Kapitel 2
Aus den Chroniken des Imperiums
Und so begab es sich am fünfzehnten Tag der Neuen Ordnung, dass König Galbatorix selbst zum Volke sprach.
Versammelt hatte man sich auf dem Platze vor dem Palast, Bürger der Stadt und Bauern aus der Umgebung. Umgeben von einigen seiner Vertrauten und heldenhaften Mitstreitern, den Drachenlords, erschien der neue König vor dem Palast und wandte das Wort an seine Untertanen:
„Bürger! Volk von Broddring! Zwei lange Wochen sind vergangen, in denen wir euch warten ließen. Ich versprach euch eine Neue Ordnung, und diese sollt ihr bekommen. Doch zu undurchsichtig war das, was unter den schwachen Königen der Vergangenheit und dem übermächtigen Orden der Drachenreiter gediehen war. Zu sehr hatten die Elfen eure Arbeit, eure Leben, eure Ackerböden ausgenutzt. Ihr hungertet und sie verlangten noch mehr von euch. Ihr blutet und sie ließen euch weiterbluten. Damit soll es nun vorbei sein!"
Mit Äxten und eisernen Stangen bewehrt schritten nun die Drachenlords vor und brachen die Tore der königlichen Stadtspeicher auf, während unser geliebter König weiter sprach:
„Ich gebe euch Getreide! Ich gebe euch Fleisch! Nehmt, was ihr tragen könnt! Die Speicher quellen über! Für Jahre in die Zukunft hatten die alten Könige gehortet, während ihr hungertet! Nicht für sich, nein, sie horteten für die Drachenreiter! Damit sie das Reich schützen mochten!
Doch auch damit soll es nun genug sein! Wir werden uns selbst schützen! Jedem waffenfähigen Mann soll es frei stehen, zum Soldat des Reiches zu werden! Versorgt von mir, eurem König! Lang soll unserer Frieden und unsere Freiheit währen!"
Dann schritt der König zu seinen treuen Gefährten und verteilte mit ihnen bis in den Abend hinein Säcke von Getreide, Kisten von Zwiebeln, Laibe von Käse an das Volk. Gesungen und gefeiert wurde überall in der Stadt, die bald den Namen Urû'baen tragen sollte…
Durza schüttelte stumm den Kopf. Sollten die Menschen wirklich so leicht zufrieden zu stellen sein? Ein Sack Weizen, ein Schinken, ein Fass Bier und schon waren sie glücklich? War ein voller Magen es wert, über den Inhalt der Rede hinweg zu hören? Gut, Galbatorix hatte nur den Orden der Drachenreiter angeprangert. Absichtlich. Um in den nächsten Wochen und Monaten auch andere Orden bloß zu stellen. Und das mit Unterstützung der Bürger und Bauern.
Auch schien niemandem groß die Tragweite der Vergrößerung der Armee aufgefallen zu sein. Genährt vom König. Der wiederum vom Volk Abgaben für den Staatsunterhalt verlangte. Was für ein Irrsinn!
Er seufzte, zuckte mit den Schultern und wandte sich vom Fenster ab. Er hatte noch zu tun. Angewidert blickte er auf die Stapel von Papieren und Kontobüchern, die sich auf seinem Schreibtisch häuften. Es wurde Zeit, dass Galbatorix einen Kanzler ernannte, der fortan diesen Papierkrieg führen konnte. Aber wer kam schon dafür in Frage? Morzan war durch und durch ein Krieger. Wenn er gezwungen wurde, einige Tage still zu sitzen, begann er zu trinken. Torwec war zu jung und unerfahren, um zwischen den Zeilen zu lesen. Olia, die blonde Wyrdfell, ja, sie war geduldig und erfahren. Er sollte sie als Kanzlerin vorschlagen! Am besten… nun ja, morgen. Heute war wohl nicht mehr viel mit dem König zu bereden, wenn er den endlich fertig damit war, sich bejubeln und feiern zu lassen.
Am nächsten Tag zur Mittagszeit rief der neue König den Schatten zu sich: „Mein Freund, ich stehe in deiner Schuld!"
Was sollte das denn schon wieder? Misstrauisch verbeugte Durza sich und deutete ein Lächeln an. Wenn Galbatorix vorhatte, ihn freizulassen, hätte er wohl anders die Unterhaltung begonnen.
