Gwilith: Danke, schön, dass es dir gefällt ;-)
Hên en anor
Kapitel 1: Seelenschwestern (Eowyn29 und Mirenithil)
Sie saß dort im Dunkeln. Alleine und still verharrte sie auf ihrer Bank, regungslos, im Dunkel der Nacht. Der Blick ihrer sternengleichen Augen war gen Himmel gerichtet, suchte das silberne Funkeln der Schützlinge Ilmares zu erhaschen auf diesem fein gewobenen, tiefblauen Samthimmel, der sich über ihr erstreckte. Alleine saß sie in der Dunkelheit.
Und wie jede Nacht, die sie dort verbrachte, begann irgendwann eine feine Stimme in ihr zu sprechen. Zu fragen.
Wie oft hatte sie schon dort gesessen?
Sie hatte aufgehört, die Jahre zu zählen.
Wie oft waren diese Erinnerungen in ihr aufgestiegen...?
Als wäre es gestern gewesen, sah sie sich stehen in den blühenden Gärten eines Palastes, an einem heißen Sommertag, unsichtbar für Sterbliche und viele der Unsterblichen.
Als wäre es gestern gewesen, sah sie die Person ihr gegenüber, das vor Zorn gerötete Gesicht, die funkelnden Augen, den gefährlichen Schimmer darin.
Als wäre es gestern gewesen, hörte sie ihre Worte nachhallen in ihren Ohren.
... eine Stimme, erfüllt von Wut... und Unverständnis...
... Stimmen...
"Wo ist sie? Sag mir, Arien, wo hast du sie versteckt?" Melians Stimme klang gepresst, zitterte vor Wut wie sie es niemals zuvor gehört hatte. Sie standen nur wenige Schritte voneinander entfernt, um sie herum herrschte reges Treiben, doch sie beachteten es nicht.
Arien versuchte sie zu beruhigen. "Melian. Ich habe sie nicht und das weißt du..."
"Nein!", wurde sie von der Maia unterbrochen. "Lüg nicht! Du bist ihre Wächterin, du hast sie zu beschützen – und du weißt auch, wohin sie verschwunden ist!" Die Hüterin der Sonne wich jäh zurück angesichts der Welle aus Zorn, die Melian – eigentlich ihre Freundin – ihr fast fühlbar entgegen schleuderte.
Diese wusste nicht, wie tief sie Arien mit ihren Beschuldigungen verletzte.
"Melian!", rief sie. "Melian, ich sage noch einmal, ich weiß nicht, wo sie ist und ich habe mit ihrem Verschwinden nichts zu tun."
"Und ob du das hast. Ich sah, wie du sie betrachtet hast, Wächterin. Ich sah ein Funkeln in deinen Augen... und ich sehe es auch jetzt. Du lügst." Ihre Stimme wurde leiser, ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Ein Gefühl der Schadenfreude stieg in ihr auf, als Arien leicht, aber merklich zusammenzuckte.
'Hab ich dich.', dachte sie, unwissend, welche Bedeutung das Funkeln gehabt hatte, welches sie damals sah – doch ihre Vermutung schien sich zu bewahrheiten.
Ariens Stimme zitterte , als sie antwortete. "Melian, du bist immer noch meine Freundin, beinahe meine Schwester. Und doch bezichtigst du mich der Lüge? Du kennst mich wie keine andere. und doch denkst du, ich könnte sie stehlen? Sie, die mir die Valar selbst anvertrauten? Wenn das wirklich so ist, dann bist du meine Schwester nicht mehr..."
Melian stutzte, wie es schien. "Denke nicht, dass deine Worte mich verletzen, Schwester." Ihre Stimme versank in Zynismus. "Wie du meinst. Du hast sie also nicht gestohlen.", fügte sie dann sarkastisch hinzu.
Ariens Augen verengten sich angesichts der seltsam gesprochenen Worte, angesichts des seltsamen Verhaltens, das sie an den Tag legte. 'Ist das ein böser Zauber, mit dem sie belegt ist?'
„Ich habe sie nicht gestohlen.", antwortete sie noch einmal leise. "Ich würde nicht einmal daran denken, Schwester. Seelenschwester. Einst nannten wir uns so. Warum musst du dies alles nun zerstören?" Flehend schaute sie Melian in die Augen, doch was sie erkannte, war nur Zorn.
