich zu kritisch. „Anthropologische Studien über die ältesten Kulturen der Welt? Evolutionsbiologische Befunde für den Neandertaler als Vorfahre des Homo Sapiens? Oh und das ist mein Liebling" er griff nach einem der Bücher aus dem Koffer. „Wie gewinne ich die Geschworenen – von Anwälten für Zeugen" sagte er, während er das Buch mit einem Grinsen hochhob. „Du liest solche Bücher? ...im Urlaub?"

Temperance stellte das Glas auf der Kommode hinter ihr ab und machte sich daran, Booth das Buch wieder abzunehmen. „Das ist für die Arbeit" erklärte sie, während sie auf Booth zuging, der ihr auswich. „Ich habe normalerweise keine Zeit dafür und wollte diese Bücher schon lange lesen!"

Nun stand sie dort, wo Booth zuvor gestanden hatte, und er auf der anderen Seite des Koffers, da er ihr mit dem Buch triumphierend herumfuchtelnd weiter ausgewichen war und schaute sie lachend an. Sobald sie einen erneuten Versuch wagte, nach dem Buch zu greifen, hob er es weiter von ihr weg. Temperance lachte „ das ist kindisch!" Doch Booth grinste nur noch mehr. „ Macht aber Spaß!"

Temperance sprang um den Koffer auf Booth zu, der natürlich die Flucht in die andere Richtung ergriff. Noch ein paar mal liefen sie so im Schlafzimmer im Kreis, wobei sie hin und wieder stehen blieben, um wieder zu Atem zu kommen. Doch Temperance überraschte Booth, als sie spontan die Richtung wechselte und so direkt auf ihn zulief. Als sie versuchte ihm das Buch aus den Händen zu reißen, hatte sie noch so viel Schwung, dass sie Booth quasi umrannte und er, der damit nicht gerechnet hatte, das Gleichgewicht verlor. Beide landeten auf ihrem Bett. Sie lachten und Booth schlang die Arme um sie.

Doch nach einem Moment wandte Temperance verlegen den Blick ab. Sie war nicht nur auf ihrem Bett, sondern direkt auf ihm gelandet. Booth bemerkte es, lies sie los und griff nach dem Buch, dass nach ihrer Kollision am Kopfende des Bettes gelandet war. Mit den Worten "das wolltest du doch." Reichte er es ihr.

Temperance räusperte sich und richtete sich auf. „Ich wollte das Buch, nicht..." sie zeigte auf ihn und das Bett. Booths Grinsen wurde immer breiter, als sie wieder aufstand und etwas verunsichert seinem Blick auswich. Sie legte das Buch wieder in den Koffer und griff nach dem Eistee auf der Kommode. Booth stand nun ebenfalls wieder auf und ging auf sie zu.

„Ich glaube, ich gehe dann mal besser, sonst wirst du nie fertig" sagte er und zwinkerte ihr zu.

„Scheint so." Antwortete sie und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Booth deutete eine Umarmung an, entschied sich dann aber doch anders, als er wieder an die peinliche Situation vor gerade mal einer Minute dachte. Sie verabschiedeten sich mit einem förmlichen Händedruck, der die beiden nicht genauso seltsam erschien.

„Erhol dich mal," sagte Booth sanft und sah Temperance dabei direkt in die Augen. Sie nickte. „und ich meine nicht, indem du dein Fachwissen erweiterst, ok?!" Besorgnis sprach aus seinem Blick. Er wusste, wie viel sie in letzter Zeit durchmachen musste und wie gut sie darin war, es zu verstecken, wenn es ihr in Wirklichkeit überhaupt nicht gut ging.

„Ich weiß" antwortete sie ruhig und lächelte.

Booth drehte sich um und ging in Richtung Appartementtür. „Ach übrigens, ich würde an deiner Stelle noch eine Regenjacke einpacken!"

Nachdem sie die Tür hinter ihm geschlossen hatte, brachte sie die Gläser in die Küche und ging wieder ins Schlafzimmer, um zu Ende zu packen. Doch weit kam sie nicht. Gerade mal ein weiterer Pullover lag in dem Koffer, als Temperance sich seufzend auf das Bett setzte.

„Was war das?"