„Ohne die Öffnung der Vorratsspeicher hätten wir nicht so viel Begeisterung geerntet!" Lächelnd schlug der König dem Schatten auf die Schulter und führte ihn zum offenen Fenster. „Heute arbeiten und handeln die Bürger des Reiches in dem Glauben, dass sie selbst nun Anteil am Geschehen hätten! Dass sie verstanden und ernst genommen werden! Was für ein Triumph!"
Ja, ja. Aber nur solang, bis sie verstehen würden, was wirklich geschah. „Nur ein Sieg von Vielen, die noch folgen werden, mein König."
„Ich hatte dir versprochen, dir ein Refugium zur Verfügung zu stellen, mein Freund, und heute ist es soweit!" Galbatorix klatschte kurz in die Hände und ein livrierter Diener erschien in der Tür. „Führe uns zu Lord Durzas neuem Gemach!"
Wie? Was? „Hier im Palast?" Refugium bedeutet ‚Zuflucht', nicht ‚dauerhaft verfügbar'! „Mein König, diese Ehre kann ich nicht annehmen!"
„Oh doch, das wirst du!" Lachend zog Galbatorix den überraschten Schatten am Arm mit sich, während sie der Diener gemessenen Schrittes durch die Flure und Treppenhäuser des Palastes führte. „Du hast dir einen Platz in meiner Nähe verdient, Durza! Im Palast gibt es eine Bibliothek und der Weg zur Großen Bibliothek ist von hier nicht weit – welcher Ort wäre geeigneter?"
Einer ganz weit weg von Euch! „Ich wüsste keinen, mein König!" Hedarth? Reavstone? Eoam?
Ein Stirnrunzeln überflog die Miene des Königs. „Außerdem wirst du morgen Abend beim Staatsbankett anwesend sein. Ich habe die Adligen aus den Provinzen geladen, außerdem werden alle meine Getreuen bis dahin noch eintreffen."
Der Diener hielt vor einer mit Schnitzereien versehenen Doppeltür an, öffnete sie und verbeugte sich, während der König und sein Begleiter hindurch schritten.
Das Gemach war weit mehr als nur zweckmäßig. Große, mit Buntglas verzierte Fenster ließen eine Flut von Sonnenlicht ein. Ein nahezu riesiges, mit Pelzen und Samt bedecktes Bett nahm eine geräumige Nische ein. Gegenüberliegend säumten Regale voller Bücher eine Wand, dahinter war ein Holzzuber durch Vorhänge den direkten Blicken von der Tür verborgen. Mitten im Raum stand ein langer, massiver Tisch, an dessen einen Ende sich ein gepolsterter Sessel befand.
„Dies, Durza, wird dein neues Heim sein. Dir wird alles, was du benötigst, gebracht werden. Du kannst ein- und ausgehen, wie es dir beliebt. Allerdings…" Nun wurde Galbatorix ernst und seine Stimme eisig: „…wirst du dich zu meiner Verfügung halten. Noch ist deine Arbeit nicht beendet!"
Als hätte er das nicht schon geahnt. „Es wird mir ein Vergnügen sein, Euch weiterhin zu dienen, mein König!" Der Schatten verbeugte sich tief und bemühte sich, dem davoneilenden König nicht hinterher zu schauen. Seine Abscheu, Wut und Enttäuschung hätte er nicht in seinen Blicken verbergen können.
Kaum hatte der Diener die Tür von außen geschlossen, ließ sich Durza seufzend auf die Bettkante sinken. Nun ja. Besser als eine Zelle im Kerker war dieses Gemach wirklich. Der Kamin versprach, kalte Winternächte zu wärmen, die Truhen und Schränke konnten mit Kräutern und Ölen gefüllt werden, die Bücher würde er aussortieren, es gab genug Platz für die Dinge, die er aus seiner alten Kammer im Drachenreiterhort holen würde…
„JIERDA!" Krachend zerbarst eine mannshohe Vase. Heulend vor Wut zerstörte Durza alles im Gemach, was ihm nutzlos erschien, bis er sich etwas beruhigt hatte. DAS war wirklich nicht das, was der Schatten sich vorgestellt hatte!
TBC