Ein anderer Name war in ihrem Kopf aufgetaucht, spukte dort hin und her und wollte sie nicht mehr loslassen: Feanor.
Was, wenn Melian das gleiche Schicksal ereilte?
'Nein.', rief sie sich im selben Moment zur Ordnung. 'Nein. Das würden die Valar nicht zulassen... niemals.'
Leicht zitternd schaute sie auf. Melians Gesicht war immer noch zornesrot. "Melian...", bat sie noch einmal. "Lass dich nicht von deiner Habgier verleiten, Seelenschwester. Ich – ich flehe dich an!"
Doch die Augen der Maia zeigten Arien deutlich, dass Melian kein Einsehen kannte, keines kennen wollte. Einstmals hell und strahlend, waren sie nun verdunkelt von Hass und... Gier.
Wie ein Ertrinkender, der verzweifelt nach einem Rest der lebensnotwendigen Luft schnappte, öffnete sie einige Male den Mund, doch kein Wort kam über ihre Lippen. Warum sie? Warum war es ausgerechnet ihre liebste Freundin, die zu schwach geworden war... zu schwach, um ihr zu widerstehen?
„Verrate dich nicht selbst, nur wegen ihr. Sie mag wertvoll sein, doch das ist sie nicht wert..."
"Glaubst du!", zischte Melian. "Juwelen waren es wert, ihretwegen Krieg zu führen, Arien. Sie ist es wert, ihretwegen zu sterben... wo ist sie?", fragte sie wieder, jedes einzelne Wort betonend, und trat drohend, mit vor Wut sprühenden Augen, einen Schritt vor.
Tränen standen in Ariens Augen bei Melians Worten. „Gerade du solltest doch wissen, dass sie es nicht ist. Wo Thingol, dein Gemahl, doch wegen der Silmarilli starb, starb wegen Juwelen... wegen einfacher... Steine. Erinnerst du dich nicht...?"
Für einen winzigen Augenblick, das Glitzern eines Sterns, den Flügelschlag eines Schmetterlings lang, schimmerte Erkennen, Erinnern, Verstehen durch Melians Augen. Doch.. so plötzlich, wie es gekommen war, verschwand es bereits wieder... und mit ihm, wie es Arien schien, der letzte Rest von ihrer Freundin, ihrer Schwester, ihrer Seelenschwester. Wenn nicht einmal der Gedanke an ihren ermordeten Gefährten sie retten konnte aus der Lüge, in die sie sich hineinsteigerte – wer sollte es dann vermögen?
Arien wandte sich ab um ihre Tränen zu verbergen – denn mehr konnte sie angesichts der Gier ihrer einstigen Schwester nicht tun, fühlte sich nicht zu mehr in der Lage.
Was war nur geschehen? Wie konnte es soweit kommen...?
... und vor allen Dingen – was sollte sie jetzt tun mit ihrem Wissen? Sie konnte Melian nicht sagen, wo sie war... niemals.
Unbeschreibliche Wut erfüllte diese...
"Seelenschwestern? Pah! Wie könnte ich dir weiter vertrauen?" Ihre Stimme wurde leiser, beinahe nur noch ein Zischen. "Damals schworen wir einander auch, dass wir uns immer vertrauen würden und keine Geheimnisse vor einander hätten. Doch genau das tust du! Du willst sie doch nur für dich!" Melian wandte sich um und stürmte davon, ebenfalls Tränen in den Augen. Tränen der Enttäuschung und der Wut.
Ganz gleich, wie sehr Arien es auch versuchen würde - sie würde herausfinden, wo sie sie versteckt hielt. Sie kannte Mittel und Wege... sie waren schließlich Seelenschwestern. Konnten in den Gedanken und Worten der anderen lesen wie in offenen Büchern. Nur eine passende Gelegenheit, ein Moment der Unachtsamkeit von Arien – und sie würde wissen... würde sie sich zurückholen können...
Der Gedanke zauberte ein leichtes Lächeln auf ihr Gesicht, als sie zwischen den Bäumen verschwand, um nach Valinor zurückzukehren.
Schon hatte sie vergessen, warum sie und Arien nach Mittelerde gegangen waren...
Schon hatte sie vergessen, warum sie dachte, dass Arien sie vor ihr verstecken wollte...
Arien blickte der davon laufenden Melian hinterher. Was sie gesagt hatte stimmte... sie hatte lange darüber nachgedacht, doch sie hatte beschlossen, dass es besser für sie beide war, wenn Melian nicht wusste, wo sie versteckt gehalten wurde. Sie hatte es vorgezogen zu lügen, sich damit selbst verurteilt. Jedes Mal, wenn sie ihrer Freundin in die Augen gesehen hatte, hatte sie innerliche Qualen erlitten, wollte es laut herausrufen. Melians Worte trieben nun den Dolch noch tiefer in ihr Fleisch.
Aber eine Wahl blieb ihr nicht.
Sie riss sich von dem Anblick des weißen Schimmers ihrer Freundin los, die zwischen den dunklen Bäumen verschwand. Ihr Blick glitt durch den Garten, blieb kurz an den prächtigen Rosen hängen, wanderte dann weiter über die Elben, die sich hier aufhielten in den heißen Stunden des Mittags.
Kinder tollten durch den Garten, ältere Elben saßen auf der Wiese und unterhielten sich. Arien wanderte zwischen den leicht verwilderten, doch auch so noch wunderschönen Rosenbeeten hindurch in Richtung Palast.
Ihr fielen einige Elben auf, Soldaten anscheinend, die sich unbeteiligt an einige Bäume gelehnt hatten, die Augen entweder auf den Wald gerichtet oder auf die Wiese, auf die Kinder... warum...?
Es schien, als würden sie jemanden bewachen... doch sie dachte sich nichts dabei.
Eine Weile sah sie den Kindern beim Spielen zu.
'Oh Melian, wären wir doch nur Kinder, dann wäre das alles viel einfacher...', dachte sie bei sich. 'So viel leichter... im Herzen eines Kindes gibt es nichts, was anderen neidet oder grollt, nichts, was vernichten oder töten könnte... so rein... so unschuldig...'
Arien spürte, wie langsam eine Idee in ihr aufkeimte, als sie einen kleinen Jungen unter den Kindern bemerkte, einen Jungen mit goldenem Haar.
'Nein... nein, das kann ich nicht tun... das darf ich nicht tun... ihm nicht antun... und doch. Er scheint stark... aber nein. Vielleicht würde es sein Leben zerstören... er ist nur ein kleiner Elbenjunge... die Last wäre zu groß.'
Doch eine andere Stimme sprach dagegen. 'Aber – du könntest Melian endlich wieder in die Augen blicken, ohne zusammen zu zucken. Du könntest dies alles hier vergessen...'
Für einen Moment erschien wieder das zornesrote, verzerrte Gesicht ihrer Seelenschwester vor ihren Augen. Dann wandte sie sich um und ging auf das Elbenkind mit dem goldenen Haar zu, das noch unbekümmert im Schein der Sonne auf der Wiese spielte.
Er blickte auf, schien sie anzusehen. Wie war das möglich? Niemand konnte sie sehen, weder Sterbliche noch Unsterbliche... der Junge blieb stehen, blickte zur ihr hoch, sah sie aus großen, tiefblauen Augen an... Arien raffte ihr Kleid zusammen und ging vor ihm in die Hocke, legte eine Hand auf seine Stirn. Ihre Entscheidung war gefallen - sie würde vergessen. Alles vergessen und reinen Gewissens weiterleben können... solange es nötig war. Was sollte schon geschehen? Wie sollte Melian diesen einzelnen Funken Erinnerung finden in den Abermillionen von Sternen, von Leben, die es gab auf Arda? Nein, sie würde es niemals finden, auch wenn sie noch so lange suchte. Ihr Wissen war sicher in der Seele dieses Kindes... warum ausgerechnet dieser Junge, vermochte sie nicht zu sagen, doch sie wusste, es war richtig...
... sie hatte es geglaubt...
... sein Gesicht niemals vergessen...
Langsam löste Arien sich von der Erinnerung an diesen einen Tag. War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen...?
Mittlerweile, nach all diesen Jahren, zweifelte sie... doch es war zu spät, um zurückzuschauen.
Wird fortgesetzt...
